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Ina Schmidt: Über die Vergänglichkeit

Cover Ina Schmidt: Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds. Edition Körber (Hamburg) 2019. 220 Seiten. ISBN 978-3-89684-274-9. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Vergänglichkeit als Chance

Im antiken philosophischen Diskurs kommen der „kinêsis“, der Bewegung, der „metabolê“, dem Wandel, der „genesis“, dem Entstehen, und der „phthora“, dem Vergehen, besondere, existentielle Bedeutung zu. Es sind die Lebensprozesse, die sich als Gewinn und Verlust darstellen. Dadurch hat im abendländischen, anthropologischen Denken die Vergänglichkeit vielfach einen Leidenscharakter (siehe z.B. dazu: S. Föllinger „genesis – phthora“, in: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 228ff). Weil aber Anfang und Ende, Entstehen und Vergehen, Leben und Tod natürliche Elemente des Daseins sind, ist es wichtig, Existenz als Prozess zu begreifen. „Jedem Anfang wohnt ein Ende inne“, wie auch in jedem Ende ein neuer Anfang stecken kann – so wird lyrisch und alltäglich Bewusstsein erzeugt, Hoffnung geschaffen und ermuntert, Vergänglichkeit als Bestandteil des Lebens zu begreifen.

Weil Philosophieren Denk- und Lebenslehre ist, sind die Herausforderungen, die den anthrôpos bestimmen, lernbar. Es geht um die Fähigkeit, selbst zu denken und nicht (nur) andere für sich denken zu lassen (vgl. dazu auch: Karl Heinz Bohrer, Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22496.php). Die Hamburger Philosophin Ina Schmidt hat 2005 die „denkraeume“ gegründet (www.denkraeume.net). Sie bietet damit die Möglichkeit an, durch Begegnung und Gespräch Lebenspraxis zu erlangen. Dabei werden Fragen diskutiert und thematisiert, die mit der Urfrage „Wer bin ich?“ beginnen, den kantischen Folgefragen – „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“ „Was darf ich hoffen?“ weiterführen, und schließlich in die Frage münden: „Wie leben wir mit der Vergänglichkeit von Dingen, Orten und Ereignissen?“. Was kann dabei herauskommen? Trost, Geduld, Gelassenheit, Einsicht und Realitätsbewusstsein auf der einen Seite – und/ oder Zorn, Widerstand, Fatalismus auf der anderen? Eines wird nicht möglich sein: Ein Rezept ausstellen! Auch die Erwartung, dass eine Lotterie oder eine Ideologie die richtigen Antworten geben könnten, ist nicht empfehlenswert! Wenn wir also davon ausgehen, dass der Mensch als Individuum und Gemeinschaftswesen danach strebt, ein gutes, gelingendes Leben zu führen, dies aber nicht im Nirwana, im Schlaraffenland oder im Jenseits findet, sondern dort, wo er als „welthaftes Wesen“, also mundan existiert (siehe: Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php), ist Denken gefragt.

Aufbau und Inhalt

Also kein „Rezept“, sondern eine „Spurensuche“, die immer verbunden ist mit Wahrheit und Zweifel, mit Gewissheit und Irrung, mit Glück und Enttäuschung. Und die eine Auseinandersetzung notwendig macht mit Begrifflichkeiten und Bedeutungszusammenhängen. Der Begriff „Vergänglichkeit“ ist nicht identisch mit der Lebenstatsache „Endlichkeit“, und hat doch damit zu tun: „In der Vergänglichkeit steht ein Kommen und Gehen im Vordergrund, also ein Wechselspiel von etwas, das endet, aber auch wieder beginnen kann“. Die Autorin gliedert ihre philosophische Auseinandersetzung, neben den Reflexionen mit „ein paar Worten zum Anfang“ und dem Fazit als „Ende voller Hoffnungen“, in vier Kapitel: Das erste titelt sie: „Wie wir Abschied nehmen“; das zweite mit dem Rat: „Vergänglichkeit denken: Abschied von Gewissheiten“; das dritte mit der Feststellung: „Wir sind verwundbar“, aus der sie eine „Ethik der Verletzlichkeit“ entwickelt; und das vierte Kapitel schließlich mit „Abschied des Älterwerdens“ und der Frage: „Wie lassen wir die Zukunft los?“.

