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Moshe Zuckermann: Der allgegenwärtige Antisemit

Cover Moshe Zuckermann: Der allgegenwärtige Antisemit. Oder die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit. Westend Verlag (Frankfurt) 2018. 224 Seiten. ISBN 978-3-86489-720-7.
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Autor und Co-Autorin

Moshe Zuckermann lehrte am Institut for the History and Philosophy of Science and Ideas der Universität Tel Aviv, leitete das Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv, Gastprofessor am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern, Publizist, als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Israel geboren, aufgewachsen in Tel Aviv, studierte in Frankfurt am Main.

Susann Witt-Stahl, freie Journalistin und Autorin, Chefredakteurin des Magazins für Gegenkultur ‚Melodie & Rhythmus‘, veröffentlichte zahlreiche ideologie-, kultur- und gesellschaftskritische Beiträge und Bücher.

Thema

„Ein Ungeist geht um in Deutschland“, beginnt Zuckermann sein Vorwort und konkretisiert diesen Ungeist daran, dass – in interessierter Absicht – „Judentum, Zionismus und Israel“ in inadäquater und ideologischer Weise gleichgestellt werden. Daraus werde eine „widersinnige Gleichstellung von Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik“ abgeleitet, was sich wiederum zum „unerbittlichen Glaubensbekenntnis verfestigt“ habe. Dabei gerate „die Realität völlig aus dem Blickfeld des Diskurses“. Zuckermann meint vornehmlich antideutsche Gruppen, die sich seit den 1990er Jahren aus linken Diskurszusammenhängen heraus bildeten, zunächst mit dem Ziel einer linken Selbstkritik, später mit dem erklärten Ziel, das „Abbruchunternehmen der Linken“ (Wertmüller) zu bilden. Und jeder, der nicht dieses garstig Lied singe, gerate „in ihrem Munde zum Antisemiten, zum Israelhasser oder gar zum sich selbsthassenden Juden“. Um hier – nicht nur, aber ganz wesentlich auch gegenüber ‚antideutschen‘ Zungenschlägen und historischen wie politischen Verschwurbelungen – Richtigstellungen einzubringen und dabei das „argumentative Niveau“ zu wahren, geht der Autor zunächst auf den Holocaust und die Holocaust-Erinnerung ein, um anschließend „die Kategorien des Zionismus und des aus ihm in die Welt gekommenen Staates Israel im Hinblick auf dessen Geschichte und Strukturen, Widersprüche und Konfliktachsen“ anzuvisieren. Die folgenden Kapitel sind jenem in Deutschland „grassierenden Ungeist“ gewidmet und seinen „bedenklichen Wirkungen“ (S. 7 f.).

Zuckermann sieht Israel, dessen ökonomische Verfasstheit und dessen innere politische Struktur kritisch, weil diese gesellschaftliche Verfasstheit Israels seines Erachtens nach „in einem Gegensatz zu jedweder humanen, aufgeklärten und friedlich ausgerichteten Gesellschaft steht.“ „Es ist mein Land“, lässt er keinen Zweifel aufkommen, Ort seiner „Lebenswelt“, seiner „Kultur“ seiner „Sprache“ (S. 8). Seine Kritik gipfelt schließlich, und zwar nach einer sehr ausführlichen historischen Aufarbeitung, in der Feststellung, „dass das heutige Israel nicht als Demokratie angesehen werden kann“, weil ein „Kollektiv“ ein anderes knechte und zudem die demokratischen Institutionen nicht nur infrage gestellt, sondern „regelrecht abgebaut“ werden. Schärfer noch – um sein Schlusswort vorwegzunehmen – wird die Kritik, wenn der Autor sagt, dass unter Netanjahu „Israels Realpolitik zur perfidesten Form opportunistischer Zweckrationalität“ gerinne (S. 194). Darin gipfelt auch, was nach Aussage Zuckermanns das Motto des in seinem Buch behandelten Themas abgeben könnte: „Die Verwendung der Kategorie des Antisemitismus (…) von allen, die den Antisemitismus-Vorwurf bewusst instrumentalisieren (…), hat letztendlich nichts mit realem Antisemitismus zu tun, sondern mit fremdbestimmten Interessen und verzerrten Befindlichkeiten des Vorwurf-Trägers.“ (S. 170). Daran schließt er die Frage an, ob sich „etwa die abstrakte Solidarität mit einem völkerrechtlich verkommenen und verbrecherischen Israel als eine psycho-ideologisch motivierte Entlastung der historischen Schuld der Deutschen“ erweise. Spitze des Eisbergs sei, wenn „Deutsche sich anmaßten, Juden und erst recht jüdische Israelis wegen ihrer Israelkritik des Antisemitismus zu bezichtigen“, was nur als ein „zur Perversion verkommenes deutsches Befindlichkeitsproblem“ zu begreifen sei. Im Schlusssatz dann bringt es der Autor auf jenen aktuellen Punkt, der derzeit, weil seine Protagonisten laut und pseudowissenschaftlich trommeln und damit gar bis in universitäre Institute vordringen und Studierende einnebeln, mehr als nur zur Kenntnis zu nehmen ist, sondern nachweisbar als politische Rechtstendenz zu identifizieren ist: „Nur Antisemiten können Juden als Antisemiten besudeln, um sich selbst von der erbärmlichen Unwirtlichkeit ihres deutschen, allzu deutschen Antideutschseins zu erlösen.“ (S. 196).

