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Tim Ingold: Anthropologie - was sie bedeutet und warum sie wichtig ist

Cover Tim Ingold: Anthropologie - was sie bedeutet und warum sie wichtig ist. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2019. 160 Seiten. ISBN 978-3-7795-0625-6. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.

Reihe: Edition Trickster.
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Ethik der Sorge

Der anthropologische Imperativ drückt sich in den uralten, immer wieder neuen und notwendigen, existentiellen Fragen aus, wie sie z.B. Immanuel Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ mit der Erkenntnis zum Ausdruck bringt, dass der Mensch nur das wirklich wissen könne, was sich dem Denken verdanke. Die Urfrage: „Wer bin ich?“ kreist um die Fragen – Was kann ich wissen? – Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen? Sie lassen sich adäquat und human nur beantworten mit dem Mut und der Bereitschaft, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Philosophen, Anthropologen und Menschen wie Du und Ich setzen sich immer wieder mit dieser „globalen Ethik“ auseinander, wie sie in der allgemeingültigen und nicht relativierbaren „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vom 10. Dezember 1948, mit der humanen Verpflichtung zum Ausdruck kommt, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (vgl. auch: Werner Petermann, Anthropologie unserer Zeit, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10567.php; Ursula Reitemeyer, Praktische Anthropologie oder die Wissenschaft vom Menschen zwischen Metaphysik, Ethik und Pädagogik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25256.php).

Autor

Der Anthropologe von der Universität Aberdeen/Schottland und Mitglied der Royal Society of Edinburgh, Tim Ingold, führt mit dem Bändchen ein anthropologisches Gespräch, indem er über die Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Forschungen in der „angewandten (Sozial-)Anthropologie“ reflektiert: „Es ist ein Weg, mit der Welt in Verbindung zu treten“, und zwar nicht mit dem Ziel, Rezepte und Erklärungsmuster für ein gutes, gelingendes Leben bereitzustellen, sondern die Fähigkeiten zu entwickeln, gutes, humanes, individuelles und kollektives Leben der Menschen umzugestalten (vgl. z.B. dazu auch: David Eagleman/Anthony Brandt, Kreativität. Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24184.php).

Aufbau

In fünf Kapiteln breitet Ingold seine anthropologischen Überlegungen als „Ethik der Sorge“ aus, indem er betont, dass es im humanen Zusammenleben der Menschen nur darum gehen kann, nach Wegen zu suchen, wie „praktisches Engagement mit anderen erwächst… Wir sorgen uns um sie, wenn wir sie anwesend machen“. So umschreibt er die fünf Kapitel:

  1. „Andere ernst nehmen“
  2. „Ähnlichkeit und Verschiedenheit“
  3. „Eine gespaltene Disziplin“
  4. „Das Soziale neu denken“
  5. „Anthropologie für die Zukunft“.

Inhalt

Begibt er sich mit seinen Überlegungen, Theorien und Provokationen auf Schlacht- oder ein Diskursfeld? Er setzt sich auseinander mit den verschiedenen Wissensdisziplinen der Philosophie, der Ethnografie, der Soziologie, der Pädagogik und mit den Naturwissenschaften. In diesen Vergleichen findet er Methoden, die anthropologische Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede und Ausschließungsgründe haben. Es sind keine Gewichtungen, sondern Maßstäbe „Andere ernst zu nehmen“. Es ist der andere, anthropologische Umgang mit den Dingen, der das menschliche Leben zu einem Gespräch werden lässt. Dabei wird eine anthropologische Entdeckung lebendig: „Es ist die eine (Eine? JS) Welt, die wir alle bewohnen“.

Es ist der Balanceakt, der uns mit den zwei grundlegenden und bedeutsamsten Phänomenen des Menschseins verbindet, oder die Schlucht, die zu beiden Seiten Abgrund zeigt: Natur und Kultur. Wie verhält sich der anthrôpos zu dem, aus dem er entstanden ist und zu dem, was er daraus gemacht hat? Es ist die conditio humana, die uns fordert und herausfordert (vgl. dazu auch: Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php). Sind wir eine Menschheitsfamilie, die in Vielfalt zusammen lebt; oder differenzieren wir uns mit Selbstmacht und Chuzpe auseinander in „Wir“ und die „Anderen“?

Die Anthropologie liefert uns Antworten; etwa die der evolutionären Entwicklung des Menschen, den altruistischen Möglichkeiten, die es gilt, bewusst zu machen. Ingold verknüpft diese Fragen mit den disziplinären und interdisziplinären Auseinandersetzungen und Abgrenzungen zu Fächern wie der Soziologie, der Philosophie, der Psychologie, den Naturwissenschaften und den Bildungs- und Kulturwissenschaften. Um wissenschaftliche Erkenntnisse über das Sosein des Menschen zu gewinnen, braucht es die fächerübergreifende und -verbindende Forschung: „Eine der großen auf uns zukommenden Herausforderungen der Anthropologie wird … eine Grundlagenverschiebung in der Evolutionslehre sein“. Die Frage: „Was ist ein Anthropologe“ veranschaulicht der Autor mit dem Bild, dass der Anthropologe ein Jäger sei, der einem Träumer gleiche, „der den Wegen des Lebens folgt, von der Beobachtung lernt und den Dingen unter die Haut geht, um sie von innen kennenzulernen“.

Fazit

Ein (Kultur-)Anthropologe ist jemand, der „dadurch erfolgreich ist, dass (er) in den Lebensprozess eintritt und diesen dann begleitet“. Diese Kennzeichnung ist Marker und Falle zugleich; denn natürlich ist jedes wissenschaftliche Denken und Tun orientiert an der Wissens- und Existenzfindung und -analyse des mundanen Daseins von Lebewesen. Fragt man nach dem anthropologisch Besonderen, so zeigt sich, dass das anthropologische Gespräch, als „Kunst der Befragung“, die Fähigkeit, Leben umzugestalten, befördert. So könnte die Anthropologie die Möglichkeit schaffen, in den Zeiten von Unsicherheiten auf der einen, und (scheinbarer) Allwissenheit auf der anderen Seite, Halt zu finden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.10.2019 zu: Tim Ingold: Anthropologie - was sie bedeutet und warum sie wichtig ist. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2019. ISBN 978-3-7795-0625-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25830.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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