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Beate Fischer, Hans-Walter Gumbinger u.a. (Hrsg.): Hilfreiche Beziehungen

Cover Beate Fischer, Hans-Walter Gumbinger, Ulrich M. Haiber, Thomas Kuchinke (Hrsg.): Hilfreiche Beziehungen. Aus der Praxis psychoanalytischer Sozialarbeit. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2019. 200 Seiten. ISBN 978-3-95558-256-2. D: 19,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Der Band spiegelt die mühevolle und oft von vielen Belastungen und Enttäuschungen geprägte sozialarbeiterische Begleitung von Familien, die sich in außergewöhnlich eingetrübten psychosozialen Lebensumständen und prekären Milieus bewegen und auf unterschiedliche Hilfe- und Beratungsangebote angewiesen sind. Er gibt beredt Aufschluss über die zum Teil mehrere Jahre dauernde Unterstützung dieser Personengruppe unter meist extrem schwierigen Ausgangsbedingungen. Entscheidend ist, dass sich die theoretischen Erörterungen sowie Darstellungen und Interpretationen in erster Linie an Erkenntnissen aus Psychoanalyse und Psychoanalytischer Sozialarbeit speisen, was einen differenzierten Blick auf die Tiefendimension der geschilderten Symptomatiken und der Dynamik der Beziehungsverläufe erlaubt. Einfühlsam und facettenreich aufgefächert werden die konkreten Interaktionsprozesse dargetan und die darin wurzelnden möglichen Entwicklungs- und Veränderungsverläufe vorgestellt. Von besonderer Bedeutung ist, dass das Werk die langjährige Zusammenarbeit befreundeter und theoretisch ähnlich verorteter Einrichtungen aus Rottenburg und Offenbach wiedergibt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist sehr systematisch aufgebaut und legt einen ebenso fundierten theoretischen Zugang zur Wirkungsweise einer Psychoanalytischen Sozialarbeit wie den Leser/innen ungeschminkte und zudem äußerst vielschichtig beschriebene Einblicke in eine oft von massiven seelischen Erschütterungen bedrohte Lebenswelt der Adressat/innen, auf der einen und zudem eine punktgenau referierte professionelle Praxis auf der anderen Seite gewährt werden. Im Kontext dieser in hohem Maße professionell aufgebauten Arbeitsräume besteht zunächst eine deutliche Asymmetrie in den Beziehungen zwischen den Sozialarbeiter/innen und den ihnen zugewiesenen Familien, die aber – so es gut läuft – nach und nach an Bedeutung verliert, so dass eine zunehmend konturierte Wahrnehmung des jeweiligen Gegenübers machbar erscheint. Es ist ein Wesensmerkmal der Psychoanalytischen Sozialarbeit, die „Fallgeschichten“ als szenisches Geschehen zu lesen, wo es zu einer Reproduktion der unbewusst gehaltenen, traumatischen frühen Erfahrung kommt. Gelingt es, dieses Agieren auszuhalten, kann allmählich beim Gegenüber eine realistischere Sicht auf sich und die Welt aufgebaut werden. Schon in seinem einführenden Kapitel „Was nutzt die Psychoanalyse in der Sozialen Arbeit?“ macht Gumbinger auf diese Kompetenz aufmerksam, und er skizziert sehr anschaulich die methodischen Voraussetzungen für die nachfolgenden Entwicklungsprozesse. Hier stellt er besonders die Bedeutung manifester Verhaltensauffälligkeiten als Ausdruck latent wirkender, weil kaum  aushaltbarer Lebensschicksale, die Reflexion des Ineinanders von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen und die Resonanzböden der Mitarbeiter/innen als Basis von Erkenntnis und Problemverstehen in der psychoanalytischen Supervision heraus.

Im Eingangskapitel wird, wenngleich ein wenig unverbunden zum Eigentlichen, die geschichtliche Rahmung dieses Vorhabens vorgenommen. Haiber betont die Verortung im aufklärerischen Denken, wobei er einen großen Bogen schlägt. Er beginnt mit den Anfängen eines Johann Friedrich Oberlin und seinen pädagogischen Bemühungen um im Elsässischen in völliger Armut Lebende im 18. und 19. Jahrhundert. Danach leitet er über zu Anna Freuds verdienstvoller Hinwendung zu kriegstraumatisierten (Waisen-)Kindern in ihrer Londoner Hampstead Child-Therapy Clinic während des 2. Weltkriegs und der Zeit danach. Schließlich kommt er auf Ernst Federn zu sprechen, der selbst KZ-Häftling war, ins Exil nach Amerika ging und als der eigentliche Begründer einer Psychoanalytischen Sozialarbeit gelten kann. Im Anschluss wirft Kuchinke einen kritischen Blick auf die Erziehung im 20. Jahrhundert und deren Verwandlung von einer auf Unterwerfung der kindlichen Psyche zielenden Disziplin hin zur emanzipativen und kindzentrierten Bedürfnisorientierung – was indessen mit dem Niedergang der elterlichen Autorität neue, andere Probleme mit dem „unkontrollierbaren“ Säugling und Kleinkind hervorbrachte.

