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Jamie Metzl: Der designte Mensch

Cover Jamie Metzl: Der designte Mensch. Wie die Gentechnik Darwin überlistet. Edition Körber (Hamburg) 2019. 460 Seiten. ISBN 978-3-89684-276-3. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,80 sFr.
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Evolution neu denken!

Revolutionen kündigen sich oftmals vorher an. Es sind Unzufriedenheit, Unrecht, Ohnmacht oder menschenunwürdige Zustände, die Menschen veranlassen, die Wirklichkeiten gewaltsam zu verändern. Anders ist es mit der Evolution. Seit Menschen darüber nachdenken, wie sie entstanden sind und wer sie als Individuen und Gemeinschaftslebewesen sind, bedienen sie sich der existentiellen und philosophischen Auffassungen, welches Leben Anschauung und Gestalt (εἶδος) ist, als Genesis und Phthora (γένεση, φθορία) entsteht und vergeht – und Menschen nicht gottgemacht sind. Der Mensch ist ein erdverbundenes Lebewesen (vgl. dazu auch: Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne. 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php). Die Frage „Wer bin ich?“ muss also immer im Einklang stehen mit der biologischen Evolution, die das Leben als genetische Organisation versteht. Die spätestens von Charles Darwin als natürliche, genetische Herausbildung der Entstehung von Leben erkannten Phänomene bilden seitdem den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess und das Weltbild. Gene, so die Erkenntnis, sind Grundlagen und Voraussetzungen für Leben. Das Mühen, diese Grundsätze auch veritabel zu machen, zieht sich wie ein spiralgebildetes Denken durch die neuere Menschheitsgeschichte. Es waren 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der US-amerikanischen Berkeley-Universität, die 2006 den Versuch unternahmen, den Begriff „Gen“ zu definieren, nämlich als „eine lokalisierbare Region genomischer DNA-Sequenz, die einer Erbeinheit entspricht und mit regulatorischen, transkribierten und/oder funktionellen Sequenzregionen assoziiert ist“. Diese Beschreibung wird im wissenschaftlichen Diskurs immer wieder auch verändert und konkretisiert, sodass im aktuellen Verständnis ein Gen „eine Vereinigung genomischer Sequenzen (ist), die einen zusammenhängenden Satz von eventuell überlappenden funktionellen Produkten codieren“ (Wikipedia).

Diese, bisher (festgemauerten) Gewissheiten kommen ins Wanken; oder, um es positiv und anthropologisch auszudrücken: sie unterliegen Veränderungsprozessen. Es wird von einer „human-genetischen Revolution“ gesprochen seit in der Genetik Methoden und Technologien entwickelt und auch realisiert werden, Gene zu verändern und die Prinzipien der Mutation neu zu schreiben. Es sind Instrumente und Praktiken, wie etwa die mittlerweile in zahlreichen Fällen angewandte „In-vitro-Fertilisation“ (IVF) und die „CRISPr/Cas9“, die dazu führen, dass Eltern ihre Kinder nicht nur nach ihren eigenen Vorstellungen bauen, sondern auch genetisch verändern können. Damit entstehen Euphorien und Visionen, die Darwinschen Evolutionsgesetze außer Kraft zu setzen: „Künftig wird unsere Spezies selbst die Kontrolle über unseren evolutionären Prozess ausüben“, indem wir uns daran machen, unsere künftigen Nachkommen genetisch nach unseren Wünschen und Vorstellungen verändern; etwa in dem Sinne, dass sie schlauer als wir Bisherigen sind, gesünder, resistenter gegen körperliche Unbill und fitter für das Leben sind – ja sogar länger leben (siehe z.B. dazu auch: Helmut Bachmaier, Lektionen des Alters. Kulturhistorische Betrachtungen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20288.php). Auch wenn mittlerweile anthropologisch und ethisch darüber nachgedacht wird, ob der Mensch all das, was er kann oder zu können glaubt, auch wirklich machen darf, ist die Auffassung nicht von der Hand zu weisen, dass der anthrôpos mit seinem Willen, seiner Macht und Ideologie tatsächlich Dinge entwickelt, die ihm (scheinbar) zum Vorteil verhelfen. Spätestens an dieser Stelle gilt es, Fragen zu stellen und Verantwortungen aufzuzeigen: „Wird der Einsatz dieser wirkungsvollen Technologien unsere Menschlichkeit befördern oder einschränken?“ – „Werden von den Vorzügen dieses wissenschaftlichen Fortschritts nur wenige Privilegierte profitzieren, oder werden wir ihn nutzen, um Leid zu vermindern; Diversität zu respektieren und weltweit Verbesserungen bei Gesundheit und Wohlbefinden zu erreichen?“ – „Wer hat das Recht, individuelle und kollektive Entscheidungen zu treffen, die im Endeffekt Auswirkungen auf den gesamten menschlichen Genpool haben?“ – „Was für ein Verfahren ist, wenn überhaupt, vonnöten, um die bestmögliche kollektive Entscheidung über unsere zukünftige evolutionäre Entwicklung als eine oder womöglich mehrere Spezies zu treffen?“.

