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Willi Winkler: Das braune Netz

Cover Willi Winkler: Das braune Netz. Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde. rowohlt Berlin Verlag (Berlin) 2019. 414 Seiten. ISBN 978-3-7371-0039-7. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

Das deutsche Volk, meint er anklagend, habe sich „fast widerstandslos, ja zum Teil mit Begeisterung (…) gleichschalten lassen. Darin liegt seine Schuld. Im übrigen hat man aber auch gewußt – wenn man auch die Vorgänge nicht in ihrem ganzen Ausmaße gekannt hat –, dass die persönliche Freiheit, alle Rechtsgrundsätze, mit Füßen getreten wurden, dass in den Konzentrationslagern große Grausamkeiten verübt wurden, dass die Gestapo, unsere SS und zum Teil auch unsere Truppen in Polen und Rußland mit beispiellosen Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung vorgingen. Die Judenpogrome 1933 und 1938 geschahen in aller Öffentlichkeit…Man kann also wirklich nicht behaupten, dass die Öffentlichkeit nicht gewusst habe, dass die nationalsozialistische Regierung und die Heeresleitung ständig aus Grundsatz gegen das Naturrecht, gegen die Haager Konvention und gegen die einfachsten Gebote der Menschlichkeit verstießen.“

Das hätte Hans-Gerhart („Joscha“) Schmierer, später die bedeutendste Führungsfigur des „Kommunistischen Bundes Westdeutschland“ (KBW, 1973-1985) im Jahr1969 sagen – oder besser: schreien – können, als er den als seinen Doktorvater ins Auge gefassten Heidelberger Historiker Werner Conze, den einflussreichsten Geschichtswissenschaftler der jungen Bonner Republik, bei einer Diskussionsveranstaltung in der Neuen Aula der Universität (schlicht „Hörsaal 13“) mit Eiern bewarf. Weil Werner Conze, der 1969/70 Rektor der Universität Heidelberg war, das Vorgehen der Wehrmacht in Osteuropa doch eher beschönigte und legitimierte als es klar darzulegen und kritisch zu bewerten. Das sollte erst ein viertel Jahrhundert später! in der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ möglich sein.

Ich gehörte damals zu den „nicht-orthodoxen Linken“ Heidelbergs, die von Joscha schon 1969 als „Spontis“ verspottet wurden. Wir zollten ihm dennoch über Jahre bei aller Kritik für seine Kotaus vor sich „kommunistisch“ nennenden Diktatoren und Verbrechern wie Mao Zedong (Mao Tse-tung) und Pol Pot unseren Respekt dafür, dass er einen feinen Instinkt fürs „Nazitum“ hatte. Und den hatte er auch im Falle von Werner Conze. Er ahnte mehr als er wissen konnte, dass „Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“ vielfach und auch im Falle des Werner Conze faktisch hieß: Unter den Talaren Muff aus dem „tausendjährigen“ Jahrzwölft. Ich zitiere kommentarlos die einschlägige Passage aus dem Werner Conze – Wikipediaeintrag:

„Zehn Jahre nach seinem Tode [im Jahre 1986, da gab es den KBW schon seit vier Jahren nicht mehr] wurde Conze …Gegenstand einer öffentlichen Debatte, die auf dem deutschen Historikertag in Frankfurt am Main 1998 [da war der KBW schon weitgehend vergessen] ihren Höhepunkt fand. Conze war seit 1937 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 5.089.796) und seit 1933 Mitglied der SA. Ihm und seinen Kollegen wurde die geistige Vorbereitung der NS-Bevölkerungspolitik in Osteuropa vorgehalten. Einzelne frühe Texte von Conze enthalten antisemitische Passagen. Neuere Untersuchungen, die sich intensiver und unvoreingenommener mit seinen frühen Publikationen – insbesondere der 1930er Jahre – beschäftigten, bestätigen, dass Conze bereits vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs durchaus systemnah bzw. systemstützend argumentiert hatte, beispielsweise ein ‚erbgesundes Bauerntum als Blutquell des deutschen Volkes‘ empfahl und 1940 die ‚Entjudung der Städte und Marktflecken‘ im besetzten Polen verlangt hatte.“