Daran schließt Susann Witt-Stahl mit ihrem Beitrag über „(Anti-)Deutsche Zustände“ an, wobei im Untertitel pointiert zum Ausdruck kommt, worum es geht, nämlich um eine „Rechtswende von Linken im Täterland und ihr(en) Verrat am humanistischen Judentum“, was weit mehr ist als eine „Ideologiekritik“, wie die Autorin hinzufügt (S. 197); dieser „Gastbeitrag“ (S. 9) ist eine solide und stets belegte Darstellung dessen, was unter ‚Antideutsch‘ in verschiedenen Schattierungen zu verstehen ist, Aufklärung und wissenschaftliche wie politische Auseinandersetzung und – wenn man so will – dadurch gerechtfertigte und überfällige ‚Abrechnung‘ zugleich, was, wie Zuckermann Frau Witt-Stahl testiert, umso mehr Not tut, als die „‚Antideutschen“ als „‚Abbruchunternehmen der Linken‘“ auch deutlich „faschistoide und andere regressive Tendenzen“ aufweisen (ebd.).

Inhalt und Aufbau

Das Buch ist nebst Vorwort und Schlussbemerkung und dem umfänglicheren Beitrag von Susann Witt-Stahl in vier Hauptkapitel unterteilt, wenn man Holocaust und Holocaust-Erinnerung als Kapitel einrechnet, was im Inhaltsverzeichnis dem Vorwort zugerechnet wird. Das ist natürlich als möglicher formaler Lapsus an und für sich völlig belanglos, allerdings geht die hier vorgestellten Analyse in ihrem relevanten Ergebnis weit über eine bloße Vorbemerkung hinaus. Der Autor stellt vor, „dass selbst noch die wohlmeinende, die Koordinaten des zu Erinnernden vermeintlich einhaltende Gedenkpraxis in die ideologische Falle einer sekundären Instrumentalisierung der Vergangenheit hineintappen mag. Nicht nur wirkt sich dabei eine interessengeleitete Emphase aus, die dem Fremdbestimmten in der Gegenwart das Primat über die Vergangenheit verschafft, sondern die damit einhergehende ideologische Verblendung trägt ein Eigenes dazu bei, das Wesen des zu Erinnernden vor dem Bewusstsein der Gegenwart immer hermetischer abzuriegeln. Dem ist einzig durch die fortwährende kritische Reflexion der Andenkenpraxis und der ihr zugrunde liegenden Gedenkmatrix beizukommen.“ (S. 22 f.).

Was jene kritische Reflexion an Material (auch) braucht, entfaltet der Autor in kritischer Aufarbeitung der Geschichte des Staates Israel im Kapitel Israel, ausgehend vom ersten zionistischen Kongress 1897, dann 1945 nach der Shoah und der Staatengründung 1948, wobei er ein besonderes Augenmerk auf den Sechstagekrieg von 1967 legt, um dann (2018) eine „dystopische Gegenwart“ auszumachen, wo er die Frage mit „Nein“ beantwortet, „ob Israel als staatliche Manifestation der zionistischen Idee den Vorstellungen und Ansprüchen des ursprünglichen Ideals, wie es vom Zionismus propagiert worden war, gerecht geworden ist.“ (S. 54). So handele es sich beim israelisch-palästinensischen Konflikt „vor allem um einen Territorialkonflikt“, alle anderen „Untertöne“ seien „lediglich Epiphänomene“ (S. 55 f.), um schließlich in einem „Nachtrag“ zu diesem Kapitel in Kommentierung im „Nationalitätengesetz“ von 2018 zu konstatieren, Israel betreibe „längst schon Praktiken eines Apartheidstaates“, sei „rassistisch“, weil es etwa ein Fünftel der Bevölkerung zu Bürgern zweiter Klasse werden lasse, sei darum „antidemokratisch, weil es die religiös-nationale Bestimmung des Staates vor dem Anspruch, eine Demokratie für alle Bürger zu sein, stellt“, und hinzu komme, dass es die „bis dato offizielle zweite Landessprache, Arabisch, zu einer ‚Sprache mit Sonderstatus‘ verkommen lässt.“ (S. 64).

