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Dagmar Pauli: Size Zero

Cover Dagmar Pauli: Size Zero. Essstörungen verstehen, erkennen und behandeln. Verlag C.H. Beck (München) 2018. 221 Seiten. ISBN 978-3-406-72667-5. 16,95 EUR.
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Thema

Ein riesiges Plakat am Zürcher Hauptbahnhof, das in obszöner Direktheit für. Brust-Schönheitsoperationen bei jungen Frauen warb, wurde für die Mutter von drei Kindern zum Auslöser, dieses Buch zu schreiben. Sehr schnell könne eine Diät in eine Essstörung – Magersucht oder Bulimie – kippen. Mit den sozialen Medien habe sich die Zahl der Erkrankten noch einmal dramatisch erhöht. SIZE ZERO – die weibliche Körpergröße Null (32 bzw. XXS) – sei ein Synonym für übertriebenen Schlankheitswahn und Selbstdarstellungen auf Online-Plattformen.

Die Autorin will die Hintergründe des Schönheitswahns beleuchten und wendet sich mit ihrem Buch an die Betroffenen, an die Eltern und an Therapeuten. Mit ihrem Buch will sie die gesellschaftlichen Hintergründe der Essstörungen anprangern und Hinweise für die Prävention und die Behandlung der Betroffenen geben, damit Essstörungen frühzeitig erkannt werden und im „Keim erstickt werden können.“ (S. 10). Zudem sollen Informationen über die Wurzeln der Essstörung vermittelt werden. 

Autorin

Dagmar Pauli ist Chefärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und Präsidentin des Expertennetzwerks Essstörungen der Schweiz. Sie ist Autorin weiterer Sachbücher über Essstörungen.

Aufbau und Inhalt

Nach dem Vorwort gliedert sich das Buch in drei Teile:

  1. im ersten Teil geht die Autorin auf die Phänomenologie der Essstörungen in Bezug auf die Gesellschaft ein,
  2. im zweiten auf die des essgestörten Individuums.
  3. Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Behandlung.

Im Folgenden wird der Inhalt der meisten Kapitel kurz beschrieben.

Im engagierten Vorwort beschreibt Dagmar Pauli ihre Motivation zum Schreiben des Buches. Es ist ihr wichtig, dass wir in Zukunft nicht nur Essstörungen behandeln, sondern auch verhindern.

Im ersten Kapitel des ersten Teils führt Pauli („Phänomenologie der Essstörung I: Die essgestörte Gesellschaft“) einleitend aus, warum wir verlernt haben, normale Körperformen schön zu finden. Sie konstatiert, dass sich „gewissenlose Profiteure der Mode-, Werbe- und Fitnessindustrie sich das unerreichbare Schönheitsideal zu Nutze machen, es hegen und pflegen, um damit Geld zu verdienen.“ (S. 15f). An einem Fallbeispiel, in dem eine Mutter gemeinsam mit ihren Töchtern eine Diät durchführt, wird erörtert, ob die Mutter an der Essstörung der Tochter „Schuld“ sei. Dies sei nicht so, denn die Mutter stehe genauso wie die Tochter unter dem Einfluss derselben Gesellschaftstrends, dass Schlankheit als absolutes Muss propagiert. (Nicht erörtert wird hier, inwieweit diese Sichtweise zu vereinfachend ist, und auch zirkuläre Prozesse und die Verantwortung der individuellen Beteiligten zu thematisieren wären.) Erwähnt wird zudem, dass auch Jungen zunehmend in Bezug auf ihr Körperideal unter Druck geraten. Als eine Kehrseite der Medaille des Schönheitswahns wird im Anschluss die Ablehnung übergewichtiger Menschen thematisiert.

Abschließend stellt die Autorin in diesem Kapitel die Frage: was ist zu tun? Hier führt sie aus, dass unsere Vorlieben und Abneigungen in Bezug auf Körperformen einer vernünftigen Entscheidung für ein gesünderes Körperideal nicht zugänglich seien. Die Mode- und Schönheitsindustrie solle in die Pflicht genommen werden andere Waren zu produzieren und gesündere Schönheitsideale zu promoten. Politische Gremien müssten hier Zeichen setzen, zum Beispiel mit dem Verbot von Models mit ungesundem Untergewicht bei Modeschauen, sowie einem Verbot von speziell auf Kinder und Jugendliche ausgerichtete Werbung für gesundheitsgefährdende Produkte. Für die Vermittlung von medienkritischen Denken und einem gesunden Körpergefühl seien Schule und Elternhaus entscheidend (S. 27).

Im zweiten Kapitel mit der Überschrift „Warum ich mich ständig ärgern muss“ wird dieser Sachverhalt am Beispiel von Fernsehsendungen und der Zurschaustellung von untergewichtigen Models differenzierter ausgeführt. Adipositas und Magersucht werden als zwei Seiten derselben Medaille, als Extremvarianten, beschrieben.

