Andrea Dixius, Eva Möhler: Stress und Traumafolgen bei Kindern und Jugendlichen
Rezensiert von Prof. Ulrich Paetzold, 02.08.2019
Andrea Dixius, Eva Möhler: Stress und Traumafolgen bei Kindern und Jugendlichen. Stabilisierende Interventionen nach Gewalt, Missbrauch und Flucht. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2019. 151 Seiten. ISBN 978-3-17-033744-2. 32,00 EUR.
Thema
Es wird das Programm „START“ zu Stabilisierungsarbeit bei sehr verstörten jungen Menschen vorgestellt.
AutorIn oder HerausgeberIn
Andrea Dixius ist Psychologin und psychologische Psychotherapeutin sowie leitende Psychologin eines Klinikverbundes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.
Eva Möhler ist Chefärztin eines Klinikverbundes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte:
- Trauma und Traumafolgestörungen,
- unbegleitete minderjährige Flüchtlinge,
- Therapie und Behandlung und
- als Schlussabschnitt wird das Programm START vorgestellt.
Inhalt
In den ersten Abschnitten werden Grundlagen und Basiswissen zu den Themen Trauma, Stress und Behandlungsstrategien vorgestellt. Dabei wird auch die besondere Situation von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen beleuchtet. Zu Beginn wird auf Traumata und Stress unter der besonderen Berücksichtigung von Entwicklungsprozessen eingegangen, um anschließend näher auf die Posttraumatische Belastungsstörung und die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung mit den verschiedenen Symptomen einzugehen. Es wird dann auf die verschiedenen Traumafolgen (Vermeidung, Emotionsregulation) eingegangen und die Traumabelastung bei Kindern und Jugendlichen mit Fluchthintergrund wird vorgestellt. Spezifische Aspekte von Jugend (Identität, Resilienz) runden den ersten Abschnitt ab.
Der zweite Abschnitt geht auf die besonderen Aspekte bei unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen ein: auf die rechtliche und die psychosoziale Situation, auf neue Screeningtools zum besseren diagnostischen Verständnis von Belastungen wird eingegangen und an einem Fallbeispiel konkretisiert.
In dem Abschnitt „Therapie und Behandlung“ werden ausgewählte Methoden und Behandlungsmöglichkeiten bei Traumata für Kinder und Jugendliche skizziert, u.a. die Traumafokussierte-kognitive Verhaltenstherapie, die narrative Expositionstherapie, EMDR oder die Dialektisch Behaviorale Therapie.
Im letzten Abschnitt wird das Stress-Traumasymptoms-Arousal-Regulation- Treatment (START) zur Erststabilisierung von Kindern und Jugendlichen mit starker emotionaler Belastung und traumatischem Stresserleben näher vorgestellt. Dabei verdeutlichen Auszüge aus dem Programm Manual wie sich die Durchführung des START Programms gestaltet. Es wird auf den Hintergrund und die grundlegenden Ziele (u.a. Stress- und Emotionsregulation, Selbstregulation, Achtsamkeit, insgesamt Stabilisierung) eingegangen, es werden exemplarische Beispiele für Übungen,Übungsblätter oder eine persönliche Skillsliste vorgestellt. Ein kurzes Fallbeispiel und eine kurze Skizze einer Pilotstudie schließen diesen Abschnitt ab.
Diskussion
Die Thematik ist für viele Praxisfelder relevant und aktuell, da ein zentrales Ziel die grundlegende, emotionale Stabilisierung von Kindern und Jugendlichen ist. Man merkt dem Buch an, dass es aus der Praxis für die Praxis entstanden ist: das Programm ist niedrigschwellig, nahe an den Alltagskontexten und ressourcenorientiert, anschaulich und den Kindern und Jugendlichen einfach vermittelbar. Auch für potentielle Anwender ist eine klare, inhaltliche und organisatorische Struktur erkennbar, es sind (in dem Manual, nicht in dem besprochenen Buch) vielfältige Materialien für die Anwendung (auch in verschiedenen Sprachen) vorhanden. Die besondere Stärke dieses Buches liegt in seiner Prägnanz und Kompaktheit. Alle zentralen Themen wie Trauma und Folgen oder Stress und Interventionen werden verständlich und prägnant vorgestellt, damit der Leser die Grundlagen und Ziele des später vorgestellten START Programms nachvollziehen und verstehen kann. Die Auswahl der vorgestellten Methoden und Übungen wirken intuitiv logisch, sind nicht zwingend aus theoretischen Überlegungen entstanden, vielmehr aus praktischen Erfahrungen. Dies mindert den Wert des Buches bzw. des Programms nicht. Wünschenswert wäre in der Zukunft eine solide Auswertung der Effekte des Programms, die kurz angedeutete Pilotstudie ist natürlich schon allein aufgrund der (verständlicherweise) geringen Fallzahl nicht wirklich aussagekräftig.
Fazit
Da die Interventionen leicht erlernbar sind und auch das Programm als Ganzes bzw. auch einzelne Programmteile in sehr unterschiedlichen Settings (ambulant, stationär, Einzelanwendung, Anwendung in der Gruppe) verwendbar sind, ist dieses Buch als inhaltliche Unterstützung des Programms verstehbar. Entsprechend vielfältige Berufsgruppen könnten sich hier angesprochen fühlen: Psychotherapeuten, Ärzte, Sozialarbeiter, Kliniken, Jugendhilfeeinrichtungen, Schulen, stationäre Einrichtungen werden u.a. von den Autorinnen aufgeführt. Mir scheint auch die Nutzung an Hochschulen in der Ausbildung (z.B. bei Sozialer Arbeit oder Psychologie) vorstellbar, da dieses Buch kein Vorwissen voraussetzt und prägnant schwierige Themen erläutert.
Rezension von
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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