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Christian Heilbronn, Doron Rabinovici u.a. (Hrsg.): Neuer Antisemitismus?

Cover Christian Heilbronn, Doron Rabinovici, Natan Sznaider (Hrsg.): Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 494 Seiten. ISBN 978-3-518-12740-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.

Reihe: Edition Suhrkamp.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
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Herausgeber

Christian Heilbronn arbeitet als Lektor im Suhrkamp Verlag;

Doron Rabinovici ist Schriftsteller und Historiker;

Natan Sznaider lehrt Soziologie an der Akademischen Hochschule in Tel Aviv.

Thema

Neuer und alter Antisemitismus als Ressentiments und Hass gegen Juden/Jüdinnen, gegen jüdische Institutionen und Einrichtungen sind in den europäischen Gesellschaften, aber auch anderswo in der Welt, präsent und nie verschwunden gewesen. 2018 sind die Beiträge des Bandes aktualisiert und bei manchen Autoren und Autorinnen ist ein Postscript angefügt worden. Die Beiträge sensibilisieren und fokussieren ein gesellschaftliches Problem, das längst kein Randphänomen mehr ist, sondern eine demokratische Zivilgesellschaft im Wesentlichen angeht, denn Antisemitismus in allen Ausformungen bedroht die Grundlagen offener Zivilgesellschaften.

Aufbau

Das Buch gliedert sich, wie folgt:

  1. Doron Rabinovici & Natan Sznaider: Neuer Antisemitismus: Die Verschärfung einer Debatte, S. 9–27
  2. Omer Bartov: Der alte und der neue Antisemitismus, S. 28–62
  3. Tony Judt: Zur Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Antizionismus, S. 63–72
  4. Judith Butler: Antisemitismus und Rassismus: Für eine Allianz der sozialen Gerechtigkeit, S. 73–91
  5. Gerd Koenen: Mythen des 19., 20. Und 21. Jahrhunderts, S. 92–127
  6. Sina Arnold: Der neue Antisemitismus der Anderen? Islam, Migration und Flucht, S. 128–158
  7. Michel Wieviorka: Der Antisemitismus im Frankreich der Gegenwart, S. 159–181
  8. Matthias Küntzel: Von Zeesen bis Beirut: Nationalsozialismus und Antisemitismus in der arabischen Welt, S. 182–218
  9. Katajun Amirpur: Licht und Schatten: Antisemitismus im Iran, S. 219–251
  10. Ian Buruma: Im gleichen Boot? Zur Beziehung zwischen Amerika und Israel, S. 252–275
  11. András Kovács: Postkommunistischer Antisemitismus. Alt und neu – Der Fall Ungarn, S. 276–309
  12. Rafal Pankowski: Die Renaissance des antisemitischen Diskurses in Polen, S. 310–340
  13. Jan T. Gross: Offizieller Antisemitismus in Polen: Eine persönliche Betrachtung, S. 341–348
  14. Brian Klug: Die Linke und die Juden: Labours Sommer der Bitterkeit, S. 349–365
  15. Anshel Pfeffer: Gute Juden, schlechte Juden: Antisemitismus in Jeremy Corbyns Labour Party, S. 366–384
  16. Monika Schwarz-Friesel: Judenhass 2.0: Das Chamäleon Antisemitismus im digitalen Zeitalter, S. 385–417
  17. Ingrid Brodnig: Im Netz der Antisemiten, S. 418–430
  18. Moshe Zimmermann: Im Arsenal des Antisemitismus, S. 431–458
  19. Dan Diner: Der Sarkophag zeigt Risse: Über Israel, Palästina und die Frage eines >neuen Antisemitismus<, S. 459–488