Der Hauptteil des Bandes zentriert sich dann um die verschiedenen Praxisfelder der Familienhilfe, die über variantenreiche Falldarstellungen aufbereitet werden. Feuling fokussiert ein wesentliches Element Psychoanalytischer Sozialarbeit – die Konstruktion des Settings, in dem verstehend und beziehungsdynamisch ausgerichtet gearbeitet werden soll. Während die Mehrzahl der Fallberichte ausschließlich das ambulante Vorgehen zum Thema hat, wird hier das für die Rottenburger (und parallel dazu Tübinger) Einrichtung spezifische Zusammenwirken von stationärem und ambulantem Zweiersetting beschrieben. Dezidiert ist übrigens für Feuling Psychoanalytische Sozialarbeit nicht Anwendung der Psychoanalyse, sondern „Psychoanalyse sui generis“.

Wie in den allermeisten Fallvignetten tauchen massivste Persönlichkeitsstörungen – hier etwa die Borderline-Problematik der Mutter – auf, und vor dem Hintergrund dadurch oft fragil erscheinender Arbeits- und Entwicklungsbündnisse ist ein Scheitern der Bemühungen eine durchaus realistische Komponente. Umso mehr ist zu begrüßen, dass diese potentielle Misserfolgserwartung nicht verleugnet wird, sondern der reflektierte Umgang damit auch als ein aktiver Bewältigungsversuch der Professionellen erscheint. Einige der Darlegungen sind sehr knapp gehalten, ohne dass sich dadurch die Schwere der Arbeit verflüchtigte. Henrich schildert ihre Begegnung mit einer aus Afrika zugewanderten Mutter, die mehr Fragen als Antworten nachlässt. Bei Bauer treffen wir auf eine alleinerziehende Mutter, die Vertrauen sucht, aber vor dem Hintergrund ihrer gravierenden frühen Traumen und Enttäuschungen eine reife Form von Beziehung, in der selbiges möglich wäre, gar nicht leben kann. Karl skizziert die Begegnung mit einer überforderten türkischen Mutter, die von immensen symbiotischen Verschmelzungswünschen und gleichzeitig heftigen Projektionen beherrscht wird. Bei Richter ist es eine Mutter mit einer akuten schizo-affektiven Psychose und einer Familienkonstellation, bei der die Möglichkeiten einer Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) schnell erschöpft sind. Fischer und Kuchinke beschreiben die großen Schwierigkeiten eines lebenslang an armseligen und verstörend ausbeuterischen Lebensgrundlagen leidenden Elternpaares, dem auf Grund eines ungeheuren gegenseitigen Misstrauens eine psychische Nachreifung lange Zeit nicht gelingen will, und erst über die erlebte professionelle Unterstützung Schritte in die Autonomie realisiert werden können.

Nicht nur stoßen wir auf viele frühe, überaus desaströs zu nennende, insbesondere durch Tod eingetretene Objektverluste, die den lebensgeschichtlichen Tragödien ihren Stempel aufgedrückt haben. Vor allem tauchen in den sozial äußerst belasteten wie belastenden Beziehungskonstellationen immer wieder schwierige Männer/Väter auf, die gewalttätig sind, physisch oder psychisch nicht gegenwärtig und so ihren Kindern Probleme bescheren, sich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung auf triangulierende und mentalisierende Strukturen verlassen zu können. Gumbinger belegt eindrücklich die verheerenden Auswirkungen für die Kinder, wenn das Elternpaar über keine ausreichenden triangulierenden Funktionen verfügt. Stattdessen treffen wir auf ungestillte orale und narzisstische Bedürfnisse – siehe die Beiträge von Riesenkampff sowie Staigle –, die als Kehrseite eine unbändige Wut nachgelassen haben und eine reife Form der Problembewältigung kaum zulassen wollen. Und dennoch ist es bewundernswert, mit welcher Langmut und hoher Selbstreflexionsfähigkeit die Autor/innen einen nicht erneut retraumatisierenden, sondern affektfreundlichen Umgang mit diesen Ausgangslagen und Situationen zu bewerkstelligen vermögen. Immer wieder wird von den Adressat/innen implizit oder explizit die bange Frage gestellt, ob die Familienhelfer/innen wahrhaftig verlässlich seien. Es sind existenzielle Ängste, die hier zum Vorschein kommen und die eher für die Situation eines Säuglings typisch sind. Insofern verwundert es nicht, dass die Beziehungsdynamik von diesen archaischen, verschlingenden und zerstörenden Erlebensweisen dominiert wird – so wie es schließlich von Tervoort-Spessert und dann Henrich und Maier aufgezeigt wird. Das Buch endet mit ein paar sehr anrührenden Bemerkungen und Einsprengseln der Supervisorin Reerink, die unter anderem zu erkennen geben, wie schnell sich die kumulierten emotionalen Belastungen in gegenseitigen Entwertungen und Beschimpfungen Bahn brechen. Gleichzeitig wird dies von ihr nicht moralisch verurteilt, sondern im Gegenteil plädiert sie einfühlsam dafür, selbst zu fühlen und sich darüber mitzuteilen, was eigentlich zum fremden psychischen Geschehen gehört.

