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Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (Hrsg.): [...] Analysen zu Frauen in der extremen Rechten

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 22.03.2005

Cover  Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (Hrsg.): [...] Analysen zu Frauen in der extremen Rechten ISBN 978-3-89771-809-8

Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (Hrsg.): Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten. Unrast Verlag (Münster) 2005. 142 Seiten. ISBN 978-3-89771-809-8. 14,00 EUR.
Reihe: Antifaschistische Texte, Band 12.

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Ist die "Frauenbewegung" in der rechtsextremen Szene angekommen?

In der in einer Auflage von 10.000 Expl. monatlich seit 1951 erscheinenden "Monatsschrift im Dienst der europäischen Neuordnung", die sich seit Januar 1990 mit den "Deutschen Monatsheften" zur rechtsextremen "Nation und Europa" zusammen geschlossen hat, steht noch in Heft 3/1992, S. 27f, der Satz: "Der Sinneswandel muss darin bestehen, dass die Mutter und nicht die Feministin wieder an die Spitze der weiblichen geistigen Werteskala gerückt wird"; und im Organ der "Deutschen Freiheitsbewegung" (DDF), "Recht und Wahrheit. Stimme des Bismarck-Deutschen", die immerhin auch in mehreren tausend Exemplaren ausgeliefert wird, können wir in 11/12 - 1989, S. 24, lesen: "Die Gleichheit der Menschen kann nicht unser Ziel sein. Es ist verkehrt, Ungleichen Gleichheit zu geben: Den Frauen und den Männern, ... den Schwachen und den Starken, den Nichtbesitzenden und den Besitzenden, den Dummen und den Klugen, den Fleißigen und den Faulen, den Volksgeschwistern und den Fremdstämmigen, den Weißen, Gelben, Roten und Schwarzen" (vgl. dazu: Astrid Lange, Was die Rechten lesen, München 1993). Erinnert sei auch an die im Faschismus und Nationalsozialismus vollzogene ideologische Unterscheidung in ein männliches Idealbild, mit der Fähigkeit zum körperlichen Kampf und der Bewältigung von physischen Schmerzen, und dem Frauenbild als Mutter und Hausfrau, die in so obskuren Gedichten "Ein Mann sollst du werden" und "Mädchen tun uns not" etwa als Bildungsaufgabe im Amtlichen Schulblatt für den Regierungsbezirk Hildesheim Nr. 14 vom 16. 7. und Nr. 15 vom 1. 8. 1937 jeweils auf der ersten Seite abgedruckt wurden:

Ein Mann sollst du werden

Heinrich Anacker

Ein Mann sollst du werden

und nicht ein Wicht!

Ein Kerl sollst du werden,

der Eisen bricht!

Kein Lauer und Halber,

kein Kriecher und Salber

und keiner, der winselnd den Rücken beugt!

Nein, immer ein heißer

Kettenzerreißer,

der mutig für Recht und Wahrheit zeugt!

Ein Mann sollst du werden

Mit Mark und Saft!

Ein Kerl sollst du werden

Voll Eigenkraft!

Den Feinden ein wacher

Kampfwidersacher,

ein Streiter in unseres Führers Schar;

ein Selbstbezwinger

und Sonnenbringer

und den Freunden so treu, wie’s dein Vater war!

Und Mädchen tun uns not...

Reinhold Braun

Und Mädchen tun uns not, die ihren Weg erkennen,

und die im Takt der lichten Herzen gehen,

und die sich stolz ein deutsches Mädchen nennen

und froh und stark in ihren Pflichten stehn.

Und Mädchen tun uns not, die wieder leben

die reine Art von Treu’und Opfersinn,

da jede ist im heiter-lieben Streben

ein Kind des Lichts und Gottes Wanderin.

Und Mädchen tun uns not, die fromm begreifen

den wahren Wert, und wie man ihn gewinnt,

und die in Wort und Tat und wie sie lieblich reifen,

allwege echte deutsche Mädchen sind.

Entstehungshintergrund

In dem seit Mai 2000 bestehenden "Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus" haben sich Forscherinnen aus den Bereichen der Politikwissenschaft, Geschichte, Soziologie und Pädagogik zusammengeschlossen. Mit verschiedenen Projekten wollen sie dazu beitragen, ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit dafür zu erzeugen, dass das gängige Bild, wie es in den oben aufgeführten Repliken zum Ausdruck kommt, heute nicht mehr stimmt. Die "neuen Strategien" der rechtsextremen Gruppierungen führen vielmehr dazu, so genannte Frauenthemen zur Mobilisierung und Einbindung der Frauen und Mädchen in rechtsextremes Gedankengut zu benutzen. Ein Ziel der Forschungsarbeit des Netzwerkes ist es, im öffentlichen Bewusstsein wie bei den Sympathisierenden und Beteiligten den dialektischen Prozess aufzudecken: "Zum einen gehen immer mehr Frauen selbstbewusst in die Szene hinein und bringen ihr Potenzial ein, zum anderen fühlen sich viele von ihnen durch ihre Zugehörigkeit zur anwachsenden und an Bedeutung gewinnenden rechten Bewegung gestärkt".

Inhalt

Die Diplom-Pädagoginnen Kirsten Döhring (Jg. 1972) und Renate Feldmann (1974) setzen sich in ihrem Beitrag "Akteurinnen und Organisationen" mit der aktiven Teilhabe von Frauen in der extremen rechten Szene auseinander. In den vielfältigen Tätigkeitsbereichen, wie z. B. in rechten Frauenpublikationen, im Musik- und RechtsRock-Bereich, arbeiten rechte Frauen als "ernst zu nehmende politische Akteurinnen, die extrem rechte Ideologien mit unterschiedlichen - auch geschlechterdifferenzierenden - Schwerpunkten produzieren, (mit)tragen, praktizieren und verbreiten.

