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Wolf Singer, Matthieu Ricard: Jenseits des Selbst

Cover Wolf Singer, Matthieu Ricard: Jenseits des Selbst. Dialoge zwischen einem Hirnforscher und einem buddhistischen Mönch. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. 350 Seiten. ISBN 978-3-518-46885-2. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR, CH: 17,90 sFr.

Reihe: Suhrkamp Taschenbuch - 4885.
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Autoren

  • Wolf Singer (*1943) ist renommierter Neurophysiologe und emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt a. M. und Autor zahlreicher Bücher, die weit über seinen Fachbereich bekannt wurden. Er wurde für seine Forschung international ausgezeichnet.
  • Matthieu Ricard (*1946) ist promovierter Molekularbiologe und war am Institut Pasteur. Seit über 40 Jahren lebt er als buddhistischer Mönch der tibetischen Tradition und ist zugleich Verfasser zahlreicher Bücher über Buddhismus, Philosophie und Spiritualität und Französisch-Übersetzer von Schriften des Dalai Lama.

Thema

Die Zunahme naturwissenschaftlicher Forschung über Funktion und Auswirkungen der Meditation in den letzten Jahrzehnten, die mit dem neuerlichen Trend von „Achtsamkeit“ einhergehen, verleihen den Themen und Erörterungen dieser Publikation Aktualität. „Jenseits des Selbst“ behandelt tiefgreifende Fragen der Erkenntnistheorie, Kognitions- und Bewusstseinsforschung sowie ethisch-gesellschaftliche Implikationen dieser Fragen. „Meditation“ bzw. „Introspektion“ werden dabei als eine Art der Geistes- bzw. Bewusstseinsforschung vorgestellt, die aus der Perspektive der ersten Person Wissen über die Phänomene Geist, Bewusstsein und Selbst generieren, ebenso wie die die Neurowissenschaften, die diese Bereiche aus der Dritten-Person-Perspektive erforschen.

Aufbau

Das Buch stellt über mehrere Jahre geführte und aufgezeichneten Dialoge zwischen Matthieu Ricard und Wolf Singer dar. Es gliedert sich neben einem Prolog und Schlussbemerkungen in sechs sehr unterschiedlich lange Kapitel. Diese werden unter den nachfolgenden Themenüberschriften gegliedert:

  • „Meditation und Gehirn“,
  • „Unbewusste Prozesse und Emotionen“,
  • „Woher wissen wir, was wir wissen und welche Realität nehmen wir wahr?“,
  • „Das Selbst erforschen“,
  • „Freier Wille, Verantwortung und Gerechtigkeit“ und
  • „Das Wesen des Bewusstseins“.

Das erste Kapitel, knapp 100 Seiten lang – und damit etwa ein Drittel des Buches –, ist eine überarbeitete Fassung der 2008 erschienenen Publikation „Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog“, das ebenfalls ein Gespräch zwischen Wolf Singer und Matthieu Ricard wiedergibt und auch im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Zu Beginn jedes Kapitels findet sich eine kurze Zusammenfassung, die die wesentlichen Inhalte und Themen, oft fragend formuliert, knapp wiedergibt. Der gesamte Dialog ist darüber hinaus mit Endnoten versehen, in denen die jeweils referenzierten Studien und Veröffentlichungen aufgeführt sind.

Inhalt

Von den bereits angeführten Themenbereichen aus dem Spektrum der Bewusstseinsforschung bewegen sich die Dialoge zwischen Ricard und Singer immer wieder hin zu großen philosophischen Fragen oder Grundbegriffen und davon ggf. wieder zurück zu empirischen Forschungsergebnissen der naturwissenschaftlichen Neurologie. Exemplarisch zeigt sich das etwa beim Thema Willensfreiheit. Nach neueren Erkenntnissen der Neurologie, so Singer, gäbe es weder eine zentrale Steuerungsinstanz im Gehirn, die die „Kontrolle“ ausübe, noch ließe sich so etwas wie ein freier Wille empirisch belegen (S. 206 f.). Von diesen konkreten Forschungsergebnissen vollziehen Singer und Ricard schließlich Pendelbewegungen hin zu Fragen über die dabei implizierten Weltanschauungen, wie etwa den „ontologische[n] Dualismus“ (S. 208) oder der Postulierung eines „Gottes“ (S. 210), und bewegen sich schließlich wieder zurück zu Forschungsergebnissen und methodologisch-wissenschaftstheoretischen Annahmen, die der experimentellen Beforschung von Willensfreiheit zugrunde liegen (S. 213 ff.).

