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Ágnes Heller: Paradox Europa

Cover Ágnes Heller: Paradox Europa. Konturen Hamburg (Hamburg) 2019. 62 Seiten. ISBN 978-3-902968-41-8. D: 12,00 EUR, A: 12,00 EUR.

Reihe: Kanten.
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Thema

Die gesammelten Essays Ágnes Hellers zu Europa sind kritische Interventionen in eine dringend notwendige Diskussion über gemeinsame Wertorientierungen in der Europäischen Union.

Die Europäische Union riskiert gegenwärtig ihre politische Existenz, weil die verantwortlichen politischen Akteure der EU, so Ágnes Heller,sich in einem kurzatmigen „bürokratischen Handeln“ eingerichtet haben. Für sie wird in der Europäische Union ein Spannungsverhältnis deutlich, das im modernen Begriff der Nation selbst angelegt ist: der Konflikt zwischen den Verfassungswerten, ihrem menschenrechtlichen Universalismus und einem ethnischen bzw. integralen Begriff der Nation, der die kulturelle Identität der Nation gegen eine universalistische Politik in Stellung bringt.

Autorin

Die ungarische Jüdin Ágnes Heller wurde am 12. Mai 1929 in Budapest geboren. Als junges Mädchen überlebt sie mit ihrer Mutter das Budapester Ghetto und entgeht dabei nur knapp der Erschießung durch Kommandos der faschistischen „Pfeilkreuzler“. Ihr Vater wurde in Auschwitz ermordet.

Als wichtigstes Ereignis ihres philosophischen Lebens betrachtet sie ihre Begegnung mit dem marxistischen Philosophen György Lukács. Innerhalb der von Lukács inspirierten reformmarxistischen „Budapester Schule“ entwickelt sie eine eigenständige Philosophie der Alltagslebens, die zeigt, wie sich im Widerstand gegen entfremdete Routinen des Alltags Werte und Bedürfnisse einer eigenwilligen Individualität entwickeln. 1973 verhängt die kommunistische Partei ein Berufs- und Schreibverbot gegen sie, weil ihre Arbeiten der kanonisierten Form des „Marxismus-Leninismus“ widersprechen und sie ist 1977 gezwungen, mit ihrem Mann Ferenc Fehér nach Australien auszuwandern, wo sie Philosophie lehrt. 1986 wird die 58-jährige Philosophin an die New School for Social Research in New York berufen und übernimmt dort den Lehrstuhl von Hannah Arendt. Nach ihrer Emeritierung pendelt sie zwischen New York und Budapest und wird zu einer prominenten Kritikerin der autoritären gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrem Heimatland.

Entstehungshintergrund

Die Essaysammlung besteht aus unterschiedlichen Texten. Der dritte Text wurde zuerst als Artikel in der Zeitschrift „Social Research. An International Quarterly“ (New York) publiziert (S. 62).

Aufbau

  • Der erste Essay mit dem Titel „Das Paradox des europäischen Nationalstaates“ (S. 6 ff.) beleuchtet den historischen Hintergrund für die Entstehung des neuen Autoritarismus in Europa, indem er die Entstehung des Volks- und Nationenbegriffs analysiert, der in das Konzept einer Europäischen Union eingegangen ist.
  • Das anschließende Kapitel „Europa, Europa“ (S. 20 ff.) skizziert die Entwicklung im Nachkriegseuropa und erläutert, wie es aus ihrer Sicht zu den konträren Wertorientierungen in der EU kommen konnte, die in der „Flüchtlingskrise“ 2015 offensichtlich wurden.
  • Der letzte Text mit dem Titel „Wie man die Freiheit verlieren kann“ (S. 33 ff.) beschreibt, wie es Orbán und seinen Anhängern gelingen konnte, die ungarische Demokratie zu zerstören und einen Systemwechsel einzuleiten, der zu einer „modernen Form der Tyrannei“ geführt hat.

Inhalt

Das Paradox des europäischen Nationalstaates (S. 6 - 19)

Der historische Rückblick auf die Herausbildung einer europäischen Identität beginnt mit der Feststellung, dass wir alle als Fremde geboren werden und es auch bleiben: „Wir alle werden als Fremde geboren. Genetisch sind wir für Sprache und soziales Leben ausgestattet, wenn auch nicht für eine bestimmte Sprache, Kultur oder Gesellschaft. Die Welt, in die wir durch Zufall hineingeworfen werden, ist fremd und unbekannt.“ (S. 6).

