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Wolfgang Frindte, Daniel Geschke: Lehrbuch Kommunikationspsychologie

Cover Wolfgang Frindte, Daniel Geschke: Lehrbuch Kommunikationspsychologie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 504 Seiten. ISBN 978-3-7799-3862-0. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

„Indem Menschen mit jeweils unterschiedlichen individuellen Vorstellungen von der Welt kommunizieren, entstehen offenbar auch völlig neue Wirklichkeiten, oder anders gesagt: neue Vorstellungen über die Welt. Wir haben es mit Interaktionsformen zu tun. Im Raum der interpersonalen Interaktionen können der oder die einzelne ihre Wirklichkeitskonstruktion sowohl ausprobieren, validieren und auf ihre Passfähigkeit prüfen als auch neu konstruieren“, schreiben Wolfgang Frindte und Daniel Geschke im Vorwort zum „Lehrbuch Kommunikationspsychologie“ (S. 12). Was Kommunikation ist, welche Aspekte sie hat und welche Wirkungen sie im interpersonalen Kontakt, in Intergruppenkontexten und im medialen Zusammenhang entwickelt – es sind die Themen des vorliegenden Lehrbuches.

Verfasser

Prof. Dr. Wolfgang Frindte ist Dipl.-Psychologe und war von 2008 bis März 2017 Leiter der Abteilung Kommunikationspsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seine Forschungsschwerpunkte sind makrosozialer Stress und Terrorismusforschung, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus, digitale Medien und Gewalt.

Dr. Daniel Geschke ist ebenfalls Dipl.-Psychologe und seit 2016 wissenschaftlicher Referent am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena. Seine Forschungsschwerpunkte sind Intergruppenbeziehungen, Akkulturation und Integration, Vorurteile und Diskriminierung im Kontext von Migration, Medienwirkungen, Radikalisierung, Rechtsextremismus und Hassverbrechen.

Aufbau und Inhalt

Die Struktur des Lehrbuchs (einer gründlichen Überarbeitung der 2001 erschienenen Einführung in die Kommunikationspsychologie) ist weitgehend erhalten geblieben, um aus psychologischer Perspektive 1. individuellen Voraussetzungen der interpersonalen Kommunikation, 2. die interpersonale Kommunikation zwischen zwei oder mehreren einzelnen Personen, 3. die Kommunikation innerhalb von Gruppen (Gruppenkommunikation), 4. zwischen Gruppen (Intergruppenkommunikation), 5. die interkulturelle und 6. die mediale Kommunikation zu behandeln. Alle Kapitel sind inhaltlich aktualisiert, z.B. auch unter Bezugnahme auf aktuelle Theorie Entwicklungen empirische Befunde.

Das Lehrbuch ist einschließlich der als Schlusswort zu begreifenden letzten beiden Seiten in zwölf Kapitel aufgeteilt, wobei die Autoren einer strikten Logik folgen, zunächst Grundlagen zu bearbeiten und anschließend spezielle Aspekte der Kommunikation zu diskutieren:

  • Kapitel 1 (in Anlehnung an Spinoza übertitelt: „Wir kommunizieren, also bin ich“. Kommunikationspsychologie – ein Versuch der Verortung) fängt mit einigen Witzen als direkt anschaulicher Form menschlicher Kommunikation an. Hier wird geklärt, was in der Kommunikation zu verstehen ist, wie Kommunikation sowohl individuell als auch in Form der Massenkommunikation zu begreifen ist (S. 15 – 36).
  • Kapitel 2 (Prolegomena zu einer Geschichte der Kommunikationspsychologie. Kurze Geschichte und lange Vergangenheit) reflektiert in einem (angemessen knappen) historischen Abriss das Werden von Kommunikation und Kommunikationspsychologie (S. 37 – 73).
  • Kapitel 3 (Wissenschaftstheoretische Grundlagen) diskutiert im Kontext der Überlegungen Paul Feyerabends einen ersten Zugang zu psychologische Theorien der Kommunikation (S. 74 – 84).
  • Kapitel 4 (Theoretische Grundlagen) wird grundsätzlicher. Hier werden spezielle kommunikationspsychologische Theorien (symbolischer Interaktionismus, Theorie des kommunikativen Handelns, Niklas Luhmanns Kommunikationstheorie selbstreferentieller Systeme) behandelt und zwischenmenschliche Kommunikation vertieft (S. 85 – 120).
  • Kapitel 5 (Individuelle Hintergründe von Kommunikation – Wer kommuniziert wie? Ausgewählte Phänomene und Theorien) behandelt unter anderem Persönlichkeit, Persönlichkeitseigenschaften und kommunikatives Verhalten, Emotionen in der Kommunikation, Kognitionen (einschließlich kognitiver Dissonanz) und Einstellungen (S. 121 – 192).
  • Kapitel 6 (Kommunikation als interaktives Geschehen – Wer kommuniziert mit wem in welcher Weise?) beginnt mit der sog. Lasswell-Formel und Karl Bühlers Sprachtheorie, geht über Paul Watzlawick und das pragmatische Modell der Kommunikation hin zum Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun. Selbstoffenbarung und Selbstdarstellung, nonverbale Kommunikation, sprachliche Kommunikation sind weitere Gegenstände des Kapitels (S. 193 – 249).
  • Kapitel 7 (Kommunikation als Gruppengeschehen) behandelt übersichtlich gruppenspezifische Aspekte menschlicher Kommunikation(S. 285 – 318),
  • während im Kapitel 8 (Kommunikation als Intergruppengeschehen) dagegen (zunächst im Rekurs auf Stanley Milgram und Philip Zimbardo) kommunikative Aspekten sozialer Identität, Selbstkategorisierung, sozialem Wandel und sozialen Einfluss und Konformität (Salomon Asch) Thema sind (S. 285 – 318).
  • Kapitel 9 (Interkulturelle Kommunikation) nimmt kulturspezifische Aspekte menschlicher Kommunikation in den Blick, so z.B. in Bezug auf die Kulturtheorie von Geert Hofstede, interkulturellem Kontakt und Diversität (S. 319 – 348).
  • Kapitel 10 (Kommunikation mit Massenmedien) schließlich nimmt das Medienhandeln und die mediengestützte Kommunikation in den Blick. Hier beginnen die Autoren zunächst mit der Mediennutzung zwischen (rechtspolitisch behaupteter) „Lügenpresse“ und der Funktion der Medien als Sozialisationsinstanzen (S. 349 – 397). Der aktuelle Bezug ist also unmittelbar gegeben.
  • Kapitel 11 (Soziale Medien als Bühne des 21. Jahrhunderts) wendet sich digitalen Aspekten und virtueller Kommunikation (z.B. Facebook und Co.) zu. Hier gehen die Autoren auch schon auf die Wahlbeeinflussung durch Datengebrauch und -manipulation seitens Cambridge Analytica im Wahlkampf von Trump ein, wodurch ein unmittelbarer Bezug zum geplanten und kalkulierten Missbrauch virtueller Kommunikationsmodi hergestellt wird. (S. 398 – 432). Kapitel 11 und 12 haben Peter Holtz und Johannes von Hoyer unter Begleitung von Wolfgang Frindte verfasst.
  • Das abschließende (zwei Seiten „lange“) 12. Kapitel (Communicamus ergo sum!) greift als Schlussplädoyer die Spinoza-Formel – ich denke, also bin ich – wieder auf: Menschen, so das Credo, kommunizieren, um sich ihre Einsamkeit zu entledigen. Sie kommunizierten, um der Welt einen Sinn zu geben, um Ordnung herzustellen. Dies muss nicht zwingend erfolgreich sein, es kann mit Hemmnissen und (kommunikativen) Überraschungen verbunden sein. Daher seien die Autoren mit ihrer abschließenden Empfehlung zitiert: „Trimmen Sie sich denken sie über die Psychologie der Kommunikation über die wirklich wichtigen Menschheitsfragen nach, empören Sie sich, aber vernachlässigen Sie ihre Freundinnen und Freunde nicht und lachen sie mal wieder“ (S. 434).
  • Ein umfangreiches Literaturverzeichnis über 51 Seiten, mithin rundherum 1.500 Titel, vervollständigt den Band. Der Literaturstand ist bis 2018 aktuell.

Der Band wird mit einem elfseitigen Namens- und einem achtseitigen Sachregister abgeschlossen.

Diskussion

Im Prozess des zitierten „Trimmens“ leistet das vorliegende Lehrbuch sehr wertvolle Hilfestellung. Es ist konsequent aufgebaut, arbeitet im Rahmen der Ansprüche eines Lehrbuches umfassend die Grundlagen auf, um spezieller werdend zentrale Aspekte menschlicher und technischer Kommunikation herauszustellen. Den Band kennzeichnet nicht nur diese stringente Struktur, sondern auch die fundierte sachliche Breite zwischen Grundlageninformation und Vorstellung der relevanten empirischen Befunde.

Jedem Kapitel ist das jeweilige (Lern-) Ziel vorangestellt, so z.B. im 5. Kapitel, das den Anspruch hat, dass nach der Lektüre des Kapitels wichtige individuelle Hintergründe von Kommunikation kennengelernt worden sein und erklärt werden können sollen – ein Ziel, das anschließend in elf Unterpunkten konkretisiert wird.