Beim Kapitel Deutschland handelt es sich um einen geringfügig bearbeiteten älteren Aufsatz, in dem es (u.a.) um eine „ursprünglich emanzipativ ausgerichtete Politisierung des Sozialen geht“, um „perennierende(n) Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass“, was „mittlerweile dermaßen verdinglicht“ sei, „dass ihre Praxis zu einer durchideologisierten Reihe von als ‚öffentliche Debatten‘ ausgegebenen, leeren Worthülsen verkommen ist.“ (S. 66). Der Autor erhellt das Problem und führt es einer Lesart zu, wonach „Philosemitismus, Antisemitismuskritik und Israelsolidarität als (anti-)deutscher Befindlichkeitsdiskurs“ zu sehen sind, und er erklärt, dass der „Aufschrei gegen den Antisemitismus (…) durchaus Spuren dessen aufweisen (kann), was der Struktur nach als antisemitismusfördernd zu werten wäre.“ Zuckermann spitzt zu, wenn er meint, man könne den Eindruck gewinnen, „der Anti-Antisemitismus sei zu einem neuen zivilgesellschaftlichen Lustprinzip einer gewissen deutschen Öffentlichkeit avanciert“ und die sogenannte „Antisemitismus-Bekämpfung“ begnüge sich in ihrer „sensationslüsterne(n) Aufgewühltheit (…) mit dem Lustgewinn an öffentlicher Erregung; um Gesellschaftskritik, gar emanzipativen sozialen Wandel bekümmern sie sich zumeist herzlich wenig, wenn überhaupt je.“ Wo sich die „Antisemitismus-Jäger“ gar auf Adorno berufen, dürfte dieser Philosoph sich bei diesem „Ungeist“, erführe er, wie seine Analysen verdreht und wozu sie missbraucht werden, „im Grabe umdrehen“ (S. 68 ff.). Der Autor prangert insbesondere die „politisch am meisten geladene Form der instrumentalisierenden Abstraktion des Juden für heteronome Zwecke“ an, die in der „Gleichsetzung des Juden mit Israel“ vorliegt und „davon kurzschlüssig abgeleitet, des Antisemitismus mit Antizionismus oder gar schon mit simpler Israelkritik.“ (S. 76 f.). Der Autor zeichnet die Geschichte des Zionismus und des Staates Israel nach und konturiert damit und plausibilisiert zugleich die „Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft“, die „Liste eklatanter Widersprüche und innerer Ungereimtheiten“, um zu dem Schluss zu kommen: „Wer sich abstrakt mit ‚Israel‘ solidarisiert, segnet mutatis mutandis alle diese Widersprüche ab, trägt mithin dazu bei, dass die von diesen strukturellen Antinomien und latenten Konfliktherden innerisraelisch ausgehende Bedrohung der israelischen Gesellschaft erst gar nicht angegangen werden kann“. Unabdingbar sei dabei der Friede mit den Nachbarn, vor allem den Palästinensern, was bei einer solchen „simplifizierenden“ Sicht „quasi ins Abseits gestellt, gleichsam entsorgt“ werde (S. 84).

Dass nicht nur ins „Abseits gestellt“ und „entsorgt“ wird, womit dieser dreizehn Jahre ältere Aufsatz endete, darauf geht Zuckermann im Folgekapitel ein, 2018 – Hitlers verlängerter Arm. Zunächst listet er auf, wie Veranstaltungen, die sich mit Menschenrechten und dem israelisch-palästinensischen Konflikt befassten, von ‚antideutschen‘ oder davon affizierten Saubermännern (und -frauen) gestört, desavouiert oder verhindert wurden. Dabei macht er darauf aufmerksam, es sei weniger evident, dass die „‚antideutsche‘ Ideologie“ eine „Massenbasis“ aufzuweisen hätte, wohl aber, dass „sie sich eins (weiß) mit der Ausrichtung der staatsoffiziellen Politik Deutschlands und der selbst gewählten ideologischen Haltung eines Großteils der deutschen Presse.“ Er erinnert an das Diktum Horkheimers, wonach „der Kapitalismus die tendenzielle Entwicklung zum Faschismus in sich birgt“, wobei auch der „Liberalismus als ideologischer Träger des Kapitalismus nicht aus diesem Konnex abzuspalten“ sei (S. 90). Um nicht an der Oberfläche von Gesellschaft kleben zu bleiben und sich in Erscheinungen zu verheddern, müsse man sich um Ökonomie und Gesellschaftskritik mühen. Das ist vorzuhalten auch da, wo diese „‚Antideutschen‘ ihre Sicht dahingehend“ radikalisieren, „dass sie die arabisch-muslimische Welt holzschnittartig dem Primat ihrer ‚Israelliebe‘ unterordnen“, woraus dann auch „Islamophobie“ resultiere. Und als „vollends absurd“ erweise sich ihr „euphorisierter Philosemitismus“ dort, „wo er Kapitalismuskritik als antisemitisch entlarven zu sollen meint.“ (S. 95). Wenn er sich nach Diskussion der politischen Positionierungen jüdischer Gemeinden und deutscher Politik mit der „Bild-Zeitung“ und deren „Verlags-Essentials“ auseinandersetzt, ist man an eine zurückliegende und z.T. ‚handfeste‘ Kritik diese Blattes erinnert: Axel Springer höchstselbst hatte diese inzwischen mehrfach geänderten redaktionellen Vorgaben 1967 formuliert; neben Befürwortung der freien und sozialen Marktwirtschaft und Solidarität mit den Vereinigten Staaten von Amerika dekretierte er: „Wir unterstützen das jüdische Volk und das Existenzrecht des Staates Israel“. Punktum. Daran müssen sich, natürlich auch heute noch, die Redakteure in Beiträgen und Berichterstattung orientieren. So schreibt Zuckermann, die Redakteure dieses Blattes wüssten offensichtlich nichts von dem, „was sich in Israel in den letzten Jahrzehnten abspielt“: „Demokratie? Bild-Journalisten wissen schlicht nicht, was sie reden, wenn sie von Israel reden. Wie sollten sie auch. Sie haben ja ihre Essentials.“ (S. 122) – Same old thing… Im abschließenden Unterkapitel „Israelsolidarität und ideologisierter Antisemitismus-Vorwurf“ verdeutlicht Zuckermann, „dass ‚Israel‘ als Projektionsfläche für ein Anliegen instrumentalisiert wird, das mit Israel herzlich wenig und mit Auschwitz so gut wie gar nichts zu tun hat“ (S. 124), und der „Höhepunkt unüberbietbarer perfider Unverfrorenheit“ sei, wenn „junge nichtjüdische Deutsche (Enkel der Tätergeneration) (…) israelischen Kritikern ihres Staates (womöglich Kinder von Holocaust-Überlebenden) Antisemitismus und Selbsthass vorwerfen. Schier unbegreiflich, welchen Abgründen ihre Anmaßung entstammen muss.“ (S. 127).

