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Martin Lemme, Bruno Körner: Neue Autorität in Haltung und Handlung

Cover Martin Lemme, Bruno Körner: Neue Autorität in Haltung und Handlung. Ein Leitfaden für Pädagogik und Beratung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. 251 Seiten. ISBN 978-3-8497-0221-2. D: 27,95 EUR, A: 28,80 EUR.
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Thema

Das Konzept der neuen Autorität beschreibt eine Fokussierung der eigenen Handlungsweise im Kontext von Beratung und Coaching. Es unterscheidet sich damit von Verhaltenstrainings für diejenigen Personen/Gruppen, mit oder durch die ein Problem entstanden ist. Das Buch beschreibt in den Kapiteln, wie es dem Berater/Coach gelingt, die entsprechende Haltung im Konzept der neuen Autorität einzunehmen und umzusetzen. Dies geschieht anhand von praktischen Beispielen und Hinweisen; z.B. welche Aspekte zu beachten oder welche Fragen in konkreten Handlungssettings mit Familien, Eltern oder Jugendlichen zu stellen sind. Die Autoren möchten dem Leser eine Orientierung bieten, wie das Konzept in die jeweils eigenen Kontexte transferiert werden können.

Autoren

  • Martin Lemme ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut. Er ist in unterschiedlichen Beratungssettings und Coachingkontexten in der Arbeit mit Eltern aktiv.
  • Bruno Körner ist Diplom-Sozialpädagoge und Systemischer Familientherapeut. Er ist hauptsächlich in der systematischen Beratung und Therapie in Bereichen der Jugendhilfe und Schulen tätig (vgl. Lemme/Körner 2018, S. 251).

Entstehungshintergrund

Durch ihre Tätigkeit zur Vermittlung des Ansatzes der neuen Autorität in Seminaren, bemerkten die Autoren immer wieder den Wunsch der Teilnehmer, nach einem praktischen Leitfaden zur Orientierung und Umsetzung des Konzeptes. Im Zuge dessen reflektierten Lemme und Körner ihre eigene Arbeit und schrieben ihre Erfahrungen und ihre Vorgehensweisen im vorliegenden Buch nieder (vgl. Lemme/Körner 2018, S. 12).

Aufbau

Das Inhaltsverzeichnis gliedert sich in vier Hauptkapitel, die sich wiederum in mehrere mit weiteren Unterkapiteln unterteilen. Die Gliederung wirkt unübersichtlich, zumal die Hauptkapitel immer wieder in numerischer Reihenfolge mit Kapitelnummer „1“ beginnen. In der Einleitung beschreiben die Autoren, dass dies aufgrund einer Ausschweifung der Fall ist, um nachher wieder zum eigentlichen Thema und dem „roten Faden“ zurückzugelangen.

Inhalt

Das erste Hauptkapitel beschäftigt sich zunächst mit der Frage, wer oder was geschützt werden muss und ob es eine Maßnahme erforderlich macht. Ist letzteres der Fall, so kommt es darauf an, die Maßnahme bzw. Intervention so zu gestalten, dass sie deeskalierend wirkt. Dazu werden mehrere Fallbeispiele gegeben und diskutiert. Der Leser erhält Einblicke in die verschiedenen Formen von Konflikten und es werden praktische Beispiele zur Soforthilfe benannt, die konfliktgeladene Situationen entlasten sollen. Erziehungsverantwortliche sollen lernen Stabilität im Umgang mit Problemen und Verhaltensweisen zu bekommen, um so handlungsfähig zu sein, wenn Situationen eskalieren. Dazu benötigt es eine entsprechende Haltung, die verinnerlicht, dass es nicht zielführend ist, unerwünschtes Verhalten des Gegenüber ändern zu wollen, sondern dass er im eigenen Verhalten, im Umgang mit den Situationen Lösungen findet. Es geht also primär um die Stärkung der eigenen Präsenz und damit die Unabhängigkeit vom Verhalten des zu Erziehenden.

