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Michael Stralla: Lehrpersonen als Change Agents

Cover Michael Stralla: Lehrpersonen als Change Agents. Eine rekonstruktive Studie zu Orientierungen von Lehrerinnen und Lehrern in extern induzierten schulischen Innovationsprozessen. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 272 Seiten. ISBN 978-3-86388-800-8. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.
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… Lehrer sein dagegen sehr…

Der abgewandelte Wilhelm Busch-Spruch drückt ja aus, dass die Profession „Pädagoge“ mit den Mitteln der Bildung und Erfahrung zu erreichen ist, aber die berufliche Tätigkeit als Lehrerin und Lehrer anstrengend, aufwändig und in besonderer Weise herausfordernd ist In den neueren wissenschaftlichen Untersuchungen, wie z.B. in der Hattie-Studie (2009), wird deutlich, dass die ursprünglichen Auffassungen, dass man zum Lehrer geboren sein müsse, überholt sind und es beim Erziehungs- und Lehrverhalten darauf ankomme, dass die Lehrperson nicht Prophet, Alles- oder Besserwisser, sondern Motivator, Vermittler und Partner sein solle (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Lehrerbeschimpfung oder Lehrerlob?, 3.9.2007, www.socialnet.de/materialien/53.php). In diesem Zusammenhang wird auch vom „Agenten“ als LehrerIn gesprochen.

Autor

Der Sozialwissenschaftler und Bildungsforscher von der Universität in Köln, Michael Stralla, hat 2016 seine Dissertation „Lehrpersonen als Change Agents“ vorgelegt.

Enststehungshintergrund

Es ist die uralte, immer wieder neue, bedeutsame Frage, welche Bedeutung Theorie und Praxis im Lehrerverhalten und in der Lehrtätigkeit haben. In den Sozial-, Bildungs- und Erziehungswissenschaften wird postuliert, dass es zwischen den beiden sozialen Systemen – Wissenschaft und Praxis – keine wertenden oder gar hierarchisierten Unterscheidungen geben dürfe, und dass der Praktiker auch Theoretiker und der Theoretiker auch Praktiker sein müsse. Es ist keine sensationelle Erkenntnis, dass in der Wirklichkeit des theoretischen und praktischen erziehungswissenschaftlichen Handelns nicht selten Lücken klaffen. Wer als junge, in der Schule angekommene Lehrkraft kennt nicht den Spruch der etablierten Lehrkräfte: „Vergessen Sie erstmal, was Sie in der Hochschule gelernt haben. Die Praxis sieht anders aus!“. Die Unterschiede zwischen wissenschaftlich theoretischem und praktischem Wissen basieren auf der (angeblichen) „Differenz zwischen Handlungsentlastetheit als bestimmenden Kontext der Produktion von Wissen auf der einen …und der Wirkung von Handlungszwängen … der Praxis auf der anderen Seite“ (S. 12). Es sind die Bereiche und Zugangsformen in der Verwendungs- und Transferforschung, die sich mit den Diskrepanzen und Distanzen auseinandersetzen.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und dem Ausblick gliedert der Autor seine Forschungsarbeit in sechs Kapitel: Er stellt den Bezugsrahmen zur Schulentwicklung und zum Innovationstransfer her; er informiert über das Projekt „Clever lernen“; er bringt mit der Funktionsvokabel „Change Agents“ die Merkmale ein, die für schulische Innovationsprozesse bedeutsam sind; er informiert über das methodische Vorgehen seiner wissenschaftlichen Arbeit; und er berichtet über die empirischen Ergebnisse.

Nicht erst die ernüchternden Ergebnisse der nationalen und internationalen Bildungsvergleichs-Untersuchungen haben im deutschen Schulentwicklungsdiskurs den Ruf nach Veränderungen und zeitgemäßen Weiterentwicklungen des Bildungswesens geführt; interessanter- und bezeichnenderweise weniger forciert und engagiert in den Bereichen der Bildungssystemforschung, und dafür intensiver zu Fragen der personellen und fachlichen Organisationsentwicklung. Mit dem eingängigen, aber gleichzeitig wenig aussagekräftigen Slogan, es käme beim individuellen Lernen weniger auf die Schulform an, sondern vielmehr auf den pädagogischen Geist, der in der konkreten Schule und insbesondere bei den Lehrerinnen und Lehrern herrsche, wird eher eine Augenwischerei betrieben. Denn: Alle relevanten Schulentwicklungsuntersuchungen zeigen deutlich auf, dass es Zusammenhänge zwischen Schulform, Motivation, Lernbereitschaft, Wohlbefinden und Lehrerengagement gibt. Was liegt also näher, den Blick auf die pädagogische Schulentwicklung zu richten. Es sind die Formen des schulischen Change Managements, die andocken an die traditionelle und gleichzeitig allgemeingültige Erkenntnis, dass Lernen Verhaltensänderung ist.