Gleich zu Beginn seines Kapitels Miszellen zitiert Zuckermann einen (bekannten) Satz von Adorno, wo er Auschwitz als Rückfall in die Barbarei bezeichnet und folgert: „Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen.“ (zit. S. 134) Nochmals macht der Autor darauf aufmerksam, dass dieses „Grauen“ im Kollektivgedächtnis als „Erinnerungsbausteine“ verbleibt und einem langen „Prozess zunehmender Simplizifierung oder auch verdichteter Abstraktion“ unterliegt (S. 139). Er führt aus, dass und wie solcher Gedächtnisverlust ideologisch angereichert werden kann oder Folge von Homogenisierung von Heteronomen ist und sich symbolisch-ideologische Verkürzungen finden lassen. Insofern wäre die Aufgabe von Gedenkstätten und Museen eine „heilsame Verstörung“ (S. 149). In diese ‚Miszellen‘ hat Zuckermann seine erklärende Aufarbeitung der nicht zu unterschätzenden „Verschwisterung von Zionismus und Antisemitismus“ eingefügt, die er mit der kritischen Einschätzung schließt, dass „auch die Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs in der israelischen Propaganda nie als Aufruf zur Bekämpfung des Antisemitismus gemeint“ war. „Warum sollte man ihn auch bekämpfen wollen, wo man auf ihn angewiesen war – und noch immer ist.“ (S. 154).

Im Anschluss stellt er thesenartig „Einsichten“ vor, die aus seinen Aufarbeitungen folgen, wo es u.a. heißt: „Nicht alle Juden sind Zionisten, nicht alle Zionisten sind Israelis, nicht alle Israelis sind Juden. (…) Wer Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, ist ideologisch missgeleitet. (…) Wer als Deutscher Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet und deutsche Israelkritiker des Antisemitismus zeiht, bedient sich des Antisemitismus-Vorwurfs als Mittel der (pathologisch geprägten) Selbstsetzung und -vergewisserung.“ (S. 153 ff.). Ob dummdreist oder perfide ausgefuchst, unter (löchriger werdender) ‚linker‘ Tarnkappe „vermischt sich das beliebte 68er-Bashing mit dem Bedürfnis nach der ideologischen Umdeutung dessen, was bislang als Erbteil rechter Weltanschauung und nazistischer Gesinnung galt, um die Linke dessen zu bezichtigen, wovon sie sich immer frei wähnte: des Antisemitismus.“ (S. 160). Das (wissenschaftlich recht schwachbrüstige, dafür aber demagogisch nacheifernde) Schwadron neuer deutscher „Antisemitenjäger und Israelfreunde“ treibt eine obskure bis krude Sorge um, wenn „Ziel ihrer ideologischen Agitation“ ein vorgeblich „‚linke(r) Antisemitismus‘“ ist, den es zu „brandmarken“ gilt. „Konnten sich“, fragt Zuckermann, „Deutschlands Revisionisten, Neonazis und Faschisten je einen schöneren Schlussstrich wünschen?“ (S. 165). Diese ‚Miszellen‘ enden mit einem Blick auf Sinn und Unsinn von Karikaturen und der Autor betont im Hinblick auf ihre Wirksamkeit, dass die „Gleichsetzung von Israel und Juden seitens der Araber dem gleichen ideologischen Irrtum aufläuft wie der (…) in Deutschland verbreitete Irrtum, Judentum, Zionismus und Israel gleichzusetzen.“ (S. 173). Beispielhaft stellt der Autor die Künstlerin Natalie Portman vor, der eine vom Time Magazine als ‚jüdischer Nobelpreis‘ bezeichnete Ehrung zukommen sollte, die sie mit dem Argument ablehnte, sie sei „nicht daran interessiert (…), als Unterstützerin von Benjamin Netanjahu und seiner Politik aufzutreten.“ (S. 166).

