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Hajo Funke: Der Kampf um die Erinnerung

Cover Hajo Funke: Der Kampf um die Erinnerung. Hitlers Erlösungswahn und seine Opfer. VSA-Verlag (Hamburg) 2019. 278 Seiten. ISBN 978-3-89965-842-2. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.
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Thema

Die Bedeutung der Erinnerung an die NS-Verbrechen, ihre ideologischen, quasireligiösen und nationalen Wurzeln, für das Geschichtsverständnis und die demokratische Kultur der Deutschen.

Autor

Prof. Dr. Hajo Funke lehrte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und forscht seit vielen Jahren über die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus, die Wirkung der NS-Erziehung (1988), die Bedeutung einer Erinnerungskultur (2000), Rechtsextremismus in der Berliner Republik (2002) und die Herausforderungen der Demokratie (2017).

Entstehungshintergrund

Ist die immer wieder aktuelle Debatte um die Bedeutung der Erinnerung an die NS-Zeit für das Geschichtsbewusstsein der Deutschen, insbesondere angesichts der Entwicklung von rechtsradikalen politischen Gruppierungen.

Inhalt

Das Buch ist nach der Einleitung sieben Kapitel gegliedert:

  1. Die Anfänge
  2. Weltanschauung. Die politische Religion des Nationalsozialismus
  3. Hitlers Wagnerkult – Überwältigungsästhetik und Vernichtungsphantasien
  4. Politik
  5. Der apokalyptische Vernichtungs- und Selbstvernichtungskrieg
  6. Zeugnisse Verfolgter
  7. Erinnerung

Es folgt ein Anhang mit einer Übersichtskarte, einer Chronologie der Radikalisierung 1941–1945, Angaben über die Motivation des Autors und ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Einleitung

Heutige Rechtsradikale als Epigonen der »Konservativen Revolution« sind weltweit im Angriff auf eine rechtsstaatliche zivile demokratische Gesellschaft. Das lenkt in Deutschland den Blick zurück auf die Weimarer Republik von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende. Funke geht dieser Entwicklung nach, von Hitlers Anfängen bis zu seinen Erfolgen gegen Ende der Weimarer Republik, zitiert Quellentexte von Hitlers Weltanschauung und nimmt Bezug auf die ‚Überwältigungsästhetik‘, die politisch in Szene gesetzt wurde. Die schnelle Durchsetzung der Macht war das Ziel, von Anfang an mit brutalen Mitteln gegen politische Gegner, ‚rassisch‘ legitimiert gegen Juden, Sinti und Roma und Geisteskranke und seit 1941 in einer mörderischen Politik endend. Die zeitweise verleugnete und umstrittene Aufarbeitung der NS-Verbrechen war und ist eine Herausforderung für die demokratische Entwicklung in Deutschland.

1. Die Anfänge

Funke beginnt mit 1919, dem Anfang einer ‚improvisierten Demokratie‘ in Deutschland (Eschenburg) und referiert die antidemokratische Rechte (u.a. Ernst Jünger und Carl Schmitt), frühe Warnungen (u.a. Tucholsky 1931) und die Schwächung der Sozialdemokraten durch Abspaltung nach links. Eine vorübergehende Stabilisierung der Republik fand 1925–1929 statt, allerdings mit unterschiedlichen Darstellungen des ersten Weltkrieges (Erich Maria Remarque und Ernst Jünger). Rechtsextreme Kräfte radikalisierten sich in den Freikorps, und es kam bereits zu antisemitischen Vorfällen, besonders gegenüber jüdischen Flüchtlingen aus dem Osten, und zu zunehmender Gewalt auf der Straße bereits vor 1933.

Politikwissenschaftliche Institutionen konnten insbesondere nach der Weltwirtschaftskrise 1929 zunehmend eine antidemokratische, antiliberale und antikapitalistische Entwicklung beobachten. Ein Gefühl der Ohnmacht breitete sich aus; die autoritär erzogenen Bürger sehnten sich nach einer Autorität. Massenbegeisterung und Terror arbeiteten Hitler entgegen, der als der ‚Retter‘ erschien, unterstützt durch öffentlichkeitswirksame Inszenierungen wie z.B. Potsdam 1933, und opernhafte Selbstdarstellungen, – mit der Kehrseite der Errichtung des ersten KZs in Dachau.

