socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Harlich H. Stavemann, Yvonne Hülsner: Integrative KVT bei existenziellen Problemen

Cover Harlich H. Stavemann, Yvonne Hülsner: Integrative KVT bei existenziellen Problemen. Umgang mit der eigenen Endlichkeit und Todesangst. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 229 Seiten. ISBN 978-3-621-28658-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK


Thema

In Ergänzung zu den im gleichen Verlag erschienenen Büchern zum Thema „Kognitive Verhaltenstherapie“ (KVT) von Harlich H. Stavemann u.a.beschäftigen sich die Autor*innen im vorliegenden Buch mit einem „Problembereich“ von Menschen, der in der Psychotherapie immer eine Rolle spielt, aber dezidiert kaum thematisiert wird: mit existentiellen Problemen, an denen- so die Autor*innen- ca. 15 % der ambulanten Klienten in Psychotherapie leiden. Hierbei operationalisieren die Autor*innen existentielle Probleme als solche „…die durch die erkannte Begrenzung des eigenen Daseins entstehen …“(S. 29) und reaktiv durch Angst und/oder Depression gekennzeichnet sind.

Autorin und Autor

Dr. Harlich H. Stavemann ist Diplom Psychologe, niedergelassener Psychotherapeut und leitet das Institut für Integrative VT in Hamburg.

Yvonne Hülsner ist Dipl. Psychologin und arbeitet als Psychotherapeutin in Bielefeld und am Lehrinstitut in Lübeck. Als Autorenteam sind beide Autor*innen durch andere Veröffentlichungen im gleichen Verlag bekannt.

Entstehungshintergrund

Im Kontext der ambulanten Psychotherapie spielen existentielle Fragen (immer) eine Rolle -sie im Kontext der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) zu fassen und manualisiert/standardisierte Therapieansätze zu veröffentlichen, ist Zielsetzung des vorliegenden Buches. Den Autoren ist bewusst, dass dieses Unterfangen gerade wegen Abgrenzungsproblemen zwischen Philosophie und Religion schwierig ist. Sie lösen dieses Problem pragmatisch, indem sie klar definieren, was nach ihrem Verständnis unter existentiellen Problemen (s.o.) zu verstehen ist. Hierzu legen Sie dann ein Prozedere dar, welches für die Behandlung betroffener Menschen anwendbar sein soll und anhand von detailliert und teilweise transkribierten Therapiebeispielen verdeutlicht wird.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat klar gegliedert in 2 Hauptteile:

  1. Theoretische Grundlagen (7 Unterkapitel) und
  2. Kasuistik ( 5 Unterkapitel).

Im ersten Teil stellen die Autor*innen die Bedeutung existentieller Probleme in der Psychotherapie allgemein dar und fokussieren hierbei „typische“ Symptome solcher Probleme und deren Genese. Sie schränken dann gezielt ihre Perspektive ein und gehen die Problematik aus Sicht der Problemorientierten Kognitive Psychodiagnostik (PKP) an, und begründen dies damit, dass sie mit symptomorientierter Diagnostik unzufrieden sind, da sich hinter solchen Problemen verschiedene Problemursachen verbergen (S. 42). Innerhalb dieser Diagnostik unterscheiden sie drei Ursachen lerngeschichtlich erworbener Störungen:

  • Selbstwertprobleme,
  • Frustrationsintoleranzprobleme und
  • existentielle Probleme. (inwieweit diese Kategorien trennscharf sind, wird nicht berichtet, dass sie gemeinsam auftreten können gleichwohl.)

Unter dieser Maßgabe werden im 5. Kapitel Ziele für die Therapie formuliert: in erster Linie Akzeptanz bezüglich unrealistischer Erwartungen/Forderung nach Sicherheit und Kontrolle, die dann (Kapitel 6) in einen Behandlungsplan eingebunden werden. Auf mögliche Schwierigkeiten hierbei wird unter Darlegung von Beispielen in Kapitel 7 eingegangen.

In Kapitel 8 des zweiten Teils des Buches wird zunächst das 8 Phasen Modell der Integrativen KVT vorgestellt und nachfolgend (Kapitel 9–11) an 3 Fallbeispielen verdeutlicht- auf mögliche Fragen und „Widerstände“ der Klienten wird in Kapitel 12 knapp eingegangen.

Das Buch schließt mit Literatur- und Sachwortverzeichnis, sowie zusätzlichen Hinweisen auf Arbeitsmaterialien, auf der Home-Page des Verlages zugänglich.

Diskussion

Das vorliegende Buch verdient allein deshalb Anerkennung, weil es mutig sich nur schwer zu fassenden Problemen von Menschen stellt, die gleichwohl in der psychotherapeutischen Praxis ubiquitär sind (die Angabe der Autor*innen von 15 % in der PT-Praxis darf bezweifelt werden – sie sind eher ein Artefakt der entwickelten und angewandten PKP- s.o.). Kann den Autor*innen vorgeworfen werden, dass sie nach einem doch sehr kursorischen Überblick über die Auseinandersetzung mit existentiellen Problemen in der Menschheitsgeschichte sich rasant mit der Behandlung beschäftigen? Natürlich gibt es was die Ideengeschichte existentieller Probleme in Philosophie, Religion und anderen Wissenssparten angeht deutliche Auslassungen und Einschränkungen- durchaus überzeugend erscheint allerdings auch, dass die Autor*innen sich nicht im Labyrinth philosophischer Erwägungen und „Spitzfindigkeiten“ verirren – möglich durchaus, dass ein Symptome existentieller Ängste bei Klienten gerade im Verirren in diesen Wirrungen und in der verzweifelten Suche nach Kontrolle im Unkontrollierbaren, nach Sicherheit in Unsicherheit liegt. So übernehmen die Autor*innen die Regie- Ihr Programm ist pädagogisch- psychologisch anleitend, führend, dabei aber eben auch Orientierung anbietend. Ob hierdurch ein „Sinnes-Wandel“ und ein pragmatischerer Denkstil auf Seiten der KlientInnen erreicht wird, darf auch nach Studium der Fallbeispiele in Frage gestellt werden. Die Programmatik des manualisierten, zielorientierten Vorgehens schließt sicher empathisches Therapeut*innen- Verhalten nicht aus und macht Abweichungen vom 8-Phasen-Modell zwingend notwendig.

Fazit

Für die Praxis der Psychotherapie im verhaltenstherapeutisch-kognitiven Kontext und darüber hinaus eine wichtige und anregende Lektüre, die Mut macht, sich auch mit philosophisch-psychologischen Fragen unseres Daseins und dem Leiden an solchen auf pragmatische Art auseinanderzusetzen. 


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
E-Mail Mailformular


Alle 84 Rezensionen von Christian Schulte-Cloos anzeigen.


Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 24.09.2019 zu: Harlich H. Stavemann, Yvonne Hülsner: Integrative KVT bei existenziellen Problemen. Umgang mit der eigenen Endlichkeit und Todesangst. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-621-28658-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25818.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Mehr zum Thema

Leider liegen aktuell keine passenden Rezensionen vor.

Literaturliste anzeigen

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung