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Alexander Korittko: Traumafolgen in der Erziehungsberatung

Cover Alexander Korittko: Traumafolgen in der Erziehungsberatung. Richtig erkennen und gezielt helfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 187 Seiten. ISBN 978-3-7799-6119-2. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.

Reihe: Basiswissen Beratung.
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Thema

In der Beratung mit Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern werden viele Symptome und Konfliktkonstellationen verständlich, wenn man die Bedeutung von erlebten Traumata erkennt. Der Autor veranschaulicht in diesem Buch mit einer Vielzahl von Beispielen, wie die Erziehungsberatung in einer traumafokussierten Weise Familienmitglieder unterstützen kann, aus einem Prozess der Erstarrung zu gelangen und das Familienleben neu zu gestalten. Dabei steht nicht immer die Aufarbeitung von Traumata im Mittelpunkt, sondern häufiger die Notwendigkeit stabilisierender Interventionen.

Autor

Alexander Korittko studierte Sozialarbeit und absolvierte Ausbildungen als Paar- und Familientherapeut, Systemischer Lehrtherapeut und als Lehrsupervisor (DGSF). Er war bis 2013 in einer kommunalen Jugend- Familien- und Erziehungsberatungsstelle in Hannover tätig und ist Mitbegründer des Zentrums für Psychotraumatologie und traumazentrierte Psychotherapie Niedersachsen (zptn).

Aufbau und Inhalt

Das Buch erscheint in der Reihe Basiswissen Beratung des Beltz Verlages. Die Buchreihe richtet sich an Fachkräfte der Erziehungs- und Familienberatung und angrenzende Arbeitsfelder. Der Autor will in diesem Buch derzeitige Ideen über Traumata und Traumafolgen in einer übersichtlichen Form mittels vieler praktischer Beispiele und anhand von Interventionen darstellen. Ergänzend werden theoretische Impulse vermittelt.

Der Band gliedert sich insgesamt in acht Kapitel mit einem anschließenden Literaturverzeichnis und einem kleinen Anhang über Buchempfehlungen und einem Hinweis auf Internetportale zum Thema des Buches. Der Autor gibt in den ersten Kapiteln einen Überblick über die Bedeutung von Traumata, die Entwicklungen der Psychodramatopologie, über Risikofaktoren, Resilienz und posttraumatisches Wachstum, die Traumadynamik (viertes Kapitel) und (im fünften Kapitel) über klinische Diagnosen. Im sechsten Kapitel wird die Bedeutung der Stabilisierung betont. Das umfangreiche siebte Kapitel thematisiert die praktische Arbeit mit Traumasymptomatiken in der Erziehungsberatung. Im abschließenden achten Kapitel geht Korittko auf berufsbedingte Belastungen ein.

In den ersten fünf Kapiteln wird jeweils ein kurzer Überblick über grundlegende Thematiken gegeben.