2. Weltanschauung. Die politische Religion des Nationalsozialismus

Wichtige Anregungen zu Hitlers Weltanschauung haben die mystischen Blut-Assoziationen von Dietrich Eckard geliefert (niedergelegt in ‚Mein Kampf‘). Friedländer (2006) spricht von einem ‚Erlösungs-Antisemitismus‘, eine Art Befreiung, unter der Annahme einer ‚politischen NS-Religion‘ und ihres apokalyptischen Charakters, ihres totalen innerweltlichen Anspruchs: Der Führer als Messias, die Totalität der Verwerfung der Alten Welt und Vision einer heilsgeschichtlichen Zukunftsperspektive. In Kulten und Riten wurde diese politische Religion inszeniert und entwickelte eine soziale Bindungskraft, die über eine bloße Weltanschauung hinaus ging und durch affektives Erleben und einen Kodex von sozialen Regeln und Geboten Menschen mobilisierte.

Verbunden mit dem Feindbild des Juden (antisemitische Paranoia) wurde das Schreckbild einer ‚jüdischen Weltrevolution‘ (Rosenberg 1936) beschworen und die Opfer projektiv zum Verfolgern stilisiert. Hitler griff dabei auf die Schriften von Dietrich Eckart (1868-1923) zurück, der die christlich-katholische Mystik in eine völkische umwandelte: Der Führer als Heilsbringer wurde symbiotisch gleichgesetzt mit Gott. Die deutsche Seele wurde der jüdischen ‚Entseelung‘ entgegengesetzt, deshalb müsse das deutsche Volk die Welt erlösen. Auf dem Weg über das ‚Dritte Reich‘ und evtl. einen Weltkrieg, wurden apokalyptische Vernichtungsphantasien entwickelt als Voraussetzung für eine neue Welt in Gestalt eines ‚Tausendjährigen Reiches‘. Nicht die Rasse sei das Entscheidende, vielmehr die Gemeinschaft des Geistes unter Bezugnahme auf alte christliche Vorurteile gegen Juden (Blut- und Selenmystik) und Berufung auf einen christlichen, von Schuld befreienden Opfermythos.

Hitler hat sein politisches Glaubensbekenntnis in ‚Mein Kampf‘ niedergelegt, orientierte sich an antisemitischen Vorbildern (Karl Lueger, Georg von Schönerer) und entschloss sich 1919 – in einer für ihn ausweglosen Lage – Politiker zu werden. 1925 verfasste er sein rassisches Glaubensbekenntnisses, das der inneren Zerrissenheit (Ambivalenz) ein Ende bereitete durch klare und nicht mehr hinterfragte, zunehmend fanatisch verteidigte ‚religiöse‘ Grundannahmen, die auch einen opfervollen Untergang einschlossen.

3. Hitlers Wagner-Kult – Überwältigungsästhetik und Vernichtungsphantasien

Wagners Musikdramen waren wichtig für die weltanschauliche und strategische Ausrichtung von Hitler, einmal durch die Verbindung zwischen dem Antisemitismus in Wien und Bayreuth (Houston Chamberlain) und durch die Anregung zu ästhetischen und überwältigenden politischen Inszenierungen, wie er sie am eigenen Leib als Pubertierender angesichts der Wagner-Oper ‚Rienzi‘ erlebt hatte. Die Identifizierung ging so weit, dass das Heldenhafte – wie in der Oper – auch den Untergang einschloss. Wagner selbst baute auf antisemitischen Traditionen auf, die Thomas Mann als geistig gegen Europa und das gegen das ‚höhere Deutschtum‘ gerichtet interpretierte.

Apokalypse und Erlösung waren Themen in ‚Parzifal‘; doch vor allem prägend war der Aufstieg des Volkstribuns in ‚Rienzi‘, der den jungen Hitler in seinen Pubertätsphantasien faszinierte und der totale Allmacht und Größenwahn verkörperte für einen Jungen, der damals noch nichts Nennenswertes – außer Phantasien – zustande gebracht hatte. Diese fanden in den Wagner-Opern eine kongeniale Übersetzung, allerdings mit künstlerischen (die Hitler mangels Begabung nicht zur Verfügung standen) und nicht mit politischen Mitteln.