Über die Autorinnen und Autoren, S. 489–494

Inhalt

Ad 1: „Worauf lassen wir uns ein, wenn wir Antisemitismus begreifen wollen?“ (S. 9) Diese Grundfrage zieht sich durch alle Beiträge des Buches, die dem sog. neuen Antisemitismus nachgehen, also einem Antisemitismus, der nach und wegen und trotz der Shoah entstanden ist, was gemeinhin mit „sekundärem Antisemitismus“ bezeichnet wird (S. 10). Diese neuen Formen des Antisemitismus verbinden sich oft mit Verschwörungstheorien, der Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern usw., was zu einem Konglomerat zusammenwächst (S. 11). Die erste Ausgabe des Buches erschien in 2004; die Veränderungen in der Diskussion und gesellschaftlicher Zusammenhänge wurden in der dritten Auflage eingefügt. Die Autor*innen fragen in ihren Beiträgen nicht nur nach Phänomenen, sondern gehen vor allem auf die Muster des europäischen Selbstverständnisses ein, das oft genug in der Vergangenheit und auch Gegenwart als Vehikel für Antisemitismus diente (S. 15). Einige Beiträge aus 2004 sind ersetzt worden, weil sie zu sehr zeitgeschichtlich gebunden waren; andere Beiträge sind der Aktualisierung willen hinzugekommen (S. 17).

Ad 2: Omer Bartov vergleicht in seinem Beitrag den alten mit dem neuen Antisemitismus (28). Als Beispiel für den alten Antisemitismus wird das „Zweite Buch“ Adolf Hitlers aus 1928 angeführt, was aber erst nach Hitlers Tod 1945 in 1958 veröffentlicht wurde. In diesem Buch gibt Hitler Auskunft über seine Ziele und im Nachhinein stellt sich heraus, dass Hitler genau das, was er ankündigt (S. 30) auch getan hat; die Welt wurde in Gut und Böse eingeteilt und die jüdische Bevölkerung stand für Hitler auf der Seite des Bösen, das vernichtet werden musste (S. 31): „Hitlers zentrale Ziele bestanden darin, in Deutschland eine völkische Einheit herzustellen und es von 'schädigenden' Bestandteilen zu befreien…“ (S. 31). Alles jedoch, was Hitler „den Juden“ zuschrieb, wurde Bestandteil seiner eigenen Politik (S. 36). Vieles von dieser rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus feiert fröhliche Urständ und sei es noch so absurd (S. 39). Auch in Deutschland wurde seit der Rede Martin Hohmanns vor dem Bundestag antisemitische Hetze wieder salonfähig: „Zum ersten Mal seit Ende des >Dritten Reiches< hat sich damit ein Mitglied des Deutschen Bundestages antisemitisch geäußert – mit exakt derselben Logik, mit der Hitler den Krieg gegen die Sowjetunion begründete.“ (S. 41) In Bezug auf den Staat Israel wird im neuen Antisemitismus unterstellt, dass Israel ein Apartheid- oder ein rassistisch-kolonialer Staat sei, denn Zionismus und Nationalsozialismus würden gleichgesetzt (S. 43). Der Autor führt als diesbezügliches Beispiel eine Rede des malaysischen Präsidenten an (S. 49). Deutlich wird in Omer Bartovs Beitrag, dass Antisemitismus nie nur Reden und Agitieren bedeutet, sondern auch mit Mord und Totschlag verbunden ist (S. 50). 2018 wird in einem Postscriptum noch hinzugefügt, dass sich die Kernthese mit dem Massaker an 11 Menschen in der Synagoge von Pittsburgh leider bewahrheitet habe.

Ad 3: Der aktuelle Antisemitismus sei nicht die Wiederkehr des „Antisemitismus der Großväter“ (S. 63) und trotzdem werde auf amerikanischer Seite angenommen, Europa habe aus seiner Vergangenheit nichts gelernt (S. 64). Tony Judt stellt jedoch fest, dass sowohl in den USA als auch in Europa inzwischen wieder eine „größere Toleranz für gemäßigten verbalen Antisemitismus“ vorhanden sei und alte Vorurteile und Stereotypen wiederbelebt würden (S. 65); zudem würden Antisemitismus und Antizionismus in eins gesetzt (S. 66). Kritisch bewertet der Autor die Unterstützung der USA für Israel und der damit einhergehenden „kritiklosen Rückendeckung für alle Handlungen“ (S. 67). Ressentiments gegen den Staat Israel würden auf alle Juden/Jüdinnen außerhalb Israels übertragen, weil der Staat Israel beanspruche, für alle Juden weltweit zu sprechen (S. 69).