Autor

Der US-amerikanische Publizist, wissenschaftliche Berater und Experte für Zukunftstechnologien und Geopolitik, Jamie Metzl, greift in den bisher eher diffusen, unbestimmten, sensationslüsternen und beunruhigenden, lokal- und globalgesellschaftlichen Diskurs um die Entwicklung der Gentechnologie und -politik ein. Es ist eine Erzählung auf der Grundlage von wissenschaftlichen Fakten und der Abwehr von Fake News; und es ist der Anspruch und der Appell, die Entwicklung in der Gentechnik nicht allein den Profis und den möglichen Profiteuren zu überlassen, sondern auf einen breiten, allgemeingültigen, verständlichen, ethischen und moralischen gesellschaftlichen Informations- und Entscheidungsprozess auszuweiten: „Wir werden die genetische Verbesserung unserer Spezies nicht aufhalten können, aber wir können, hoffentlich zum Besseren, Einfluss darauf nehmen, wie dieser Wandel vorstatten geht“.

Aufbau

Metzl gliedert das Buch, neben der Einführung in Fragen nach dem Zeitalter der Genetik, in nachfolgende elf Kapitel:

  1. Wie Darwin auf Mendel trifft.
  2. Auf der Komplexitätsleiter.
  3. Decodierung der Identität.
  4. Das Aus für den Sex.
  5. Göttlicher Funke und Feenstaub.
  6. Alles Lebende von Grund auf umgestalten.
  7. Der Raub der Unsterblichkeit von den Göttern.
  8. Die Ethik gentechnischer Eingriffe an uns selbst.
  9. Wir sind vielfältig.
  10. Das Wettrüsten der menschlichen Spezies.
  11. Die Zukunft der Menschheit.

Inhalt

Die Argumentation beim schwierigen, anstrengenden und aufregenden Diskurs darüber, ob es den Menschen gestattet (?) und anzuraten sei, die Möglichkeiten von Genveränderungen und -manipulationen zu nutzen, sind nicht allein lehrbuchartig zu bewerkstelligen; wiewohl das Wissen darüber, wie Leben auf der Erde entstanden ist und menschliches Sein sich gebildet hat, unverzichtbar ist. Es sind die sensationellen und intellektuellen Entwicklungen, die unsere Kenntnis von uns selbst bestimmen und unser humangenetisches Bewusstsein prägen. Es ist gerade etwas mehr als 60 Jahre her, dass Forscher die „Doppelhelix-Struktur der DNA“ entdeckten und damit das „Handbuch des Lebens“ vorlegten; bis hin zu dem weltweiten Erstaunen, als vor mehr als 40 Jahren das erste Retortenbaby der Welt geboren wurde; oder als mit Hilfe von Instrumentarien der Künstlichen Intelligenz (KI), von Big Data und Deep-Learning die bis dahin als selbstbewusst und selbstverständlich angenommene menschliche Intelligenz durch Computer besiegt wurde. Insbesondere ein Perspektivenwechsel im Bewusstsein der Habens-, Machens- und Seins-Mentalität ist gefordert, wenn sich eine Veränderung im Verhältnis von Biologie und Technik vollzieht, wie dies exemplarisch im Bereich der Genetik erfolgt, „wodurch einige unserer heiligsten Bräuche und Traditionen ins Wanken gebracht werden“.