4. Politik

Umgesetzt in Politik wurde diese Phantasien in Gestalt von Masseninszenierungen, Aufopferungsidealen, politischen und architektonischen Größenwahn eines Albert Speer, der die Kulissen für die Inszenierungen baute, eine Mischung von herausragender Grösse und Bunkermentalität. Die Radikalisierung der ‚Judenpolitik‘ lief parallel zu den zunehmenden Kriegsvorbereitungen seit 1934, verlangsamt während der Olympiade 1936 und verstärkt nach dem Anschluss Österreichs 1938, ein triumphaler Siegeszug, der allerdings die Opfer aussparte. Die Inszenierung des Reichsparteitages 1938 war zwar nicht gänzlich geeignet, die Ausschreitungen am 9. November 1938 gutzuheissen (Longerich 2006), aber doch passiv zu dulden. Das Volk schwankte zwischen ‚Willfährigkeit und Faszination‘. Das Versagen der Eliten, die lange Tradition von Indifferenz und Immoral, die gewalttätige Umerziehung der Jugend (Härte, Furchtlosigkeit, Gewalt, Grausamkeit), die Bereitschaft – freiwillig oder erzwungen – zur Anpassung war flächendeckend trotz vereinzelter Widerstandhandlungen ( das christliche Kreuz in Schulen/Cloppenburg, die Beerdigung von Hanna Bloch in Vechta 1936 und Einzelpersonen, z.B. Georg Elser, und Gruppen) zu beobachten. Viele identifizierten sich mit dem politischen Glaubensbekenntnis einer rassereinen Volksgemeinschaft und mit einem antisemitischen Erlösungswahn. Nach Voegelin (1938) sind dessen Kernelemente eine arische Rassegemeinschaft, die rituelle Praxis und Inszenierungen und die paranoid propagierte Gefahr vor dem verteufelten Weltjudentum und masochistisch anmutenden apokalyptischen Untergangsphantasien (Friedländer spricht 1999 von ‚Kitsch und Tod‘).

5. Mord. Der apokalyptische Vernichtungs- und Selbstvernichtungskrieg

Beginnend mit einer mörderischen Arbeitsteilung zwischen Wehrmacht und SS nach dem Überfall auf Polen 1939 und dem Aufbau des SD Inland und dem bereits 1938 in Österreich tätigen Adolf Eichmann wurde Terror, Erpressung, Erniedrigung und Mord ohne Strafverfolgung zur Normalität. Im Reichsicherheitshauptamt (RSHA, Zusammenlegung von Sicherheitspolizei und SD) versammelten sich Extremtäter mit einer Mischung von ideologischer Besessenheit und Effizienz. Zeitweise getarnt als Vernichtungskrieg gegen den ‚jüdischen Bolschewismus‘ (Unternehmen Barbarossa1940 und der ideologischen Ausrichtung der Wehrmacht) begann eine zunehmend eskalierende brutale Judenverfolgung in den östlichen besetzten und eroberten Gebieten (Mord an Männern, Frauen und Kindern durch Einsatzgruppen seit 1941, Bau von Vernichtungslagern in Belzec, Treblinka Auschwitz u.a. unter der Führung von Himmler, Heydrich, Greiser und Globocnik und dem Beschluss der ‚Endlösung‘ auf der Wannseekonferenz im Januar 1942).

Massenerschiessungen durch Einsatzgruppen hatten bereits 1941 im Baltikum, der Ukraine (Babij Jar) und Rumänien stattgefunden, bevor durch Gas Psychiatriepatienten und Juden ermordet und Vernichtungslager eingerichtet wurden, um die ‚Deportationsströme‘ aus den besetzten Ländern (Österreich, Protektorat, Frankreich, Niederlande, Belgien, Slowakei) zu ‚bewältigen‘. Im Frühjahr 1942 plante das RSHA ein europäisches Deportationsprogramm. Vereinzelt kam es 1943 zum Aufstand (Sobibor, Treblinka). Ein Sonderkapitel behandelt Auschwitz und die zunehmende Radikalisierung 1943/1944 (‚totaler Krieg‘ gegen das internationaler Judentum). Auch die Rekrutierung zur Zwangsarbeit nahm zu und die Vernichtung von russischen Kriegsgefangenen (kumulative Radikalisierung).

Die Welt wusste seit 1942 von den Massenmorden: Der Papst schwieg, in den alliierten Hauptstädten kam es nicht zu öffentlichen Protesten und eine Bombardierung der Gleisanlagen nach Auschwitz galt als undurchführbar. Dennoch gab es vereinzelt Widerstand (in Dänemark, Bulgarien, Slowakei). Funke meint, dass auch die Mehrheit der deutschen Bevölkerung bereits 1943 Bescheid wusste, dennoch blieben Widerständler isoliert.