Ad 4: Judith Butler untersucht die Verbindung zwischen Rassismus und Antisemitismus: „Aber gelegentlich wird unsere Neigung zu moralisch empörten Reaktionen für den Zweck ausgenutzt, legitime Kritik am israelischen Staat und seinen kolonialen Praktiken zu unterdrücken, mit denen Palästinenser, die dieses Land ihre Heimat nennen, enteignet, entrechtet, eingesperrt, verstümmelt und getötet werden.“ (S. 73) Butler diskutiert in ihrem Beitrag, ob die Vorwürfe gegen die BDS-Kampagne, sie sei antisemitisch, berechtigt seien oder nicht (S. 75). Sie plädiert dafür, die BDS Kampagne zuerst einmal als „legitime politische Äußerung“ zu verstehen. Ihre These lautet, dass koloniale Herrschaft die unterworfenen Menschen breche (S. 77) und deshalb eine Boykottaktion auch gerechtfertigt sei. Sie fordert vom Staat Israel, dass alle Menschen, die im Staatsgebiet leben, als Bürger*innen des Landes angesehen werden und dass Israel nicht nur die demografische Mehrheit vertrete (S. 78). Im Moment, so Judith Butler, herrsche in Israel eine Ungleichbehandlung verschiedener Bevölkerungsgruppen vor (S. 79). Butler verteidigt die BDS-Kampagne durchaus in der Tradition gewaltloser Strategien, als „Bona Fide“-Mittel (S. 82) – gleichwohl gibt sie jedoch die Ambivalenz von Boykottaufrufen vor allem in Deutschland in Bezug auf Nazi-Deutschland zu bedenken (S. 83). Aber der Boykott richte sich ihrer Meinung nicht gegen israelische Bürger*innen, sondern ziele auf israelische Institutionen (S. 83).

Ad 5: Gerd Koenen beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den Mythen des 19./20./21. Jahrhunderts, wozu er zum Beispiel Hitlers „Mein Kampf“ oder Alfred Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ mit ihrem jeweiligen demagogisch-apokalyptischen Weltbild oder die stalinistische Ideologie zählt (S. 94). Der stalinistische Antisemitismus hatte darüber hinaus die Funktion die Machtbalance der eigenen Position zu verschieben und zu stabilisieren (S. 97) – die Gegner Stalins wie z.B. Trotzki wurden als „heimtückische Feinde“ charakterisiert (S. 98). Gegen den „Zionismus“ formulierte die stalinistische Ideologie den Anspruch des Kosmopolitismus (S. 100). In der westdeutschen Linken wurde die These „eines israelischen Zionismus“ bereitwillig aufgenommen (S. 108) und in Stellung gegen den westlichen Imperialismus und Kolonialismus gebracht (S. 109). Einige der linken Ideologen der 68er Bewegung wurden schnell zu Ideologen der Neuen Rechten, wie das Beispiel Horst Mahlers zeigt (S. 113). Kritisiert wird wegen seines Antisemitismus der muslimische Antisemitismus gerade von westlichen Gruppen, die selbst völkisch-nationalistisch oder christlich-fundamentalistisch eingestellt sind (S. 122).

