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Brigitte Hüllemann, Paul Middelhoff: Einführung in die Traumatherapie

Cover Brigitte Hüllemann, Paul Middelhoff: Einführung in die Traumatherapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. 128 Seiten. ISBN 978-3-8497-0267-0. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR.

Reihe: Carl-Auer Compact.
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Thema

Über zwei Drittel der Erwachsenen erleiden im Lauf des Lebens traumatische Erfahrung, als häufigste Erkrankung gilt die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) mit vielfältigen Folgen wie negative Stimmung, quälende Gedanken und ein permanentes Gefühl, in immenser Gefahr zu sein. Viele Betroffene können nachts nicht schlafen, sind erhöht wachsam und vermeiden Reize im Außen, die mit dem Trauma in Zusammenhang stehen. Die Ansätze bei einem akuten Trauma und einem chronischen Trauma sind unterschiedlich. Akute Traumata werden mit psychologischen Methoden, Stressmanagement und Psychopharmakologie behandelt, bei chronischer Traumatisierung stützt sich die Therapie auf Psychoedukation, Emotionsregulierung sowie körperbezogene und kognitive Methoden. Ziel der Therapie ist, das Leben des Patientinnen und Patienten im Alltag zu stabilisieren, die Bedeutung des Trauma-Ereignisses zu verändern und in die Biografie zu integrieren.

Autorin

Brigitte Hüllemann ist Fachärztin für Innere Medizin, Sport- und Sozialmedizin. Sie hat mehrere Grundausbildungen z.B. in tiefenpsychologischer Psychotherapie, Paar- und Familientherapie sowie Hypnotherapie nach Milton Erickson und Imaginativer Traumatherapie (PITT) nach Luise Reddemann.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Reihe Carl Auer Compact erschienen. Die Reihe hat mittlerweile einen Umfang von 75 Titeln. Der Verlag zielt mit dieser Einführungsreihe darauf ab, die Eintrittsbarriere in Bezug auf Systemtheorie und Konstruktivismus zu senken und die Nützlichkeit systemischer Modelle an konkreten Fragestellungen und Themen für die Leserschaft erfahrbar zu machen. Vorkenntnisse werden nicht benötigt (Quelle website des Carl Auer Verlags).

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im DIN A 5 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 128 Seiten, die sich in neun Kapitel plus Anhang aufgliedern. 21 Fallbeispiele heben sich in grau markierten Textboxen vom Fließtext ab. Am oberen Seitenrand findet sich jeweils die Kapitelüberschrift, was die Orientierung im Buch erleichtert. Um die Menge an Stoff unterzubringen wurde eine kleine Schriftart gewählt. Jedes Kapitel beginnt mit einem Zitat von Patient*innen.

Das erste Kapitel („Was ist ein Trauma, was eine posttraumatische Belastungsstörung?“, S. 11-23) behandelt die Fragen was ein Trauma und was eine posttraumatische Belastungsstörung ist. Beschrieben werden Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und die Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) traumatischer Ereignisse und posttraumatischer Belastungsstörungen. Behandelt werden auch die Erweiterung der diagnostischen Kriterien der posttraumatischen Belastungsstörung sowie Kriterien koexistierender psychischer und somatischer Störungen. Kurz nach einem akuten Trauma wird therapeutisch vor allem mit psychologischen Methoden, Stressmanagement und pharmakologischer Behandlung reagiert. Therapien bei verzögerter Symptomatik bzw. nach chronischer Traumatisierung sind vor allem Psychoedukation, Emotionsregulierung, körperbezogene und kognitive Methoden. Dabei zielt die Therapie darauf ab, das Trauma-Ereignis in die Biografie des Patienten einzubinden und es somit in seiner Bedeutung zu verändern.

