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Joschka Haltaufderheide, Ina Otte u.a. (Hrsg.): Raum und Würde

Cover Joschka Haltaufderheide, Ina Otte, Philipp Weber (Hrsg.): Raum und Würde. Interdisziplinäre Beiträge zum Verhältnis von Normativität und räumlicher Wirklichkeit : Städtebau - Transitorte - Hospize. transcript (Bielefeld) 2019. 151 Seiten. ISBN 978-3-8376-4732-7. D: 34,99 EUR, A: 34,99 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Edition Kulturwissenschaft - Band 199. Global young faculty.
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Thema

Der Begriff der Würde wird von Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen und Tätigkeitsbereichen in Bezug auf öffentliche und Hospize analysiert. Ziel ist, einen Zusammenhang zwischen den gesellschaftlichen Werten Gleichheit, Gerechtigkeit, individuelle Selbstbestimmung, Toleranz und Raummerkmalen herzustellen.

Herausgeber*innen

Insgesamt 10 Autorinnen und Autoren haben zu dem Buch beigetragen. Herausgegeben haben das Buch Joschka Haltaufderheide und Ina Otte, beide wissenschaftliche Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum im Bereich medizinische Ethik, und Philipp Weber, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Germanistischen Institut der Ruhr-Universität.

Aufbau

Das Buch besteht aus neun Kapiteln, einem Vorwort und einem Literaturverzeichnis. Die ersten Kapitel des Buches sind dem öffentlichen Raum gewidmet, die darauf folgenden Kapitel befassen sich mit Hospizen.

Inhalte

Das Vorwort stammt von Gunter Friedrich, dem Geschäftsführer des Forschungsprojekte förderndes Mercator Research Center Ruhr, das 2010 gegründet wurde.

Im anschließenden ersten Kapitel von Joschka Haltaufderheide, Ina Otte und Philipp Weber „Raum und Würde – ein interdisziplinärer Dialog“ werden die Begriffe Raum und Würde erläutert. Auch wenn im Begriff der Würde die prinzipielle Gleichheit aller verbürgt ist, so besteht doch eine unübersehbare Diskrepanz zwischen der Zielvorstellung und der sozialen Realität. Der Raum ist stets auch Handlungsraum und gibt damit auch die Bedingungen der Möglichkeiten sich zu begegnen vor. Räume können Freiheiten eröffnen und einschränken, sie können ein- und ausschließen. Das führt zu der Grundfrage: „Ermöglichen sie ein lebenswertes Leben oder übersetzen sie Besitz- und Machtverhältnisse, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten bloß in eine spatiale Aufteilung?“ (S. 17). Eine erste Bedeutung von Würde ist das Achtung gebietende Sein, das ein Mensch im Hinblick auf bestimmte Leistungen oder Positionen besitzt. Es ist ein Verständnis von Würde als Rang bzw. als etwas Äußerlichem. Bei dem Konzept der Würde als einem inneren Merkmal beziehen sich die Autoren auf Kant und dessen Auffassung vom Menschen als einem vernunftbegabten Wesen, das fähig ist, einem selbst gewählten moralischem Gesetz zu folgen. Räume müssen so beschaffen sein, dass sie die Würde ihrer Nutzer respektieren.

Im zweiten Kapitel „Projektbeschreibung: Würde im Stadtraum“ skizzieren Rike Krämer-Hoppe, Reza Mosayebi, Martin Rademacher und Philipp Weber ein Projekt in der Dortmunder Nordstadt, dessen Auswertung noch nicht abgeschlossen ist. Die Nordstadt zeichnet sich durch eine hohe Dichte und eine extreme Heterogenität der Bevölkerung aus. Ausgangsfrage war, wie die Bewohner*innen ihr Viertel wahrnehmen. Dazu wurden Interviews, Beobachtungen und ein Preisausschreiben, mit dem die Raumerfahrungen von Kindern und Jugendlichen erfasst werden sollten, durchgeführt. In den bereits ausgewerteten Interviews wurden auffallend häufig zwei Probleme genannt: das Wegwerfen des Mülls im öffentlichen Raum und der beleidigende respektlose Umgang miteinander. 

