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Heidi Keller: Mythos Bindungstheorie

Cover Heidi Keller: Mythos Bindungstheorie. Konzept · Methode · Bilanz. verlag das netz GmbH (Berlin) 2019. 176 Seiten. ISBN 978-3-86892-159-5. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Bindung gehört zu einem der wichtigsten menschlichen Grundbedürfnisse. Der englische Psychologe John Bowlby hat in den 50er Jahren in seiner Bindungstheorie die zentrale Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung für die psychische kindliche Entwicklung herausgearbeitet. Seither gehören die Erkenntnisse der Bindungstheorie zu den wichtigsten Handlungsgrundlagen in der Frühpädagogik. So basiert z.B. das Berliner Eingewöhnungskonzept auf der Bindungstheorie und ist eine wesentliche Handlungsmaxime für einen gelungenen Übergang von Kindern vom Elternhaus in die außerfamiliäre Betreuung. Die Kulturpsychologin Heidi Keller hat hingegen mit ihren kulturvergleichenden Studien aufzeigen können, dass der Ansatz der Bindungstheorie für 95 % der Weltbevölkerung nicht gilt und folglich keinen Universalitätsanspruch erheben kann. Mit ihrem Ansatz der kultursensitiven Frühpädagogik fordert sie für die Frühpädagogik eine diversitätsbewusste Haltung, die die kontextuellen Bedingungen kindlicher und familiärer Lebensbedingungen in den Blick nimmt. In dem vorliegenden Band setzt sie sich vor dem Hintergrund ihrer Forschungsarbeiten kritisch mit der Bindungstheorie auseinander.

Autorin

Heidi Keller ist promovierte Kulturpsychologin, hatte einen Lehrstuhl für Kultur und Entwicklung an der Universität Osnabrück inne und war Leiterin der Nifbe-Forschungsstelle Entwicklung, Lernen und Kultur.

Aufbau und Inhalt

Neben Einführung und abschließendem Kommentar ist das Buch mit 8 Kapiteln in vier thematische Abschnitte aufgeteilt:

Die Grundlagen der Bindungstheorie

Der erste Abschnitt gliedert sich in folgende Kapitel: Die Anfänge der Bindungstheorie, die Bindungstheorie des 21. Jahrhunderts, ungelöste Probleme und die kulturelle Blindheit der Bildungstheorie.

Keller stellt die Entwicklung der Bindungstheorie von Bowlby in der Zusammenarbeit mit Mary Ainsworth vor und zeigt auf, dass die Beobachtungsstudie der „Fremde-Situations-Test“ basierend auf 26 euroamerikanischen Familien methodische Mängel aufweist, die in der Weiterentwicklung nicht berücksichtigt wurden. Zwar betonen nach Keller Bindungsforscher*innen des 21. Jahrhunderts, dass „sich die Grundannahmen seit Bowlby veränderten haben“(37) doch bleiben Erkenntnisse der „interkulturellen Entwicklungspsychologie und Familienforschung“ (37) unberücksichtigt. In einem weiteren Kapitel benennt Heidi Keller eine Reihe ungelöster Probleme wie die definitorische Unklarheiten von Bindung, dem inneren Arbeitsmodell, der Exploration, ethische Bedenken im Fremde-Situations-Test und zeigt Unklarheiten in den evolutionären Annahmen der Bindungstheorie auf. Sehr dezidiert setzt sich Keller mit den zentralen Annahmen der Bindungstheorie aus kulturspezifischer Sicht auseinander. Sie legt dar, dass diese „von einer bestimmten Kultur und ihrer Historie, nämlich den sozialen Eliten der Nachkriegszeit in der westlichen Welt geprägt ist“(62) und fährt fort, „[d]as wäre nicht so schlimm, wenn die Bindungstheorie als (mono-)kulturelle Theorie gekennzeichnet wäre und keinen Allgemeingültigkeitsanspruch… erhaben würde.“(62) Im Folgenden wird die in der westlichen Mittelschicht vorrangig auf Autonomie ausgerichtete Beziehungsgestaltung den eher in dörflichen Kulturen der nicht westlichen Welt auf Verbundenheit geprägten Beziehungsformen gegenübergestellt. Ein auf größtmögliche Selbstbestimmung ausgerichtetes Menschbild steht einem hierarchisch auf die Sozialgruppe orientiertes gegenüber. Mit verschiedenen Beispielen zeigt Keller die kulturell geprägten unterschiedlichen Ausdrucksformen von Liebe, Zuneigung und Emotionsregulation auf. Als Fazit resümiert Keller, dass Kinder verlässliche Beziehungen, die ihnen Halt und Sicherheit geben, für einen guten Zugang in die Welt brauchen. Es gehöre zur ersten kindlichen Entwicklungsaufgabe hierzu eine Beziehungsmatrix zu entwickeln. Die Bindungstheorie sei aus einer wissenschaftstheoretischen und kulturvergleichenden Perspektive ideologisch zu einseitig, diffus und unklar und falsch in ihrer evolutionären Ableitung.