Im dritten Kapitel „Warum gerade junge Menschen so anfällig für krank machende Ideale sind“, thematisiert die Autorin das Bedürfnis, geliebt und anerkannt zu werden. Psychologische Faktoren ergänzen den gesellschaftlichen Schönheitsdruck. Erneut wird jedoch auf die Macht der Bilder und des Schönheitsdruckes fokussiert. Weitere ursächliche Fakten, die das Auftreten von Essstörungen begünstigen, zum Beispiel systemische oder psychoanalytische Konzeptionen, werden nicht benannt. 

Im vierten Kapitel „Über das Essen und warum wir es oft nicht genießen können“ finden sich Ausführungen über gesunde und ungesunde Nahrungsmittel, den Diätplan und über Mythen der Ernährungslehre. Abschließend werden hilfreiche Ernährungsregeln benannt.

Im kurzen fünften Kapitel „Sport ist Mord oder Wenn der Sport in die Sportsucht kippt“ wird der Sport als mögliches Risikoverhalten für die Entstehung von Essstörungen benannt.

Zusammenfassend wird konstatiert, dass die Gesellschaft an einer Essstörung leidet und so den Nährboden für die Essstörung des Individuums bildet.

Im zweiten Teil des Buches über die „Phänomenologie der Essstörung – Das essgestörte Individuum“ geht Pauli auf das familiäre Essverhalten ein, in dem sie einführend Verhaltensauffälligkeiten von Essstörungen abgrenzt. Anschließend werden Kriterien einer beginnenden Magersucht benannt, um dann im achten Kapitel Symptome einer Essstörung aufzuführen.

Im neunten Kapitel werden die Formen der Essstörungen differenzierter beschrieben. Im zehnten Kapitel diskutiert die Autorin nochmals Ursachen der Essstörungen. Auch hier benennt sie wieder die gesellschaftliche Essstörung als den eigentlichen Nährboden, auf dem sich die individuelle Essstörung ausbilden kann. Genetische und familiäre Faktoren können die Entstehung von Essstörungen begünstigen. Bei der Benennung der familiären Faktoren bezieht sie sich jedoch nur auf die Ausführung von Hilde Buch aus dem Jahr 1978. Auf bedeutsame neuere Ausführungen wird nicht eingegangen (siehe z.B. Meerbaum und Vandereycken, A. Franke, S. Orbach, M. Vogelsang, G. Reich). Lediglich in der Abbildung der Vorstellung eines Teufelskreises (S. 123) werden verschiedenste weitere ursächliche Faktoren, wie zum Beispiel eine Mutter mit einer Essstörung oder psychische Veränderungen wie Depressionen, Ängste und Zwänge erwähnt.

Im letzten Kapitel des zweitens Teils thematisiert Pauli Aspekte der Frage nach Verantwortung und Schuld.

Im dritten Teil des Buches steht die Behandlung der Essstörungen im Fokus. Im zwölften Kapitel wird die Rolle von Elternhaus und Schule in der Prävention und der Früherkennung thematisiert. Vorgestellt werden hier klassische schulische Präventionsprogramme, ohne differenzierter zu diskutieren, inwieweit diese eben nicht auszureichend für eine effektive Prävention sind.

Im 13. Kapitel wendet die Autorin sich an die Jugendlichen und im 14. Kapitel an die Eltern. Neben den bereits vorgestellten Informationen wird zudem beispielsweise thematisiert, wann eine ambulante oder eine stationäre Behandlung indiziert ist. Die Eltern werden als wichtige Partner in der Behandlung benannt. Ein beispielhaftes Gruppenfamilientherapieprogramm wird vorgestellt. Im 16. Kapitel wendet sich die Autorin an die Therapeutinnen und Therapeuten und thematisiert mögliche Fallstricke für die Behandler. Das Buch schließt mit einer Danksagung und einem im Wesentlichen englischsprachigen Literaturverzeichnis.

Diskussion

Im ersten Buchteil, in dem die Autorin die Problematik einer essgestörten Gesellschaft thematisiert wird wenig differenziert argumentiert, viele Aussagen werden plakativ benannt. Empirische Studien oder theoretische sozialwissenschaftliche Erklärungskonzepte werden nicht erörtert. Nicht dargestellt wird, inwieweit die Wirkmächtigkeit des Schönheitsideals darin besteht, dass es beim Schönheitsideal im Wesentlichen um die Verkörperung gesellschaftlicher Leitwerte wie Individualität, Leistung, Flexibilität und Autonomie geht, in dem Gesundheit und körperliche Attraktivität als Prämisse eines gelungenen Anpassungsprozesses stehen, die mit gesellschaftlichen Aufstieg und Erfolg verknüpft sind. Die an die Schönheitsideale orientierte Körpergestaltung wird somit zum Versprechen eines gelungenen, erfolgreichen Lebens (vgl. Posch 2009). Ein schöner Körper verheißt sozialen Status und Erfolg und signalisiert, dass diese Person die für die gegenwärtige Gesellschaft passenden Persönlichkeitsmerkmale Disziplin, Kontrolle und Autonomie aufweist (vgl. McRobbie 2016). Die Inszenierung eines schönen, schlanken, fitten und gesunden Körpers eröffnet so den Zugang zu Aufstiegs- und Teilhabeversprechen der neoliberalen Gesellschaft (vgl. Eckhorst 2012). Der Erfolgsdruck der Frauen wird verstärkt durch eine zunehmend geforderte weibliche Individualisierung, welche mit Anforderungen an eine Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung einhergeht (vgl. Eckhorst 2012).