Das eingangs referierte Zitat könnte also aus gutem Grund von Joscha Schmierer stammen, aber auch – aus gleichen oder vergleichbaren Gründen – von Rudi Dutschke oder Joschka Fischer. Aber nein, es stammt von einem anderen Hellsichtigen. Von einem, der nicht nur eine Generation, sondern deren zwei älter ist als die „68er“ – von dem bereits 1967 im Alter von 91 Jahren verstorbenen Konrad Adenauer. Das Zitat stammt aus seinem Schreiben vom 23. Februar 1946 als siebzigjährigem Rentner an Bernhard Custodis, einen Geistlichen Rat und Schulfreund, der an St. Elisabeth in Bonn als Pfarrer wirkte. Der Brief wurde der Öffentlichkeit erst 1983 zugänglich gemacht (Morsey & Schwarz, 1983, S. 172; hier zitiert nach der Buch-Eingangspassage auf S. 5-6).

Konrad Adenauer wurde der erste Bundeskanzler der Bonner Republik und blieb das bis 1963. Die Entstehung dieses Staates wird auf den Anbruch des 24. Mai 1949 datiert, das In-Kraft-Treten des Grundgesetzes aber auf den Ablauf des 23. Mai 1949. Das Grundgesetz ist älter als die Bundesrepublik, es geht ihr voraus. Das Grundgesetz wurde auf Anregung / im Auftrag der Westalliierten vom Parlamentarischen Rat erarbeitet, zu dessen Präsidenten am 1. September 1948 Konrad Adenauer gewählt worden war. (Noch) 1949 gab es beste Voraussetzungen für die Entwicklung eines west-deutschen Staates in antifaschistischer und antimilitaristischer Tradition, der den Rahmen für eine mehrheitlich links-liberale Gesellschaft hätte bieten können.

Es kam anders. Viel anders. So sehr anders, dass Beate Klarsfeld dem amtierenden Bundeskanzler (seit 1966) Kurt Georg Kiesinger, damals zugleich Bundesvorsitzender der CDU während des CDU-Parteitags in Berlin am 7. November 1968 auf dem Podium der Berliner Kongresshalle eine Ohrfeige verpasst und ihm dabei zurief: „Nazi, Nazi, Nazi!“; Kurt Georg Kiesinger war NSDAP-Mitglied seit 1933. Beate Klarsfeld hat sich zusammen mit ihrem Mann Serge Klarsfeld, dessen Vater in Auschwitz umgebracht wurde, nicht damit zufrieden gegeben, dass man (und frau) in (West-)Deutschland nach dem Holocaust faktisch zur Tagesordnung übergegangen war.

Als Baden-Württemberger hatte ich meine Erfahrungen mit Kurt Georg Kiesinger; er war von 1958 bis 1966 Ministerpräsident dieses Bundeslandes, von meinem fünften Schuljahr bis zum Jahr vor dem Abitur. Er gab für den heranwachsenden Linken das beste Feindbild ab. Damit wir nicht unter Entbehrung zu leiden hätten, wurde nach ihm Hans Filbinger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, jener Ex-Nazi und frühere Marinerichter, den Rolf Hochhuth öffentlich als „furchtbaren Juristen“ bezeichnet hat. Dass er sich nach wie vor bestens auf die harte Hand verstand, zeigte er nicht zuletzt darin, dass er ab 1968 kasernierte Polizei aus Göppingen brutal auf demonstrierende Heidelberger Student(inn)en einschlagen ließ.

Man ahnt: Da ist in West-Deutschland etwas gründlich schief gelaufen in den 20 Jahren bis 1968. Und wem „schief gelaufen“ als zu bewertend erscheint, der möge den Satz in folgender Version lesen: In den 20 Jahren bis 1968 gab es in West-Deutschland eine gesellschaftliche und politische Entwicklung, die in den ersten drei Nachkriegsjahren so nicht vorhersehbar war. Sie ist aber im Nachhinein in eben dem Maße verständlich, in dem wir aufgeklärt werden über die Kräfte, die damals am Werke waren und weshalb diese überhaupt Wirkkraft entfalten konnten. Im vorliegenden Falle geraten frühere Nazis in den Blick – und zwar nicht nur die üblichen „Mitläufer“, sondern Menschen, die Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschheit (crimes against humanity) begangen und/oder sich am Genozid beteiligt hatten.