Die Autorin Rena Kenzo (1966) zeigt einen verharmlosten Bereich auf, den von extrem rechten Händlerinnen, die, bei ebay und anderswo NS-Devotionalien, CDs, Kleidung, nationalsozialistischen Symbolen und Literatur anbieten, im Versandhandel und als Schriftstellerinnen tätig sind. Ihr Warnruf ist ernst zu nehmen: "Sie beeinflussen dadurch die Außenwahrnehmung und sie haben an der Kontinuität und Entwicklung der extrem rechten Szene einen Anteil, der nicht mehr unterschätzt werden darf".

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Methodenzentrum der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen, Michaela Köttig (1965) stellt in ihrem Diskussionsbeitrag verschiedene Erklärungskonzepte und Forschungsansätze zur Thematik vor. Mit mehreren Fallbeispielen vermittelt sie dabei eine neue Sichtweise zu den traditionellen Forschungsmethoden und macht deutlich, "welche biographischen Verläufe dazu geführt haben, dass das jeweilige Mädchen bzw. die Frau sich der extremen Rechten angenähert hat und welche Bedürfnisse und Erwartungen damit verknüpft sind".

Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin Renate Bitzan (1965) deckt mit ihrem Beitrag die Geschlechterideologie rechter Frauen auf und stellt Verbindungslinien zu feministischen Konzepten her. Ihr Interesse ist die Weiterentwicklung einer kritischen feministisch-antifaschistischen Analyse, indem sie empirisch vorfindbare Irritationen in dem Bereich berücksichtigt, um daraus eine tragfähige theoretische Einschätzung vorzunehmen.

Die Historikerin Cordelia Heß (1977) diskutiert den Zusammenhang von Sexismus und Antisemitismus im völkischen Weltbild. Ihre These: Die starre Festschreibung der Geschlechter im Sinne eines Sexismus, wie auch das Gedankengut des Antisemitismus hat nicht nur ihre Grundlagen bei den völkischen Rechten, sondern auch in der bürgerlichen Gesellschaft: Das weist auf eine tiefe Verwurzelung und andauernde Verwendung der sexistischen und antisemitischen Stereotypen in der bürgerlichen Gesellschaft hin, aus der sie ja kommen".

Die Lehrbeauftragte an der Universität Hildesheim und Referentin der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, Gabi Elverich, 1972, stellt in ihrem Beitrag die extrem rechte Geschlechterpolitik am Beispiel der französischen Front National (FN) dar. Es geht um die deutlichen Bemühungen der Parteiideologen, sowohl der FN, als auch der FPÖ und der Republikaner, um ein "modernes Image". Ihr Frageanlass: "Sind die Erneuerungen Ausdruck einer geschlechterpolitischen Modernisierung oder handelt es sich... um eine Verschleierung des traditionell rückwärtsgewandten Frauen- und Familienbildes?". Um feministische Gegenstrategien entwickeln zu können, müsse die strategische und programmatische Flexibilität extrem rechter Parteien zur Kenntnis genommen und analysiert werden.

In einem gemeinsamen Nachwort weisen die Autorinnen darauf hin, dass es in der Forschungs- und Bildungsarbeit zu Aktivitäten von "rechten Frauen" eines eindeutige(ren) Umgangs mit den Begriffen "Feminismus" und "Emanzipation" bedarf. Die Diskussion nämlich, was weiblich ist und die Aufforderung "Aufwachen" beim Nachdenken über das, was der Feminismus bisher erreicht hat und was nicht, beginnt wieder; z. B. in der Wochenzeitung DIE ZEIT, wo in der Ausgabe vom 3. 3. 05 prominente Frauen darüber reflektieren, was denn von der Emanzipationsbewegung heute noch vorhanden, aktuell ist und weiter entwickelt werden muss. Den "speziellen weiblichen Blick" gäbe es doch, so die ev.- luth., Hannoversche Bischöfin Margot Käßmann; und das Bekenntnis der österreichischen ÖVP-Politikerin, der Salzburger Landesrätin für Familie und Kultur, Doraja Eberle, "ich möchte Frau bleiben, auch in der Politik meine Werte von Familie und Erziehung hochhalten". Beide Aissprüche könnten, das ist die neue Strategie der „braunen Schwestern“, könnten auch von diesen benutzt werden. Deshalb ist es wichtig, sich mit den differenzierten Wertevorstellungen von Frauen aus den westlichen Kulturen auseinander zu setzen und dabei die ideologischen Vorstellungen der so genannten "rechtsradikalen Feministinnen" in den kritischen Blick zu nehmen. Die Forschungs- und Bildungsaktivitäten des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus gewinnen dadurch Aufklärungscharakter. Es könnte hilfreich sein, in dieser notwendigen Auseinandersetzung den interkulturellen Blick stärker zu betonen.

Fazit

Die Arbeit des Autorinnenteams gehört in die Bibliotheken der Fachhochschulen und Universitäten, nicht nur zum Schwerpunkt Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Sie sollte auch in die Hände von Lehrerinnen und Lehrern aus allen Schularten und -stufen gelangen und in die von Lehrbuch- und Curriculumexperten. Nicht zuletzt sollten auch BildungspolitikerInnen, in den Jugendämtern und Volkshochschulen Tätige die Konzepte und Ergebnisse des Buches zur Kenntnis nehmen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.03.2005 zu: Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (Hrsg.): Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten. Unrast Verlag (Münster) 2005. ISBN 978-3-89771-809-8. Reihe: Antifaschistische Texte, Band 12. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2583.php, Datum des Zugriffs 20.04.2024.


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