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Christian Rittelmeyer: Digitale Bildung - ein Widerspruch

Cover Christian Rittelmeyer: Digitale Bildung - ein Widerspruch. Erziehungswissenschaftliche Analysen der schulbezogenen Debatten. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2018. 182 Seiten. ISBN 978-3-7455-1031-7. 24,50 EUR.

Reihe: Pädagogik: Perspektiven und Theorien - Band 29.
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Thema

Für den „DigitalPakt Schule“ wurde sogar das Grundgesetz geändert, um Milliarden dafür ausgeben zu können, damit alle Schulen die Geräte bekommen, mit denen die Schüler eh schon viel besser umgehen können als ihre Lehrer. Dabei soll der „Primat der Pädagogik“ gelten, wie das Bundesbildungsministerium auf seiner Website postuliert. Deshalb muss jede Schule, die in den Genuss dieser Investition kommen will, ein „technisch-pädagogisches Konzept“ vorlegen. Die Schulen müssen also aufzeigen, wie sie im Rahmen ihrer bisherigen Struktur die gleichen Inhalte, nunmehr jedoch unter Einbeziehung digitaler Medien „vermitteln“.

Große und auch politisch mächtige Digitalkonzerne versuchen gleichzeitig, Einfluss auf schulpolitische Entscheidungen zu nehmen. Deshalb ist eine Diskussion darüber erforderlich, wie eine bildungstheoretisch fundierte Auseinandersetzung mit der Digitaltechnik beschaffen sein soll und auf welche Weise von solchen Positionen her über den pädagogischen Sinn bestimmter technischer Mittel begründet geurteilt werden kann.

Dabei gerät die kulturelle Bildung zugunsten der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) ins Hintertreffen. Dies geschieht, obwohl neuere Forschungen zeigen, dass naturwissenschaftliche und künstlerische Interessen sehr viel enger miteinander verbunden sind, als man bisher angenommen hat.

Der Autor stellt dazu aktuelle Forschungsergebnisse vor und erörtert sie in Hinblick die kulturelle Schulentwicklung. Dabei erörtert die Chancen wie Gefahren der Digitaltechnik aus pädagogischer Perspektive.

Autoren

Christian Rittelmeyer, Diplom-Psychologe, war bis 2003 Professor für Erziehungswissenschaften am Institut für Erziehungswissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen mit den Arbeitsschwerpunkten Pädagogische Psychologie, Bildungstheorie und -geschichte, Ästhetische Bildung und Forschungsmethoden der Erziehungswissenschaften.

Entstehungshintergrund

Die digitale Transformation hat zur Folge, dass Schulen unter dem Schlagwort digitale Bildung als „Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts“ eine konzeptionelle Neuorientierung benötigen. Deutschlands Schulen kranken dabei aber vor allem daran, dass Bildungspolitiker und Schulbehörden aus lernkultureller Gewohnheit nach wie vor vollkommen das Vermitteln von Wissen, also die Weitergabe des Wissens von einem Gehirn in ein anderes, im Fokus haben, obwohl dies eine erschreckend geringe Nachhaltigkeit aufweist.

Digital ermöglichtes Lernen wird das Bildungssystem Zukunft bestimmen. Dafür müssen die Strukturen der Schulen und Hochschulen, aber auch der betrieblichen Bildung, fundamental verändert werden. Das beginnt bei den Zielen, geht über die Zersplitterung der Themen in Unterrichts- oder Studienfächer bis zum Zwang, fast ausschließlich Bulimie-lernen zu bewerten. Der Paradigmenwechsel liegt in der Verlagerung der Lernverantwortung auf die Schüler, die die Freiheit erlangen, ihre Lernprozesse selbst zu gestalten, ihre Lernziele und -inhalte sowie ihre Lernmethoden innerhalb eines Lernrahmen selbst auszuwählen und anzuwenden.