Autor

Willi Winkler wurde geboren 1957 – und damit mindestens ein Jahrzehnt zu spät für aktive Teilnahme am deutschen „68“. Geburtsort ist Sittenbach, damals 153 Einwohner, gelegen im hinteren Dachauer Hinterland und gerade eben noch in Oberbayern und nicht in Bayerisch Schwaben; der Autor misst diesem kleinen, aber feinen Unterschied nicht zuletzt deshalb Wert zu, weil er seine Gymnasialjahre in einem Internat im schwäbischen Kultur- und Sprachraum verbringen wird, wo man mit Bairisch zu den Underdogs gehörte (Spies, 2007).

Die Familie, in die er geboren wurde, war eine katholische „Kleinhäuslerfamilie“ (Spies, 2007). Wer es gerne in gepflegtem Soziologendeutsch haben möchte: Über Willi Winklers „Kapitalausstattung“ im Sinne Pierre Bourdieus kann man nur sagen: Er war weder mit ökonomischem Kapital gesegnet noch mit kulturellem – und die üblichen (über-)lebensnützlichen „Beziehungen“ (soziales Kapital) hatte er offensichtlich auch nicht. Aber 1967 kam er dennoch aufs Gymnasium. Und das eben auf die Art und Weise, wie selbst noch Ende der 1960er viele begabte katholische Arbeiter- und (Klein-)Bauernsöhne vom Land aufs Gymnasium kamen. Einem aufmerksamen Lehrer oder Priester entging seine Begabung offensichtlich nicht und empfahl ihn fürs – natürlich katholische – Internat; die Kirche brauchte schon damals dringend Priesternachwuchs.

Nach dem Abitur studierte er im nahen München und fernen St. Louis; dort an der Saint Louis University, der viertgrößten Jesuitenhochschule in den USA, die zu den fünf besten katholischen Universitäten des Landes gehört. Danach arbeitete er in unterschiedlichen Funktionen für die ZEIT, den SPIEGEL und die SÜDDEUTSCHE. Vor allem aber war er Bücherschreiber, und zwar einer, der sich nicht mit kleinen Themen aufhielt. Es begann mit „Alle meine Deutschen: Ein Bestiarium“ (Berlin: Fest, 1998), das vorletzte Buch war „Luther. Ein deutscher Rebell“ (Berlin: Rowohlt, 2016).

Anlässlich dessen Erscheinens kam es zu einem Interview mit der FRANKFURTER ALLGEMEINEN (Rüther, 2016), aus dem nachstehend zitiert wird, weil Willi Winkler damit einige Kontur gewinnt:

„Sie haben über den Kirchenkritiker Karl-Heinz Deschner geschrieben, die RAF, die Stones, jetzt über Luther. Rebellen interessieren Sie. Sagen wir: Dissidenten. Was reizt Sie an Dissidenz?

Ja, wen reizt sie nicht? Man träumt sich an Leute hin, die sich was getraut haben, von Billy the Kid bis Keith Richards. Das sind die modernen Heiligen. Die sterben an deiner Stelle. Man reibt ein bisschen Blattgold ab für sich selber.

Wären Sie dann also lieber Protestant gewesen?

Niemals! Die wahre Religion ist die katholische.

Wirklich nicht? Wenn man als Messdiener am Altar steht, das Establishment vor Augen, denkt man da nicht manchmal an die Alternative?

