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Sebastian von Peter, Antje Wilfer u.a.: Recoveryorientierte Gruppenarbeit

Cover Sebastian von Peter, Antje Wilfer, Andreas Gervink: Recoveryorientierte Gruppenarbeit für Menschen mit Psychoseerfahrungen. Ein Non-Manual. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2019. 126 Seiten. ISBN 978-3-88414-566-1. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen - 36.
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Thema und Zielgruppe

In dieser Arbeitshilfe schildern die drei Autor*innen ihre mehr als siebenjährige Erfahrung mit Recoveryorientierter Gruppenarbeit für Menschen mit Psychoseerfahrungen und beschreiben verständlich und anschaulich die Art und Weise, wie sie arbeiten, ihre eigene Selbstreflexion und ihre Evaluationsergebnisse. Die Gruppenarbeit wird als ein Raum des Suchens und Lernens in der Begegnung von Mensch zu Mensch gesehen. So richtet sich das Buch sowohl an psychiatrisch Tätige unterschiedlicher Professionen und Studierende als auch an Betroffene.

Autor*innen

Sebastian v. Peter ist Oberarzt an der psychiatrischen Universitätsklinik Rüdersdorf der Medizinischen Hochschule Brandenburg; er hat dazu beigetragen, die Berufsgruppe der Genesungsbegleiter*innen zu implementieren und forscht partizipativ.

Antje Wilfer ist psychiatrieerfahrene Dozentin und Referentin; sie hat sich über Jahre in der Selbsthilfe ausgetauscht und arbeitet seit 2015 als Genesungsbegleiterin.

Andreas Gervink ist Fachpfleger für Psychiatrie und leitet den Bereich Psychiatriepflege am St. Hedwig Krankenhaus der Charité in Berlin; auch er lehrt zum Thema Recovery.

Aufbau 

Das Buch beginnt mit Geleitworten und Einleitung und gliedert sich dann in:

  • Was an der Gruppe ist Recovery?
  • Hintergründe und Prinzipien
  • Den Rahmen abstecken
  • Techniken für den Erfahrungsaustausch
  • Herausfordernde Situationen
  • Mögliche Sitzungsthemen und
  • Evaluation

Es folgt ein deutsch- und englischsprachiges, spezifisches und aktuelles Literaturverzeichnis.

Am Ende einzelner Buchabschnitte werden jeweils noch einmal die Kernaussagen fett gedruckt hervorgehoben.

Inhalt

Die drei Autor*innen lösen bereits im Ansatz die klare Machtverteilung von krank und gesund auf und leben in der Gruppenarbeit einen Prozess von echter Kooperation. Das Buch ist ein Non-Manual: Es stellt die Art und Weise, wie die Gruppe moderiert wird, über die spezifischen Themen, obgleich in der zweiten Hälfte mögliche und wiederkehrende Sitzungsthemen beleuchtet werden:

  • Was ist Recovery?
  • In den Alltag zurückfinden
  • Persönliche Erklärungsmodelle
  • Umgang mit Medikamenten
  • Psychose und Biographie
  • Mit Stigma und anderen Personen umgehen
  • Menschenrechte und Psychose
  • Behandlungsoptionen (auch außerhalb der Psychiatrie)

Die Autor*innen schildern die Gruppenarbeit als aufregendes Experimentierfeld mit offenem Dialog. Mit Psychoedukation hat die Gruppenarbeit zwar einige Gemeinsamkeiten, wie Rahmenbedingungen und Ziel, sie unterscheidet sich jedoch ganz erheblich in der Art und Weise, wie die Themen verhandelt werden, und in der Haltung des Moderationsteams. Auch werden Lehr- und Schulungsmaterialien kritisch gesehen. Das Gruppenformat ähnelt der psychodynamischen Psychosenpsychotherapie, die Moderator*innen sehen sich jedoch in einer anderen Rolle: sie bleiben als Personen transparent und sind eher Gleiche unter Gleichen. Ganz entscheidend sei die gemeinsame Suchbewegung mit gleichwertigem, beidseitig lernendem Austausch. Im Gegensatz zu einer reinen Selbsthilfegruppe achten jedoch professionelle Moderator*innen auf den Prozess.