Diskussion

Dieses Buch gewährt auf erfrischend offene Weise einen tieferen Einblick in die oft mühsame und emotional kaum auszuhaltende Arbeit von Sozialarbeiter/innen. Diese Perspektive ist wohl allein deshalb so aufschlussreich, weil wir mit dem  Ausgreifen auf  das psychoanalytische Verstehen hinter die Oberflächenstruktur der professionellen Beziehung zu schauen vermögen und uns damit ein wirksames Konzept zum gedeihlichen Umgang mit den durch extrem konflikthafte und defizitäre frühe Lebenserfahrungen elementar beeinträchtigten Adressat/innen geliefert wird. Selbstredend – und das läuft eher unausgesprochen mit – ist ein Hauptproblem der Sozialen Arbeit mit dieser Zielgruppe die Diffusität der Beziehungsarrangements in einem nie ganz eindeutig definierten Setting. Dass Institutionen und Ämter hier zuweilen arg mitagieren, weil ihnen die nötige tiefenhermeneutische Reflexion fremd ist, wird an einigen Stellen deutlich und offenbart die Grenzen einer dergestalt verstehenden und haltenden Sozialen Arbeit. Auf dem Gebiet von Medizin oder Rechtsprechung ist dagegen die Rollenverteilung viel klarer begrenzt, was vielen der hier behandelten Krisen vorbeugt. Nichtsdestotrotz zeigen die einzelnen Texte in ihrer Gesamtheit konturiert auf, wie eingedenk dieser strukturellen Schwäche eine gelingende und ressourcenfreisetzende Form Sozialer Arbeit konstruktiv gestaltet sein kann.

Zunächst war ich – obwohl selbst einmal länger auf diesem Sektor tätig gewesen – versucht, die Lektüre möglichst rasch hinter mich zu bringen, wohl um mich angesichts des Elends in scheinbarer Sicherheit zu wiegen. In einem zweiten Schritt aber kehrte meine Einsichtsfähigkeit zurück und ich spürte zum Glück, wie mich dieses erstaunliche Werk zum intensiven Nachdenken bewog.

Fazit

Das Buch vermittelt an Hand vieler konkreter Beispiele einen differenzierten Blick auf die Möglichkeiten, die eine psychoanalytisch orientierte Sozialarbeit zur Verfügung hat, Hilfe suchenden Familien, die unter äußerst widrigen Umständen leben, konkrete professionelle Beziehungen anzubieten und auf möglichst langanhaltende Dauer zu gewährleisten, um ihnen bislang ungeahnte Entwicklungschancen sicherzustellen. Die Einschränkung sei erlaubt, dass dies nur gelingen kann, wenn sie die Kraft aufbringen und zugleich ihre Ängste zu bannen vermögen, sich auf diesen Beziehungsrahmen einzulassen. Es ist ein Verdienst dieses Buches, beide Wege aufzuzeigen. „Hilfreiche Beziehungen“ einzugehen, setzt voraus, Hilfe annehmen zu können, ohne aus Scham und Angst vor bedrohlicher Abhängigkeit heftige innerpsychische Widerstände dagegen aufbauen zu müssen.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 15.10.2019 zu: Beate Fischer, Hans-Walter Gumbinger, Ulrich M. Haiber, Thomas Kuchinke (Hrsg.): Hilfreiche Beziehungen. Aus der Praxis psychoanalytischer Sozialarbeit. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-95558-256-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25780.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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