Ich bin der klassische entlaufene Katholik. Als ich nach Hamburg kam und hier in protestantische Kirchen ging, bei Beerdigungen zum Beispiel: Entschuldigung, so sparsam möchte ich nicht unter die Erde kommen. Ich möchte die Bauernmesse von Franz Schubert hören und nicht irgend so ein freudloses Geraune. Furchtbar.“

Und dann gibt es noch folgende Passage aus dem BR-ONLINE-Interview vom 27.2.2007 (Spies, 2007), da hatte er die Arbeit an „Die Geschichte der RAF“ (Berlin: Rowohl, 2007) abgeschlossen:

„Winkler: Als Erstes muss ich mal den Vorwurf zurückweisen, ich sei ein netter Kerl.

Spies: Das habe ich gehofft, dass Sie das sagen werden.

Winkler: Das bin ich überhaupt nicht, und wenn es einen Anschein in der Richtung gäbe, dann bitte ich, diesen gleich wieder zu vergessen. Nein, es war mir nicht klar, dass ich da enden würde, wo ich inzwischen angekommen bin – an diesem Tiefpunkt. Ich hatte irgendwie die Vorstellung, ich müsste so etwas wie Professor werden, weil ich doch sehr antiquarische und archivalische Interessen habe. Aber dass ich nach dem Abitur in die Fabrik gegangen bin, hatte vor allem materielle Gründe. Ich hatte einfach überhaupt nichts. Ich glaube, ich habe mit 20 Jahren über 50 Mark verfügt. Ich muss hier selbstverständlich zugeben, dass ich ein Günstling der Bildungsreform bin, soweit sie vom Staat finanziert war: Ohne BAföG hätte ich nicht studieren können. Ob es richtig war, dass ich studiert habe, ist natürlich eine ganz andere Frage. Ich hätte ja auch wie meine Geschwister Handwerker werden können: Das wäre wenigstens was Solides. Aber es ist halt so gekommen und nachträglich sehe ich in diesem einen Jahr, in dem ich aus dieser vorgegebenen Laufbahn ausgeschert bin, doch auch so ein Moment von Unsicherheit. Ich war mir einfach nicht sicher, ob es so weitergehen soll, ob ich überhaupt das Entreebillett in eine akademische Laufbahn habe. Das war also schon so eine eingebaute Bremse. Sie haben das vorhin als Scham bezeichnet: Ich meine ja immer noch nicht, dass ich mit Recht in dieser abgehobenen, abstrakten, akademischen, journalistischen, publizistischen Sphäre bin. Ich komme mir durchaus immer noch wie ein Hochstapler vor.“

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat nach der Einleitung sieben Kapitel und anschließend einen Schluss-Teil, dem sich ein Anhang anschließt mit nach Buchteilen nummerierten Anmerkungen (faktisch: Quellenangaben), einem Personenregister, einer Zeittafel (von der Machtübergabe an Hitler 1933 bis zur Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler 1969) und einer Dank-Sagung.

Die Einleitung mit dem Untertitel „Glücklich ist, wer vergisst“, bietet eine Horizonteröffnung und benennt das Anliegen des Buches:

„In den Fünfzigern war viel von Restauration die Rede, doch wurde weder die Weimarer Republik noch das Kaiserreich und schon gar nicht das ‚Dritte Reich‘ wiederhergestellt. Der Bundesrepublik gelang ausgerechnet mit den alten Nazis ein richtiger Neustart. Das Land, das Europa verheert hatte, verwandelte sich, geschrumpft zwar, binnen weniger Jahre zum modernsten Land Europas. Der Preis dafür war hoch. Da er aber anders als die Kosten für das erste Auto, für die Hollywoodschaukel, für die dynamische Rente nicht zu beziffern war, wurde er gerne entrichtet. Von der moralischen Katastrophe, die dabei verschwiegen wurde, handelt dieses Buch.“ (S. 19).