Im Folgenden geht es darum, die weitere Vorgehensweise zu beschreiben. Dazu werden verschiedene Rangskalen vorgestellt, um die Entscheidungsfindung zu vereinfachen. Bevor das konkrete Coaching beginnt, beschreiben die Autoren den Einfluss der Bedürfnisse der Kinder- und Jugendlichen, die hinter einem Verhalten stehen können. Außerdem wird in mehreren Unterkapiteln beschrieben, welchen Einfluss die eigene Präsenz auf den Umgang mit dem Verhalten der zu Erziehenden hat. Dazu werden mehrere Präsenzdimensionen vorgestellt und hinter jeder Dimension werden Reflexionsfragen gestellt, um ein Bewusstsein für die eigene Rolle zu erlangen. Das Konzept der neuen Autorität zeichnet sich durch mehrere Haltungs- und Handlungsaspekte aus, um die Präsenz der Erziehungsverantwortlichen zu stärken. Diese sechs Aspekte werden in den folgenden Unterkapiteln auf 63 Seiten ausführlich beschrieben, erklärt und anhand von Beispielen praktisch dargestellt, bevor es im zweiten Hauptkapitel um die präventive Arbeit der wachsamen Sorge geht. Die Idee, die diesem Kapitel zu Grunde liegt ist die, stetig wachsam zu sein, um die Wahrscheinlichkeit einer späteren Eskalation zu verringern. Hierzu findet man Verhaltensratschläge für eine transparente Kommunikation mit dem zu Erziehenden aber auch für die Kontaktaufnahme zu Personen, mit denen das Kind/der Jugendliche in Verbindung steht. Diese Überlegungen werden auf Schulen und Institutionen übertragen und enden am Beispiel der Kooperation von Teams und Kollegien.

Das dritte Hauptkapitel beschreibt die Haltungs- und Handlungsaspekte in der Führungsrolle und beschreibt ein Autoritätsverständnis, dass nicht auf Machtausübung sondern auf der eigenen Präsenz aufbaut. In der Führungsrolle geht es darum Verantwortung zu übernehmen und eine Beziehung zu gestalten, die von Kooperation, Klarheit und Transparenz geprägt ist. Die verschiedenen Dimensionen der neuen Autorität werden auf die Führungsrolle adaptiert und die einzelnen Ziele beschrieben. Darüber hinaus wird die wachsame Sorge und Handlungsaspekte im Kontext der Führungsrolle erläutert und definiert. Das vierte und letzte Hauptkapitel beschreibt die Vorgehensweise der Prozess- und Embodimetfokussierten Psychologie (PEP), dass die Autoren in jenen Coachings anwenden, die eine stärkere therapeutische Orientierung benötigen, weil Interventionen wenige oder keine Veränderungsmöglichkeiten erwirkt haben. Neben der Beschreibung der PEP geht es auch hier um die eigene Präsenz und die Umsetzung von PEP im Konzept der neuen Autorität. Das Buch schließt mit einem praktischen Anhang ab, in dem Einschätzskalen, Beispielfragen und Gedanken, verschiedene Methoden sowie Vorlagen für Ankündigungen zu finden sind. 

Diskussion

Der Einstieg ins Thema erfolgt anhand eines Beispiels; hier erwartet der Leser zunächst eine andere, theoretischere Überleitung – findet sich jedoch schnell in der Praxis wieder. Die Autoren beschreiben als Zielsetzung, neben dem Schutz der zu Beratenden, die Reduzierung bzw. Beendigung der Eskalation zu erreichen. Sie gehen davon aus, dass der Klagende in der Regel eine Perspektive benötige, um ihn in die Möglichkeit der Handlungsfähigkeit zu bringen. Diese Annahme wird anhand praktischer Beispiele und theoretischer Erklärungen belegt, die sich in ihrer Theorie immer wieder fundiert auf wissenschaftliche Ergebnisse stützt. Dabei bedienen sich die Autoren stets an Theorien der Pädagogik und Psychologie. Die theoretischen Annahmen werden stets umfassend erläutert und mit Quellenangaben belegt. Reflexionsübungen und Fragen erleichtern die Verständlichkeit und die praktische Umsetzung der benannten Vorgehensweise/Themen.

