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Christoph Paulus (Hrsg.): Gewalt, Amok und Medien

Cover Christoph Paulus (Hrsg.): Gewalt, Amok und Medien. Erkennen - Vorbeugen - Handeln. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 224 Seiten. ISBN 978-3-17-034258-3. 26,00 EUR.

Reihe: Brennpunkt Schule.
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Thema

Zum Themenbereich Gewalt, Amok und Medien gibt es diverse Publikationen. Dieser Sammelband behandelt unterschiedliche Aspekte dazu im Zusammenhang mit Schule. Neben theoretischen und statistischen Gesichtspunkten werden hier präventive Ansätze sowie praktische Erfahrungen an Schulen vorgestellt. Einen besonderen Schwerpunkt bildet dabei auch das Medienhandeln junger Menschen.

Herausgeber

Der Herausgeber Dr. Christoph Paulus ist Privatdozent am Lehrstuhl für Persönlichkeitsentwicklung im Fachbereich Bildungswissenschaften der Universität des Saarlandes und hat Sozialpsychologie und pädagogischer Psychologie studiert und hierin promoviert. Er hat zahlreiche Publikationen zu Mobbing, Empathie und Amok veröffentlicht.

Neben dem Herausgeber haben die Diplom-Psychologinnen Nora Fiedler und Friederike Sommer, die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Constanze Reder, die Erziehungswissenschaftlerinnen Nadine Nagel und Karin Bickelmann, der Förderlehrer, Psychologe und Direktor des saarländischen Instituts für Präventives Handeln Prof. Dr. Günter Dörr, der Kriminalkommissar Michael Rupp, der Sozialwissenschaftler und Professor für Kriminologie und Soziologie Prof. Dr. Vincenz Leuschner, der Erziehungswissenschaftler (M.A.) und Schoolworker Uwe Henrichs sowie der Professor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie Prof. Dr. Herbert Scheithauer Beiträge für diesen Sammelband verfasst.

Aufbau

Dieser Band ist in seinem Aufbau sehr klar strukturiert. Nach einem ausführlichen Editorial werden Amok, Mobbing gegenübergestellt und hilfreich definiert. Der polizeilichen Perspektive folgen zwei krisenpräventive Beiträge bevor die Gewalt im schulischen Alltag zusammen mit der gesellschaftlichen Perspektive analysiert wird. Die Wirkung von gewalthaltigen Medieninhalten und das Handeln jugendlicher Gewalttäter ist in den letzten beiden Beiträgen Thema, ehe im Anhang praktische Ansätze vorgestellt, Anregungen gegeben werden und ein neunseitiges Literaturverzeichnis mit Internethinweisen bereitgestellt wird. Den Abschluss bilden die ausführlicheren Vorstellungen des Herausgebers und der Autoren/​-innen.

Inhalt

Im 8-seitigen Vorwort des Herausgebers rahmt Christoph Paulus die Thematik des Bandes ein in die gesamtgesellschaftliche Situation. Hierbei bezieht er statistische Daten, wie z.B. Kriminalstatistik und Schülerunfallzahlen sowie Meinungsumfragen mit ein und stellt dann die einzelnen Fachbeiträge zusammenfassend vor.

Im ersten Beitrag von Christoph Paulus ordnet dieser ein, inwieweit gewaltverherrlichende Spiele bzw. Medieninhalte zu einer höheren Gewaltausübung beitragen und stellt klar, wie entsprechende psychologische Untersuchungen zur Einschätzung der Zusammenhänge – zum Beispiel das Generell Aggression Model – vorgenommen werden. Dabei geht er auch intensiver auf die Bedeutung der Medien als Inszenierungsraum ein. So resümiert Paulus, dass die Wirkung von Gewaltspielen nicht monokausal gesehen werden kann, sondern es vielmehr darauf ankomme, die mediale Gewalt als einen Risikofaktor zu sehen, der gegebenenfalls Aggressivität verstärken kann.

Der zweite Beitrag von Christoph Paulus stellt Mobbing und Amok gegenüber und verdeutlicht, wie wichtig eine klare Definition und Betrachtung ist. Hierbei stellt er sehr hilfreich bei einer prototypischen Mobbingstruktur die Rollen (Opfer, Täter, Mitläufer, Verstärker, Verteidiger, Unbeteiligte) dar. Demgegenüber verweist Paulus auf Merkmale des Amokläufers (wie beispielsweise längerer Zeitraum, extrem gesteigerte Wut und gefühlte Niederlagen und Enttäuschungen) und erläutert, dass psychische Störungen sowie Zugang zu bzw. Interesse an Waffen bei allen Amokläufern vorhanden waren; jedoch nur ein Viertel Egoshooter-Spiele gespielt habe und unter 20 % gemobbt worden waren. So ordnet Paulus Mobbing und Amok zueinander ein und stellt in einer hilfreichen Auflistung Hinweise vor, die als Risikofaktoren bzw. Anzeichen für Amok in Betracht kommen.

