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Elisabeth von Thadden: Die berührungslose Gesellschaft

Cover Elisabeth von Thadden: Die berührungslose Gesellschaft. Verlag C.H. Beck (München) 2018. 205 Seiten. ISBN 978-3-406-72782-5. 16,95 EUR.

Reihe: C.H. Beck Paperback - 6327.
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Ersetzt in der digitalen Welt selbstbestimmte Einsamkeit direkten Kontakt?

Die Robinsonaden und Kaspar Hauser-Erzählungen bringen es an den Tag: Der Mensch ist ein soziales Lebewesen, der darauf angewiesen ist, in Gemeinschaft mit den Mitmenschen zu leben. Soweit – so gut! Aber Ego-, Ethnozentrismus, Rassismus, Populismus und Menschenfeindlichkeit drücken eine andere Erfahrung aus. Das „Ich bin“ wird nicht zur humanen Grundlage einer Conditio Humana, sondern das „böse Denken“ zieht ihre Bahn (Bettina Stangneth, Böses Denken, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/23593.php). Einstellungen wie „Ich will alles, und das sofort!“ und „Ich bin das Wichtigste, Beste, Schönste, Bedeutsamste…“ werden zum Standard. Tugenden wie Mitverantwortung, Mitgefühl, Mitarbeit, Mithilfe, Mitleid, Mitmenschlichkeit… (Reimer Gronemeyer, Tugend. Über das, was uns Halt gibt, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25272.php) werden zu raren Gütern.

Entstehungshintergrund und Autorin

Es bedarf immer wieder der anthropologischen Erinnerung, dass in der menschlichen Existenz Körper und Geist zusammen gehören, und dass in gleichem Maße Rationalität und Emotion, Distanz und Nähe, Kopf und Bauch, Individualität und Kollektivität unverzichtbare, gleichwertige Bestandteile menschlichen Lebens sind. In der „globalen Ethik“, wie die von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierte Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bezeichnet wird, kommt zum Ausdruck, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“.

Die Redakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT, Elisabeth von Thadden, thematisiert mit der These – „Unsere Gesellschaft spürt beunruhigt, dass selbst die perfektesten Körper verwundbar sind, und dass sie doch notwendig der Nähe und Berührung bedürfen“. Der Mensch ist verletzlich (vgl. z.B. dazu auch: Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php), und gleichzeitig ist er auf Unversehrtheit angewiesen.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihr Essay in vier Kapitel.

  1. Im ersten geht es um das „Fingerspitzengefühl: Vom Berühren“;
  2. im zweiten um „Recht: Was die Moderne sich vom Leibe hält“;
  3. im dritten um „Abstand: Beinfreiheit für den Körper“;
  4. und im vierten Kapitel um die Frage „Alles oder Nichts? – Das gejagte Selbst“.

Die Eigenschaft „Berühren“ hat im menschlichen Miteinander vielfältige Bedeutung: Als emotionale, empathische Zuwendung; als Körperkontakt; als soziale Beziehung; als physikalisches Phänomen; als astronomische Konjunktion; als mathematische Formel; als technische Handhabung. Die Formen von körperlichen Berührungen sind kulturbedingt und stellen sich in Gesten und Gewohnheiten dar – als Annäherung und Abstand, als sinnliche, haptische und taktile Wahrnehmung. Es ist die Tastsinnforschung, die den Zusammenhängen und Gegensätzen von Berühren und Nichtberühren physisch, psychisch und neuronal auf die Spur zu kommen versucht. Der „Homo Hapticus“ (Martin Grunwald) ist auf positive, zugewandte Berührung angewiesen und gleichzeitig vor ungewollter, missbräuchlicher und gewaltsamer Verletztheit zu schützen. Wir leben in berührungslosen Zeiten! Diese Feststellung bedarf der Differenzierung: Sind die Sinne, die ein humanes, gerechtes und menschenwürdiges Leben tragen anthropologisch oder weltanschaulich zu verstehen? (Volker Gerhardt, Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18151.php). Oder /und sind Sinneswahrnehmungen genderabhängig? (Alcira Mariam Alizade, Weibliche Sinnlichkeit, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17558.php). Bereits an diesen beiden ausgewählten Sinn-Diskursen kann deutlich werden: Es ist die Offenheit des Individuums, die ihn zum Menschen macht, die Toleranz, Empathie und das Bewusstsein, berührt zu sein von Mitmenschen in der Menschheitsfamilie.