Danach folgen, verteilt auf 330 Buchseiten sieben Buchteile, von denen ein jedes in der Sache dicht gedrängt ist und gespickt mit einer Unzahl von Namen, geschrieben in einem dynamischen Stil, der einem wenig Zeit zum Nachdenken lässt – und man sich oft von dem Buch loszureißen muss, um im Kopf wieder Ordnung zu schaffen. Ich spreche bewusst von „Buchteilen“ und nicht „Kapiteln“, weil der Begriff „Kapitel“ eine Vorstellung von „Ordnung“ nahelegt, die das Buch nicht hat – und nicht haben will. Was uns der Autor darbietet, kann man als „Sieben Variationen zum Thema ‚Das Braune Netz‘“ ansehen oder das Vorführen von sieben Bilderbögen zur Thematik. So abwechslungsreich, kurzweilig und spannend diese literarische Gestaltung für die Lektüre ist, für eine prägnante Darstellung des Inhalts wirft sie (mir) unlösbare Schwierigkeiten auf.

Ich belasse es daher bei einer nicht weiter erläuterten Wiedergabe der einzelnen Teile-Titel:

  1. Die Mörder sind unter uns
  2. Überall Verrat: Der Kommunismus bedroht die Bundesrepublik
  3. Eine Frage der Ehre. Mit Hitlers Soldaten wird die Bundeswehr remilitarisiert
  4. Heiss‘ mich nicht reden, heiss‘ mich schweigen. Jean Améry und Hans Egon Holthusen: Wenn ein KZ-Überlebender einen SS-Mann trifft
  5. Wer bin ich? Aus Hans Schneider wird Hans Schwerte
  6. „Dieses Schmierblatt wird ja leider Gottes gelesen.“ Konrad Adenauer versucht, die Medien zu kontrollieren
  7. Deutschland hat die Wahl. „Ein Stück Machtwechsel“, der zwanzig Jahre auf sich warten lässt

Im Schluss-Teil lässt der Autor seinen Betrachtungszeitraum enden mit dem Jahr 1969. Im März 1969 wurde der Anti-Faschist Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt; die SPD hatte dazu eine Mehrheit mit der FDP organisiert. Er bezeichnete seine Wahl mit dem viel zitierten Ausdruck „ein Stück Machtwechsel“. Der kam zu einem größeren Stück ein halbes Jahr später, als der Nazi-Gegner Willy Brandt Bundeskanzler wurde.

Natürlich war es 1969 noch nicht völlig vorbei mit der Alt-Nazi-Kumpanei. Aber die wurde von da an gesellschaftlich und politisch unbedeutender.

Diskussion

Vieles von dem, was in vorliegendem Buch über das „Braune Netz“ in der frühen Bundesrepublik erzählt, war mir bekannt; es handelt von den ersten zwei Jahrzehnten meines Lebens, in denen ich aus verschiedenen Gründen nicht allzu lange „Kind“ war und über die ich schon „68“ gründlich nachdachte. Vieles aber überrascht auch mich; wir konnten 1968 noch nicht wissen, wie groß und tief der braune Sumpf tatsächlich war. Wer vom „Braunen Netz“ jener Jahre keine Kenntnis hat, was beim schulischen Geschichtsunterricht der letzten Jahrzehnte kein Wunder ist, wird sich des Öfteren fragen: War das wirklich so schlimm? Übertreibt der Autor denn nicht? Gibt Willi Winkler dem „Braunen“ denn nicht allzu viel Gewicht? Ja, es war so schlimm, der Autor übertreibt nicht und Willi Winkler schätzt das Gewicht des „Braunen“ nicht zu hoch ein.

Zu dieser Einschätzung kommt man, nimmt man andere „einschlägige“ Darstellungen in den Blick. Etwa das Buch „Die Stunde der Exekutive. Das Bundesinnenministerium und die Notstandsgesetze 1949–1968 (Göttingen: Wallstein, 2019), des Historikers Martin Diebel, Jg. 1986, in dem er seine wissenschaftliche Mitarbeit 2016–2018 am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam in der Forschungsgruppe zur Geschichte der Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin bilanziert. In einem ZEIT-Interview vom 23. Mai 2019 (Staas, 2019) äußert er sich u.a. so:

„ZEIT: Ging vom [CDU-geführten Bonner] Innenministerium in den Fünfzigerjahren eine ernste Gefahr für die Demokratie aus?

