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Stephan Ellinger, Hannah Schott-Leser (Hrsg.): Rekonstruktionen sonderpädagogischer Praxis

Cover Stephan Ellinger, Hannah Schott-Leser (Hrsg.): Rekonstruktionen sonderpädagogischer Praxis. Eine Fallsammlung für die Lehrerbildung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 219 Seiten. ISBN 978-3-8474-2263-1.
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Thema

Dieser Sammelband will einen Beitrag leisten zu einer „forschungsbasierten, kasuistischen Lehrerbildung“ (Klappentext) mittels fallkonstruktiver Erschließung pädagogischer Praxis. Schwerpunkt soll dabei die sonderpädagogische Lehrerbildung sein anhand der Reflexion gängiger Praxis.

Herausgeber

Der Band enthält 10 Beiträge, umfasst 219 Seiten und wird herausgegeben von Stephan Ellinger, Professor an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, und Dr. Hannah Schott-Leser von der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Aufbau

Im Einzelnen liefert die Publikation folgende Beiträge:

  • Hannah Schott-Leser: Wozu Kasuistik in der sonderpädagogischen Lehrerbildung? Überlegungen zur Bedeutsamkeit von Fallbezug und reflexivem Habitus (S. 11–20);
  • Raphael Koßmann: Didaktik gegen Bildung? Untersuchung didaktischer Prozesse an einem Beispiel aus der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen (S. 21–44);
  • Hannah Schott-Leser: Rekonstruktionen von Problemmarkierungen in kollegialen Gesprächen – Ein Beitrag zur sonderpädagogischen Fallkonstitution unter dem Fokus einer professionalisierungstheoretischen Perspektive (S. 45–74);
  • Janina Hornung, Julia Becher: Von Förderschule zu Förderschule – Zum Motiv der Entlastung in der Rekonstruktion eines Übergabegesprächs nach dem Aufenthalt in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie (S. 75–102);
  • Christoph Leser, Sieglinde Jornitz: Delegation und Entgrenzung – Zur Bedeutung der Diagnostik in der Sonderpädagogik (S. 103–126);
  • Oliver Hechler, Tabea Keinath: „Das macht echt keinen Sinn mit dir!“ – Eine empirische Untersuchung zur Professionalisierungsbedürftigkeit von Schulbegleitung (S. 127–143);
  • Antje Handelmann, Dominik Schütte, Marc Thielen: Die Förderung ausbildungsrelevanten Verhaltens in der Berufsvorbereitung im Zuge des unterrichtlichen Entwöhnens von jugendkulturellen Verhaltensweisen (S. 145–164);
  • Yaliz Akbaba, Karin Bräu: Lehrer*innen zwischen Inklusionsanspruch und Leistungsprinzip (S. 165–184);
  • Stephan Ellinger, Jörg Fertsch-Röver, Oliver Hechler: „Versucht mal, ob ihr zu viert zusammenkommt!“ – Zur Problematik von Gruppenbildungsprozessen im kooperativen Unterricht (S. 185–208);
  • Oliver Hechler: „Ihr sollt jetzt 'n bisschen nachdenken.“ – Zur sprachlichen Präformation unterrichtlicher Praxis (S. 209–216)

Ausgewählte Inhalte

In einem ersten Beitrag geht Hannah Schott-Leser der Frage nach, wozu Kasuistik in der sonderpädagogischen Lehrerbildung sinnvoll sein kann (S. 11–20). Das Verständnis von Fallarbeit in den verschiedenen Varianten erweist sich logischerweise als sehr heterogen. Somit ist es bedeutsam, „ob ethnographisches Datenmaterial, eine Erzählung, eine Videosequenz oder ein Unterrichtstranskript zur Analyse vorliegt“ und mit welchen Mitteln und Methoden dies bearbeitet wird (S. 12). Kasuistik soll hier verstanden werden als methodisch angeleitete Form der „Analyse protokollierter Praxis“ (S. 14). Vorrangig liegt der Anspruch in der Ausbildung einer wissenschaftlich-reflexiven Haltung durch forschendes Lernen. Die hier vertretene Form der Fallanalyse beansprucht habitusbildende Funktion und steht damit Methoden entgegen, „die auf die Vermittlung von Unterrichtstechnologien und damit auf eine Standardisierbarkeitslogik setzen“ (S. 14). Ein kritischer Hinweis auf die Tendenz zur Evidenzbasierung in der Pädagogik als ein einseitiges Verständnis von Empirie bezieht sich tendenziell auf die Sonderpädagogik insgesamt. Neben der mahnenden Formel von Stephan Ellinger (Ökonomie+Inklusion=evidenzbasierte Pädagogik?) habe Marc Willmann (2012) „eine profunde Kritik an der aus Standardisierungstendenzen resultierenden Psychologisierung der Sonderpädagogik“ geliefert (S. 17). Das hier vertretene Verständnis von Kasuistik als erziehungswissenschaftliche Position grenzt sich von psychologisierenden und standardisierenden Strömungen ab, um das Interaktionsgeschehen als Folge allgemeiner Strukturen zu erkennen und in den Blick zu nehmen.