So gesehen ist „Heimat“ nichts Gegebenes, der Mensch, das „nicht-festgestellte Tier“ (Nietzsche), ist in seiner Welt nicht zu Hause, er muss sich diese Welt zur „Heimat“ umschaffen. Im Nahbereich helfen intime menschlicher Beziehungen, „Liebe und Freundschaft“ (S. 6) das Fremdheitsgefühl zu kompensieren. In den gesellschaftlichen Beziehungen sind es Institutionen, die ein gewisses Maß an Sicherheit schaffen, was in den Augen Hellers nichts daran ändert, dass wir trotz zivilisatorischer Fortschritte „bis zu einem gewissen Grad immer Fremde“ (S. 6) füreinander bleiben.

Nach diesen Ausführungen zur anthropologischen Grundsituation kontrastiert sie „zwei Masternarrative“ (S. 8), die sie der biblischen und altrömischen Überlieferung entnimmt. Sie führen zu völlig unterschiedlichen Volksbegriffen. Während das biblische Verständnis von „Volk“ einen egalitären Anspruch erhebt („Jeder und jede tritt in Kontakt zu Gott“, S. 8), der sich nicht „auf das Feld des Politischen“ beschränken lässt, verengt das altrömischen Verständnis den Begriff Volk auf die partikulare Einheit eines „dominanten Volkes oder Staates“ (S. 10).

Die Spaltung des Volksbegriffs geht in das Konzept eines europäischen Nationalstaats ein und führt zur Spannung zwischen „Menschsein“ im normativen Sinn und der nationalen Identität. In der ersten französischen Verfassung wurde auf konflikthafte Weise „die universale Identität (Menschenrechte) mit der anderen (Staatsbürgerrechte) verbunden“ (S. 10). Der demokratische Nationalstaat offenbart dann im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts sein Janusgesicht. Unter Berufung auf die herausgehobene Rolle des Staatsvolkes werden Exklusionspraktiken gegenüber nationalen Minderheiten und Feindschaften gegenüber „fremden“ Nationen legitimiert, was dann zur Katastrophe des Ersten Weltkriegs geführt hat. Die Crux des demokratischen Nationalstaats ist, dass er sich ebenso mit dem Konzept eines republikanischen Verfassungsstaats wir mit einem autoritären Konservatismus verbinden lässt, der einen bevorzugten Status des Staatsvolkes sichern will. Wobei im späten 19. Jahrhundert immer stärker die radikale Versionen eines ethnischen Nationalismus über den Republikanismus den Sieg davongetragen hat, wie schon ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der europäischen Juden im 19. und 20. Jahrhundert und die Geschichte der beiden Weltkriege zeigt. Immer stand das „Menschsein“, die Humanität gegenüber den partikularen nationalen Interessen und dem ethnischen Nationalismus auf der Verliererseite.

Europa, Europa (S. 20 - 32)

Die ursprünglichen politischen Motive, die zur Gründung der Europäischen Union geführt haben, waren die Überwindung des nationalistischen Misstrauens und der Wunsch nach einem dauerhaften Frieden. Die einseitige ökonomische Ausrichtung auf ein Elitenprojekt und ein europäischer Ethnozentrismus, der die EU gerne als Schützerin der Menschenrechte feiert, haben dieses Bewusstsein immer schwächer werden lassen, auch wenn es Ansätze einer selbstkritische „Kultur der Erinnerung“ (S. 25) in Europa gibt.

Daraus zieht sie die Schlussfolgerung: „Es gibt (bezogen auf Europa) keine tragfähige Identität. Die Europäische Union bleibt eine ökonomische und kulturelle Identität, aber keine politische Einheit, zu der alle Völker wechseln würden. Nicht nur die Regierungen, auch die Menschen selbst würden auch gegen die Regierungen einem realen oder eingebildeten nationalen Interesse gegen die Solidarität folgen.“ (S. 28)

Wie man die Freiheit verlieren kann (S. 33 - 62)