Ad 6: Sina Arnold bedenkt in ihrem Beitrag das Phänomen des muslimischen Antisemitismus, der durch die Migrationsbewegung dynamisiert worden sei (S. 128). Sie verweist dabei auf empirische Untersuchungen, nach denen vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund aus mehr oder weniger muslimischen, aber prekären, Kontexten stärker vom Antisemitismus als andere Jugendliche betroffen seien (S. 131). Gleichzeitig stellt sie aber auf der anderen Seite stärkere Diskriminierungserfahrungen bei besagten Jugendlichen fest (S. 132). Deutschland sei nach 2015 offensichtlich zum Migrationsland geworden und biete Beispiele dafür, dass an Stelle „ethnisch-kultureller Selbstbeschreibungen“ „hybride Identitäten und Mehrfachzugehörigkeiten“ und „plurilokale Orientierungen“ getreten seien (S. 134). PEGIDA und AfD hielten Einzug in Parlamente und markieren so die Rechtsdrift der Gesellschaft insgesamt (S. 135) – Islamfeindlichkeit habe seit 2017 in der Bevölkerung aufgrund starker rechtsgerichteter Propaganda massiv zugenommen, ebenso der militant-aggressive Antisemitismus: „Alle Formen stellen eine Bedrohung für Juden und Jüdinnen in Deutschland dar und werden von diesen auch so empfunden“ (S. 137). Kombiniere sich Antisemitismus mit Islamfeindlichkeit und geringem Wissen über den Holocaust, was auch für Migrant*innen aus muslimischen Ländern zutrifft, dann entstehe ein gefährliches demokratiefeindliches Potenzial (S. 141). Fehlende Koran-Kenntnisse werden durch Nationalismus und judenfeindliche Einstellungen ersetzt (S. 142). Zu unterscheiden seien jedoch die rassistischen Artikulationsformen gegenüber Deutschen mit Migrationshintergrund von solchen gegenüber neu hinzugekommenen Migrant*innen (S. 145) – jedoch stelle der Antisemitismus eine Basis zur Verfügung – das Zeigen auf scheinbar Schuldige (S. 147).

Ad 7: Der Hass auf die frz. Juden/Jüdinnen sei nicht verschwunden, sondern in ein rassistisches Modell integriert worden, so die These von Michel Wieviorka (S. 159). Judesein bedeute in diesem Modell eine „Rasse mit bestimmten Eigenschaften“ (S. 160). Nach dem zweiten Weltkrieg sei zwar der französische Antisemitismus zurückgetreten, weil die NS-Verbrechen als solche anerkannt wurden, aber inzwischen sei der Hass aber wieder etabliert: „Der Hass auf die Juden entwickelt sich in einem realen, konkreten Raum, wo Juden leben. Er schreibt sich auf eine komplexe Weise ein in die jeweilige Gesellschaft, zu der sie gehören, und so verdreht und realitätsfern er auch sein mag, beeinflusst das, welche Folgen er hat und wie er sich politisch auswirkt.“ (S. 161) Nach dem zweiten Weltkrieg war die jüdische Bevölkerung Frankreichs eher aschkenasisch geprägt; nach dem Ende der frz. Kolonialzeit kamen vor allem aus Nordafrika maghrebinische Juden. Das Wiedererstarken des Antisemitismus in Frankreich hänge auch von der Holocaustleugnung ab (S. 163), von Grabschändungen durch Neonazis oder auch dem Ansehensverlust des Staates Israel (S. 165). Der gegenwärtige Antisemitismus habe sich mit einem Antizionismus verbunden (S. 166). Dazu komme der Wandel der Migration; aus einer ursprünglichen Arbeitsmigration sei eine Bevölkerungsmigration geworden (S. 167), d.h., die Zuwander*innen seien französische Staatsbürger*innen geworden, die sich in frz. Vorstädten, Banlieues, angesiedelt haben und so Opfer von Rassismus und Diskriminierung geworden seien (S. 168). Migrant*innen mit nordafrikanischen-muslimischen Wurzeln hätten sich mit dem Anliegen der Palästinenser*innen identifiziert (S. 169), darüber hinaus mit aggressivem Islamismus (S. 169). Eine Provokation sei zudem die Solidarisierung des Conseil Représentatif des Institutions Juives de France Zusammenschluss von 50 jüd. Organisationen) mit der aktuellen israelischen Politik (S. 171). Aber, so der Autor, Antizionismus und islamischer Dschihadismus sollten auseinandergehalten werden (S. 174).