Christoph Leser und Sieglinde Jornitz reflektieren die Bedeutung der Diagnostik in der Sonderpädagogik mittels Kasuistik (Delegation und Entgrenzung, S. 103–126) und verweisen auf den (zwingenden?) Zusammenhang zwischen Bereitstellung von Ressourcen und die quantitative/​qualitative Bestimmung von ‚Abweichung‘. Einleitend wird Diagnostik als Fluch und Segen zugleich benannt. Anhand der aufgezeichneten Diskussionen von Lehrpersonal mit Supervision in einer „Schule für Sprachbehinderte und Hörgeschädigte“. Grundsätzlich ist hiermit das sog. Etikettierungs-Ressourcen-Dilemma angesprochen, was in der Integrationspädagogik seit den 1980er Jahren immer wieder kontrovers diskutiert wurde (Stichwort: Dekategorisierung). Mittels eines analysierten Transkripts aus der Supervision eines konkreten Fallbeispiels wird u.a. folgendes aufgezeigt: „Irritierend an der rekonstruierten Sequenz ist vor allem, dass diagnostisches Handeln für die Lehrerin zwar von zentraler Bedeutung ist, dieses aber nicht zum Zweck einer fallangemessenen Förderplanung, sondern zur Delegation pädagogischer Zuständigkeit und Verantwortung eingesetzt wird“ (S. 115). Hier stellt sich die Frage, ob dies ein individuelles oder ein strukturelles Problem ist. Mithilfe des Begriffs der Delegation machen die Autoren deutlich, dass die Lehrerin in diesem Fall nicht imstande war, „das Defizit der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten im Zusammenhang mit anderen Entwicklungsproblematiken zu sehen“ (S. 122). Zu Recht wird hier mit Bezug auf Oevermann auf das verkürzte Verständnis der „Normalpädagogik“ rekurriert, die in Kategorien von Störung und Abweichung arbeitet. Ob dieses oben beobachtbare Phänomen aber im ursprünglichen Zusammenhang mit der grundsätzlichen Logik der Sonderpädagogik liegt (durch Diagnostik legitimierte Praxis von Abgrenzung), wird hier leider nicht thematisiert.

In einem Beitrag von Raphael Koßmann (Didaktik gegen Bildung? Untersuchung didaktischer Prozesse an einem Beispiel aus der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen, S. 21–44), der sich auf seine empirische kasuistisch angelegte Dissertation bezieht, wird im Kontext einer 8. Klasse Förderschule mit Schwerpunkt Lernen protokollarisch nachgezeichnet, wie im Schulalltag das produziert wird, was Koßmann als „wohlwollende Debilisierung“ bezeichnet, womit gemeint ist, dass die Schüler hier „als solche behandelt werden, die den bildenden Gehalt, der dem Thema innewohnt, gar nicht oder wenigstens nicht ohne massive didaktische Hilfen zu verstehen in der Lage sind“ (S. 30). Er belegt mittels dieses Vorgehens, dass die Schulklasse stark zur Entstehung von Lernbehinderung beitragen kann, indem die durchschnittliche Leistungsstärke einer Klasse, „in der ein Kind einen SPF-L zugeschrieben bekommen hat, erheblich mit darüber zu entscheiden [hat], ab welcher je individuellen Leistungsstärke überhaupt ein Verfahren eingeleitet und sodann in den meisten Fällen das Label zugeschrieben wird“ (S. 41). Deswegen betrachtet er aus seiner Studie (bezogen auf die Fächer Mathematik und Deutsch) die frühere These von ursächlicher „Bildungsbehinderung“ (Kanter) bzw. „Störung der Bildsamkeit“ (Bleidick) als so nicht haltbar. Methodisch stützt sich Koßmann in seiner qualitativ angelegten Studie auf die objektive Hermeneutik nach Oevermann und die empirischen Studien von Andreas Gruschka.