Der Beitrag (Anti-)Deutsche Zustände von Susann Witt-Stahl komplettiert und aktualisiert das Buch von Zuckermann; die von der Autorin zusammengetragenen Fakten und Analysen sowie theoretischen Einblendungen kann man als Kampfansage an die anti-emanzipatorische Politik der Antideutschen nehmen; nach Susann Witt-Stahl sieht es düster aus, wenn eine Linke, statt „Solidarität mit dem bedrängten humanistischen Judentum und der muslimischen Minderheit zu üben“, sich in „Servilität gegenüber den untragbaren deutschen Zuständen“ zurückzieht. Es sei nicht auszudenken, „wie kläglich solche Linke erst versagen und eine bisweilen jetzt schon unerträgliche Feigheit und Untertanenmentalität entfalten werden, wenn die Abenddämmerung der bürgerlichen Demokratie (wieder) in eine historische Finsternis übergehen wird.“ (S. 239 f.). Mehr also ist ihr Beitrag ein Memento und wohlgemerkt, sie meint nicht ‚moderate‘ Antideutsche, nicht solche, „die früher Linke waren oder bis heute ernsthaft beanspruchen, solche zu sein“, nicht jene, die „heute bevorzugt unter dem Label ‚Ideologiekritiker‘ firmieren“ (S. 236); mag sein, dass sich diejenigen Linken angesprochen fühlen sollen, die ihre vielleicht nur noch innere Opposition durch ein Abonnement der Zeitschrift konkret bestätigen. Gremliza, ständiger Beiträger, neben namhaften anderen einer der „eifrigen Verfechter der ‚antideutschen‘ Lehre“, hält über „allerlei Pathosformeln“ seit fast zwei Jahrzehnten an dem Diktum fest (S. 206), „Israel ist in Gefahr.“ (zit. ebd.) Vor Gauland habe Gremliza festgestellt, „dass ‚guter und böser Islam keine Unterscheidung, sondern eine Unterstellung‘ ist.“ (S. 208). Lange her, dass in konkret Artikel von Ulrike Meinhof erschienen sind; früh schon hatte sie formuliert, „der neue deutsche Faschismus hat aus den alten Fehlern gelernt, nicht gegen – mit den Juden führt Antikommunismus zum Sieg.“ (zit. S. 216). Was Wunder also, dass sich Vordenker der Antideutschen auf Hayek als Referenz beziehen, „der den Faschismus als Sozialismus identifizierte und gegen die ersten Opfer des NS-Terrors, antikapitalistische Linke, Schuldumkehr-Propaganda verbreitete“ (S. 200); was Wunder, dass ihnen solche „ideologischen Verrenkungen“ aus der Feder fließen, Horkheimers Erklärung des Antisemitismus auf ökonomischer Basis als „Verharmlosung“ zu zeihen und in stupender Unkenntnis Marx als „‚Judenfeind der Gesinnung‘“ zu bezeichnen (S. 201). Da erstaunt es nicht, wenn Pohrt, erst Vordenker, dann Renegat der Antideutschen, auch im Hinblick auf die Aufrüstung Israels mit nicht nur bundesdeutscher Unterstützung, seinen vormaligen Kampfgefährten testiert, die „‚Antideutschen‘, die sich heute vorwiegend ‚als ideologische Schutzmacht der USA aufspielen‘“, würden „nur noch Rassen und keine Klassen mehr“ kennen, „hätten sich nie ernsthaft für die Bekämpfung des Antisemitismus interessiert“ (S. 204) und sie „dienten dem deutschen Kapital, würden sich entsprechend ‚für benachteiligte Juden überhaupt nicht interessieren‘, sondern nur für Juden, die vermögend, prominent und erfolgreich sind“ (S. 236).