Es ist das allgemeingültige, selbstverständliche, nicht relativierbare Recht, menschenwürdig zu leben, frei, sicher und demokratisch. Es ist die „Ambivalenz des Guten“ (Jan Eckel, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17721.php), die Anspruch und Herausforderung ist. Elisabeth von Thadden räumt dem in ihrem Essay einen breiten Platz ein. Sie erläutert das Recht historisch, bindet es ein in den gegenwärtigen, wissenschaftlichen Diskurs und visioniert es zukünftig. Dieses Recht wirkt sich zu allen Zeiten körperlich aus, in vorübergehenden und ständigen, beengten und prekären Bleiben in den wachsenden Großstädten, und in Abhängigkeiten auf dem Lande. Es sind die ungleichen Entwicklungen, die vom „Schlafplatz“ bis zu den „Tiny Houses“ reichen, von den Mortalitäts- bis hin zu den Pflege-Statistiken. Das Einschwämmen in die Hektik, das business as usual und das Aussetzen in die Einsamkeit, das sind Merkmale der Moderne: „Wer sich einsam fühlt, ist misstrauischer gegenüber möglichen sozialen Bedrohungen, ist ängstlicher, feindseliger, angespannter. Er ist immer auf der Hut“. Die angeblichen Begleiter und Berührer befinden sich in Social-media-Angeboten und im Netz. Berühren wird zum unabsichtlichen Rempeln beim Blick nach unten auf die Mattscheibe des News-Bringers.

Kommen wir zum „spätmodernen Selbst“: Wie fühlt es sich, angesichts und handgelangt beim „Ich bin, was ich habe und mit mir machen kann!“. Wo bleiben Resonanz, Ruhe? Wo (Un-)Verletzbarkeit? Und wie zwanghaft (und konsequent?) verwischen Verfügbar- und Unverfügbarkeiten? (siehe dazu auch: Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25302.php).

Fazit

„Die Zukunft schillert, und der gegenwärtige Stand der Dinge gleicht dem Gleiten auf dünnem Eis, einem fragilen Eistanz, mit all seiner magischen Schönheit, auch mit allem Schwanken, Ausweichen, Straucheln, Rempeln“, ja auch mit der Gefahr des Einbrechens. Da sind angesagt: Zutrauen, Wagnis und Zweifel (vgl. Wolfram Malte Fues, Zweifel, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25265.php ). Nichts würde einer vorläufigen und vorsichtigen Analyse über eine „berührungslose Gesellschaft“ mehr widersprechen als das Missverständnis, dass Elisabeth von Thaddens Beobachtungen ein Rezept- und Anwendungsbuch für oder gegen Berührungen im menschlichen Mit- oder Gegeneinander wäre; es ist vielmehr ein Anreger für leib- und geistbetonte, haptische und psychische Nahbarkeit. Kein Mensch kann ohne Berührung existieren!

Die Autorin schreibt ihre Analyse mit ausführlichen, teils kommentierenden Anmerkungen. So ergibt sich, dass hier allein 34 Seiten zusammen kommen, und zusätzlich noch weitere 7 Seiten als Literatur- und Quellenhinweisen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.06.2019 zu: Elisabeth von Thadden: Die berührungslose Gesellschaft. Verlag C.H. Beck (München) 2018. ISBN 978-3-406-72782-5. Reihe: C.H. Beck Paperback - 6327.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25766.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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