Neben den physischen Grundbedürfnissen werden nach Grave die psychischen Grundbedürfnisse nach Orientierung, Kontrolle und Kohärenz, Bindung und Selbstwertschutz genannt. Unerfüllte Bindungsbedürfnisse von Kindern und Heranwachsenden haben Folgen. Knapp angerissen wird erklärt, was es bedeutet, wenn Resilienzkräfte versagen und eigene Bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden (zweites Kapitel, „Grundbedürfnisse des Menschen und die Folgen fehlender Befriedigung“, S. 23-26).

Ein Schutzmechanismus zum Überleben stellt die Dissoziation dar. Im dritten Kapitel („Dissoziation, ein Schutzmechanismus zum Überleben“, S. 27-31) wird das Kontinuum von der normalen zur pathologischen Dissoziation erläutert. Die Dissoziation wird als grundlegender Konflikt bezeichnet. Das Kapitel endet mit dem Dissoziationsmodell von Nijenhuis.

Das vierte Kapitel (S. 32-42) mit dem Titel „Die posttraumatische Belastungsstörung – eine somatopsychische Störung“ hat die dreiteilige Struktur des Gehirns (nach Maclean 1990) zum Inhalt. Es gibt Erkenntnisse, dass Erinnerungen und Gedächtnis Einfluss durch traumatische Ereignisse haben. Bekannt sind weitere Einflüsse traumatischer Ereignisse auf Biologie und Neurophysiologie des Organismus. Dieses Kapitel mündet in der Vorstellung der multimodalen Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung.

Besonderheiten der therapeutischen Beziehung und Kontaktgestaltung bei chronischer PTBS (fünftes Kapitel, S. 43-55) sind therapeutische Absprachen und Interventionen, Widerstand und Abwehr bei Patient*innen und Beziehungsfallen und Selbstschutz.

Die Kapitel sechs bis neun (S. 56-109) stellen verschiedene Therapiekonzepte vor. Diese Darstellung beginnt

  1. mit dem Therapiekonzept durch Medikamente, innovative und experimentelle Verfahren,
  2. mit Therapiekonzepten mittels Sprache, Trance und Bildern,
  3. mit Therapiekonzepten durch die Arbeit mit Teilen der Persönlichkeit und
  4. mit einem Therapiekonzept zur Wiedererlangung des inneren Gleichgewichts von Geist und Körper.

Das Buch schließt mit einem Anhang (S. 111-121) ab. Dort finden sich komprimiert verschiedene Ansätze: der Ansatz „Dissoziation und ihre Subsysteme“ von Nijenhuis, Betrachtungen zu neurophysiologischen und verhaltenspsychologischen Veränderungen sowie Trauma bedingten Reaktionen, besprochen wird die Störung der Angstregulierung nach Hüther, der Einfluss traumatischer Ereignisse auf den „Felt Sense“, also dem Körpergefühl (nach E. T. Gendlin), das SIBAM-Modell und Lebensfluss-Modell von P. A. Levine sowie die Polyvagal-Theorie von S. W. Porges.

Diskussion

„Traumata sind ihrem Wesen nach unerträglich“ schreibt Bessel van der Kolk in seinem Buch „Verkörperter Schrecken“ (erschienen in 5. Auflage). Eine Rezension liegt unter www.socialnet.de/rezensionen/24829.php vor. Aufgrund seiner Erfahrungen aus über 30 Jahren weiß er, dass das Entsetzen und die Isolation im Zentrum eines jeden Traumas Gehirn und Körper verändern. Das Gehirn schaltet in Extremsituationen ab. Neue Erkenntnisse über die Überlebensinstinkte des Menschen erklären, warum Traumatisierte von unvorstellbaren Ängsten, Taubheitsempfindungen und unerträglicher Wut belastet sind. Davon werden zahlreiche Fähigkeiten ungünstig beeinflusst wie z.B. die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, sich zu erinnern, Vertrauensbeziehungen aufzubauen oder sich in ihrem eigenen Körper zu Hause zu fühlen mit der Folge, dass Betroffene das Gefühl haben, ihr Leben nicht selbst steuern zu können. Die Hoffnung auf Heilung ist vor allem dann nicht vorhanden, wenn Menschen schon durch viele erfolglose Therapien frustriert wurden.