Ad 8: Die islamistische Hisbollah verbreitet in der Fernsehserie Al-Shatat massive rassistische und antisemitische Bilder und Muster (S. 182); auch Terrorakte gegen Israel würden dort legitimiert (S. 183). Der Autor gibt einen historischen Überblick über den Antisemitismus in arabischem Kontext und beginnt mit dem Mufti von Jerusalem (Amin el-Husseini) und dessen Nähe zum deutschen Nationalsozialismus (S. 185). Den Aufruf zum „Dschihad“ in den 30/40er Jahren des 20. Jahrhunderts in Palästina sieht Matthias Küntzel als Keimzelle des Islamismus (Muslimbruderschaft) an (S. 188). Naziideologie und die Ideologie der Muslimbrüder gingen eine Kollaboration ein (S. 196); nach dem zweiten Weltkrieg blieb dann die pronationalsozialistische Vergangenheit (S. 198). 1982 begann die Hisbollah mit Selbstmordattentaten gegen Israel, d.h. Menschen wurden als Bombenträger*innen instrumentalisiert (S. 200). Im Moment existierten islamistische Eskalationsstrategien, die den Staat Israel „ als Repräsentanz des Bösen“ charakterisieren (S. 201). Islamistische TV- und Radiosendungen erreichten inzwischen Millionen Menschen in Europa. Im Postscriptum 2018 schreibt der Autor, dass der Antisemitismus in der arabischen Welt längst kein Randthema mehr sei und dass sich die Naziideologie weiterverbreite (S. 207).

Ad 9: Der Autor interpretiert die Gegnerschaft Israels mit dem Iran als geostrategische und nicht unbedingt als ideologische, wobei sich der postrevolutionäre Iran in dieser Hinsicht nicht vom Schah-Regime unterscheide (S. 219); Katajun Amirpur schließt sich der gängigen Antisemitismus-Definition von Wolfgang Benz und Mark Cohen an (S. 220) und bemerkt, dass trotzdem im heutigen Iran Juden leben, die den Iran als ihre Heimat ansehen; gleichzeitig existiere jedoch eine reale Diskriminierung in vielerlei Hinsicht (S. 221). Einen nennenswerten Antisemitismus habe es jedoch in der arabisch-iranischen Welt bzw. Gesellschaft historisch kaum gegeben. Der heutige Antisemitismus würde als Folge des israelisch-palästinensischen Konflikt wahrgenommen (S. 222); ein Problem sieht der Autor in der Charakterisierung des Judentums durch die Schia als „unrein“ (S. 225). Im frühen Schah-Regime gab es eine gewisse Sympathie mit Rassismus und dem deutschen Nationalsozialismus, was dann nach dem zweiten Weltkrieg abflaute (S. 228). Erst unter Khomeini wurde der iranische Nationalismus wieder intensiviert und Israel bzw. der Westen zum Hauptfeind erklärt (S. 229).

Ad 10: Ian Buruma legt Verschwörungstheorien offen, in denen Juden großer Einfluss auf die Weltpolitik unterstellt wird (S. 254)und die die amerikanische Regierung beeinflusse und manipuliere. Gleichwohl sei jedoch auch eine proisraelische Lobby in Amerika gut aufgestellt und vernetzt, wie andere Lobbyisten auch (S. 255); die christliche Rechte unterstütze Israel: „Die >christlichen Zionisten< glauben, einer wörtlichen Bibelauslegung entsprechend, dass Christus erst dann wieder aufersteht, wenn die Juden das Heilige Land wieder in Besitz genommen haben.“ (S. 256) Das Zweckbündnis zwischen USA und Israel werde dadurch aufrechterhalten, dass amerikanische Machtpolitik mit einer harten Politik Israels gegenüber den Palästinensern zusammengehe (S. 257). Ab dem 6-Tage Krieg 1967 unterstützten die USA massiv Israel und die Europäer hingegen nahmen die palästinensische Sache auf (S. 258); bis 1967 repräsentierte die israelische Kibbutzbewegung für die europäische Linke einen sozialistischen Traum (S. 60). Ab 1968 schlug sich die eine Seite auf die Seite Israels und die andere auf die Seite der Palästinenser, was mit dem „Kalten Krieg“ zwischen Ost und West zusammenkam, sodass die Besetzung Palästinas durch Israel die amerikanische und auch europäische Linke empfänglich für antisemitische und antizionistische Ideen machte (S. 263); hinzu kam ab 1979 das enge amerikanisch-israelische Zweckbündnis gegen den Iran, was die Situation verstärkte (S. 266).