Die Haltungs- und Handlungsaspekte, die im siebten Kapitel des ersten Hauptkapitels beschrieben werden, sind nicht deutlich voneinander abzugrenzen und die Erläuterungen werden zirkulär in stetiger Rückbindung zu vorherigen Kapiteln vorgenommen. Aufgrund der Vielzahl der einzelnen Unterkapitel fällt es dem Leser schwer, den roten Faden im Vorgehen zu behalten. Die Ableitung in der Umsetzung des Leitfadens zum Handeln in der neuen Autorität verschwimmt dadurch. Des Weiteren nimmt das Kapitel hauptsächlich Bezug auf die Thematik Elterncoaching. Umsetzungshinweise im schulischen und pädagogischen, institutionellen Kontext werden am Rande erwähnt. Der Ansatz wird stark therapeutisch erklärt und dargestellt. Fallbeispiele werden doppelt verwendet. Es ist nicht immer erkennbar, in welchem Kontext sich die Verfasser bewegen. Es wird von Teams, von Kindern, Jugendlichen oder von Institutionen und Gruppen gesprochen. Da sich die Einleitung auf pädagogische Institutionen bezieht, geht der Leser zunächst davon aus, dass darunter eine Vielzahl der institutionellen Bandbreite subsummiert ist. Im weiteren Verlauf der Kapitel stellt sich der Leitfaden so dar, dass er sich hauptsächlich auf Institutionen der (stationären) Jugendhilfe und den Bereichen des Elterncoachings bezieht. Der Begriff der neuen Autorität im Kontext der Führungsrolle wird im dritten Hauptkapitel erläutert, was im Lesefluss hinderlich erscheint. Es wäre empfehlenswert, dieses Kapitel zu Beginn des Buches zu stellen, damit der Leser nachvollziehen kann; welche Haltung der Berater unter Anwendung des Ansatzes in seiner Führungsrolle einnimmt, sodann er den Leitfaden als solches für eine Schritt-für-Schritt Anwendung verwenden soll. Damit könnte eine intensivere Identifikation mit der einzunehmenden Haltung erreicht werden.

Die drei ersten Hauptkapitel beziehen sich immer wieder auf dieselben bzw. ähnliche Begrifflichkeiten, die wiederum ähnlich oder gleichbedeutend erklärt werden. Dadurch wird die verständliche Abgrenzung zu den einzelnen Haltungs- und Vorgehensweisen intransparent. Der Leser hat Schwierigkeiten, die Inhalte in eine logische Abfolge zu ordnen, was wiederum Schwierigkeiten in der praktischen Umsetzung bzw. Anwendung des Ansatzes mit sich bringt. Somit kann die zu Beginn des Buches beschriebene Vorgehensweise mit Bezug auf eine Ausschweifung zurück zum roten Faden nicht belegt bzw. eindeutig erkannt werden. Der Stil und die formale Vorgehensweise sind einheitlich und sauber. In den abschließenden Gedanken der Autoren wird deutlich, dass der Leitfaden für die Beratung hocheskalierender Systeme im Familienkontext verfasst wurde. Leider wird dies weder durch den Titel noch durch das Essay deutlich. So vermisst der Leser, der sich z.B. im Beratungskontext der Elementarpädagogik bewegt, Beispiele der Adaption. Im dritten Kapitel gehen die Autoren – in vergleichsweise knapper Form – auf die Vorgehensweise im Führungskontext ein; jedoch wird auch hier nicht deutlich, um welchen Beratungskontext es sich handelt, wenngleich hier auf einmal die Begrifflichkeit des Unternehmens auftaucht. Das vierte Hauptkapitel, dass sich mit dem Ansatz der neuen Autorität und der Prozess- und Embodimentfokussierten Psychologie befasst, scheint in der Beschreibung und Verwendung dieses Buches eher für die Anwendung durch Therapeuten geeignet zu sein. Für die Anwendung in einem Beratungssetting ohne therapeutischen Hintergrund, für den das Konzept durchaus geeignet erscheint, wirkt die Beschreibung für die Anwendung durch den Laien unangebracht. Im Anhang befinden sich anwenderfreundliche, praktische Übungen, welche die Umsetzung des Ansatzes erleichtern und das Verständnis zum Konzept der neuen Autorität intensivieren.

Fazit

Abschließend bewertet ist das Buch für jene Anwender zu empfehlen, die in den genannten therapeutischen und beratenden Settings der Familienarbeit, der Schularbeit oder Jugendhilfe tätig sind. Personengruppen aus anderen pädagogischen Handlungsfeldern, wie beispielsweise dem Elementarbereich oder in der Arbeit mit pädagogischen Teams im Elementarbereich, können Ansätze aus dem Leitfaden auf ihr jeweiliges Tätigkeitsfeld übertragen und selbstständig den Transfer leisten.


Rezensentin
Anna Carina Weber
Sozialpädagogin (B.A.); Studierende des Masterstudiums Kindheits- und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Management und Beratung an der Hochschule Koblenz; Hauptamtliche Trägerbeauftragte von mehreren Kindertagesstätten im Bistum Limburg.
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Zitiervorschlag
Anna Carina Weber. Rezension vom 22.08.2019 zu: Martin Lemme, Bruno Körner: Neue Autorität in Haltung und Handlung. Ein Leitfaden für Pädagogik und Beratung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. ISBN 978-3-8497-0221-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25784.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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