Bekannt ist aber auch, dass es Hoffnung gibt. Das hier vorgelegte Büchlein beschreibt, dass Menschen seelische Widerstandskräfte, eine sog. Resilienz, entwickeln können. Genannt wird die Psychoedukation, die darauf ausgerichtet ist, die Selbstakzeptanz zu unterstützen, Distanz zu schaffen und die eigene Selbstbemächtigung zu erhöhen. Diese Ansätze müssen alters- und entwicklungsangemessen sein und orientiert an den individuellen Lebensbedingungen, damit sie wirksam sein können. Nach den Erfahrungen einer anderen Expertin Louise Reddemann steht nicht die Konfrontation (Erinnern) und die Integration (Durcharbeiten) im Vordergrund, sondern die Stabilisierung und Ressourcenorientierung. Den Mittelpunkt bilden ein positives Selbstbild, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen sowie Handlungs- und Problemlösekompetenzen. Bei einer konsequenten Ressourcenorientierung geht es vornehmlich darum, alle Stärken und Kraftquellen eines Menschen, die normal funktionieren, mit einzubeziehen.

Fazit

Über zwei Drittel der Erwachsenen erleiden im Lauf des Lebens traumatische Erfahrung, als häufigste Erkrankung gilt die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) mit vielfältigen Folgen wie negative Stimmung, quälende Gedanken und ein permanentes Gefühl, in immenser Gefahr zu sein. Viele können nachts nicht schlafen, sind erhöht wachsam und vermeiden Reize im Außen, die mit dem Trauma in Zusammenhang stehen. Die Ansätze bei einem akuten Trauma und einem chronischen Trauma sind unterschiedlich. Akute Traumata werden mit psychologischen Methoden, Stressmanagement und Psychopharmakologie behandelt, bei chronischer Traumatisierung stützt sich die Therapie auf Psychoedukation, Emotionsregulierung sowie körperbezogene und kognitive Methoden. Therapie zielt darauf ab, das Leben von Patientinnen und Patienten im Alltag zu stabilisieren, das Trauma Ereignis in seiner Bedeutung zu verändern und in die Biografie zu integrieren.

Dieses Büchlein (DIN A 5 Softcover Format) ist in der Reihe Carl Auer Compact erschienen. Die Reihe hat mittlerweile einen Umfang von 75 Titeln. Der Verlag schreibt auf seiner website, es seien keine Vorkenntnisse erforderlich. Dieser Aussage muss ich in Bezug auf das hier besprochene Buch widersprechen z.B. werden zahlreiche Fachbegriffe und Fremdwörter benutzt, deren Bedeutung vorausgesetzt wird. Die Inhalte sind sehr komprimiert zusammenfasst, es ist bemerkenswert, wie der Autorin diese Darstellungsweise gelingt, um nachzuvollziehen, was gemeint ist, ist allerdings ein Vorwissen der Materie erforderlich. Das Buch versucht einen Praxisbezug durch 21 „Fallbeispiele“ herzustellen, diese sind allerdings sehr kurz gehalten, sodass die Bezeichnung „Fall-Blitzlicht“ treffender gewesen wäre.

Das Büchlein gibt einen sehr kompakten Überblick über verschiedene Ansätze der Traumatherapie. Zentrale Themen werden angerissen, an manchen Stellen werden sie sehr knapp dargestellt. Um die Menge an Stoff unterzubringen wurde eine kleine Schriftart gewählt, die leider das Lesen sehr anstrengend macht. Dennoch bietet das Buch einen guten Einstieg, um sich einen ersten Überblick in die Grundprinzipien der Traumatherapie zu verschaffen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), Autismus, TEACCH, erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 26.08.2019 zu: Brigitte Hüllemann, Paul Middelhoff: Einführung in die Traumatherapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. ISBN 978-3-8497-0267-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25832.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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