6. Zeugnisse Verfolgter

Das Politisch-Religiöse eines wahnhaften ‚Erlösungsantisemitismus‘ ist ir-rational und apokalyptisch. Es folgen Zeitzeugenberichte aus Babij Jar/Ukraine, Litauen, Minsk, Chelmno, Lodz/Kulmhof, Belzec, Sobibor, Treblinka, Warschauer Ghetto, Auschwitz, Mauthausen, Ravensbrück, Saint Béranger, die zeigen, dass die Verbrechen unauslöschbare Verletzungen und Erinnerungen, hinterlassen haben, und sich gleichzeitig dem Verstehen – Denken und Einfühlen- entziehen, eine fehlende Klarsicht und deshalb auch keine Katharsis.

7. Erinnerung

Dem kommunikativen Schweigen nach dem Zusammenbruch 1945, der ‚De-realisierung‘ (Hannah Arendt 1972), folgten Jahrzehnte, trotz Entnazifizierung und ‚verordnete‘ Wiedergutmachung/Entschädigung, eines ‚Nachkriegsantisemitismus‘, bedingt durch eine Abwehr, sich persönlich mit Scham, Schuld und Verantwortung auseinanderzusetzen. Vom Schweigen profitierten NS-Straftäter und die Beamtenschaft, gleichzeitig stabilisiert es die Nachkriegsgesellschaft der 1949 gegründeten BRD. Anregung zu Veränderungen kamen – wenn auch ambivalent – mit dem Auschwitzprozess in Frankfurt (1963) (literarisch verarbeitet von Peter Weiss in ‚Die Ermittlung‘ 1965) und dem Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961/62). Zustimmung und Ablehnung in der Bevölkerung wechselten. Neben den vielen Toten aus der eigenen Familie, der Zerstörung von Existenzgrundlagen, spielte die Verdrängung von Schuld und Verantwortung, da wo ich mich anders hätte verhalten können, eine Rolle, und es kam zu einer neuen Welle von Antisemitismus ‚wegen Auschwitz‘, als wenn die Juden ihr Schicksal selbst zu verantworten hätten. Es gab Kämpfe um einen intellektuellen und politisch-kulturellen Neuanfang, um die Rückkehr von Juden und während des 1968 Aufstandes einerseits eine Konfrontation und andererseits auch eine Blockade der, vor allem innerfamiliären, Aufarbeitung der Überlieferung durch Schweigen. Es gab sogar in Teilen der RAF eine aus der NS-Zeit bekannte Einfühlungsverweigerung in die Opfer ihres Verfolgungswahns. Der Kniefall von Willy Brandt 1970 löste immer noch kontroverse Diskussionen, aber auch eine beginnende Auseinandersetzung aus, die verstärkt wurde durch die Ausstrahlung des Holocaustfilms, die emotional erzählte Geschichte der jüdischen verfolgten Familie Weiss.

Während die Historiker untereinander über die Deutungshoheit stritten und Kohl mit Reagan in Bitburg auch gefallene SS-Mitglieder ehrte, kam es zu einem zweiten Anstoss zur Erinnerung durch den zweiteiligen Dokumentarfilm von Claude Lanzmann ‚Shoah‘.

Mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung 1989 eskalierte in den Jahren danach insbesondere in den ostdeutschen Ländern die neonazistische rechtsradikale Gewalt; teils aufgrund der immer noch autoritären Familienstrukturen und einer fehlenden Streitkultur, teils aufgrund der politischen und ökonomischen Umbrüchen, die zu innerdeutschen Spannungen führten, sich aber als Gewalt gegen Fremde, Ausländer und wieder Juden, die als Sündenböcke herhalten mussten, richtete. Aber auch in Westdeutschland zeigte sich, z.B. in Walsers ‚Friedensrede‘ keine Empathie mit den Opfern und einen ‚Schlussstrich-Mentalität‘. Auch die späte Entscheidung für ein Holocaust-Mahnmal setzte der von Ressentiment anstelle von Scham, Schuld und Trauer geprägten Erinnerung bei vielen Deutschen kein Ende. Auch in den politischen Parteien war ein ‚ethnonationalistisches Potenzial‘ zu beobachten (Roland Koch, Thilo Sarrazin), inzwischen stärker fokussiert auf muslimische Flüchtlinge. Es zeigte sich angesichts des immer noch vorhandenen Potenzials nationalistisch und rassistisch begründeten und nicht nur mental, sondern auch kriminell aktivem Fremdenhass, dass eine demokratische Streitkultur noch nicht entwickelt und die Menschenwürde, wie im Grundgesetzt verankert, noch nicht für alle Bürger selbstverständlich ist. Die Erinnerung an die Verbrechen während der NS-Zeit ist deshalb auch weiterhin aktuell, um für dehumanisierende Prozesse innerhalb der Gesellschaft zu sensibilisieren.