Im dritten Kapitel mit dem Titel „Das Leben in der Nordstadt findet auf der Straße statt“ wird ein von Rike Krämer-Hoppe und Philipp Weber aufgezeichnetes Gesprächs mit zwei Betreiberinnen eines Cafes in der Nordstadt wieder gegeben. Das Cafe wird von ganz unterschiedlichen Gruppen besucht, darunter Studenten sowie Menschen aus allen möglichen Ländern. In der Nordstadt findet das Leben auf der Straße statt; es ist ein lebendiger Stadtteil, was positiv gesehen wird. Als würdelos werden die unzumutbare Toilettenanlage und die Vermüllung, die von manchen Bewohner*innen aktiv verursacht wird, die ihren Müll einfach im öffentlichen Raum abladen, bezeichnet. Die Kommunikation sollte verbessert werden.

Im vierten Kapitel „Raumbeschreibungen – auf der Suche nach Würde im Raum“ geht Christian Lamker der Frage nach, was würdevolle Räume sind und wie man sie beschreiben und gestalten kann. Zur Beschreibung von Räumen nutzt der Autor sach-, subjekt- und handlungsbezogene Adjektivpaare. Er stellt zwar fest, dass jedes raumbezogene Handeln dem Widerspruch ausgesetzt ist, auch den Raum anderer Menschen zu verändern und damit deren Würde zu beeinflussen, geht dann jedoch auf diesen Aspekt nicht weiter ein.

Im fünften Kapitel wir unter dem Titel „Menschenwürde und die vielen Rationalitäten des Seins“ ein Gespräch wieder gegeben, dass Christian Lamker mit Benjamin Davy geführt hat. Der Begriff der Menschenwürde ist in einigen Ländern – darunter in Deutschland – in der Verfassung verankert, im Alltag wird er ziemlich unreflektiert verwendet. Davy stellt heraus, dass es keine Raumwürde gibt, sondern dass die eigentliche Frage ist, ob Menschen von einer intendierten Raumnutzung dauerhaft und vollständig ausgeschlossen werden. Der zu hohe Standard an Formalisierung und Regelung in Deutschland würde die Lösung von Alltagsproblemen erschweren. Zur Wahrung der Menschenwürde sei es erforderlich, Zonen abgesenkter Formalität zu schaffen.

Im sechsten Kapitel „Non-humiliating plans. A human rights approach“ betrachtet Benjamin Davy die Menschenwürde im Zusammenhang mit einer effizienten und gerechten Raumplanung. Die Reduzierung von Gelegenheiten durch Ausgrenzung ist ein zentraler Aspekt. Wenn es andernorts Gelegenheiten gibt, ist Ausgrenzung nicht erniedrigend. 

Ab dem siebten Kapitel „Projektbeschreibung: Hospiz als (letzter) Lebensraum“, das Nils Backhaus, Joschka Haltaufderheide, Christian Lamker, Ina Otte und Stefanie Reichert verfasst haben, geht es um sehr private Räume. Würde bezeichnet hier eine Verbesserung der Lebensumstände. Die Bedeutungen des Wortes „Hospiz“ vom Mittelalter bis heute werden dargestellt.

Fortgesetzt wird das Thema im achten Kapitel, in dem Joschka Haltaufderheide ein Gespräch mit einem Sterbekultur-Experten zum Thema „Orte des würdigen Sterbens“ wieder gibt.

Im neunten Kapitel berichtet Stefanie Reichert über „Kulturelle Einflüsse auf den Planungsprozess in Hospizen“. Sie schildert Hospize in Ghana, Taiwan, Kanada und Hawaii sowie kulturtypische als Heilgärten fungierende Gartenkonzepte. Hospize sollten so gestaltet sein, dass sie den Sterbenden nicht als fremde Umgebung erscheinen. Angesichts der verstärkten Migration in unserer heutigen Zeit heißt das, dass kulturelle Faktoren bei der Gestaltung von Hospizen zunehmend zu berücksichtigen sind.