Der Untertitel „Zwei Systemwechsel in Ungarn: Von der Diktatur zur liberalen Demokratie und von dieser zur Tyrannei“ verdeutlicht die besonderen Probleme Ungarns bei der Überwindung der kommunistischen Diktatur. Zunächst stellt die Autorin fest, dass es in Ungarn anders als in der damaligen Tschechoslowakei oder Rumänien keinen Aufstand der Zivilbevölkerung gab. Dazu kamen schwache konservative und sozialistische Regierungen, die in den Angangsjahren der Demokratie schwere Fehler machen und so Orbán und seiner Partei Fidesz in die Hände spielen. Dann erwähnt sie das Fehlen einer demokratischen Tradition in Ungarn, die sich auch heute noch in einer Sehnsucht großer Teile der Bevölkerung nach Führungsstärke und Gefolgschaftsverhältnissen ausdrückt.

Entscheidend aber für die Entstehung des „Orbánismus“ ist die moderne Massengesellschaft. In der individualisierten Gesellschaft entscheiden nicht mehr „Klassenzugehörigkeit und Familientraditionen“ (S. 52) über Wahlpräferenzen. Das macht die Wähler in modernen Demokratien anfällig für manipulative Strategien. Die Oppositionsparteien und die Nichtregierungsorganisationen, die sich an Verfassungswerten orientieren, werden in der Ideologie solcher Regime Vertreter einer globalen, gegen die eigene Nation gerichteten Verschwörung.

Die Pointe ihrer Analyse besteht darin, dass das Orban-Projekt ungeachtet aller ungarischen Besonderheiten die „Blaupause“ für die zukünftige Entwicklung in den Kernländern Kontinentaleuropas sein könnte. Das böse Spiel der Identitätspolitik, das Francis Fukuyama in seinem Buch „Identität“ beschreibt, hat viele Facetten. Im ungarischen Fall orientiert man sich an den „für Europa typischen, traditionellen Identitätspolitiken“ (S. 53).

Diskussion

Drei Punkte bieten sich für eine vertiefte Diskussion an:

  • Die Resistenz der anthropologischen Grundhaltung. Den moralischen Universalismus bezeichnet Ágnes Heller ironisch als einen eher„unliebsamen Bettgenossen“ der „fremdenfeindlichen“ Grundhaltung, die an der anthropologischen Unterscheidung zwischen „Wir“ und den „Anderen“ festhält. Aber verkörpert der moralische Universalismus nicht mehr als nur „regulative Ideen“ im Sinne Kants? Verfassungswerte müssen mehr sein als Ideen. Sie müssen in zivilen Umgangsformen einer Gesellschaft verankert werden. Gerade die Geschichte der Bundesrepublik zeigt, dass es auch im Kontext der Einbettung in Europa Zeit braucht, um den zähen Widerstand illiberaler Mentalitäten zu verändern.
  • Die schwache europäische Identität. Auch wenn man einräumen muss, dass im Vergleich mit der nationalen Identität so etwas wie eine europäische Identität bisher nur in Ansätzen existiert, ist Europa dadurch im „Paradox des Nationalstaats“ gefangen? Gerade das Konzept eines föderativen Europa, das auf reziproken Anerkennungsformen angelegt ist, kann besser als der traditionelle Nationalstaat nationale Interessen ausgleichen und Minderheitenrechte sichern.
  • Die Notwendigkeit einer vertieften politischen Integration. Leider wird die aktuelle Verschiebung der Gewichte zwischen Politik und Markt in den vorliegenden Essays nur gestreift. Ein wichtiger ökonomischer Aspekt der gegenwärtigen Krise ist das gestörte Machtgleichgewicht zwischen internationalen Finanzmärkten und den gewählten Regierungen. Dieser Trend ist, wenn überhaupt, nur durch die Rückgewinnung politischer Handlungsfähigkeit auf europäischer Ebene umzukehren.

Fazit

Ágnes Heller fordert zu Recht ein energisches Vorgehen der Demokratien in Europa gegen den Rechtspopulismus. Die konservativen Strategie einer Einbindung hält sie schlicht für naiv, weil sie den radikalen Charakter des neuen Autoritarismus verkennt, der es auf nichts weniger als die Zerstörung einer Europäischen Union abgesehen hat, die diesen Namen verdient.


Rezensent
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Zitiervorschlag
Peter Flick. Rezension vom 09.07.2019 zu: Ágnes Heller: Paradox Europa. Konturen Hamburg (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-902968-41-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25817.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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