Um diese (Lern-) Ziele zu erreichen, arbeiten Wolfgang Frindte und Daniel Geschke auch mit einer Reihe von Übersichten und Tabellen, so z.B. einer Auswahl relevanter Bezugswissenschaften der Kommunikationswissenschaft (S. 45), einer Übersicht über kommunikationspsychologisch relevante Theorien nach Umfang und Reichweite (S. 93), einer Übersicht über psychologische Prozesse in der zwischenmenschlichen Kommunikation (S. 124), einer Darstellung zum immer wieder herangezogenen „Eisbergmodell“ (un-) sichtbarer und (un-) bewusster Aspekte von Kultur (S. 327) oder einer Abbildung zur Wirkung sozialer Identität im Kontext von Medienwahl und dem Medienrezeption (S. 363). Tabellarisch werden z.B. die am häufigsten zitierten Theoretiker der Kommunikationswissenschaft dargestellt (S. 48).

Neben entsprechend hervorgehobenen Definitionen formulieren die Autoren Zwischenfazits und Verweise auf spätere Kapitel. An das Ende eines Kapitels stellen sie Empfehlungen zur weiterführenden Fachliteratur und Hinweise für eine „themenbezogene Unterhaltung“ – letzteres wohl mit einem Augenzwinkern, denn (so die Empfehlungen am Ende des 3. Kapitels) das Interview Rüdiger Safranskis mit Paul Feyerabend und der sog. „Kant- Roman“ von Klaas Huizing („Das Ding an sich. Ein Kant-Roman“) stellen im Kern ja nicht wirklich Unterhaltung, sondern eine andere Form der Diskussion dar – auch hier bleibt das Lehrbuch stets fachlich.

Zwischenbemerkung zu den Zielgruppen

In erster Linie wendet sich das vorliegende Lehrbuch an Student*innen der Kommunikationswissenschaft und Kommunikationspsychologie. In der Draufsicht auf den Band lassen sich drei Schwerpunkte allein schon durch den Umfang der Darstellung erkennen, so Kapitel 5 zu den individuellen Hintergründen der Kommunikation (S. 121 - 192), Kapitel 6 zur Kommunikation als interaktive im Geschehen (S. 193 - 249) und Kapitel 10 zur massenmedialen Kommunikation (S. 349 - 399). Diese Schwerpunktsetzung macht den Band auch anschlussfähig für Studierende anderer Disziplinen, z.B. der Sozialen Arbeit, für die diese Aspekte durchaus von pragmatischer Relevanz sein dürften.

Das „Lehrbuch Kommunikationspsychologie“ ist nicht nur aufgrund seines Inhaltes ein echtes Schwergewicht, sondern auch aufgrund seines Umfangs (504 Seiten). Das mag für Student*innen zunächst eine „Hürde“ darstellen. Wolfgang Frindte schrieb mir dazu, wie ich finde, treffend: „Es gibt ja von Groucho Marx den schönen Ausspruch 'Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese'. Aber was tun, wenn das, was ich lesen will oder muss, zu lang ist? Und wenn es sich dann noch um ein mehr als 500 Seiten umfassendes Lehrbuch handelt. Zwei Möglichkeiten bieten sich an: a) Stattdessen doch Fernsehen gucken, b) Unser Lehrbuch wie einen Steinbruch benutzen. Je nachdem, was an der Kommunikationspsychologie interessiert oder im Seminar gerade behandelt wird (z.B. das Individuelle, das Gruppenbezogene, das Interkulturelle oder die sozialen Medien), lassen sich die einzelnen Kapitel auch einzeln lesen. Man kann zwar von vorne anfangen, muss aber nicht. Als Orientierung helfen das Inhaltsverzeichnis, das Sach- und Personenverzeichnis und – vor allem – die am Anfang von jedem Kapitel von uns formulierten Lernziele. Sicher, auch wir hätten uns gewünscht, das Buch noch didaktischer gestalten zu können. Das ging leider nicht. Es ist eh zu lang. Letztlich kann man sich nur mit Voltaire herausreden, dass alle Bücher meist zu lang sind.“

Fazit

Das vorliegende Lehrbuch hat das Zeug zum Standardwerk, gedacht und geeignet für all diejenigen, die mit differenten Formen alltäglich vermittelter Kommunikation zu tun haben, sich dort auskennen und ein Verständnis für die Zusammenhänge zwischen individueller, gruppenbezogener und massenmedial vermittelter Kommunikation entwickeln müssen. Ich rate sehr zum Erwerb!


Rezension von
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Professur für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 13.02.2020 zu: Wolfgang Frindte, Daniel Geschke: Lehrbuch Kommunikationspsychologie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3862-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25787.php, Datum des Zugriffs 02.04.2020.


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