In den Ausführungen von Pauli wird m.E. zu wenig deutlich, wie sich das hegemoniale Schönheitshandeln, orientiert an den Aspekten „Natürlichkeit als Leistung“ und Authentizität, in die aktuellen Ideologien einfügt. Damit wird nicht thematisiert, wie weibliche Schönheitspraxen und die Beschäftigung mit dem eigenen Körper und der Schönheit dazu beitragen, die traditionellen Geschlechterverhältnisse zu stabilisieren.

Die Autorin argumentiert hingegen häufig kausal, ein Beispiel soll genannt werden: Übergewichtige Menschen würden bereits als Kind abgelehnt und würden dann immer mehr zu „Kummerspeck“ neigen und seien als Erwachsene bei Diätversuchen erst recht erfolglos (S. 26). Nicht näher differenziert wird, inwieweit diese Aussage wirklich so zutrifft und in welchem Kontext dieser Sachverhalt zu betrachten ist. Manchmal wird umgangssprachlich drastisch formuliert (z.B. „Gehirne zugekleistert“).

Im zweiten Teil des Buches über die individuellen Ursachen von Essstörungen wird nur am Rande auf familiäre Faktoren, die zum Auftreten der Essstörung beitragen, eingegangen. Hier geht die Autorin nur auf die Erkenntnisse von Hilde Buch aus dem Jahr 1978 ein und bezieht neuere Untersuchungen in ihrer Analyse nicht ein. Die Autorin negiert in ihrem Buch den umfassenden biopsychosozialen Forschungsstand (siehe z.B. Meerbaum und Vandereycken, A. Franke, S. Orbach, M. Vogelsang, G. Reich) und verengt die Erklärung und Beschreibung dieser komplexen Phänomene. Sie unterschätzt die zirkulären Mechanismen der Selbstorganisation und der Emergenz in Bezug auf die psychoneuroimmunologischen Wirkwege (vgl. Schubert 2015) ebenso, wie psychoanalytische und Familien systemische Ansätze.

Im dritten Teil bringt die Autorin ihre vielfältigen fundierten praktischen Erfahrungen ein. Wenn sie von allerdings von einer Behandlung der essgestörten Gesellschaft (198ff) spricht, zeigt dieses auf, dass sie sehr im medizinischen Vokabular verortet ist.

In den folgenden Kapiteln wendet sie sich jeweils an die Jugendlichen, die Eltern und an die Therapeuten. Die bereits formulierten Hinweise werden jeweils nochmals auf die Zielgruppe zugeschnitten fokussiert. Nicht diskutiert wird die Einbeziehung möglicher weiterer Multiplikatoren.

Fazit

Die Autorin wendet sich in ihrem Buch engagiert insbesondere an die Betroffenen und Gefährdeten. Ebenso richtet sich SIZE ZERO genauso an die Eltern selbst, die viel zur Gesundung ihres Kindes beitragen können. Nicht zuletzt wendet sich die Autorin mit ihrem Buch an die Gesellschaft und die Politik, damit Kinder und Jugendliche nicht mehr dem Schlankheitswahn erliegen.

Die Kinder-und Jugendpsychiaterin Dagmar Pauli, eine Expertin und Fachautorin für Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen, benennt engagiert diese Zusammenhänge und zeigt Auswege aus der Essstörungsfalle auf. In ihrem Buch wendet sich die Autorin an verschiedenste Adressaten. Möglicherweise wäre es hilfreich gewesen für diese verschiedenen Adressatengruppen, der Jugendlichen, Lehrer, Eltern und Therapeuten eigene Ausführungen zu erstellen. Die Analyse der gesellschaftlichen Faktoren greift zu kurz, wichtige familiäre Hintergründe der Essstörung werden nicht näher dargestellt. Für die Behandlung und Prävention gibt die Autorin jedoch wichtige Hinweise.

Für ein umfassendes Verständnis der Problematik der Essstörungen fehlen jedoch differenzierte sozial- und gesundheitswissenschaftliche und systemische Zugänge.

Literatur

Eckhorst, Kendra (2012): Schöne, neue Feministinnen. Oder wie aus dem feministischen Kampf um Selbstbestimmung ein Recht auf Schönheit, auch für Feministinnen, wurde. In: Filter, Dagmar/ Reich, Körperlichkeit, Hamburg, 61–78.

McRobbie, Angela (2016): Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. 2. Aufl. Wiesbaden.

Posch, Waltraud (2009): Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt. Frankfurt am Main.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 26.06.2019 zu: Dagmar Pauli: Size Zero. Essstörungen verstehen, erkennen und behandeln. Verlag C.H. Beck (München) 2018. ISBN 978-3-406-72667-5.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25769.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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