Der Buchbeitrag des Kriminalhauptkommissars Michael Rupp beschäftigt sich ausführlich mit dem Bedrohungsmanagement Amok und den Möglichkeiten der Polizei, im Vorfeld tätig zu werden. Hier beschreibt er ausgesprochen verständlich die dienst- und strafrechtlichen Gesichtspunkte und bezieht hier aktuelle Praxisbeispiele ein.

In den Kapiteln fünf und sechs des Sammelbandes wird die Krisenprävention in den Mittelpunkt gerückt. Hierbei wird zunächst die Krisenintervention an Schulen mit dem Programm „Networks Against School Shootings – NETWASS“ von einem Autorenquartett vorgestellt. Dabei ist bestechend, wie deutlich hier auf die Notwendigkeit eines vernetzten Vorgehens hingewiesen wird und dies anhand praktischer Fälle veranschaulicht wird. Das Kapitel 6 befasst sich mit der Prävention von Krisen an Schulen mit Hilfe des Projektes „KomPass“ und rückt dabei den Umgang mit Medien in den Mittelpunkt und hilft dabei, ein wirkungsvolles Bedrohungsmanagement vorzunehmen. Die vorgestellten Online- und Präsenz- Module werden vorgestellt und die wissenschaftliche Evaluation beschrieben.

Eine äußerst praktische Perspektive nimmt dann der Beitrag von Uwe Henrichs ein. Er gliedert Gewalt ein in die gesellschaftlichen und schulischen Zusammenhänge und schafft es in knapper und präziser Art und Weise zu verdeutlichen, dass Gewaltprävention nicht nur an gewalttätigen Jugendlichen alleine und nicht nur im Mikrokosmos Schule ansetzen darf. Für Praktiker/​-innen sehr hilfreich sind dabei die siebzehn Beispiele und Übungen, wie man mit Hilfe von Sozialtrainings gezielt die Empathie und das Hineindenken in andere Personen sowie das das Gestalten von Gruppenprozessen unterstützen kann.

Sehr interessant ist der Beitrag von Karin Bickelmann, welche gezielt aufzeigt, wie Medien wirken können und wie diese eingebunden sind in gesellschaftliche Prozesse. So könnten Medien die Vermittlung von Rollenklischees manifestieren, eine Leichtigkeit der Lebensbewältigung suggerieren und die Gewaltanwendung als Problemlösestrategie etablieren. Ohne Medien an sich zu verunglimpfen verdeutlicht die Autorin die Gewalt-Medien- Spirale und stellt einen Familien-Vertrag zur Internetnutzung vor.

Einen generationenwandelnden Blick ergibt sich bei Lesen des letzten Beitrages. Hier schafft es Constanze Reder überzeugend darzulegen, wie sich die Gesellschaft an sich gewandelt hat („Durch Globalisierung, Digitalisierung und heterogene Bevölkerungszusammensetzung wachsen gerade junge Menschen häufig mit einer Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Lebenswelt und einer breiten Informationsflut auf.“ (S. 186) Online- Sein sei kein besonderer Zustand mehr, sondern vielmehr ein existentieller Bestandteil im sozialen Miteinander und in der Kommunikation. Es käme vor allem darauf an, die Wahrnehmungs-, Dekodierungs-, Analyse-, Reflexions- und Urteilsfähigkeit in der Medienkompetenz der Jugendlichen auszubauen. Die Autorin verdeutlicht, dass es bei der Medienpädagogik nicht nur um das Vertraut Machen mit rechtlichen Aspekten geht, sondern es auch gesellschaftliche Diskurse und präventive Aspekte geben müsse. Hierzu gibt die Autorin einige Praxisbeispiele, wie junge Menschen angemessen einbezogen werden können.

Diskussion

Das Buch stellt einen breiten Rahmen der Befassung mit den Phänomenen Amok, Gewalt und Mediennutzung dar. Hier wird keine klare Trennschärfe vorgenommen, sondern vielmehr immer wieder aufeinander Bezug genommen und mal die extreme Gewalt des Amok thematisiert, dann das Mobbing und andere Gewaltformen und dann wiederum die Auswirkungen des Medienkonsums und der medialen Gestaltung. Ähnlich wie bei einem Straßenverkehrskonzept, wo unterschiedliche Fortbewegungsformen berücksichtigt werden müssen, zeigen die Autoren/​-innen aus ihren jeweiligen Professionen heraus vortrefflich, wie zielführend vernetztes Bewerten und Agieren sowie der Einbezug von analogen und digitalen Materialien und Medien ist. Die Verständlichkeit der Texte variiert entsprechend der jeweiligen Profession und ermöglicht es, sowohl eher forschend- reflexiv als auch mehr praktisch orientiert die Inhalte zu betrachten und für das persönlichen Nutzen zu erfassen.

Fazit

Ein differenziertes, statistische, rechtliche und medienpädagogische Aspekte einbeziehendes Werk, das multiperspektivisch sowohl praktische Hinweise gibt als auch für eine theoretische Fundierung sorgt – im Sinne des Untertitels: „Erkennen – Vorbeugen – handeln“.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 06.04.2020 zu: Christoph Paulus (Hrsg.): Gewalt, Amok und Medien. Erkennen - Vorbeugen - Handeln. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-034258-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25819.php, Datum des Zugriffs 09.08.2020.


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