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Heinz Bude: Solidarität

Cover Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (München) 2019. 174 Seiten. ISBN 978-3-446-26184-6. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Solidarität ist ein schillernder Begriff – und lässt sich aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachten. Genau das unternimmt der Verfasser, Prof. Dr. Heinz Bude, in seinem vorliegenden Buch: Es sind „Meditationen“ (S. 11) über die Zukunft der großen Idee der Solidarität.

Autor

Prof. Dr. Heinz Bude nimmt seit Jahren in der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Debatte einen zentralen Stellenwert ein. Mit seinen Veröffentlichungen u.a. zu Themen wie Angst, Bildung oder soziale Ungleichheit liefert er zahlreiche Vorlagen für die Debatte um neue deutsche Phänomene. Als Mitglied des Hamburger Instituts für Sozialforschung (seit 1997 ist er dort Leiter des Arbeitsbereichs „Die Gesellschaft der Bundesrepublik“) und als Inhaber der Professur für Makrosoziologie an der Universität Kassel (seit 2000) verfolgt er die Arbeitsschwerpunkte Generations-, Exklusions- und Unternehmensforschung. Zahlreiche seiner Vorträge und Diskussionsbeiträge können im Internet nachgesehen werden.

Entstehungshintergrund

Es geht um einen Begriff. Dieser wird durchleuchtet und auf seine Deutungen hin untersucht. Thematisiert werden Auslegungen, die sich akut vielleicht auf vor allem zwei Varianten zuspitzen:

  • Auf die Darstellung des Kontrastes zu der gegenwärtigen, solipsistisch-narzisstischen Betonung des „was-geht-mich-das-an?“-Freiheitsbedürfnisses auf der einen, und
  • auf die Abgrenzung zu den nach-innen, ausschließlich auf die eigene Gruppe gerichteten Solidaritätsbefürwortern des rechten politischen Spektrums, auf der anderen Seite.

Dazwischen sucht Bude – „in einer Zeit der enttäuschten Ideologien und der überschätzten Wissenschaft“ (S. 11) – auf seine besondere Weise nach Klarheit. 

Aufbau

Das Buch beinhaltet 12 „Meditationen“ über Solidarität. Dabei wird jeweils ein zentrales Thema zum Begriff der Solidarität in Beziehung gesetzt. Diese zentralen Themen sind:

  1. Kollektive Güter/Kollektives Handeln
  2. Begriffsgeschichte
  3. Emile Durkheim
  4. Versorgungsstaat
  5. Kommunistisches Manifest/Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft
  6. Nachkriegszeit (Auseinandersetzung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden
  7. Alltag (entwicklungspsychologisch betrachtet)
  8. Empathie
  9. Achtsamkeit
  10. Tiere und Pflanzen
  11. Gerechtigkeit bzw. gerechte Gesellschaften
  12. Soziale Ungleichheit (global betrachtet)

Inhalt

Die Kernthese zum ersten Thema lautet: Aus Angst (um unsere Integrität etc.) kommen wir erst gar nicht auf den Gedanken, dass Solidarität manchmal wichtiger ist als Selbstbewahrung. Gegenüber einer solch nüchternen Feststellung ist die enorme Bedeutung der Solidarität in der Weimarer Republik (Bude spricht hier vom „Solidaritätskult“, S. 32) längst hinter uns gelassene Geschichte. Doch unter Berufung auf Albert Camus, der Bude bei seiner Spurensuche als „Führer und Gefährte“ (S. 10) dient, darf diese Feststellung relativiert werden: „Niemand muss solidarisch sein, man muss nur eine Ahnung davon haben, was man verliert, wenn man vergisst, was wir uns schulden“ (S. 33).

In der Durkheimianischen Perspektive steht die Gesellschaft als ein strukturierender Zusammenhang an erster Stelle. Der/die Einzelne kann sich daraus ergebende Spielräume nutzen. Er/sie kann sich – evolutionsbedingt – sogar vor allem anderen als auf sich selbst bezogenes Individuum begreifen. Dies bedeutet nach Durkheim jedoch nur, dass unsere Abhängigkeit voneinander immer abstrakter wird, und nicht, dass sich das „soziale Band“, welches zwischen den Menschen besteht, lösen würde. Im Gegenteil: „Die gesellschaftliche Arbeitsteilung verbindet Individuen miteinander, die sonst voneinander unabhängig wären und nichts voneinander wüssten“ (S. 36).

Der Sozialstaat lässt sich auch als Form institutionalisierter Solidarität begreifen. Damit diese funktioniert, bedarf es einer gewissen Verbundenheit untereinander und der Angewiesenheit aufeinander. Solidarität appelliert „an eine (…) Gemeinschaft, wo wir zugleich losgelöst, unterschieden und gebunden sein können. Dafür muss ich freilich etwas einsetzen, von dem ich nicht sicher sein kann, dass es sich auszahlt“ (S. 56). Was Bude hier anspricht, ist Vertrauen, Bindung und Engagement (vgl. ebd.).

Die Erfahrung von Herrschaft schweißt zusammen. Doch die Solidarität zwischen den Arbeitern im Industrieproletariat hat aus unterschiedlichen Gründen nachgelassen (vgl. S. 69f). Insofern fragt Bude: „Wer sollen die Proletarier, die alles richten, heute sein?“ (S. 75).

Nach dem Wiederaufbau haben sich das „Stuttgarter Verhandlungspaar“ (S. 77) Willi Bleicher von der IG Metall und Hanns Martin Schleyer als Vorsitzender des Verbandes der Metallindustrie Baden-Württembergs in Folge der kollektiven Kriegsfolgenbetroffenheit und der Wiederaufbauverpflichtung „in einem Boot“ (ebd.) gefühlt. Heute gewinnt, so Bude, eine Politik der Solidarität wieder an Boden, die Einwanderer als Eindringlinge sieht und den Schutz von Grenzen, Sprachen, Lebensweise und des Herkommens fordert (S. 90): „Diese Solidarität kommt von rechts, und die Linke scheint ihr nichts entgegensetzen zu können“ (ebd.).

Der Evolutionsanthropologe Michael Tomasello ist der Auffassung, dass bestimmte Arten des Helfens den Menschen angeboren und nicht anerzogen sind (S. 92). Altruismus bei Kindern hat ein umsichtiges kooperatives Verhalten zur Folge (S. 96). Im Verlaufe des Älterwerdens kehren die Kinder vom unbedarften Altruismus ab (S. 97). Solidarität wird an Zugehörigkeit gebunden (ebd.). Tomasello's Vorschlag zur Klärung besagt, dass es auf gemeinsame Ziele ankommt, auf die Bewältigung einer gemeinsamen Aufgabe: „Die Solidarität resultiert aus der wechselseitigen Abhängigkeit im Dienste der gemeinsamen Zielverfolgung“ (S. 101). Diese Verpflichtung auf ein gemeinsames Anliegen haben wir aus dem Auge verloren (S. 102).

Empathie – so wird an verschiedenen Beispielen verdeutlicht – funktioniert vor allem innerhalb spezieller Gruppen. Insofern bedarf es einer anderen und neuen Solidarität, damit auch zwischen bestimmten Gruppen Solidarität entstehen kann: „Auch in Deutschland wird es ohne Vorgriff auf ein drittes Wir trotz aller Versuche, sich wechselseitig zu verständigen und gegenseitig mitzufühlen, keine Solidarität geben zwischen den verwirrten Westdeutschen und den erbosten Ostdeutschen…Die Frage ist nur, wer vorangehen und dieses Wir aufrufen wird…“ (S. 114).

Bude zweifelt im folgenden Kapitel daran, dass „die Achtsamen“ (Menschen, die Übungen in Achtsamkeit ausführen) für Bündnisse der Solidarität zu gewinnen sind (S. 123). Er schlägt stattdessen die christliche Liebesethik als einen „Ausweg aus dem selbstgerechten Empfinden des Seelenfriedens“ (S. 122) vor.

Die Idee der Solidarität mit Tieren und Pflanzen ist seit Joseph Beuys bekannt. Bude bezieht sich auf Donna Harraway und andere, die für ein sich-verwandt-machen mit anders-als-menschlichen Wesen eintreten (S. 125). Er fragt nach den Grenzen einer solchen Bewegung (S. 134).

Sodann wird die Auflösung von verkörperten Solidaritäten in der Zivilgesellschaft konstatiert: „Das Wir der Nachkriegssolidarität nach 1945 scheint sich genauso aufgebraucht zu haben wie das Wir der Aufbruchssolidarität nach 1968“ (S. 144). Guter Rat ist heute gefragt, denn: „Die Solidarität ist eben ein ziemlich weicher und elastischer Kitt, der die Zwischenräume zwischen den ausdifferenzierten Wertsphären und Funktionssystemen der modernen Gesellschaft ausfüllt“ (S. 148).

Global betrachtet kann in den letzten Jahrzehnten eine deutliche Verringerung sozialer Ungleichheit festgestellt werden. Auf der anderen Seite hat sich die Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften deutlich erhöht: „Die Brüche und Spaltungen innerhalb der gemeinsamen sozialen Welt sind stärker und härter geworden“ (S. 153). Die Erfahrung von Solidarität, so Bude in seinen abschließenden Worten, löst kein Problem, sondern stellt eine Frage: „Die Frage, der man, wenn man Albert Camus folgt, nicht entgehen kann: Wofür lohnt es sich zu leben?“ (S. 163).

Diskussion

Die Lektüre des Buches „Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee“ von Prof. Dr. Heinz Bude ist anregend, wenn auch nicht voraussetzungslos. Frau/Man sollte sich schon Zeit nehmen zum Durcharbeiten dieses Buches. Dann wird sie/er sogar die eine oder andere Überraschung erleben können. So hatte ich einen Rekurs auf die christliche Sozial- und Liebesethik (z.B. zum Thema „Gott ist die Liebe“; S. 122f oder zur „Barmherzigkeit“ verstanden als das Andere der Gerechtigkeit, S. 141ff) in einem modernen soziologischen Buch nicht erwartet. Begeistern kann ich mich an dem fantasievollen und gleichzeitig einfühlsamen Umgang Bude's mit Worten bzw. Begriffen. Auch die Differenziertheit der Argumente ist sehr eindrucksvoll. In den Werken von Heinz Bude gibt es kein „Schwarz-Weiß-Denken“ und kein Heischen um Anerkennung bei der LeserInnenschaft. Vielmehr werden die vielfältigen Nuancen einer bestimmten Perspektive fein und sauber herausgearbeitet. In diesen Zusammenhang passt auch, dass ich in dem gesamten Buch keinen einzigen Tipp- bzw. Schreibfehler entdecken konnte. Wer auch immer hier korrigiert hat, sie/er hat es genau getan!

Fazit

Ein gehaltvolles Buch für eine anspruchsvolle Leserschaft. Ein wichtiger Beitrag zu der bedeutenden Frage, wie wir in Zukunft leben wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 16.10.2019 zu: Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (München) 2019. ISBN 978-3-446-26184-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25814.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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