Die Überschrift im vierten Teil lässt aufhorchen und gleichzeitig unruhig werden: „Das Aus für den Sex“. Vorbei mit der menschlichen Fortpflanzung – und auch mit der Lust? Gelangen wir da in ideologische, ethnozentristische, rassistische und selektive Entwicklungen, wie sie sich zum Beispiel in faschistischen Programmen der Rassenlehre festgesetzt haben? Die Antworten sind differenziert. Wie bei vielen Erneuerungen und Veränderungen ist das Für und Wider durchgängig. Gene zu verändern, um Krankheiten und Epidemien gar nicht auftreten zu lassen oder zu heilen, muss ohne Zweifel als ein humaner Fortschritt bezeichnet werden; wirken Genmanipulationen jedoch selektiv, bevorzugend oder benachteiligend, sind sie menschenfeindlich.

Es ist die allen Menschen und Lebewesen zustehende Würde, die sich in Selbstbestimmung und Existenz ausdrückt. Die Schritte von den Pflanzen- und Tiermanipulationen hin zur Veränderung des humanen Genoms sind klein. Weil im menschlichen Miteinander Wettbewerb und Vergleich wichtige Parameter sind, muss auch in der Gentechnologie der Konkurrenzgedanke beachtet werden. Um Chancengleichheit zu bewerkstelligen, bedarf es eines globalen Standards beim Umgang mit der Genpolitik. Nationale Gen-Ethik-Einrichtungen, internationale Kommissionen und DIYbio-Gemeinschaften können verhindern, dass ein Missbrauch der Gentechnologien Schaden für die Menschheit bringt. Das International Bioethics Committee der UNESCO fordert, dass „das menschliche Genom als gemeinsames Erbe der Menschheit gewahrt werden muss“, und „Wir müssen nach Ideen Ausschau halten, einerseits die großen Vorteile der Gentechnik zu fördern und andererseits die schlimmen potenziellen Gefahren so gering wie möglich zu halten“.

Fazit

Die Erzählung „Der designte Mensch“ ist ein Plädoyer für Humanität und gegen Menschenfeindlichkeit. Es sind acht Fragen, die Jamie Metzl in seinem gut lesbaren und allgemeinverständlich geschriebenen Buch formuliert und zum Selbst- und Mitdenken anregt:

  • Wie kann die Gesundheit und das Wohlbefinden aller mit Hilfe von Gentechnik verbessert werden?
  • Welche Ziele und ggf. Einschränkungen sollten dabei festgelegt werden?
  • Sollen alle Menschen uneingeschränkte Informationen über ihr Erbgut und das ihrer Kinder erhalten?
  • Sollten die Eltern die unbegrenzte Freiheit haben, bei der In-vitro-Fertilisation unter den natürlichen Embryos auszuwählen?
  • Dürfen Erbkrankheiten mit Hilfe der Genschere eliminiert werden?
  • Brauchen wir ein weltweit gültiges und akzeptiertes Regelwerk?
  • Welche Einrichtungen können dieses globale Einverständnis erwirken?
  • Wie bedeutsam sind dabei individuelle und kollektive Information und Teilhabe?

Die überwiegend positive Sichtweise des Autors zur Genpolitik lautet: „Wir Menschen müssen und werden die genetische Revolution willkommen heißen, aber dies wird uns viel besser gelingen, wenn wir es gemeinsam tun“. Hilfreich dafür ist die evolutionäre Besinnung darauf, dass „jeder von uns ( ) auf einen einzelligen Organismus zurück(geht), der sich während knapp vier Milliarden Jahren mittels zufälliger, unbändiger Mutation verändert hat“. Wir sind zu dem geworden, was und wie wir sind! Deshalb wird die Gentechnik, wird sie human, menschenwürdig und verantwortungsbewusst angewandt, zur Weiterentwicklung der Menschheit beitragen können.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.01.2020 zu: Jamie Metzl: Der designte Mensch. Wie die Gentechnik Darwin überlistet. Edition Körber (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-89684-276-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25836.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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