Diebel: Wenn man sich vor Augen führt, dass auch Behörden wie der Bundesnachrichtendienst, der Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt mit ehemaligen Parteimitgliedern, SS-Leuten und Gestapobeamten durchsetzt waren, muss man sich schon fragen: Was, wenn diese Leute in einer Notstandssituation ohne jedes Korrektiv agiert hätten? Zumal man im Innenministerium nicht nur eine Notstandsverfassung entwarf, sondern auch konkrete Notverordnungen [z.B. Festsetzung „kommunistischer Staatsfeinde“], die im Krisenfall greifen sollten, obwohl es dafür noch gar keine gesetzliche Grundlage gab!“

„Das Land, das Europa verheert hatte, verwandelte sich, geschrumpft zwar, binnen weniger Jahre zum modernsten Land Europas. Der Preis dafür war hoch. Da er aber anders als die Kosten für das erste Auto, für die Hollywoodschaukel, für die dynamische Rente nicht zu beziffern war, wurde er gerne entrichtet. Von der moralischen Katastrophe, die dabei verschwiegen wurde, handelt dieses Buch.“ (S. 19) Das sind die schon oben referierten letzten Sätze der „Einleitung“; hier wird das Anliegen des Buches in aller Klarheit formuliert.

Nur: Wer interessiert sich denn noch für die in vorliegendem Buch geschilderten Ereignisse und Geschehnisse? Für wen sind sie denn eine „moralische Katastrophe“? Und wer, bitte schön, soll sich gar noch entrüsten über deren „Verschweigen“? Der Autor natürlich – und ich, ein „Alt-68er“. Dann sicher noch viele andere „Alt-68er(innen)“ und eine ganze Reihe von Menschen unterschiedlichen Alters aus höchst verschiedenen Gründen. Aber allzu viele dürften es nicht mehr sein. Und das doch nicht nur aus Geschichtsverdrossenheit und Unlust an der Politik. Sondern auch wegen der durchaus realen Gefahr, beim Sich-vertiefen in das Dort-und-damals das Hier-und-heute aus dem Blick zu verlieren.

In einem ZEIT-Artikel vom 16. Mai 2019 (Schwarz, Seifert & Tönnesmann, 2019) wird der Jungunternehmerin Verena Bahlsen, zu einem Viertel Besitzerin der Unternehmensgruppe The Bahlsen Family, vorgehalten, sie habe die im Bahlsen-Werk während der NS-Zeit bewerkstelligte Zwangsarbeit verharmlost. Ja, bitte, was darf man (und frau) denn von einer Person, deren einziges „Güte“-Merkmal offensichtlich darin besteht, Erbin zu sein, erwarten? Der Papa, Werner Bahlsen, hat bei besagter Angelegenheit schnell begriffen, dass der Erziehung von Verena etwas suboptimal gelaufen ist. Er hat sich ins Zeug geworfen und dabei die Komplizenschaft der Bahlsen-Vorderen auch mit der SS eingeräumt (Bohr, Dahlkamp & Schmitt, 2019).

Die Überschrift des betrachteten ZEIT-Artikels lautet „Verena Bahlsen: Die Unternehmerin hat Zwangsarbeit verharmlost. Wie konnte das passieren?“ Wie wäre es mit einem Zeitschriftenartikel „Verena Bahlsen: Die Unternehmerin kam zu Reichtum, ohne Steuern zu zahlen. Wie konnte das passieren?“ Die politisch interessierte Jugend von heute findet diese Frage viel wichtiger als jene nach „Zwangsarbeit“. Die kommt ihnen nicht nur ältlich vor, sondern auch hinderlich. Weil sie den ihrer Ansicht nach hier und heute wichtigen Fragen öffentliche Aufmerksamkeit stiehlt. Zu den Fragen gehören neben jener nach einem a-sozialen Erbrecht, auch die, ob denn die Unternehmen, an denen Verena Bahlsen Anteilseignerin ist, ihre Mitarbeiter(innen) im In- und Ausland rechtmäßig entlohnt und für deren Sozialversicherung sorgt. Ferner, ob Bahlsen-Gelder in Immobiliengeschäfte verwickelt sind, bei denen die Wohnungsnot von Menschen geringen Einkommens ausgenutzt wird. Und schließlich: Was ist der ökologische Fußabdruck eines Leibnitz-Kekses oder einer Bahlsen-Salzlette?

