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Stefan Jeuk, Julia Settinieri (Hrsg.): Sprachdiagnostik Deutsch als Zweitsprache

Cover Stefan Jeuk, Julia Settinieri (Hrsg.): Sprachdiagnostik Deutsch als Zweitsprache. Ein Handbuch. Walter de Gruyter (Berlin) 2019. 634 Seiten. ISBN 978-3-11-041978-8. D: 199,95 EUR, A: 205,60 EUR.

Reihe: DaZ-Handbücher - Band 2. Reference.
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Thema

Die vorliegende Publikation greift die komplexe Thematik der Sprachstandsdiagnostik im Kontext von Deutsch als Zweitsprache auf. Im Rahmen eines Sammelbandes werden von unterschiedlichen Fachrichtungen (z.B. Deutschdidaktik; Germanistik etc.) verschiedene Perspektiven auf den breiten Forschungsgegenstand der Sprachstandsdiagnostik DaZ und ihre Handlungsfelder präsentiert.

Herausgeber

  • Dr. Stefan Jeuk arbeitet als außerplanmäßiger Professor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und ist Leiter des dortigen sprachdidaktischen Zentrums.
  • Dr. Julia Settinieri ist Professorin für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache an der Universität Paderborn.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in vier Oberkapitel mit jeweils zwischen vier bis zehn thematisch zugeordneten Unterkapiteln. Das erste Oberkapitel umfasst unter der Kategorie „Grundlagen“ sechs Aufsätze, die neben sprachdiagnostischen Basisaspekten auch inhaltlich damit verwobene Themenfelder wie „Kompetenzmodellierung“ (von Iris Kleinbub) oder differentialdiagnostische Grundlagen der „Spracherwerbsverzögerung – Spracherwerbsstörung“ (von Solveig Chilla) aufgreifen.

Im zweiten Großkapitel „Sprachdiagnostik und Bildungsverlauf“ werden mit Hilfe von vier Artikeln sprachdiagnostische Aspekte unter Berücksichtigung unterschiedlicher Alters- und Bildungsstufen vom Elementarbereich (von Yvonne Decker-Ernst) bis zu beruflichen Kontexten (von Alexandra Eberhardt) erörtert und strukturiert.

Die Ausführungen in der übergeordneten Kategorie „Teilkompetenzdiagnostik“ stellen mit zehn Artikeln das größte Oberkapitel dar. Neben den klassischen Kompetenzbereichen des Deutschunterrichts „Sprechen“ (von Julia Webersik), „Hören“ (von Sylwia Adamczak/Christiane Limbach), „Lesen“ (von Zeynep Kalkavan-Aydin/Katja Winter) und „Schreiben“ (von Joachim Schäfer) werden auch linguistische Ebenen wie die „Phonetik“ (von Grit Mehlhorn) oder „Syntax und Morphologie“ (von Angela Grimm/Anja Müller) sowie sprachphänomenologische Aspekte wie „Bildungssprache“ (von Sarah L. Fornol/Britta Hövelbrinks) aufgegriffen.

Das letzte Oberkapitel „Ausgewählte diagnostische Verfahrensgruppen“ sammelt wissenschaftlich fundiert exemplarische Diagnoseverfahren wie „Profilanalysen“ (von Wilhelm Grießhaber) oder „Sprachenportfolios“ (von Julia Ricart Brede) und spannt zum Abschluss einen theoretisch basierten Bogen zu Handlungsfeldern der Umsetzungspraxis und Anwendung.

Der Sammelband schließt mit einem Register aller im Rahmen der Artikel aufgeführten und mit Seitenzahlen verorteten sprachdiagnostischen Verfahren sowie einem Sachregister.

Ausgewählte Inhalte

Eine komplette Darstellung der Inhalte ist aufgrund der Vielzahl der einzelnen Beiträge nicht möglich. Im Folgenden werden daher zwei Beiträge ausgewählt, die mit Blick auf die thematische Breite des Buches exemplarische Inhalte repräsentieren.