Ad 11: András Kovács behauptet, dass der Antisemitismus in Ungarn nach dem Zusammenbruch des Kommunismus stärker geworden sei (S. 276) und dass es eine Kontinuität von antisemitischen Vorurteilen im Alltagsleben aus vorkommunistischer, kommunistischer und postkommunistischer Zeit gebe (S. 278). Im Nationalsozialismus hatten viele Ungarn von der Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung profitiert, was sich dann im kommunistischen Nachkriegsungarn fortgesetzt habe (S. 280). Die jüdische Bevölkerung wurde als Zionisten/​Kosmopoliten/​urbane Bourgeois usw. beschimpft und galt als illoyal (S. 281) Ab 2006/2010 lässt sich statistisch eine signifikante Zunahme des Antisemitismus konstatieren, was auch mit der jetzigen Regierungspolitik der Regierungspartei zusammenhänge (S. 287). Antisemitische Parolen der „Bewegung für ein besseres Ungarn“ (= JOBBIK) verbanden sich mit einer ausgeprägten Anti-Establishment Haltung. Ein Topos des traditionellen ungarischen Antisemitismus ist dabei vorherrschend: „die albtraumhafte Vorstellung von einer fremden und exzessiven jüdischen Macht, die auf einer internationalen Bündelung der Kräfte fußt, die die Substanz des nationalen Kollektivs gefährdet.“ (S. 293). Die Migrationskrise von 2015 beförderte in Ungarn populistisch-fremdenfeindliches und antisemitisches Gedankengut in der herrschenden FIDESZ Partei (S. 295).

Ad 12: Rafael Pankowski geht dem polnischen Antisemitismus nach, dessen Ausdruck das am 26.1.2018 verabschiedete sog. Erinnerungsgesetz sei, das die Behauptung einer polnischen Mitschuld an der Shoah unter Strafe stellt (S. 311). Dieses Gesetz bedeute nach Meinung des Autors die offizielle Übernahme des ethnonationalistischen Narrativs der polnischen Geschichte und die Unterdrückung jeder kritischen Untersuchung der polnischen Zeitgeschichte (S. 314). Rechtsextremistische Gruppierungen setzten den Präsidenten unter Druck und die antisemitischen Parolen konstruierten eine Mitschuld der jüdischen Bevölkerung Polens am Holocaust (S. 325). Kombiniert werde diese Infamie mit Verschwörungstheorien und mit Vorwürfen an die Adresse des Staates Israel (S. 332).

Ad 13: Jan T. Gross fokussiert die Haltung der derzeit in Polen regierenden Partei Prawo i Sprawiedliawośc (PiS: Recht und Gerechtigkeit) (S. 341) als Nachfolgepartei bzw. -organisation einer aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts stammenden faschistischen Gruppierung; verbunden mit der PiS ist der rechtsnationalistische, z.T. antisemitische Sender „Radio Maryja“ unter Tadeusz Rydzyk. Ausdruck dieser Grundhaltung der PiS sei das Gesetz über das Institut für nationales Gedenken (S. 343) vom 26.1.2018. Die Wirkungen dieses Gesetzes auf die außenpolitische Öffentlichkeit seien verheerend; man spreche über ein „außenpolitisches Desaster“ (S. 347).