  • Im ersten Kapitel mit dem Titel: „Trauma: Bedeutung heute“ erfolgt eine erste Definition von Psychotrauma, hierunter versteht der Autor eine schockartig überwältigende Situation, eine existenzielle Bedrohung, der man nicht entweichen kann und gegen die man sich nicht zur Wehr setzen kann. Die Bedeutung der sozialen Dimensionen, des Kontextes, wird betont.
  • Das zweite Kapitel beschreibt die Entwicklungen in der Psychotraumatologie. Die Bedeutungen der Langzeitfolgen von Traumata und ihre Auswirkungen im Erwachsenenalter werden betont. Hierzu gehören eine dauerhafte Schädigung des Immunsystems, ein höheres Risiko für Krebs, Herzerkrankungen, chronische Lungenerkrankungen, Diabetes und Schlaganfall. Zudem berichtet der Autor über eine Untersuchung, nach der sich auch emotionale Misshandlungen, ebenso wie Gewalt und Vernachlässigung verheerend wirken können. Die Selbstregulation und der Umgang mit Stress sind häufig lebenslang erschwert. Abschließend wird in diesem Kapitel darauf hingewiesen, dass Untersuchungen unterschiedliche Entwicklungsverläufe bei Traumata aufzeigen. Insgesamt zeigt sich, dass sich Kinder und Jugendliche in den meisten Fällen von traumatischem Stress erholen.
  • Das dritte Kapitel thematisiert „Risikofaktoren, Resilienz und posttraumatisches Wachstum“. Risikofaktoren werden ebenso wie Resilienzfaktoren aufgeführt.
  • Im vierten Kapitel „Trauma und Traumadynamik“ wird auf neurobiologische Grundlagen verwiesen und betont, dass symptomatische Verhaltensweisen sinnvolle Reaktionen im Kontext der Vergangenheit darstellen, jedoch das Leben in der Gegenwart erschweren.
  • Das fünfte Kapitel „Klinische Diagnosen“ definiert kurz die akute Belastungsstörung, die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und die komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Die vielfältigen Traumafolgestörungen bei Kindern werden zusammengefasst.
  • Im sechsten Kapitel mit dem Titel „Stabilisierung als Bestandteil von Trauma-Therapie und Trauma-Beratung“ wird betont, dass Stabilisierung den Vorrang vor einer Traumabearbeitung hat. Oftmals erfordern sequenzielle Traumata und Entwicklungstraumata intensive und dauerhafte Stabilisierungen.
  • Das ausführliche siebte Kapitel thematisiert die Praxis der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Eltern bei Traumasymptomatiken. In diesem Kapitel schildert der Autor eindrücklich Situationen aus seiner langjährigen beruflichen Praxis. Vorgestellt werden u.a. Szenen aus der Traumanachsorge, ein Monotrauma in der Familie wird analysiert, die Auswirkungen eines Kindheitstraumas für die nächste Generation wird ebenso beschrieben, wie die Auswirkungen einer Traumatisierung eines Elternteils auf die Familienmitglieder. Vorgestellt wird beispielsweise eine Methode, in Kindern verfremdet Geschichten einer Traumaheilung erzählt werden. Thematisiert wird zudem ein Fall aus der Flüchtlingsarbeit, ausführlich wird auf die Problematik von Kindern als Zeugen elterlicher Gewalt eingegangen. Zudem finden sich Anmerkungen über Pferdegeschützte Therapie mit Kindern und Jugendlichen.
  • Abschließend werden im achten Kapitel berufsbedingte Belastungen in der Trauma-Arbeit thematisiert.

Zum Abschluss des Kapitels erfolgen jeweils kurze Zusammenfassungen.

Diskussion

In den ersten Kapiteln stellt der Autor wichtige theoretische Grundlagen zusammen, den Schwerpunkt des Buches bildet das Praxiskapitel, indem Korittko praxisnah und theoretisch fundiert wichtige Aspekte auf den Kontext der Erziehungsberatung bezieht. Thematisiert werden häufig vorkommende Thematiken, aber auch zum Beispiel die Gewalt von Kindern gegenüber ihren Eltern. Eindringlich wird beispielsweise auch ein Beispiel vorgestellt, in dem der Autor die Förderung von Ressourcen schildert. Einfühlsam berichtet der Autor beispielsweise von einer traumatisierten Familie, die gemeinsam Zeichnungen erstellt. Zunächst werden Bilder aus der Zeit vor dem Trauma gemalt, anschließend nach dem Trauma und zuletzt (wenn dies angemessen erscheint) Bilder der traumatischen Situation. In einem weiteren Fallbeispiel wird erläutert, wie die Familie ein Codewort finden kann, um Intrusionen eines Familienmitgliedes zu verstehen und besser damit umzugehen.

Im abschließenden Kapitel über berufsbedingte Belastung geht der Autor zudem auch auf den Begriff der Mitgefühlserschöpfung ein, eine Thematik, die noch zu wenig problematisiert wird und die oftmals durch Übertragungsprozesse zur Entstehung von Traumasymptomen bei Helfer*innen beiträgt.

Fazit

Theoretisch fundiert, praxisnah, undogmatisch und sehr einfühlsam stellt der Autor Fälle aus dem Kontext Erziehungsberatung vor.

Dieses Buch kann allen professionellen Helfer*innen im Kontext der Erziehungsberatung sehr empfohlen werden. Den Leser*innen wird sehr kompakt eine umfassende Darstellung geboten.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 06.06.2019 zu: Alexander Korittko: Traumafolgen in der Erziehungsberatung. Richtig erkennen und gezielt helfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6119-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25785.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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