Abgerundet wird der vorliegende Titel mit dem Anhang einer Übersichtskarte der Vernichtungslager, einer ausgewählten Chronologie der Radikalisierung 1941–1945, dem Dank an kritische und unterstützende Mitarbeiter und einer Literaturliste.

Diskussion

Dieses Buch beschreibt nicht nur die Verbrechen der Nationalsozialisten, sondern versucht auch die politisch-religiösen oder ideologischen Hintergründe deutlich zu machen, angefangen von dem Pubertätserlebnis des jungen Hitler durch die Wagner-Oper ‚Rienzi‘, die sowohl Größen- und Allmachts-, als auch Untergangsphantasien beflügelte, die auch nach der Machtübernahme nichts von ihrer eigentümlichen Mischung von Fanatismus im Verfolgen einer Idee als auch deren Absurdität in der Vision eines apokalyptischen Untergangs einschlossen, offensichtlich von einem ungestillten Hass beflügelt, der nie befriedigt und deshalb nur im Tod ein (erlösendes) Ende finden konnte. Dieses Kapitel des Buches hat mich besonders zum Nachdenken angeregt, allerdings auch mit der Frage, wie es möglich war, dass der politisch-religiöse Wahn eines Einzelnen so eine ansteckende Gewaltbereitschaft (Mittäterschaft) erzeugen konnte und sich Menschen überhaupt mit dem fundamentalen Glaubensbekenntnis eines anderen identifizierten.

Das Hauptanliegen des Buches, die Verbrechen in der Erinnerung wach zu halten, kommt in der ausführlichen Darstellung der Verbrechen, weil das Vergessenwollen dagegen anarbeitet, zum Ausdruck. Diese hintereinander zu lesen ist wie eine immer noch unverdauliche Kost, die man schlucken muss, weil sie eine Realität ist, die aber kaum wirklich verarbeitet werden kann. Es hat mich in Zusammenhang mit der ‚politischen Religion‘ der Nationalsozialisten an Psychotiker erinnert, die emotional und intellektuell in einer anderen, nicht leicht zugänglichen und fremden Welt leben: Die Größenphantasie, über das Schicksal anderer gnadenlos zu bestimmen zu können, verknüpft mit der inneren Ohnmacht, seine eigenen Hassgefühle zu kontrollieren, weil dessen Ursachen im Dunkel bleiben sollen. Das Hochgefühl in einer Woge von Hass und Begeisterung seinen Gefühlen freien Lauf lassen zu können, das sich nur einstellen kann, wenn der andere auch als ein Gegenüber jede emotionale Bedeutung für einen selbst verliert. Statt Mitleid eher Selbstmitleid als Himmler in seiner Rede in Posen über die ‚schwere Aufgabe‘ sprach. Das Ansteckende ist nicht Thema des Buches, provoziert aber gerade durch die ausführliche Darstellung der Entwicklung einer politisch-religiösen Paranoia zu solchen Überlegungen.

Das zeigt sich auch immer noch in der in Teilen der deutschen Bevölkerung unverarbeiteten Übernahme der Verantwortung für diese Verbrechen, indem das Ungeheuerliche, das sich auch auf Seiten der Opfer jedem Verständnis entzieht, zu einer Scheiß-Nebensache, eben ‚Vogelschiss‘ erklärt wird.

Fazit

Das Buch empfehlen ich allen, die mit diesem Thema insbesondere in der politischen und pädagogischen Arbeit tätig sind wegen des umfangreichen Materials (zusätzlich das Literaturverzeichnis) und Einbettung in eine Vor- und Nachkriegsgeschichte, in der die NS-Zeit, nicht wegen Hitler, aber wegen seiner in dieser Zeit mit zahlreichen Mitarbeitern begangenen Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten und aus der nationalen Verantwortung durch verleugnendes Ungeschehenmachen oder Bagatellisieren eliminiert werden sollte.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 03.09.2019 zu: Hajo Funke: Der Kampf um die Erinnerung. Hitlers Erlösungswahn und seine Opfer. VSA-Verlag (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-89965-842-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25839.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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