Ad 14: Brian Klug lenkt in seinem Beitrag den Blick auf antisemitische Strömungen innerhalb der britischen Labour-Partei (S. 349); vor allem geht es um einen Verhaltenskodex der Partei zur Antisemitismusprävention (S. 349). Im Leitungsgremium der Labour Party wurde ein Verhaltenskodex im Umgang mit Antisemitismus verabschiedet, der ziemliche Wellen schlug. Die öffentliche Reaktion zielte vor allem auf Jeremy Corbyn, der sich zwischen 2015–2018 wiederholt antisemitisch geäußert hatte (S. 351) im Zusammenhang mit seinem Engagement für die Palästinenser (S. 352) bzw. auf einer Veranstaltung in 2009, zu der auch Vertreter der Hisbollah und Hamas geladen waren. Teile der britischen Linken sehen den Zionismus auf der „Seite des Teufels“ stehen, was für den Autor Brian Klug ein dualistisch-dämonisierendes Element darstellt (S. 359), das sich mit dem neuen Antisemitismus verbinde (S. 363).

Ad 15: Anshel Pfeffer untersucht in seinem Aufsatz ebenfalls die britische Labour Party und sieht in der Partei einen pauschalierenden Dualismus zwischen „guten und schlechten Juden“ am Werk (S. 366) und konstatiert ähnlich wie Brian Klug einen „linken Antisemitismus“ (S. 371) – im Fokus steht ebenfalls Jeremy Corbyn: „Bereitwillig teilte er das Podium mit Leuten, die zur Auslöschung Israels aufriefen, sowie mit Holocaustleugnern und Verfechtern der Ritualmordlegende.“ (S. 373). In seiner Rolle als Parteichef bis 2020 sei es zur deutlichen Überschneidung von Antisemitismus und Antizionismus gekommen (S. 74).

Ad 16: Monika Schwarz- Friesel geht der Frage nach, wie sich der Antisemitismus im 21. Jahrhundert zeigt und hat hierfür ca. 300.000 Texte aus den sozialen Medien von 2007–2018 untersucht (S. 385); sie stellt fest, dass eine semantische Radikalisierung stattgefunden habe: „In allen wesentlichen Kommunikationsbereichen des Internets hat sich judenfeindliches Gedankengut mit hoher Affektmobilisierung verbreitet.“ (S. 385) Judenfeindschaft sei wesentlicher Bestandteil der Netzkultur; der Judenhass manifestiere sich inzwischen als Israelfeindschaft (S. 386). Antisemitismus als „feindselige ressentimentgeleitete Einstellung gegenüber Jüdinnen, Juden und dem Judentum sowie … gegenüber Israel“ zeige sich als „kultureller Gefühlswert“ (S. 388) und verbreite sich im Internet dynamisch (S. 390). Die Autorin sieht das Internet als „kontrollresistenten und affektgesteuerten Kommunikationsraum“ an (S. 393); die Hemmschwellen seien im Internet massiv gesunken und übten vor allem auf Jugendliche einen massiven Druck aus (S. 396). Der Staat Israel werde dämonisiert und delegitimiert, was bis zur Forderung der Vernichtung Israels führe; die antisemitische Semantik würde durch eine „Israelisierung“ verstärkt (S. 400)

Ad 17: Ähnlich wie Schwarz-Friesel charakterisiert Ingrid Brodning den Einfluss des Antisemitismus, der durch das Internet verbreitet werde und spricht von einem „Online-Enthemmungs-Effekt“ (S. 421). Einen Grund für den wachsenden Antisemitismus sieht die Autorin in der Emotionalität (S. 423), die sich mit Antisemitismus-Narrativen verbinde. Brodning fordert: „Wenn uns der Hass online nicht gefällt, müssen wir auch offline aktiv werden.“ (S. 428)