Da verwundert es auch nicht, eher graust es, dass die Antideutschen, und auch ihre moderateren Zweige sind davon affiziert, sich der „Rechtsfront als Zeugen der Anklage eines ‚linken Antisemitismus‘, in Wahrheit ein ideologischer ‚Search and Destroy‘-Feldzug gegen die an marxistischer Wissenschaft und Weltanschauung orientierte Linke, angeschlossen“ haben, „der sich eines Tages als beispiellos in der Geschichte der BRD erweisen könnte“, wobei hinzukommt, dass der „Bodensatz der auffallend aggressiven Bewegung eine Faszination von Gewalt und Grausamkeit an den Tag legt, wie sie bisher nur von genuinen Faschisten und anderen militanten Rechten bekannt war.“ (S. 216). Ihre „Hetzjagd“, wie schon von Zuckermann erwähnt, einem der selbst Betroffenen, dehnen sie auf „jüdische Linke“ aus und selbst auf die Philosophin und Adorno-Preisträgerin Judith Butler, die sich von jedweder Gewaltanwendung distanzierte, aber eben Hamas und Hisbollah nicht schlankweg verteufelte, und darum als „Terrorsympathisantin“ diffamiert wurde. (S. 222 ff.). Auf jüdische Linke reagieren die Antideutschen mit „Verbalinjurien“, „Diffamierungen“, mit „wutschnaubender Raserei“ und haben nicht nur versucht, Zuckermann „mundtot zu machen“ (S. 227). Ihre Hauspostillen, auch das belegt Frau Witt-Stahl, die Zeitschriften Bahamas und Jungle World, sparen nicht mit drastischen Invektiven und unterfüttern das noch mit wirren, dem Anschein von Wissenschaftlichkeit bemühenden Elaboraten aus der Feder u.a. eines Wertmüller, Maul, Kraushaar (oder Elsässer, inzwischen noch weiter zum Rechtsextremismus abgewandert, und Nachtmann nicht zu vergessen, dessen Marx-Exegese nur noch als Sottise zu bezeichnen ist). Es sei nur eine Frage der Zeit, meint die Autorin, dass sie zur Neuen Rechten abwandern: „Die AfD sei ‚objektiv als EINZIGE Stimme der Restvernunft im Deutschen Bundestag, zuweilen gar als parlamentarischer Arm materialistischer Ideologiekritik‘ zu betrachten, verkündet Maul.“ (S. 211). Und der „erzkonservative Historiker Michael Wolffsohn“ behauptet apodiktisch: „Nur im liberal-kapitalistischen System konnten und können sich Juden frei entfalten“, und schlussfolgert daraus, dass die Linke, weil sie das kapitalistische System kritisiert, „antisemitisch sein“ muss (zit. S. 212). Die Autorin schließt an Horkheimers Definition von Antisemitismus an, er sei „billiges Korruptionsmittel, terroristisches Exempel“ (zit. S. 234), und sie zeigt, wie erheblich „seine Aggregatzustände differieren“ (ebd.). All dessen hätte sich eine emanzipatorische Linke zu vergewissern – doch bedrückend findet Witt-Stahl das „eisige Schweigen, die Gleichgültigkeit, stoische Haltung“, wie es auch von einer „aktiven deutschen Restlinken gegenüber dem Fertigmachen nicht nur von kritischen Juden an den Tag“ gelegt wird. „Kuschen, Anpassen und Anbiedern sind ihre signifikantesten Reaktionen auf die antikommunistischen, rassistischen, immer häufiger antisemitischen, sich zuweilen faschistoid verdichtenden ‚antideutschen‘ Auswüchse des hegemonialen neoliberalen Zeitgeistes.“ (S. 293).

Diskussion

Frei nach dem Dichter H. C. Artmann möchte man Zuckermann, was seine Aufarbeitung der Geschichte des Zionismus und vor allem der israelischen und der aktuellen Politik dieses Landes betrifft, dessen Wort in den Mund legen: Dieses Land hat mich hevorgebracht, dieses Land wird mich ertragen müssen. Besser noch als nur zu ertragen wäre es, man würde seine Analysen und in toto sein Buch (was den Beitrag von Susan Witt-Stahl einschließt), das berechtigterweise Züge einer Streitschrift aufweist, in sachliche und mit Kenntnissen gesättigte Debatten um Antisemitismus und Israels Politik aufnehmen und dies nicht nur im ‚linken‘ Lager. Dass die Antideutschen, von denen trotz abgestufter Borniertheit und rechtslastiger Affinität hier so pauschal gesprochen werden kann (insb. nach der Zuckermanns Analysen vertiefenden Lektüre des Beitrages von Susann Witt-Stahl), nicht diesem Lager zuzurechnen sind, liegt auf der Hand. Da mag sich die Zeitschrift Bahamas als ideologiekritisch und da mögen sich ihre Autoren als Ideologiekritiker tarnen, man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um bestätigt zu finden, wie dogmatisch und daher reflexionsarm ihre böse Liebe zu Israel ist. Israel wird dort in Abstraktion von den tatsächlichen Verhältnissen in diesem Land als Symbol eines Emanzipationsversprechens gefeiert, welches man gegen ‚regressive‘ Tendenzen linker Kritiker bedingungslos verteidigen müsse. Denn, so wird konstruiert, bürgerliches wie kommunistisches Emanzipationsversprechen seien in diesem Nationalstaat aufbewahrt. Für den Bahamas-Autor Nachtmann „liegt klar auf der Hand“, dass ‚die Linke‘ „in all ihren Facetten für nichts anderes mehr als die regressive Überwindung des Bestehenden, für Opfer, Versagung und Verzicht, für die gerechte Verteilung von Armut und Dummheit im gegen seine Todfeinde, Israel und die USA, verschworenen Zwangskollektiv“ stehe, weshalb man sich von der Linken „ohne Wenn und Aber zu verabschieden habe“ und in erster Linie „Solidarität“ nicht mit unterdrückten Menschen, denn dies sei per se regressiv und kollektivistisch, sondern mit „bewaffneter Selbstverteidigung“ des Staates Israels bekunden müsse. Wer sich dagegen für eine friedliche Lösung des Konfliktes ausspreche, betreibe in Wahrheit nur einen besonders perfiden Antisemitismus und wünsche (unbewusst) allen Juden den Tod. – Auch wenn man bislang bei der Lektüre antideutscher Elaborate auf den Gedanken kommt, dümmer geht‘s nimmer, man sieht: dümmer geht‘s immer.