Der zweite Abschnitt konkretisiert anhand der beiden Modelle zur Eingewöhnung, dem Berliner und Münchner Modell Die Bindungstheorie in der Kita als Grundlage für die frühpädagogische Handlungspraxis und entwickelt mit dem dritten Abschnitt Impulse für eine kultursensitive Eingewöhnung einen neuen Ansatz, der die kultursensible Perspektive einbezieht. In ihrem Konzept zur Eingewöhnung verfolgt Keller einen systemtheoretischen Zugang, der „die Familie des Kindes, das Kind, die Kinder in der Kita, die Institution und die ErzieherInnen sowie der Ort und dessen Einbettung in den umgebenden Sozialraum“ (109) in den Blick nimmt. Sie bezieht damit sowohl die Vielfalt von familiären Lebenslagen und Bedürfnissen ein, die unterschiedlichen Kommunikationskulturen als auch die Bedingungen und Gegebenheiten in den Kindertagesstätten ein.

Der vierte Abschnitt widmet sich Ethischen Fragen, die Keller in der Bindungstheorie sowohl in den methodischen Implikationen  als auch den Schlussfolgerungen für die Einschätzung von Bindungsqualitäten als fraglich identifiziert.

Diskussion und Fazit

Heidi Keller setzt sich in dem vorliegenden Band sehr kritisch mit dem Konzept der Bindungstheorie auseinander, indem sie mit kulturvergleichenden Studien eine kultursensible Perspektive einbringt. Sie hebt dabei hervor, dass Theorien wie auch die Bindungstheorie in einem zeithistorischen wie auch gesellschaftlichen Kontext gestellt werden müssen. Sie würdigt einerseits die Bindungstheorie, die den Stellenwert der sozio-emotionalen Entwicklung in der kindlichen Entwicklung hervorgehoben hat, bezeichnet sie aber auch andererseits als „ein Nachkriegsphänomen der westlichen Welt“, die daher keinen allgemeingültigen Anspruch erhaben kann. Vielmehr sollten die sozialgesellschaftlichen Veränderungen adaptiert und im Theoriekonzept modifiziert werden. Kellers klare Positionierung löst beim Lesen Nachdenken und anfänglich auch Irritationen aus. Doch macht dieser non-konforme Blick deutlich, wie professionelle Statements und Haltung von kulturellen und sozialen Setzungen geprägt sind. Und gerade diese Perspektive ist für die qualitative Weiterentwicklung pädagogischen Handelns so wertvoll. Denn soll der in der Pädagogik gerne postulierte ressourcenorientierte Ansatz ernst genommen werden, muss jeder Familie mit ihrem Kind sehr individuell mit ihrer jeweiligen persönlichen, sozialen und kulturellen Situation begegnet werden. Pauschale Setzungen sind nicht zuträglich, die Bereitschaft der Fachleute sich auch mit den Gefühlen des Befremdetseins auf sein Gegenüber einzulassen jedoch umso unerlässlicher. Zahlreiche Beispiele aus der Praxis veranschaulichen Kellers Position und zeigen auf, vorsichtiger mit zu schnellen eigenen Bewertungen von Verhaltensäußerungen zu sein. Die in den Text immer wieder einfließenden Reflexionsfragen helfen wiederum beim Lesen innezuhalten und eigene Haltung zu reflektieren.

Mythos Bindungstheorie von Heidi Keller ist ein Buch, mit dem in Fachkreisen ein reger und konstruktiver Austausch stattfinden kann.


Rezension von
Jutta Daum
Erziehungswissenschaftlerin (M.A.), Gießen
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Zitiervorschlag
Jutta Daum. Rezension vom 06.12.2019 zu: Heidi Keller: Mythos Bindungstheorie. Konzept · Methode · Bilanz. verlag das netz GmbH (Berlin) 2019. ISBN 978-3-86892-159-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25829.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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