Ad 18: Moshe Zimmermann erinnert an die Diskussion um Daniel Jonah Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ (S. 431) und an die Besonderheit des deutschen Antisemitismus, der letztlich zur Shoah führte (S. 436). Das jetzige Wiedererstarken des westlichen Antisemitismus hatte, so Moshe Zimmermann, weniger mit dem traditionellen Antisemitismus der 30/40er Jahre des Jahrhunderts zu tun, sondern eher mit dem Staat Israel und dem schwelenden Nahostkonflikt (S. 438). Theodor Herzls Prognose der zionistischen Bewegung vor 120 Jahren steuere nun in eine politische Sackgasse, denn nach der Balfour Deklaration (1917) und der Gründung des Staates Israel wurde der Konflikt zwischen Israelis und Arabern verstärkt (S. 439), statt beigelegt: „Die zionistische Einwanderung hat die Idee des Nationalismus aus Europa in die Region gebracht und hat so zur Konfrontation zwischen Juden und Arabern beigetragen.“ (S. 439). Zu bedenken bleibe aber, so Zimmermann, dass der europäische Antisemitismus durchaus kompatibel mit dem muslimischen Antisemitismus der arabischen Immigrant*innen nach Europa sei (S. 441). Am Schluss stellt Zimmermann die wichtige Frage, wie Israel politisch zu kritisieren sei, ohne in einen antisemitischen Strudel zu geraten (S. 442). Auseinanderzuhalten seien Israel als politisches Gemeinwesen und Judentum als religiöse Größe, wenn beide Ebenen vermischt würden, gerate man ins Fahrwasser eines antisemitischen Modells; zudem dürfe der Staat Israel nicht davon ausgehen, die Interessen aller Juden außerhalb Israels zu vertreten (S. 446).

Ad 19: Dan Diner untersucht die Frage, nach welchen Kriterien die Politik des Staates Israel beurteil werden soll (S. 461): „Welchen Erfahrungshorizont gilt es also zugrunde zu legen – die Maßgaben staatlicher Souveränität oder die einer historisch eingekerbten Schutzbedürftigkeit?“ (S. 461) Im sog. Nahostkonflikt seien zwei Grundströmungen erkennbar: einmal ein nationaler Konflikt von zwei „religiös, sprachlich wie kulturell“ verschiedenen Bevölkerungsgruppen (S. 462) um das gleiche Land. Die andere Konfliktlinie sei eine kolonial/​postkoloniale, weil europäische Juden, vor allem nach der Shoah, von außen kamen und das Land in Besitz nahmen (S. 462): „Seinen kolonialen Anteilen nach aber unterläuft der Konflikt alle Vorstellungen von kompromissfähiger Territorialität.“ (S. 463) Hinzu komme das Selbstverständnis der arabischen Bevölkerung im Staat Israel (S. 464), das in drei Modi auftritt: Selbstverständnis als Palästinenser*innen, als Araber*innen als Muslime/​Musliminnen bzw. als Christen/​Christinnen (S. 464). In dieser Perspektive sieht Dan Diner wenig Möglichkeiten einer friedlichen Konfliktlösung bzw. Friedensfähigkeit. Die letzte Konfliktlinie werde zudem noch durch einen spezifisch arabisch-muslimischen Antisemitismus verstärkt (S. 471), der ursprünglich christlich-antisemitische Bilder und Vorstellungen inkorporiert habe (S. 478). Die Anerkennung des Holocaust als Zivilisationsbruch wird im arabischen Kulturkreis durchaus nicht geteilt, sondern als westliche Perspektive charakterisiert. Dan Diner hält jedoch dagegen: „In Auschwitz verdampften Kategorien, die zur Grundausstattung eines aufgeklärten Weltverständnisses gehören.“ (S. 476) Hass auf Juden erscheine in der Postmoderne als „Hass auf ein zu bebilderndes Unsichtbares“, „Hass auf vorgeblich Mächtige, Überlegene, Privilegierte“ (S. 486).

Fazit

Die 19 Beiträge, zum Teil aktualisiert in 2018, zum Teil ersetzt, geben einen erschreckenden Einblick in die Mehrdimensionalität der Erscheinungsformen des modernen/​postmodernen Antisemitismus. Jedem, der sich mit Bildungs- und Präventionsstrategien gegen Antisemitismus beschäftigt, sei dieses Buch sehr ans Herz gelegt, um diskurs- und argumentationsfähig zu bleiben.


Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 19.10.2020 zu: Christian Heilbronn, Doron Rabinovici, Natan Sznaider (Hrsg.): Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-12740-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25813.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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