Gleichwohl muss man dagegen angehen und kann diese endlos zelebrierte Solidarität mit Israel, wie dieser Staat sich gegenwärtig entwickelt, nicht einfach ‚rechts‘ liegen lassen. Ebenso wenig ist die „Gleichsetzung von Faschisten mit Sozialisten und Kommunisten“, wie sie von einigen „Wortführern“ vorgetragen wird (Zuckermann), nicht als nur wirres Zeug abzutun. In dem von Susann Witt-Stahl und Michael Sommer herausgegebenen Buch „Antifa heißt Luftangriff!“ bringt Zuckermann es in einem Interview auf den Punkt: „Es geht (…) offenbar primär um ein verborgenes Ressentiment gegen den Sozialismus – und damit mutatis mutandis um eine Apologie des Kapitalismus. Es handelt sich um authentische Träger des gegenwärtigen Zeitgeistes, die aber feige genug sind, nicht zuzugeben, dass sie in erster Linie das sind. Sie erweisen sich noch in ihrer eigenen Ideologie als ideologisch neurotisch.“

Dagegen scheint es vergleichsweise harmlos, wenn studentische LeserInnen antideutscher Publikationen daran anlehnend die Ideale der deutschen Aufklärung und den bürgerlichen Rechtsstaat kritiklos abfeiern, damit Gefolgschaften keilen und junge kritische Linke und (radikal-)demokratisch gesinnte Studierende ohne argumentativen Aufwand in die Ecke der Gestrigen stellen und jedeweden, der nicht Freund ist und nicht Mundwalt ihrer nahezu sakrosanten Sache ist, mit der Keule des antideutschen Glaubensbekenntnisses niedermachen. Ausgrenzung, Verfemung, Hintertreiben von Möglichkeiten öffentlichen Auftretens, perfide Maßnahmen eines letztendlich faktischen Redeverbots, das haben Zuckermann, das haben Überlebende des Holocaust am eigenen Leibe recht handfest erfahren müssen. Kritik an gegenwärtiger und vergangener Politik Israels ist nicht Antiisraelismus und schlägt schon gar nicht in die Kerbe eines blindwütigen Israel-Hasses. Und wen ein blümerantes Gefühl gegenüber der offiziellen Gedenkkultur beschleicht, wer etwas Entwürdigendes dabei findet, wenn organisierte Besuche in KZs als Informationsveranstaltungen angeboten werden, Orten des Grauens, wo (nicht nur) Menschen jüdischen Glaubens vernichtet wurden, der wird durch ein Palaver über Antisemitismus auch nicht klüger, doch aber durch Zuckermanns Ausführungen zu diesem Thema.

In der Tat wäre die „Verbandelung von Neonazis, Antisemiten und Juden – nicht nur in Israel, sondern womöglich auch in Deutschland – (…) eine gut recherchierte empirische Untersuchung wert!“, meint Zuckermann (S. 165). Dem soll insoweit nicht widersprochen werden, als der Autor damit in keiner Weise unzulässig verallgemeinert, sondern auf politische Tendenzen etwa in der AfD verweist. Der Beitrag von Witt-Stahl leuchtet die ebenso beängstigenden wie finsteren Seilschaften und Schulterschlüsse zwischen Antideutschen und rechten Zusammenschlüssen materialreich und sehr gut aus; es wird auch klar, dass die Antideutschen bestens vernetzt sind und insoweit mehr listig als klug agieren, als sie von denen, die sie nunmehr bekämpfen, gelernt haben: Sie treten zwar nicht den langen Marsch durch die Institutionen an, um diese und mit ihnen Gesellschaft zu ‚verändern‘, sondern sind im Marsch in die Institutionen, jeder und jede dabei ein Agent provocateur, nicht in fassbarer eigenen Organisation zusammengeschlossen, höchstens in mehr oder minder klandestinen, häufig universitären Zirkeln. Und wer ihnen entschieden entgegentritt, der hat einen Shitstorm nicht nur in digitalen Medien zu erwarten, sondern wird selbst in eben universitären Diskussionen in einer Weise vorgeführt, die sich auch nicht scheut, missliebige Personen ins Abseits zu drängen oder bürokratisch und formal korrekt selbst Professoren, die es wagen, in Lehrveranstaltungen mit dem Marxschen Werk und den Schriften der kritischen Theorie vertraut zu machen (und dies eben nicht wissenschaftlich unsolide, selektiv, verfälschend und interessiert, wie man das bei antideutschen Vordenkern findet), gegen den – wie konkret jüngst an einer Universität geschehen, die ausgerechnet den Namen Carl von Ossietzky trägt – erklärten Willen einer imponierenden Anzahl von Studierenden zu exilieren, was man vormals als ‚Berufsverbot‘ bezeichnet hätte.