Diskussion

In dem Buch werden zwei sehr unterschiedliche Umwelten im Hinblick auf ihre menschenwürdige Gestaltung betrachtet. Es sind öffentliche Räume, zu denen im Prinzip jeder Mensch Zutritt hat, und Hospize, d.h. sehr private, nur für wenige Menschen zugängliche Orte. Angesichts der Verschiedenartigkeit dieser Räume ist eine übergreifende Definition von „Raum und Würde“ kaum möglich. Das Kriterium der Würde als einer verletzenden Ausgrenzung bestimmter Personen und Gruppen im öffentlichen Raum gilt nicht bei Hospizen. Würdevolle öffentliche Räume sind Räume, die ein menschenwürdiges Zusammenleben, Selbstbestimmung und eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Diese Definition von Würde passt nicht zu Hospizen. Schon deshalb wäre eine Unterteilung nach Raumtypen in einen Teil I und einen Teil II mit einer jeweils dazu passenden Definition von Würde sinnvoll.

Der Untertitel, in dem die Bereiche „ Städtebau, Transitorte und Hospize“ genannt werden, ist etwas verwirrend, weil eher von Raumplanung statt von Städtebau die Rede ist und weil auf Transitorte gar nicht eingegangen wird.

In dem Gesprächsprotokoll im dritten Kapitel wird die Dortmunder Nordstadt als lebendiger Stadtteil heraus gestellt. Zugleich wird aber auch auf die offensichtlich nicht zu übersehende Vermüllung durch dort Ansässige und auf vielerlei Ärgernisse hingewiesen. Es fehlt ein Resümee zu dem Gespräch, in dem das Positive: die Lebendigkeit, und das Negative: Verwahrlosung und soziale Konflikte, kommentiert und abgewogen werden.

Eine solche Kommentierung fehlt auch im vierten Kapitel, in dem Lamker feststellt, dass jedes raumbezogene Handeln dem Widerspruch ausgesetzt ist, auch den Raum anderer Menschen zu verändern und damit deren Würde zu beeinflussen. D.h. zuviel Selbstbestimmung kann zu Konflikten führen. Sind aus dieser Perspektive nicht Unterteilungen des öffentlichen Raums in bestimmten Fällen Konflikt mindernd?

Man vermisst insgesamt ein Fazit zu den Gesprächen, in dem die Inhalte in Bezug auf das Thema „Raum und Würde“ zumindest vorläufig abschließend analysiert werden.

Fazit

Das Thema „Raum und Würde“ ist zweifellos gerade in einer in Richtung Globalisierung und Digitalisierung sich wandelnden Gesellschaft, in der Effizienz der Maßstab aller Dinge ist, von grundlegender Bedeutung. Die Wahl des Dortmunder Nordstadt als Ort für die Durchführung des Projekts „Würde im Stadtraum“ verweist auf einen hohen Anspruch: in einem baulich hoch verdichteten Gebiet mit einer sehr heterogenen Bevölkerung zu einem menschenwürdigen Zusammenleben zu gelangen. Das Buch regt dazu an, sich aus einer neuen Perspektive heraus mit Fragen der Migration und der sozialen Mischung in den Städten auseinander zu setzen. 

Summary

The issue of „space and dignity“ is undoubtedly fundamental, especially in a society that is changing in the direction of globalization and digitization, where efficiency is the benchmark of all things. The choice of the Nordstadt in Dortmund as a place to carry out the project „Dignity in urban space“ points to a high demand: to achieve a decent living together in a structurally highly concentrated area with a very heterogeneous population. The book encourages people to look at issues of migration and social mix in the cities from a new perspective.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 14.08.2019 zu: Joschka Haltaufderheide, Ina Otte, Philipp Weber (Hrsg.): Raum und Würde. Interdisziplinäre Beiträge zum Verhältnis von Normativität und räumlicher Wirklichkeit : Städtebau - Transitorte - Hospize. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4732-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25799.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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