Wenn Schule nicht nur eine Vermittlungsanstalt für nutzbares und von der Gesellschaft erwartetes und verlangtes Wissen, sondern (vor allem) „humane Lebensschule“ sein soll, kommt dem Verhältnis der Lehrenden und Lernenden eine herausragende Bedeutung zu. Mit dem an der Kölner Universität im Rahmen der vom BMBF geförderten Interventionsstudie „Kompetenzförderung von Lehrkräften zur Diagnose und Förderung von Lernstrategien“ („Clever Lernen“) durchgeführtem Forschungsprojekt wird besonders die Fähigkeit und Fertigkeit betont, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Ausbildung und Praxis „selbstreguliert“ lernen und lehren, was bedeutet, „Wissen, Fertigkeiten und Einstellungen zu entwickeln, die … Lernen fördern und erleichtern, und die … auf andere Lebenssituationen übertragen werden können“ (S. 43ff). Diese Form der „Lebenslehre“ basiert auf der Annahme, dass institutionalisiertes Lernen, sowohl in der Schule als auch außerschulisch und in der Erwachsenenbildung, motivierende Bildungsanlässe und -Agenten benötigt. Dabei ist der Balanceakt zu beachten, dass Bildungskanon (Thomas Kerstan, Was unsere Kinder wissen müssen. Ein Kanon für das 21. Jahrhundert, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​24449.php) und das Menschenrecht auf Bildung keine Gegensätze, sondern Komplexe sind.

Es ist bezeichnend, dass Michael Stralla bei seinen theoretischen und empirischen Arbeiten zu „Change Agents“ überwiegend auf den nord-amerikanisch-sprachigen Forschungsdiskurs zurückgreift. In der schulischen Innovations- und Motivationsbetrachtung wird die Bedeutung von „Teacher-Leadership“ nicht, wie nach wie vor weitgehend an deutschen Schulen, hierarchisch und funktionsverteilend organisiert, sondern motivatorisch und professionsbedingt. Die Forschungsergebnisse des Kölner Projektes „Clever Lernen“ sind deshalb für die Lehreraus-, -fortbildung und -praxis an deutschen Schulen von besonderem Interesse. Sie werden mit der erkenntnisleitenden Fragestellung des Forschungsvorhabens erkennbar: „Wie handeln die schulinternen Projektleitungen innerhalb ihrer Schule und welche Orientierungen ihrer berichteten Handlungspraxis können rekonstruiert werden?“ (S. 67f).

Die ausführliche Dokumentation sowohl der Darstellung der methodischen Instrumentarien und Konzepte der Forschungsarbeit, als auch der Motivations-, Erfahrungs- und Ergebnis-Interviews ermöglichen den Autor eine exemplarische Typisierung von „Change Agents“: In den Typus A, den er als „veränderungsoffenorientiert“ bezeichnet, dem Typus B als „status-quo-orientiert“ klassifiziert, und dem „intermediären Typus“, der sich gewissermaßen mit einer „Sowohl-als-auch“ – Einstellung outet.

Fazit

Die Forschungsarbeit lenkt den Blick in die Richtung „Veränderung“ – „Wandlung“ – „Perspektivenwechsel“ beim schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrag. „Change Agents“ können eine verantwortliche, demokratische und freiheitliche Professionalisierung von Lehrpersonen initiieren und etablieren, und zwar hin zur Bildung von selbstständigen, selbstbewussten, demokratischen Identitäten. Das muss in der ersten Phase der Lehrerausbildung an den Universitäten beginnen, in der zweiten Phase des Referendariats institutionalisiert und gefestigt, und in der dritten Praxis- und permanenten Fortbildungsphase selbstverständlich für jede Lehrerin und jeden Lehrer werden. Die vielfältigen Auseinandersetzungen und Reflexionen über Idealvorstellungen und Wirklichkeiten darüber, wie eine Lehrerin und ein Lehrer sein sollten, verdeutlichen die Notwendigkeit, sich gesellschaftlich mit der professionellen Funktion des Lehrerberufs auseinander zu setzen ( siehe dazu auch: Jos Schnurer, Mensch Lehrer! Aus der Erinnerung geplaudert und sich umgeschaut. Eine Replik zum Weltlehrertag am 5. Oktober 2020, in: Pädagogische Rundschau, 6/2019, S. 653ff ).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.02.2020 zu: Michael Stralla: Lehrpersonen als Change Agents. Eine rekonstruktive Studie zu Orientierungen von Lehrerinnen und Lehrern in extern induzierten schulischen Innovationsprozessen. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-86388-800-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25810.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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