Im Gegensatz zu den anderen Beiträgen des Sammelbandes befassen sich Yaliz Akbaba und Karin Bräu mit dem Unterricht an Regelschulen, die sich als inklusiv versteht (Lehrer/​innen zwischen Inklusionsanspruch und Leistungsprinzip, S. 165–184). Theoretisch werden dabei die konstruierten Kategorien (doing gender, doing ethnicity, doing disability) und das (scheinbar) meritokratisch ausgerichtete Gesellschaftssystem als grundsätzliches Problem benannt, bei dem sich allerdings auch hinterfragen lässt, „inwiefern Leistung und Fähigkeit zu den dominanten Bedingungsfaktoren für ungleiche Lebensbedingungen gemacht werden sollen“ (S. 168) (Kritik am ableism). Konkretisiert werden Beobachtungen durchgeführt an der Praxis einer 6. Klasse in einer Gesamtschule, in der zwei Mädchen mit Beeinträchtigung unterrichtet werden („lernbehindert“; „hörbehindert“). Festgestellt werden unterschiedliche Lernanforderung und eine Art „Als-ob-Beteiligung“ (S. 174). Im Fazit heißt es auf der Grundlage ethnographischer Protokolle zweier Unterrichtsstunden, dass formal betrachtet Inklusion praktiziert werde, aber die Besonderung beibehalten werde durch Verwendung der bekannten kategorisierenden Vokabeln (lernbehindert; I-Kinder; hörbehindert; Flüchtlinge etc.). Aus dem Teufelskreis von Zuschreibung geringer Leistungsfähigkeit, die dies wiederum reproduziert, scheint in diesem Beitrag kein Ausweg; als Ausblick wird vorgeschlagen, darüber zu reflektieren, „ob der schulische Alltag nicht ohnehin durch zu viel Leistung geprägt ist und man nicht viel mehr leistungsenthobene Lernsituationen schaffen sollte. Dies müsste dann für alle Schüler*innen gelten“ (S. 181).

Fazit

Als Fazit für diese Fallsammlung für die Lehrerbildung kann folgendes festgehalten werden: Wünschenswert wäre es, wenn nur ein Teil dieser dargestellten Praktiken, Herangehensweisen und Reflexionen in die allgemeine Lehrerausbildung Eingang fänden – nach meiner der Ausbildungsgänge und -inhalte stellt dies wohl eher eine Ausnahme dar.

Enttäuschend ist aber festzustellen, dass in dem gesamten Sammelband die aktuelle Diskussion um inklusive Praxis kaum einen Raum einnimmt, der dringend erforderlich ist, wenn die BRD ihren selbstgesteckten Zielen der Umsetzung der Behindertenrechts-Konvention, die sie verabschiedet hat im Jahr 2009, gerecht werden will, vor allem im Artikel 24, der sich um integrative/​inklusive Bildung dreht. Leider bietet dieser Band dazu fast keine Ansätze und bleibt damit hinter dem Stand der Forschung und den notwendigen Anforderungen an die Praxis zurück. Das deutsche separierende Schulsystem wird als problematisch hier nicht mal im Ansatz thematisiert. Diese Kritik muss ausgesprochen werden, auch wenn das nicht der Anspruch der Publikation war – oder gerade deswegen.

Trotz vieler eloquent formulierten Passagen kann dieses Buch nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier stellenweise argumentiert wird, als hätte es die Fachpublikationen und -diskussionen der letzten Jahrzehnte nicht gegeben (angefangen von Ernst Begemann: Die Erziehung der sozio-kulturell benachteiligten Schüler, Hannover 1970 über Hans Eberwein (Hrsg.): Handbuch Lernen und Lern-Behinderungen, Weinheim 1996 bis zu den PISA-Studien ab dem Jahr 2000 und den Publikationen von Alfred Sander, z.B. 2002).

Ein großes Verdienst dieser Publikation besteht – trotz dieser kritischen Einwände – darin, dass aufgezeigt wird, wie eine systematisch betriebene und analytisch fundierte Kasuistik angelegt und umgesetzt werden kann und damit dem Wohle der Kinder dienlich ist. Deshalb ist ihr eine große Wahrnehmung in Fachkreisen und bei den praktisch tätigen PädagogInnen zu wünschen und zu empfehlen. Außerdem ist es erfreulich festzustellen, dass der Methode des hermeneutischen Denkens hier eine große Zuwendung widerfährt.

Literatur

Begemann, Ernst: Die Erziehung der sozio-kulturell benachteiligten Schüler, Hannover 1970 Eberwein, Hans: (Hrsg.): Handbuch Lernen und Lern-Behinderungen, Weinheim 1996

Sander, Alfred: Von der integrativen zur inklusiven Bildung. Internationaler Stand und Konsequenzen für die sonderpädagogische Förderung in Deutschland, in: Hausotter, Anette/​Boppel, Werner/​Meschenmoser, Helmut (Hrsg.): Perspektiven Sonderpädagogischer Förderung in Deutschland. Dokumentation der Nationalen Fachtagung vom 14.-16. November 2001 in Schwerin. Middelfart (DK), European Agency etc. 2002, S. 143–164


Rezension von
Prof. Dr. Werner Brill
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Zitiervorschlag
Werner Brill. Rezension vom 19.05.2020 zu: Stephan Ellinger, Hannah Schott-Leser (Hrsg.): Rekonstruktionen sonderpädagogischer Praxis. Eine Fallsammlung für die Lehrerbildung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-8474-2263-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25828.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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