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Sieglinde Jornitz, Marion Pollmanns (Hrsg.): Wie mit Pädagogik enden?

Cover Sieglinde Jornitz, Marion Pollmanns (Hrsg.): Wie mit Pädagogik enden? Über Notwendigkeit und Formen des Beendens. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 246 Seiten. ISBN 978-3-8474-2119-1. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
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Bildung ist ein lebenslanger Prozess – Lernen auch!

Diese pädagogische Erkenntnis liegt aller Bildung und Erziehung zugrunde. Der anthrôpos als Homo imperfectus als unvollkommenes, als Homo sciens ein nach Wissen strebendes und als zôon politikon und Homo relationum auf soziale und humane Beziehungen angewiesenes menschliches Lebewesen, braucht Bildung und Erziehung (vgl. dazu: Hans Lenk, Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, 2000; David Eagleman, u.a., Kreativität. Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24184.php; Timon Beyes/Jörg Metelmann, Hrsg., Der Kreativitätskomplex. Ein Vademecum der Gegenwartsgesellschaft, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25118,php). Es ist die Ursuppe jedes menschlichen Miteinanders. Und sie wirkt sich aus in intellektuellen, ich- und gesellschaftsbildenden Einrichtungen, wie in der Familie, in der Verwandtschaft, in der Umgebung, den vorschulischen, schulischen und Erwachsenenbildungs-Institutionen. Diese grundlegenden Erkenntnisse werden mit didaktischen Fragestellungen und methodischen Konzepten untermauert. Die Frage, was Bildung und Erziehung ist, sein soll und eingebunden werden soll in das anthropologische, kulturelle und zivilisatorische Dasein der Menschen, wird – seit Menschen über sich nachdenken – immer wieder in unterschiedlicher Weise diskutiert und postuliert (siehe z.B. dazu auch: Wolfgang Sander, Bildung – ein kulturelles Erbe für die Weltgesellschaft, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24230.php).

Entstehungshintergrund

Im pädagogischen, didaktischen und curricularen Diskurs darüber, wie Bildung und Erziehung vermittelt werden kann, gilt einerseits die Erkenntnis, dass „Erziehung als bewusste Formung anderer in Richtung mündigen Handelns ( ) von Beginn an auf ihr Ende hin angelegt (ist)“; andererseits sind Bildungsprozesse immer auch, wenn sie gelingen, unabgeschlossene, sich immer wieder neu bildende und verändernde Kontraktionen. In der pädagogischen Professionalisierung liegt die Kompetenz zu erkennen, wann, wie und warum Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen zu ihrem Ende kommen können und sollen und der Erziehungsauftrag abgeschlossen ist. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass im wissenschaftlichen Bildungsdiskurs der Frage – „Wie mit Pädagogik enden?“ – kaum eine prägende Bedeutung zukommt, oder den vorfindbaren pädagogischen Konzepten nur eine geringe Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Aus Anlass der Verabschiedung des Erziehungswissenschaftlers Andreas Gruschka (vgl. dazu auch: Erziehen heißt Verstehen lernen. Ein Plädoyer für guten Unterricht, Reclam-Tb, 2019, sowie: Andreas Gruschka/Luis Antônio Calmon Nabuco, Hrsg., Zur Lage der Bildung. Kritische Diagnosen aus Deutschland und Brasilien, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18295.php) fand im Wintersemester 2015/16 ein Kolloquium zu den Fragestellungen – „Wie mit Pädagogik enden?“ – statt.

Der vorliegende Tagungsband geht den Fragen nach, wie sich „Grenzen der pädagogischen Einwirkung“ darstellen und im Bildungs- und Erziehungsprozess wirken. Als wissenschaftliche Theorien werden dabei drei Quellen herangezogen:

  1. Friedrich Schleiermachers (1768 – 1834) Theorie der Erziehung, in der „Beenden als ein allmähliches Verschwinden der Aufgabe“ ausgewiesen wird;
  2. Wilhelm Flitners (1889 – 1990) Theorie der Allgemeinen Pädagogik, mit dem „Ziel der Erziehung als offenes Ende“; und
  3. mit Niklas Luhmanns (1927 – 1998) „Fragen an die Pädagogik“, in denen das „Beenden als Periodisieren“ ausgewiesen wird.

Herausgeberinnen

Die Erziehungswissenschaftlerinnen, Sieglinde Jornitz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung in Frankfurt/M., und Marion Pollmanns vom Institut für Erziehungswissenschaften der Europa-Universität in Flensburg, geben den Tagungsband heraus.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird in sechs Kapitel gegliedert.

Im ersten Kapitel setzen sich Sieglinde Jornitz und Marion Pollmanns damit auseinander, wie „Enden mit Pädagogik als wissenschaftliches Thema“ verstanden werden kann, und der Frankfurter Pädagoge und Privatdozent Johannes Twardella fragt nach „Endlichkeit der Pädagogik oder Pädagogik der Endlichkeit?“, indem er das Bild des Malers Jean-Baptist Siméon Chardin (1699 - 1779) „Seifenbläser“ interpretiert.

Im zweiten Kapitel wird „Beenden als Abschließen“ verstanden. Sieglinde Jornitz thematisiert „das Zeugnis als Form des pädagogischen Abschließens“. Es geht um die immerwährende, kontroverse Frage um den Wert und die Aussagekraft des klassischen Ziffernzeugnisses und die Notengebung im schulischen Unterricht überhaupt.