Das vorliegende Buch ist implizit auch eines über die Funktion und Bedeutung der (Alt-)68er(innen). Der Psychologe Stephan Grünewald, Jg. 1960, Gründer und Geschäftsführer des Kölner Rheingold Institutes und unlängst mit „Wie tickt Deutschland?“ (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019) ins Licht der Öffentlichkeit getreten, ist unverdächtigt, ein „Alt-68er“ oder „68er“-Sympathisant zu sein. Rufen wir ihn also als gleichsam „Neutralen“ in den Zeugenstand. In einem ZEIT-Interview vom 16. Mai 2019 (Merlind, 2019, S. 2) erklärt er u.a.:

„Die erste Zäsur kam 1968, als das Verdrängte mit Wucht ins Bewusstsein gelangte: Erst jetzt setzte man sich wirklich mit den alten, teils nationalsozialistischen Strukturen auseinander. Im Alter von 19 Jahren ging es für die Bundesrepublik also um Emanzipation, Befreiung vom Diktat der Väter und eine Liberalisierung auf allen Ebenen.“

Fazit

Das Buch ist all jenen zur Lektüre empfohlen, die meinen, die (Verdrängungs-)Geschichte der jungen Bonner Republik sei auch noch von für das Hier-und-Heute von Bedeutung. Als mögliche Leser(innen) kommen mir Alt-68er(innen) und deren Sympathisant(inn)en sowie zeitgeschichtlich Interessierte in den Sinn. Irgendwelche „höheren moralischen Zwecksetzungen“, die die Nicht-Lektüre des Buches zur „Bildungslücke“ oder „Ausdruck von Ignoranz“ qualifizieren könnten, fallen mir nicht ein. Wer allerdings Harald Jähners „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955“ (Berlin: Rowohlt, 2019) gelesen hat und danach meint, die „ganze Wahrheit“ über die Anfänge der Bundesrepublik zu wissen, dem muss man die Lektüre des vorliegenden Buches zur Ernüchterung dringend ans Herz legen.

Literatur

Bohr, F., Dahlkamp, J. & Schmitt, J. (2019). Die Bahlsens und die SS. SPIEGEL ONLINE vom 17.5.2019 (online verfügbar unter; letzter Zugriff am 20.5.2019).

Merlind, T. (2019). „Da ist immer ein Zweifeln, eine rastlose Suche nach sich selbst“. Interview mit Stephan Grünewald. DIE ZEIT vom 16.5.2019, S. 2.

Morsey, R. & Schwarz, H.-P. (Hrsg (1983). Adenauer Briefe 1945– 1947. Berlin: Siedler.

Rüther, T. (2016). Der Ablass war eine gute Idee. Interview mit Willi Winkler. Frankfurter Allgemeine vom 22.8.2016 (online verfügbar unter www.faz.net/aktuell/feuilleton/interview-mit-luther-biograf-willi-winkler-der-ablass-war-doch-eine-gute-idee-14396277.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2; letzter Zugriff am 20.5.2019).

Schwarz, E., Seifert, L. & Tönnesmann, J. (2019). Verena Bahlsen: Die Unternehmerin hat Zwangsarbeit verharmlost. Wie konnte das passieren? DIE ZEIT vom 16.5.2019, S. 23.

Spies, C. (2007). Interview mit Willi Winkler. BR-ONLINE vom 27.2.2007 (online verfügbar unter https://www.br.de//alpha/forum/vor0702/20070227.shtml; letzter Zugriff am 20.5.2019).

Staas, Chr. (2019). Durchgreifen, einsperren, ausweisen. Interview mit Martin Diebel. DIE ZEIT vom 23.5.2019, S. 19.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 04.07.2019 zu: Willi Winkler: Das braune Netz. Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde. rowohlt Berlin Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-7371-0039-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25788.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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