Die Gruppen haben zehn Sitzungen im Abstand von zwei Wochen und dauern jeweils 90 Minuten. Sie finden im ambulanten Setting im Stuhlkreis statt. Bei den Moderator*innen sei eine Genesungsbegleiter*in unbedingt erforderlich, darüber hinaus könnte man sich die berufliche Zusammensetzung auch anders vorstellen. Sind die Teilnehmer*innen zuvor nicht bekannt, findet ein ausführliches Vorgespräch statt. Die erste Sitzung klärt den Rahmen und vereinbart Gruppenregeln. Die Gruppen beginnen nach der Begrüßung jeweils mit einem Blitzlicht, danach findet ein thematischer Austausch statt. Das Thema bestimmt die Gruppe selber. Besonders wichtig sei es, nicht nur das Thema, sondern auch die Gefühle wahrzunehmen und den Gefühlsausdruck nicht zu unterbinden.

Ausführlich wird die Haltung der Moderator*innen reflektiert: Wenn die Gruppenarbeit zur Routine geworden sei, sollte sie lieber eingestellt werden. Wache Neugier, Lebendigkeit und die Bereitschaft, auch die eigenen Lebensthemen wahrzunehmen, seien enorm wichtig. Die Teilnehmenden spürten, ob es sich bei der Haltung des Teams um eine wirklich gemeinte, verinnerlichte Haltung der Hoffnung handele. Wichtig sei es auch, kleine Erfolge zu würdigen. Die Fachkräfte müssen lernen, sich zurückzunehmen und ihre Perspektive nur als eine mögliche zu betrachten. Dies beinhaltet jedoch nicht einen Mangel an Verantwortlichkeit. Die Fachkräfte bleiben auch zwischen den Sitzungen ansprechbar. Thematisiert werden auch herausfordernde Situationen wie z.B. der Umgang mit Viel -und Wenigrednern.

Im letzten Kapitel wird ausführlich der eigene Evaluationsansatz beschrieben. Hier taucht noch ein weiterer Mitautor (Julian Schwarz) auf. Die Evaluation beruht auf einem aufwändigen Mixed Methods Ansatz: Teilnehmende Beobachtung, halb strukturierte Interviews, Fokusgruppen und standardisierte Pilotbefragung (Internalized Stigma of Mental Illness Scale ISMI und adaptierter Recovery Assessment Scale RAS). Die Evaluation liefert nicht nur bedeutsame Ergebnisse sondern wird auch verwendet, ein Wirkmodell eines Recoveryorientierten Gruppenformats zu entwickeln: Haltungsbezogene, strukturelle und interaktionelle Werkfaktoren werden über Mediierende Effekte mit dem Outcome ( langfristiger Nutzen für die Teilnehmenden) in Verbindung gebracht.

Diskussion

In angemessenem Umfang schildern die Autor*innen gut formuliert ihre Erfahrungen mit der Gruppenarbeit und gehen hierbei insbesondere auf die eigene Haltung und den Gruppenprozess ein. Die Evaluation ist ein gutes Beispiel für einen modernen Ansatz, der auch ethnologische und sozialwissenschaftliche qualitative Expertise umfasst und zu einem eigenen, theoretisch jedoch wohl begründeten Modell führt. Trotzdem wird selbstkritisch angemerkt, dass eine Verifizierung der Analysen durch eine Forscherin mit eigener Psychiatrieerfahrung noch nicht erfolgt sei.

Fazit

Das Buch stellt gut verständlich die Recoveryorientierte Gruppenarbeit als einen Raum des Suchens und Lernens in der Begegnung von Mensch zu Mensch dar und zeigt, wie Theorie, Praxis und Forschung bei der sozialpsychiatrischen Arbeit in gelingender und ergiebiger Weise verbunden werden können. Ich kann dieses Buch nachdrücklich empfehlen!


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 26.06.2019 zu: Sebastian von Peter, Antje Wilfer, Andreas Gervink: Recoveryorientierte Gruppenarbeit für Menschen mit Psychoseerfahrungen. Ein Non-Manual. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2019. ISBN 978-3-88414-566-1. Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen - 36.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25804.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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