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Silke Helfrich, David Bollier: Frei, fair und lebendig - die Macht der Commons

Cover Silke Helfrich, David Bollier: Frei, fair und lebendig - die Macht der Commons. transcript (Bielefeld) 2019. 391 Seiten. ISBN 978-3-8376-4530-9. D: 19,99 EUR, A: 19,99 EUR, CH: 25,30 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Perspektivenwechsel

Die Mahnungen und Prognosen von den Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums (1972), den Empfehlungen, dass anstelle eines business as usual sustainable development, tragfähige Entwicklung, einsetzen müsse (1987), den Appellen zum Umdenken, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 mit ihrer Aufforderung zum Ausdruck brachte, dass die Menschheit vor der Herausforderung stehe, umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren; und schließlich mit dem wissenschaftlichen, nobelpreiswürdigen Beweis, dass mehr wird, wenn wir teilen (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php), wird hervorgehoben, dass die Erde nicht den Menschen, sondern der Mensch zur Erde gehört und die Welt Gemeingut ist.

Autor*innen

Die Sozialwissenschaftlerin Silke Helfrich tritt seit langem dafür ein, den Gemeingutgedanken als Alternative zum kapitalistischen, neoliberalen und egoistischen Denken und Handeln zu begreifen. Zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung hat sie 2012 die Ostromschen Gedanken im deutschen, wissenschaftlichen Diskurs populär gemacht (Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13482.php).

Zusammen mit dem US-amerikanischen Commons-Experten David Bollier ist sie überzeugt, dass ein Commons-Bewusstsein keine utopische Fantasie ist, sondern Commons und Commoning alternative Wege hin zu einer postkapitalistischen Ordnung aufzeige: „Über Commons zu sprechen bedeutet aber, Freiheit in Verbundenheit zu erleben“. Bereits im antiken philosophischen Denken wird verdeutlicht, dass der anthrôpos ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen ist, der nur dann ein gutes, gelingendes Leben erreichen kann, wenn er Gemeinwohl als allgemeines, gerechtes Gut für alle Menschen begreift. In den Zeiten von Egoismen, Ethnozentrismen, Rassismen, Fake News und Populismen ist es dringlicher denn je, Common Goods als humane, ganzheitliche und existentielle Werte zu leben und Alternativen zum kapitalistischen Denken und Handeln aufzuzeigen. Es ist unerträglich, menschenunwürdig und menschenfeindlich, dass lokal und global die bereits Wohlhabenden immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden!

Aufbau und Inhalt

Silke Helfrich und David Bollier plädieren dafür, die offensichtlichen, menschengemachten Fehlentwicklungen nicht als schicksalhafte und unabwendbare Imponderabilien zu begreifen. Sie sind vielmehr überzeugt, dass es Alternativen gibt, die hervorgehoben und propagiert werden sollten. Diese hoffnungsvollen und optimistischen Beispiele können dazu beitragen, Commoning als gegenwärtiges und zukünftiges Veränderungsdenken und -handeln populär zu machen, worauf die Politikwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung, Barbara Unmüßig, in ihrem Vorwort zum Buch verweist.

Das Autorenteam gliedert die Studie über die Macht und Möglichkeiten der Commons in drei Teile, die sie wiederum in mehrere Kapitel unterteilen:

  • Im ersten Teil „Commons grundlegen“ werden die Definitionen des Commonings verdeutlicht;
  • im zweiten Teil „Commons verstehen und leben“ zeigen Helfrich und Bollier auf, welche sozialen, ethischen, moralischen, rechtlichen und institutionellen Voraussetzungen und Bedingungen erforderlich sind, um Commons leben zu können;
  • im dritten Teil „Commonsversum“ wird thematisiert, wie der Commons-Gedanke lokal und global wirksam werden kann. Es ist das Bewusstsein und die Verpflichtung, im sozialen, gleichberechtigten, menschenwürdigen Miteinander und Governance ökonomisch, ökologisch und human Haben- und Seins-Modi (Erich Fromm) im Gleichgewicht der sinnstiftenden Werte zu halten.

Die theoretischen Grundsätze des Commonings werden erläutert und ergänzt durch die Darstellung und Diskussion von praktischen, real existierenden Beispielen, wie Commons ganzheitlich funktioniert: „Commons bedeutet nicht einfach, etwas zu teilen oder gemeinsam zu nutzen… Es bedeutet zu teilen bzw. gemeinsam zu nutzen und zugleich dauerhaft soziale Strukturen hervorzubringen, in denen wir kooperieren und nützliches schaffen zu können“. In insgesamt fünf, aus dem Leben gegriffenen Beispielen werden die vielfältigen Möglichkeiten, Commons zu leben, aufgeführt:

