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Angelika Rohwetter: Wege aus der Mitgefühlsmüdigkeit

Cover Angelika Rohwetter: Wege aus der Mitgefühlsmüdigkeit. Erschöpfung vorbeugen in Psychotherapie und Beratung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 169 Seiten. ISBN 978-3-621-28688-6. D: 36,95 EUR, A: 37,90 EUR, CH: 48,00 sFr.

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Thema

Ein Gefühl von Unlust und Ungeduld Patient*innen gegenüber zu haben kann Ausdruck einer sogenannten Mitgefühlsmüdigkeit (Compassion Fatigue) sein. Die Ressourcen psychosozialer Helfer*innen sind erschöpft, Gedanken wie »Mensch, so schlimm ist das ja nicht« prägen den Arbeitsalltag anstelle eines empathischen und geduldigen Umgangs. Dieses durchaus häufige Phänomen sei, so Rohwetter, oftmals ein Tabu für jüngere und ältere Psychotherapeut*innen.

Mit ihrem Buch will die Autorin Wege der Selbstfürsorge aus dieser Mitgefühlsmüdigkeit aufzeigen. Nach einem theoretischen Überblick werden im Weiteren, um dieses Phänomen zu vermeiden, praktische Vorschlägen und Übungen vorgestellt. Das Buch wendet sich insbesondere an Psycholog*innen, psychologische und ärztliche Therapeut*innen.

Autorin

Die psychologische Psychotherapeutin Angelika Rohwetter arbeitet seit 25 Jahren als tiefenpsychologische Therapeutin in eigener Praxis in Bremen. Zudem absolvierte sie weitere therapeutische Fortbildungen und ist als Autorin und Dozentin bei Fortbildungen tätig.

Entstehungshintergrund

Die Autorin berichtet im Vorwort, dass auch bei ihr nach 25-jähriger Berufstätigkeit leichte Symptome einer Mitgefühlsmüdigkeit aufgetreten seien. Sie fühlte sich manchmal gelangweilt, ungeduldig und freute sich beispielsweise, wenn kurzfristig ein*e Patient*in absagte. Daher habe sie sich intensiver mit dieser Thematik beschäftigt, um auch dazu aufzufordern, dass Kolleg*innen solche Probleme ernst nehmen und gegebenenfalls eine psychotherapeutische Behandlung aufsuchen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Teile mit 13 Kapiteln.

Nach dem Vorwort und der Einführung gibt die Autorin im ersten Teil einen theoretischen Überblick. Zunächst geht Rohwetter auf die Diagnose einer Mitgefühlsmüdigkeit ein, im Anschluss bietet sie kleine etymologische Wortspiele an, um sich dann im dritten Kapitel mit der Ego-State-Therapie und im vierten mit verletzten Heilern und hilflosen Helfern zu beschäftigen.

Im zweiten, dem praktischen Teil, wird im fünften Kapitel die eigene Situation der Therapeuten analysiert und im sechsten mögliche Lösungen zum Vermeiden der Mitgefühlsmüdigkeit vorgestellt. Im siebten Kapitel steht das Thema Wünsche und im achten das Thema Vergnügen im Mittelpunkt. Im neunten Kapitel beschäftigt sie sich mit der Atmung, im zehnten werden Körperübungen gegen Verspannungen und Müdigkeit vorgestellt und im elften Kapitel Übungen zur Achtsamkeit und Meditation.

Im dritten Teil werden Impulse für den therapeutischen Prozess, insbesondere zur Rollensicherheit und Übungen für schwere Stunden vorgestellt.

Im vierten Teil, dem Anhang, finden sich die bereits im Text vorgestellten Arbeitsbögen und Fragebögen nochmals als Arbeitsmaterial und zudem Literaturempfehlungen und ein Stichwortverzeichnis. Zudem können die Leser das Buch als E-Book herunterladen. 

Inhalt

In der Einführung reflektiert die Autorin eigene Situationen, in den denen sie sich fragte, ob sie ihr Mitgefühl verloren habe und ob sie distanzierter oder kühler geworden sei. Anschließend werden die Leser*innen gebeten zu reflektieren, ob sie diese Situationen kennen.

Im ersten Kapitel werden Fallbeispiele vorgestellt und eine Definition angeboten, nach der Mitgefühlsmüdigkeit das Erlöschen des Antriebs zu helfen, zu unterstützen oder zu lindern sei (S. 22). Therapeut*innen können das Leiden ihrer Klientel nicht mehr nachfühlen, sondern beginnen, es innerlich abzuwerten. Gefühle wie Ungeduld, Langeweile, Stress und Überforderung werden gespürt. Psychotherapeuten können dann das Leiden ihrer Klienten nicht mehr nachfühlen. Mitgefühlsmüdigkeit trete keineswegs nur als individuelles Problem, sondern auch in ganzen Teams auf.