„Widersprecht euren Professoren“, titelt in diesen Tagen die Frankfurter Allgemeine und zitiert damit Elbes Aufruf an Studierende anlässlich der ersten deutsch-israelischen Studentenkonferenz in Frankfurt. Elbe, als „dezidiert Linke(r)“ gehandelt, der er nicht mehr ist (auch wenn er zuweilen noch mit Marx und Adorno argumentiert), Dozent am philosophischen Institut der Universität Oldenburg, trug laut Bericht die These vor, „dass der heutige Antisemitismus im Gewand des akademischen Antirassismus daherkomme. Dieser deute den Antisemitismus von Muslimen nur als Ergebnis ökonomischer Unterdrückung und Kolonialisierung. Der Islam selbst, sagte Elbe, werde von der Kritik ausgespart und assimilierte Juden würden als Akteure einer ‚weißen Vorherrschaft‘ gesehen. Weil Elbe an den Universitäten viele Anhänger solcher Überzeugungen vermutet, appellierte er an die Studenten“… mit dem genannten Aufruf und erhielt „langen Applaus.“ Es ist eine Marginalie dazu, wie holzschnittartig bis interessiert verkürzend und verfälschend kritisiert wird, wie ganz im Sinne der antideutschen Propaganda ein ‚linker Antizionismus‘ stilisiert und wissenschaftlich ummantelt wird, was zu der Gegenrede nötigt: Widersprecht Elbe! – als ideologischem Wegbereiter für sich radikalisierende Antideutsche, die, um es mit Zuckermanns Worten zu sagen, „die arabisch-muslimische Welt holzschnittartig dem Primat ihrer ‚Israelliebe‘ unterordnen.“ (S. 95). Vor dem erhobenen „philosophischen Zeigefinger“ (Adorno [der das auf Hegel bezog]) eines Elbe oder anderer seiner missionarischen Glaubensbrüder muss und darf man sich nicht wegducken, nicht einschüchtern lassen.

Fazit

Ist es überzogen, Moshe Zuckermann gleichsam in die Nachfolge des österreichisch-jüdischen Essayisten und Aphoristikers Anton Kuh einzureihen, seinem Buch die Zeilen dieses streitbaren und scharfsinnigen Mannes zuzugesellen? „Wir sind in vorherigen Stadien der Weltgeschichte genug ‚taktvoll‘ und ‚unsichtbar‘ geblieben. Es ist an der Zeit, dass wir endlich taktlos und sichtbar werden – unsere Aufgabe darf nicht sein, uns zu verbergen, sondern danach zu trachten, dass Hitler uns nicht überlebt.“ So 1940. Eben dieser Anton Kuh, vielen seiner Zeitgenossen ein Enfant terrible, war es, der gegen Assimilation und übrigens auch Zionismus ein weiteres Modell jüdischer Identität andachte, indem er nämlich ‚Heimatlosigkeit‘ in eine kosmopolitische Mission umdeutete und dabei ein selbstbewusstes, freigeistiges und sozialrevolutionäres Weltbürgertum vor Augen hatte. Vermutlich braucht man Antideutschen mit solchen Ideen eines Menschen jüdischen Glaubens gar nicht erst zu kommen, es fragt sich nur, welches Etikett sie aus dem Ärmel ziehen werden.

Es mag so scheinen, dass der Rezensent sich nicht in allgemein üblicher Weise zurückhält und Partei ergreift. Es scheint nicht nur so, es ist so. Angesichts der Tatsache, dass und wie mit Leuten wie Zuckermann von Antideutschen umgesprungen wird, angesichts ihrer menschenverachtenden Ideologie, vor allem angesichts ihres Vordringens in Wissenschaft und Publizistik und dabei ihrer zunehmenden Rechtslastigkeit, kommt eine Melange aus Erschrecken und Empörung hoch. Was unter dem Kürzel ‚Hitler‘ firmiert, es darf nie wieder hochkommen – und dazu bedarf es konsequenter Abwehr aktueller Gefahren wie einer nicht nachlassenden, Ursachen benennenden Gesellschaftskritik (wie es Zuckermann und auch Witt-Stahl zum Ausdruck bringen). Insofern ist diesem Buch wie andren Schriften der Autorin und des Autors eine (noch) breitere Leserschaft zu wünschen; so klein, wie Frau Witt-Stahl fürchtet, ist nämlich die Kohorte auch jüngerer Leute nicht, die sich nicht dumm machen lassen wollen.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 29.07.2019 zu: Moshe Zuckermann: Der allgegenwärtige Antisemit. Oder die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit. Westend Verlag (Frankfurt) 2018. ISBN 978-3-86489-720-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25823.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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