Im Beitrag „Sprachdiagnostische Grundverfahren“ von Nazan Gültekin-Karakoç präsentiert die Autorin eine Gesamtübersicht über die unterschiedlichen konzeptionellen und methodischen Formen von Sprachstandsdiagnostik. Ausgehend von historischen Rückgriffen auf die seit PISA stark thematisierten Schulleistungs- und Vergleichsstudien klärt die Einleitung die zentralen Begriffe des Sprachstands und der Diagnostik anhand wissenschaftlich anerkannter Quellen. Inhaltlich wird in diesem Einführungskapitel anhand der Unterscheidung von Selektions- und Förderdiagnostik eine zentrale Differenzierungskategorie von Sprachstandserhebungsverfahren definiert. Anschließend werden (in Anlehnung an eine Kategorisierung von Hans Reich aus dem Jahr 2003) die folgenden fünf Grundverfahren in folgender Reihenfolge aufgearbeitet:

  • Test
  • Screening
  • Beobachtung
  • Profilanalyse
  • Schätzverfahren

In jedem dieser Unterkapitel erfolgt zunächst eine Definition bzw. inhaltliche Klärung, bevor unter Verweis auf die jeweiligen Vor- und Nachteile der dargestellten Verfahren eine allgemeingültige Einordnung über Einsatzgebiete und Einsatzzwecke des jeweiligen Verfahrens vorgenommen wird. Die fünf Unterkapitel sind dabei sehr übersichtlich gestaltet und mit aktuellen wie wissenschaftlich bedeutsamen Literaturquellen versehen. Die ausführlichste Darstellung erfolgt zum Kapitel „2.1 Test“ (S. 101-105). Als Abschluss des gesamten zweiten Kapitels präsentiert die Autorin auf einer Seite komprimiert eine übersichtliche Gesamtdarstellung der zuvor aufgeführten Verfahren in Tabellenform, in welcher charakteristische Vor- und Nachteile der aufgeführten Diagnoseformen gegenübergestellt werden.

Im Schlusskapitel wird mit Verweis auf die fehlende Existenz eines uneingeschränkt geeigneten Verfahrens das Postulat der interdisziplinären Kooperation im Rahmen sprachdiagnostischer Kontexte aufgegriffen sowie als Ausblick eine Kurzauflistung möglicher Kriterien zur „Auswahl einer geeigneten Diagnostik“ (S. 112) vorgenommen.

Der Beitrag „Sprachenportfolios“ von Julia Ricart Brede nimmt eine Standortbestimmung und konzeptionelle Einordnung dieser Methode für und in sprachdiagnostischen Kontexten vor. Beginnend mit einer Verortung von Sprachenportfolios im Rahmen reflexiver Praxis unterstreicht die Autorin die Bedeutung von Portfolios für diagnostische Belange im Sinne von „weit mehr als bloße ‚Dokumentensammlungen‘ “ (S. 611) vor allem aufgrund ihrer (selbst-)evaluativen Komponenten. Das dabei skizzierte inhaltliche Verständnis hebt vor allem die mögliche Beteiligung der Lernenden im gesamten Lehr-Lern-Prozess hervor: „Anders als herkömmliche Diagnoseverfahren beziehen Portfolios die Lernenden demnach aktiv in den Reflexions- und Evaluationsprozess mit ein“ (S. 613). Die anschließende Überblicksdarstellung unterschiedlicher Portfolio-Arten differenziert Prozess- und Produktportfolios sowie deren Darstellung im Sinne herkömmlicher „paper-pencil-Portfolio“ (S. 613) oder digitaler Formen als „e-Portfolio“ (ebd.). Im zweiten Kapitel werden dann Sprachenportfolios konkretisiert, indem unter Rückgriff auf das „Europäische Sprachenportfolio“ sowie den „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen“ die drei obligatorischen Komponenten dieses Konzeptes aufgeführt werden und inhaltlich erläutert werden:

  • Sprachenpass
  • Sprachlernbiografie
  • Dossier

Unter Verweis auf empirische Daten hält die Autorin fest, dass diese drei Aspekte notwendig seien, um Sprachenportfolios als Mittel reflexiver Praxis nutzen und einsetzen zu können. Sie konkretisiert diese Analyse mit Hilfe der Vorstellung unterschiedlicher existierender Sprachenportfolios (z.B. das „Sprachenportfolio: Meine, deine, unsere Sprachen“ von Wildemann/Fornol (2013)) und deren Einordnung hinsichtlich der drei postulierten Inhaltskomponenten. Das dritte Kapitel beschreibt Rahmen- und Umsetzungsbedingungen von Portfolios als Bewertungs- und Diagnoseinstrument im Rahmen schulischen Unterrichts und konkretisiert dies mit Hilfe der Rollenspezifizierung der Lehrkräfte sowie der Darstellung von Portfolios als Möglichkeit zur Umsetzung einer „stärkeren ressourcenorientierten Sichtweise“ (S. 617). Das letzte Kapitel versucht das Portfolio mit Hilfe der Darstellung von Chancen aber auch Grenzen im Rahmen von diagnostischen Ansprüchen und Fragestellungen zu positionieren: Hierbei kann als Konklusion neben den anspruchsvollen Einführungs- und Durchführungsanforderungen vor allem das Potenzial dieser Methode für reflexive Praxis festgehalten werden.

Diskussion

Die Herausgeberschaft greift das (bildungs-)politisch wie gesellschaftlich hochrelevante Thema der Sprachstandsdiagnostik multiprofessionell auf. Neben ausführliche (deutsch)unterrichtsspezifischen Kompetenzausführungen (S. 245 ff.) werden immer wieder Bezüge zu unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen hergestellt, z.B. unter Verweis auf die Psychologie (z.B. S. 120 ff.) oder die Sonderpädagogik (z.B. S. 72ff; 124 ff.).

Mit Hilfe des Rückgriffs auf administrative Aspekte (z.B. in Form von Verweisen auf Verwaltungsvorschriften, S. 44 ff.), wissenschaftliche Theorien (z.B. S. 29ff), historische Aufrisse (z.B. S. 22 ff.) sowie verfahrenspraktische Ausführungen (S. 525 ff.) wird der aktuelle Forschungsstand der Thematik erarbeitet sowie zur Diskussion gestellt und mit zukünftigen Forschungsfragen fach- und sachperspektivisch konkretisiert.

Als roten Faden der gesamten Publikation lässt sich in allen Beiträgen die immer wiederkehrende Darstellung von wissenschaftlichen Erkenntnissen unter Bezug auf konkrete Diagnoseverfahren oder exemplarische Beispielformen herausstreichen.

Fazit

Das Handbuch mit dem selbst formulierten Ziel, „aktuelle Forschungsarbeiten und Grundlagenwissen zu [einem] breit gefächerten und bildungspolitisch bedeutsamen Thema“ (Einleitung, S. 1) bereitzustellen, bietet ein wissenschaftlich fundiertes Gesamtwerk, das seinem eigens geäußerten Anspruch vollauf gerecht wird. Es zeichnet sich durch seine thematische Breite für unterschiedliche Professionen aus, z.B. anhand der teilkompetenzdiagnostischen Ausführungen für Lehrkräfte, aber bietet gleichzeitig anhand der sinnvoll abgedeckten Alters- und Bildungsstufen sowie den thematisch komplex beleuchten Wissenschaftsfeldern eine über den professionsbedingten Tellerrand hinausreichende Erkenntnislektüre. Daher eignet sich der vorliegende Sammelband sowohl für eine wissenschaftlich-theoretisch interessierte als auch praktisch orientierte Leserschaft.


Rezensent
Dr. Christoph Schiefele
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Zitiervorschlag
Christoph Schiefele. Rezension vom 05.09.2019 zu: Stefan Jeuk, Julia Settinieri (Hrsg.): Sprachdiagnostik Deutsch als Zweitsprache. Ein Handbuch. Walter de Gruyter (Berlin) 2019. ISBN 978-3-11-041978-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25838.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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