Im Weiteren wird ausgeführt, dass der Begriff der Mitgefühlsmüdigkeit in der deutschen psychologischen Forschung ein Stiefkind sei. Oftmals würde diese mit der sekundären Traumatisierung gleichgesetzt oder verwechselt. So habe diese Diagnose keine Chance, in einen Diagnosethesaurus aufgenommen zu werden. Mitgefühlsmüdigkeit sei in einer ausgeprägten Form eine psychische Störung mit Krankheitswert (siehe Diskussion). Im Weiteren wird versucht Mitgefühlsmüdigkeit gegenüber dem Burnout, der sekundären Traumatisierung und Depression abzugrenzen. In zwei Tabellen (S. 32f) werden jeweils Symptome benannt, um so zu einer differenzierten Einschätzung zu kommen. Nicht deutlich wird, aus welchen Überlegungen sich diese Einschätzung herleiten lassen, ob Studien bereits für eine Differenzierung dieser Phänomene vorliegen.

Im zweiten Unterkapitel beschäftigt sich die Autorin mit etymologischen kleinen Wortspielen, zum Beispiel über Mitleiden, Mitfühlen und Empathie.

Im dritten Unterkapitel wird ein Überblick über die Ego-State-Therapie gegeben, allerdings wird ein Zusammenhang zur Thematik des Buches wenig hergestellt.

Im vierten Kapitel stehen verletzte Heiler*innen und hilflose Helfer*innen im Mittelpunkt. In diesem Kapitel wird ein Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen in verschiedenen psychosozialen Bereichen, fehlender Reflexion und Supervision hergestellt und Auswirkungen auf das Gefühlserleben der Helfer*innen erörtert. Rohwedder folgert, dass es wichtig sei zu wissen, warum man diese Arbeit, diesen Beruf machen würde. Anschließend werden verletzte Heiler als ein Archetyp im Sinne der Jungianischen Psychologie vorgestellt, in dem ein Nährboden für die Mitgefühlsmüdigkeitsproblematik liegen könne. Gleichzeitig beinhalte der Archetyp des Heilers auch dessen eigene verarbeiteten oder unverarbeiteten Verletzungen (S. 58). Abschließend erfolgen Ausführungen zum Helfersyndrom nach Schmidbauer.

Im zweiten Teil des Buches mit der Überschrift „Praktisches – Was Sie gegen Mitgefühlsmüdigkeit tun können“ werden die Leser*innen im fünften Kapitel gebeten die eigene berufliche Situationen einer Mitgefühlsmüdigkeit zu analysieren, in dem sie überlegen, was Auslöser, eigene Gefühle und die eigene sichtbare Reaktionen sind. In diesem Kapitel werden einige hilfreiche Hinweise zum Umgang mit diesem Phänomen gegeben, beispielhaft sind die Reflexionen über die Allmachtsphantasien der Helfer*innen oder die Benennung eigener unerfüllter Bedürfnisse zu nennen. Probleme könnten auch durch Identifikation und Überidentifikation entstehen. Abschließend wird ein Fragebogen zur Mitgefühlsmüdigkeit vorgestellt.

Im sechsten Kapitel werden Lösungen der Behebung des Problems der Mitgefühlsmüdigkeit vorgeschlagen, im siebten Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit dem Titel „Das Leben ist ein Wunschkonzert“ mit eigenen Wünschen und deren Realisierbarkeit. (Auch hier erschließt sich mir nicht der Zusammenhang zum Thema des Buches.) Im achten Kapitel werden hilfreiche Anregungen zur Erreichung einer besseren Arbeitsgestaltung benannt. In den folgenden kurzen Kapiteln stellt die Autorin hilfreiche Atemübungen und Körperübungen gegen Verspannungen und Müdigkeit vor, um sich dann im elften Kapitel mit der dem Themen Achtsamkeit und Meditation zu beschäftigen.

Im dritten Teil des Buches mit dem Titel „Überraschen Sie Ihre Patienten – Wege in der Praxis“ werden Hinweise zum Thema der Rollensicherheit für Therapeuten gegeben; überlegt wird, inwieweit Selbstdarstellungen im Gespräch hilfreich sind. Abschließend werden im 13. Kapitel Übungen für schwere Stunden im Kontakt mit dem Klientel zusammengestellt.

Diskussion

Bereits im Vorwort spricht die Autorin von der Mitgefühlsmüdigkeit als einer psychischen Belastung, der ein Krankheitswert zukommt und bei der manchmal eine Psychotherapie oder eine Behandlung in einer psychosomatischen Klinik notwendig sei (S. 10). Dieses Phänomen solle daher Eingang in die ICD-Klassifikation finden. Dieses sicherlich bedeutsame Phänomen wird hier als Krankheit konstruiert, welche dann wiederum von Psychotherapeuten behandelt werden sollte.

Mir stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist weitere Krankheit zu konstruieren oder ob es nicht ausreichend ist die Mitgefühlserschöpfung als Hinweis zu nehmen, das eigene Befinden und Verhalten in der Beratung und Behandlung zu reflektieren und insbesondere zu überprüfen, ob die Arbeitssituation und die begleitenden institutionellen Bedingungen angemessen sind.