Es sind Empfindsamkeiten, Achtsamkeiten und Empathie, die den Menschen beim Nachdenken über sich, sein Leben und sein Scheiden begleiten sollten. Die Conditio Humana seines Seins sollte eingebunden sein in dem Bewusstsein, dass der anthrôpos als Animal retardatum ein „verletzbares Subjekt“ ist (Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php). Der „Homo se ipsum varians“ (Sartre) ist sowohl darauf angewiesen, sich selbst, existentiell und intellektuell, zu verändern, wie er auch von den eigenen und kollektiven Lebenseinflüssen verändert wird. Dazu braucht es Einsicht und Kreativität (vgl. dazu z.B. auch: Hans Lenk, Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, 2000). Dem Akt, von etwas oder von jemandem Abschied zu nehmen, sind mindestens zwei wesentliche Elemente inne: Zum einen das endgültige Ende, und zum anderen die Hoffnung auf Wiederkehr und Erneuerung: „Vergänglichkeit ist demnach getragen von der Tatsache, dass wir sie zum Anlass nehmen, diese Transformationsprozesse in unserem Leben als Herausforderung anzunehmen“. Die Praktische Philosophie will dazu Hilfestellung und Antworten geben. Sie liegen nicht immer auf der Straße und kommen als Zufälligkeiten von Irgendwo-her, sondern müssen individuell und in Gemeinschaft mit Mitmenschen erarbeitet und erlernt werden.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“, dieses philosophische, antike Understatement will ja nicht ausdrücken, dass der Mensch grundsätzlich ein von Unwissenheit gezeichnetes Lebewesen ist und dadurch unfähig zum Denken sei, sondern dass Zweifel (Wolfram Malte Fues, Zweifel, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25265.php) und Negation (Lars Nowak, Hg., Bild und Negativität, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25406.php ) nicht nur unverzichtbare Bestandteile des Denkens, sondern auch dessen Anker und Fundamente sind. Es ist die Erkenntnis, dass die „Unverfügbarkeit“ im menschlichen Dasein kein Manko darstellt, sondern eine Einsicht, dass sich „das Leben als Wechselspiel (vollzieht) zwischen dem, was uns verfügbar ist, und dem, was uns unverfügbar bleibt, uns aber dennoch ‚etwas angeht‘“ (Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25302.php); und zwar als Vergangenheitsbewusstsein, Gegenwartsrelevanz und Zukunftsperspektive. „Die wesentliche Aufgabe eines philosophischen Denkens und Handelns im Umgang mit Vergänglichkeit liegt darin, … die letzte Offenheit der eigenen Vergänglichkeit wirklich in den Blick nehmen zu können, dabei aber dennoch von der Wirksamkeit des eigenen Handelns überzeugt, das uns in der Absurdität der eigenen Lebensumstände Sinn und Erfüllung ermöglichen kann“.

Bei diesen Unsicherheiten, dem Ausgeliefertsein, den Zufälligkeiten, Ängsten und Machteinflüssen, denen Menschen ausgesetzt sind, braucht es Ordnungssysteme und eine „globale Ethik“, die die Autorin als „Ethik der Verletzlichkeit“ formuliert. Dabei ist weder das Nachtrauern der verpassten oder entzogenen Möglichkeiten hilfreich, noch das Geschrei der „Wutbürger“; vielmehr gilt es, sich der Wirklichkeiten bewusst zu werden – etwa der Tatsache des Älter- und Altwerdens der Menschen – und dadurch nicht das passive Erleiden, sondern das aktive Erleben in den Lebensmittelpunkt zu stellen. Es sind die Pflege und Benutzung von Tugenden wie Gelassenheit, Klugheit und die Kraft des Verzeihens, die den Prozess des Altwerdens begleiten: „Den Versuch unternehmen, über sich hinauszuwachsen,… auch wenn wir nicht wissen können, was uns tragen wird und ob wir die Kraft dafür aufbringen… ist so etwas wie ein Bild für einen Anfang dessen, was im Tal des Leidens selbst möglich ist“.

Im Verlauf der Auseinandersetzungen mit dem Leben, den Gewohnheiten, den Imponderabilien, den Hoffnungen und Versäumnissen, den glücklichen Ereignissen und dem Unglück, hat die Kompetenz der Erinnerung vielfach eine Ankerfunktion – die jedoch, wie jede Ankerung Festigkeit, Standhaftigkeit, Sicherheit und Orientierung bieten, wie gleichzeitig Gefahr, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit bedeuten kann. Die Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen als Lebensziele zu transportieren, korrespondieren und kontrahieren mit dem „Erleben von Verwundbarkeit und Verletzung, (mit der) Erfahrung von Heilungsprozessen, de(m) sinnliche(n) Zugang zur eigenen Erfahrungswelt und den eigenen Erinnerungen machen uns zu Wesen, die im Denken wie im Fühlen und Erleben einen Zugang zum Wesentlichen finden“ lassen.

Fazit

„Das Ende ist mein Anfang“ – diese optimistische Betrachtungsweise, die Ina Schmidt einer existentiellen Lebenssituation entnommen hat, drückt aus, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen und der kollektiven Vergänglichkeit der Menschen ein „Ende voller Hoffnungen“ sein kann. „Vergänglichkeit und die uns darin begegnende Endlichkeit bleibt ein Faktum. Sie ist keine Option, wie wir wählen oder ablehnen könnten“, sondern eine existentielle Herausforderung, der wir Menschen uns intellektuell, philosophisch und alltäglich stellen müssen. Mit der „Philosophie des Abschieds“ bietet die praktische Philosophin eine Fülle von Beispielen und Lebenslehren an, die hilfreich sein können, Vergänglichkeit nicht als Schicksal und Drama zu betrachten,/sondern als Chance und Bedeutung zu begreifen: „Wenn wir Abschied nehmen, dann tun wir dies, um zum einen der Vergänglichkeit zuzustimmen, ihr aber gleichzeitig etwas entgegenzusetzen: die Bedeutung, die wir einem Menschen, einer Sache oder einem Ereignis in unserem Leben geben wollen“, besonders hervorzuheben. Dabei wird besonders deutlich, dass nicht „Momentanismus“ gefragt ist, sondern Beständigkeit, Wahrhaftigkeit, Selbst- und Weltvergewisserung notwendig sind, um Vergänglichkeit in den Lebensprozess zu integrieren.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.10.2019 zu: Ina Schmidt: Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds. Edition Körber (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-89684-274-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25834.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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