Im dritten Kapitel wird „Beenden als Abbrechen“ diskutiert. Der Flensburger wissenschaftliche Mitarbeiter beim schulpädagogischen Institut, Sascha Kabel, nimmt sich die Ordnungsmaßnahme „Schulverweise als institutionell gesetzte Enden der Pädagogik“ vor; Marion Pollmanns thematisiert die Situation vom Ende der Schulzeit als Entlassung, indem sie skandiert: „Erst mittun und sich dann beschweren“, beim Erinnern und Andenken von Abiturienten an ihre Schulzeit.

Im vierten Kapitel geht es um „Beenden als Aufhören“. Nicolaidis Dimistrios, Studienrat am Frankfurter Abendgymnasium fragt: „Die Pädagogik an ihrem Ende?“. Er widerspricht der gängigen Lesart von der Unbedeutsamkeit von pädagogischen Werte- und Normvorstellungen und plädiert für eine Weiterentwicklung und Auseinandersetzung mit der „fortwährenden und noch immer lebendigen Konkurrenz zwischen pädagogischer Norm und gesellschaftlicher Funktion“. Die Flensburger wissenschaftliche Mitarbeiterin Rahel Hünig unternimmt den Versuch, am Beispiel des Romans von Thomas Mann „Der Zauberberg“ über das „politische Ende der höheren Bildung“ nachzudenken. Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Christoph Leser setzt sich mit dem akademischen und alltäglichen Verhältnis von Pädagogik und Psychologie auseinander und vermutet „Die psychologische Entsorgung der Pädagogik“. Der Lehrbeauftragte beim Frankfurter Institut für Pädagogik der Sekundarstufe, Thomas Beier, stellt sich der Frage nach dem Ende der Pädagogik mit der Auseinandersetzung um den „Kompetenzbegriff“. Er beantwortet sie mit einem Nein und einem Ja: „Nein, wenn man Kompetenz als Teil von Bildung, Kompetenzen als notwendig für die Erreichung von Bildung begreift …, Ja (weil) durch die Einführung des psychologischen, psychometrischen Kompetenzverständnisses das Eigentliche der Pädagogik … verdrängt wird“.

Das fünfte Kapitel wird überschrieben mit „Beenden aus biographischer Perspektive“. Andreas Gruschka stimmt einen pädagogischen Schwanengesang an, wenn er fragt: „Warum mit der Pädagogik aufhören?“. Es sind persönliche und professionelle Erfahrungen, die – wie z.B. auch Autobiographien von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deutlich machen, die im Internet-Rezensionsdienst socialnet vorgestellt werden (Karl Heinz Bohrer, 2018; Heinz Bude, 2018; Gottfried Leder, 2019; Toni Morrison, 2018; Oskar Negt, 2019; Heribert Prantl, 2018, u.a.) – das Aufhören leicht und schwer machen. Das wird auch deutlich in dem Interview, das der ehemalige Schulleiter Alfred Harnischfeger von der IGS Kelsterbach mit dem Koordinator für Erziehungsfragen Reinhard Odey aus Anlass seines Ausscheidens aus dem pädagogischen Dienst führte, und das von Sieglinde Jornitz kommentiert wird.

Im abschließenden sechsten Kapitel werden „spekulative Reflexionen zur Frage des Endens mit Pädagogik“ erstellt. Der Frankfurter wissenschaftliche Mitarbeiter Helge Kminek macht sich Gedanken „zum verfrühten, anvisierten und notwendig anzustrebenden Ende der Pädagogik“. Es geht um Fragen von Reform, Veränderung und Perspektivenwechsel auf der einen und Beständigkeit Resistenz und Tradition auf der anderen Seite, und damit auch um die Frage: „Wie unpolitisch dürfen Pädagogen sein?“, und umgewendet: Wie politisch muss Pädagogik sein? Der Mitarbeiter beim Frankfurter Duden-Institut für Lerntherapie, Jens Rosch, fragt: „Didaktisches Denken in der Lehrerbildung: ein Problem von Vermittlung oder eines der Bildung von Urteilsfähigkeit?“. Er thematisiert das alte Dilemma: „Passen Theorie und Praxis von Vermittlung zusammen?“. In zehn Punkten zeigt er die Lösung auf: „The end is where we start from“.

Fazit

Die anfangs irritierend erscheinende Behauptung, dass jede pädagogische Einwirkung immer nur eine vorübergehende Berechtigung hat, und gewissermaßen „jedem Anfang ein Ende innewohnt“, bedeutet ja nicht, aufzugeben, aufzuhören und zu resignieren, sondern im Ende etwas positiv Vollbrachtes zu erkennen. Deshalb sind die pädagogischen, didaktischen und methodischen Reflexionen darüber, wie in pädagogischen Prozessen ein Ende gesetzt werden kann, wichtig für individuelles und gesellschaftliches, institutionelles und professionelles pädagogisches Denken und Handeln. Es sind die drei Formen des Beendens von Pädagogik, die in den Bildungs- und Erziehungswissenschaften und in den Lehren vom Menschen beachtet werden sollten: Beenden als Abschließen – Beenden als Abbrechen – Beenden als Aufhören. 

Die theoretischen Analysen und praktischen Hinweise über die verschiedenen Formen der Beendigung von Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen sollten in der Lehreraus- und -fortbildung Eingang finden. 


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.12.2019 zu: Sieglinde Jornitz, Marion Pollmanns (Hrsg.): Wie mit Pädagogik enden? Über Notwendigkeit und Formen des Beendens. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-8474-2119-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25827.php, Datum des Zugriffs 21.01.2020.


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