Zu bedenken ist auch, inwieweit langjährige Psychotherapien Teil der Problematik sind. Um dies zu verdeutlichen soll auf ein Fallbeispiel der Autorin eingegangen werden: Geschildert wird ein Fallbeispiel einer depressiven Klientin mit langjährigen Gewalterfahrungen, die immer wieder im beruflichen Alltag Schwierigkeiten bekommt. Die Mitgefühlsermüdung der Therapeutin tritt nach zehn Jahren der Behandlung auf, als sich die Klientin erneut über eine Vorgesetzte beklagt. In einer Supervisionsgruppe wird empfohlen die Behandlung aufgrund der Mitgefühlerschöpfung zu beenden. In einer Analyse dieses Falls führt die Autorin aus (S. 26): „.Die Hilfsbereitschaft scheint plötzlich aufgebraucht zu sein. Das ist ein ganz erstaunliches Phänomen.“ Allerdings stellt sich die Frage, ob generell eine Therapiezeit von zehn Jahren angemessen ist und ob die auftauchenden Probleme nicht z.B. darauf zurückzuführen sind, dass möglicherweise immer wieder dasselbe versucht wurde und ob die Beendigung der Therapie hier mit einer falschen Begründung erfolgt.

Mit diesem Hinweis spreche ich mich nicht generell gegen sehr langjährige Unterstützung aus. Diese sind sicherlich häufig in der Beratung, zum Beispiel einer ambulanten Betreuung von chronisch psychisch kranken Menschen, mit zum Beispiel einer paranoiden Schizophrenie, notwendig. Aber auch hier wäre zu überlegen alle paar Jahre die psychosozialen Helfer*innen zu wechseln oder beispielsweise grundsätzlich in kleinen Teams Hilfen anzubieten.

Problematisch sind meines Erachtens weitere Aspekte dieses Buches: Nicht deutlich wird, aufgrund welcher Überlegungen und Studien der Fragebogen zur Mitgefühlsmüdigkeit entwickelt wurde. (Insgesamt werden im Text nur wenige Quellen genannt.) Gleichwohl gibt dieser Fragebogen hilfreiche Anregungen für eine Selbstreflexion.

Interessant wäre auch eine Einordnung dieses Phänomens in den allgemeinen Kontext des Nähe- und Distanzproblems gewesen oder eines Empathieversagens zu thematisieren und zu erörtern, inwieweit zu viel Mitgefühl, bzw. Empathie, zum Beispiel, aufgrund enger Vertrautheit, den Klienten schaden kann. Andererseits findet sich in der Praxis auch die Problematik, dass zu wenig Empathie und Mitgefühl vorhanden ist.

Überhaupt könnte die Mitgefühlsmüdigkeit in ein umfassenderes Phänomen, dem des Empathieversagens, eingeordnet werden, denn auch werden als typische Zeichen u.a. mangelndes Mitgefühl, Beleidigungen, Vorwürfe, Pathologiesierungen, Verspätungen, Desinteresse, Machtmissbrauch, vergessen der Sitzungstermine und eine mangelnde Berücksichtigung der Lebenssituation der Patienten beschrieben (s. Schleu 2018).

Als Letztes soll ein weiterer Aspekt angesprochen werden: Der Untertitel des Buches lautet: „Erschöpfung vorbeugen in Psychotherapie und Beratung“. In ihrem Vorwort wendet sich Rohwetter im Wesentlichen an Psychologen und ärztliche Therapeuten. Damit bleibt unklar, inwieweit sich Berater*innen mit diesem Buch angesprochen fühlen sollen. Dabei ließe sich diese Problematik durchaus auf andere psychosoziale Helfer*innen beziehen, denn diese sind zumindest ebenso betroffen, da sie häufig über längere Zeiträume intensive Beziehungen zu ihrem Klientel aufnehmen und zudem oftmals in einem weniger sicheren Setting (z.B. bei der aufsuchenden Arbeit), – anders als Psychotherapeut*innen – arbeiten. Beispielsweise trifft dies auf die Suchtkrankenhilfe oder die Obdachlosenarbeit zu, wenn es in gilt, auszuhalten, dass Klient*innen sich über Jahre massiv schädigen.

Fazit

Ein Verdienst der Autorin Angelika Rohwetter ist das Phänomen der Mitgefühlsmüdigkeit in den fachlichen Diskurs einzubringen und eine umfassende Reflexion anzuregen. Im Mittelpunkt dieses Buches stehen mögliche Probleme der Helfer*innen, es werden jedoch wenig die strukturellen Hintergründe, die in den Arbeitsbedingungen psychosozialer Berufsfelder liegen, problematisiert.

Literatur

Schleu, A. (2018): Empathieversagen und Grenzverletzungen in der Psychotherapie von komplex traumatisierten Patienten. Ergebnisse der Arbeit des Ethikvereins e.V. In: Trauma & Gewalt 12-4-308, 308 - 321.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 12.08.2019 zu: Angelika Rohwetter: Wege aus der Mitgefühlsmüdigkeit. Erschöpfung vorbeugen in Psychotherapie und Beratung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-621-28688-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25802.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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