  1. Es sind die Initiativen und Strukturen, wie sie seit 2012 im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari entstanden sind. In der Siedlung leben rund 85.000 vertriebene Syrerinnen und Syrer, die im Laufe der Zeit, aus Eigeninitiative und mit Unterstützung von internationalen Organisationen, einen menschenwürdigen, lebenswerten (Übergangs-)Ort geschaffen haben.
  2. In der niederländischen Stadt Almelo war der Krankenpfleger Jos de Blok mit den traditionellen, institutionellen Bedingungen der Gesundheitsversorgung unzufrieden. Er gründete, zusammen mit Gleichgesinnten „Buurtzog Nederland“, mit der er ein System der professionellen und empathischen Nachbarschaftshilfe etablierte.
  3. Die Londoner Architekten Alastair Parvin und Nicholas Ierodiaconou beschreiten mit dem Architektenbüro Zero Zero Architecture neue Wege des Wohnens und Produzierens. Mit der „WikiHouse-Charter“ werden Grundprinzipien aufgeführt, wie Wissen und Fertigkeiten lokal und global vermittelt werden können.
  4. Die Mitglieder der „Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) Heilbronn“ bringen in ein Gemüsedepot im Sommer einmal wöchentlich, im Winter alle vierzehn Tage, Kisten mit Kartoffeln, Paprika, Tomaten, Zwiebeln, Pak-Choi, Schnittlauch, Bohnen, Artischocken…, die mit dem Motto „Ernte teilen“ solidarischen, ökologischen, existentiellen Anbau und Produktion ermöglichen.
  5. Die Aktiven von „Guifi.net“ aus Barcelona bieten alternative Angebote der Kabel- und Telekommunikation an, mit denen sie sich für Gemeineigentum, Netzneutralität und gemeinschaftliche Kontrolle verpflichten.

Zusammengefasst ergeben sich daraus die Prinzipien für Commons:

  1. Jedes Commons beruht auf natürlichen Ressourcen.
  2. Jedes Commons ist ein Wissens-Commons.
  3. Jedes Commons ist ein sozialer Prozess.

Der Commons-Diskurs kreist also um die Wertvorstellungen und das humane Bewusstsein, dass die „kreative Vielfalt“ der Menschen Veränderungs- und Wandlungsprozesse bewirkt, die zum Perspektivenwechsel herausfordern. Das Autorenteam bezeichnet diese Herausforderungen als „Onto-Wandel“. Ontologischer Wandel aber darf weder als individualistisches Wollen, noch per Ordre du Mufti erfolgen. Es kommt vielmehr darauf an, sich im individuellen und kollektiven Denken, Sprechen, Fühlen und Handeln der Existenz- und Machtverhältnisse im menschlichen Miteinander bewusst zu sein. Damit inhumane, kapitalistische und neoliberalistische Machtausübung gestoppt werden kann, braucht es die Gegenmacht der Commons: „Die Macht der Commons ist real!“. 

Fazit

Wie aber kann Commoning gelingen? Durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Welt, wie sie geworden ist, egoistisch und menschengemacht. Mit der Kenntnis der historischen Entwicklung, wie sie als „Elinor’s Law“ (Ostrom-Schule) als Design-Prinzipien für Commons-Institutionen dargestellt und als Anhang I im Buch abgedruckt werden; mit der „Entstehung der Triade des Commoning“ als methodologische Anmerkungen (Anhang II); und mit der „visuellen Grammatik der Illustrationen“ als mehrebene Erklärungs- und Erläuterungsformen (Anhang III). Sie sind es auch, die beim Lesen und Forschen zum Commoning hilfreich sind. Die Anmerkungen und Quellenangaben verweisen auf die vielfältige Wissens- und Forschungsliteratur. Im Register werden die Commons und Commons-Instrumente erläutert, die in der Studie angesprochen werden. Im Sachregister wird die Auffindung von Fachbegriffen und Stichwörtern erleichtert. Und schließlich dient das Personenregister der Handhabung dieses Handbuches. 

Das Buch will all jenen Mut zum (Um-)Denken und Handeln machen, die mit der aktuellen, lokalen und globalen kapitalistischen und menschenunwürdigen Entwicklung in der Welt unzufrieden sind und individuell und gemeinschaftlich einen Perspektivenwechsel hin zum Commoning erreichen wollen. Es sind keine Wolkenkuckucksheime und auch keine utopischen Vorstellungen; vielmehr sind es die aufgeführten und diskutierten, bereits erprobten und bewährten Beispiele, dass Commoning möglich, notwendig, nützlich und sinnvoll ist. „Was mehr wird, wenn wir teilen“, das ist eine Vision und ein Versprechen für eine humane Eine Welt. 


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.06.2019 zu: Silke Helfrich, David Bollier: Frei, fair und lebendig - die Macht der Commons. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4530-9. Reihe: Sozialtheorie.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25797.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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