Tatsächlich wird die aktuelle Diskussion durch eine Fixierung auf das Technische geprägt, ohne auf die Erkenntnisse einer lernförderlichen Schulkultur einzugehen. Deshalb diskutiert der Autor die Frage, an welchen pädagogischen Prinzipien der Diskurs um Sinn oder Unsinn der digitalen Bildung rationale Urteilsmaßstäbe gewinnen kann.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil untersucht der Autor ideologische Muster der bildungspolitischen und industriestrategischen Kommunikation. Er fordert, dass die Digitalisierung in den Schulen an pädagogischen Maximen, also dem Bildungs- und Erziehungsauftrag, nicht primär an den kommerziell motivierten Vorstellungen aus den Digitalkonzernen orientiert wird. Er kritisiert, dass die Vorgaben der KMK, aber auch der Europäische Referenzrahmen für digitale Kompetenzen, sich vor allem am „Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren, Kommunizieren und Kooperieren, Produzieren und Präsentieren, Schützen und sicher Agieren, Problemlösen und Handeln“ sowie „Analysieren und Reflektieren“ orientieren.

Am Beispiel der Führungskräfte untersucht er beispielweise, welches Fähigkeitsspektrum diese in der zukünftigen, digitalisierten Arbeitswelt benötigen. Hierzu gehören konzeptionelle und strategische Denkfähigkeit, Offenheit und Neugier, Sensibilität für verschiedene Kulturen, Generationen und Geschlechter, Integrität und Aufrichtigkeit im gesamten Verhalten sowie Ambiguitätstoleranz im Hinblick auf die Phänomene ihrer Lebenswelt. Das Ziel sei, eine Kultur des Vertrauens und der Offenheit zu schaffen. Diese Kompetenzen, können nach den vorliegenden Studien u.a. durch künstlerische Schulungen der Führungskräfte gefördert werden.

Der Autor fordert, dass die Entwicklung sozialer Fähigkeiten mit der Digitalbildung einhergehen muss. Diese kann dabei nur kontextabhängig diskutiert werden, da die Wirkungen digitaler Medien sich immer unter den jeweiligen Rahmenbedingungen und Zielsetzungen eines Lehr-, Lernszenarios ergeben. Ausführlich beschreibt der Autor die Diskussion in den Fachmedien, aber auch in populären Magazinen, zu diesem Themenfeld.

Im zweiten Teil seiner Erörterungen entwickelt Christian Rittelmeyer vier Grundprinzipien der pädagogischen Moderne als Maßstäbe und Maximen. Diese Handlungsprinzipien umfassen die Forderung nach allseitiger Bildung, die durch die Konzentration des Bildungswesens auf die PISA- und STEM-Kompetenzen, bei gleichzeitiger Marginalisierung der künstlerischen Bildung, sträflich vernachlässigt wird. Weiterhin müssen Kinder möglichst frei von Furcht und Zwang, dafür mit Zuwendung und Ermutigung heranwachsen. Die dritte Maxime bezieht sich auf die Abstimmung der Erziehung auf die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, d.h. auf ihren geistigen, seelischen und körperlichen Entwicklungsstand, auf ihre spezifische Perspektivität der Weltwahrnehmung. Deshalb muss die Nutzung digitaler Techniken in der Schule entwicklungsgemäß erfolgen. Das vierte Grundprinzip besteht darin, die Schüler altersgemäß zur Selbsttätigkeit und Selbstständigkeit im Urteilen und Handeln aufzufordern.

Im abschließenden dritten Teil untersucht der Autor die Verbindung von künstlerischen und naturwissenschaftlich-mathematisch-technischen Interessen. Er fordert unter Bezug auf aktuelle Forschungsergebnisse, dass die Trennung von „harten“ MINT-Fächern und „weichen“ künstlerischen Fächern in der Schule aufgehoben wird.

Fazit

Deutschland benötigt eine digitale Bildungsrevolution! Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Schüler die Bedienung digitaler Geräte oder deren Programmierung erlernen. Vielmehr werden pädagogische Konzeptionen zur Integration digitaler Elemente benötigt, die nach den Prinzipien pädagogischer Moderne gestaltet sind.

Dem Autor ist es in einer abwechslungsreichen Sprache gelungen, diese Forderung schlüssig herzuleiten und Wege aufzuzeigen, wie diese Herausforderung bewältigt werden kann. Durch die Orientierung seiner Argumentation an pädagogischen Forschungsergebnissen, aber auch den Herausforderungen in der Arbeitswelt, entwickelt er ein schlüssiges Bild einer allseitigen Bildung mit Ermutigung und Zuwendung, die individualisiert und zunehmend selbstorganisiert erfolgt.


Rezension von
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 15.01.2020 zu: Christian Rittelmeyer: Digitale Bildung - ein Widerspruch. Erziehungswissenschaftliche Analysen der schulbezogenen Debatten. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2018. ISBN 978-3-7455-1031-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25771.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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