Immer zeigen sich dabei Differenzen oder unterschiedliche Zugangsweisen von abendländischer Philosophie und Wissenschaftstheorie einerseits und buddhistischer Lehre und Praxis andererseits. Zugleich suchen und finden Ricard und Singer bei vielen der behandelten Fragen auch Gemeinsames zwischen ihren Positionen. Neben dem zentralen Unterschied, dass buddhistische Zugänge zum Phänomen Bewusstsein einerseits Wissen durch direkte Erfahrung aus der Ersten-Person-Perspektive gewinnen – Ricard nennt diesen Zugang mehrfach „phänomenologisch“ (S. 280) und stellt Bezüge u.a. zu Edmund Husserl oder Francisco Varela her (S. 232, 287, 293, 331, 338) –, die naturwissenschaftlich-orientierte Wissenschaft dagegen 'Bewusstsein' experimentell objektiviert, finden sich Gemeinsamkeiten zwischen neurowissenschaftlichen und buddhistischen Konzeptionen in einem konstruktivistischen Verständnis von Selbst und Welt (S. 156; vgl. dazu auch Vogd 2014). Sowohl Singer wie auch Ricard gehen nach dem Erkenntnishorizont ihrer jeweiligen Professionen nicht davon aus, dass es so etwas wie ein 'festes' Selbst oder einen 'Seelenkern' o.ä. gibt. (S. 289). Vielmehr denken beide ein solches 'Selbst' prozesshaft und relational.

Der gegenseitige Austausch, aber auch das Verständnis der Leser/innen, profitiert von einer spürbaren Haltung des gegenseitigen Respekts der beiden Dialogpartner. Es ist aber auch das hohe intellektuelle Niveau sowie eine gewisse Vertrautheit mit der jeweils anderen Position, die den Austausch zwischen Ricard und Singer anregend und fruchtbar und die streckenweise voraussetzungsreichen Ausführungen interessant und zugänglich machen – Ricard, der „Mönch“ ist zugleich promovierter Molekularbiologe und überblickt den Diskurs und den Forschungsstand der naturwissenschaftlichen Bewusstseinsforschung (vgl. S. 53 f.). Singer berichtet selbst von persönlichen Meditationserfahrungen und begegnet den praktischen Erfahrungen und philosophischen Schlussfolgerungen Ricards so offen und interessiert wie dieser den Ausführungen und Argumentationen des Hirnforschers.

Trotz der erkenntnisreichen Vertiefungen, die durch gegenseitiges Verstehenwollen. Nachfragen und ein „principle of charity“ geprägt sind, kommt es stellenweise zu Uneinigkeiten und Dissensen, die die Gegensätze der beiden Positionen konturieren. Die Diskussion über Willensfreiheit (S. 239 ff.) zeigt nicht nur unterschiedliche Bewertungen von Ricard und Singer im Umgang mit delinquentem oder kriminellem Verhalten, sondern verweist auch auf die ihnen jeweils unterschiedlichen zugrunde liegenden ontologischen Vorstellungen. So erweist sich die konstruktivistische Forschungsperspektive Singers als biologischer bzw. kultureller (s.u.) Konstruktivismus: „Wer, wenn nicht das Gehirn produziert den Hass und die Wut?“, fragt er Ricard in Bezug auf den Umgang mit und die Befreiung von destruktiven/unheilsamen Gefühlen (S. 249; vgl. S. 255). Ricard konfrontiert daraufhin Singers Geist-Materie-„Dualismus“ einerseits mit der buddhistischen Idee der „Interdependenz“ (S. 272, 288), die nicht linear bzw. einseitig-kausal 'Materie' als Basis von Geist oder Bewusstsein verstehe, sondern beides in einem wechselwirkenden “Kontinuum“ begreift (S. 287).

Im Kontrast zum Konstruktivismus Singers postuliert Ricard mehrfach ein (methodisches?) Primat des „reinen Gewahrseins„: „Aus empirischer, phänomenologischer Perspektive geht reines Gewahrsein allem voraus.“ (S. 280) Aus dem „Bewusstsein […] kann [man] nie […] heraustreten“, sagt er. (S. 281; vgl. 305) Diesen Standpunkt wiederum kritisiert Singer aus einer kultur- bzw. sozialkonstruktivistischen Warte: auch Erfahrungen oder Phänomene wie Bewusstsein stellten wesentlich eine „soziale Realität“ dar (S. 283). „Soziale Realitäten“ seien ein „Dazwischen“, eine Wirklichkeitskategorie zwischen Kultur und Natur: „Dazu gehören Werte und Überzeugungen, Vertrauen und Gerechtigkeit, Intentionalität und Verantwortung und auch die unterschiedlichen Eigenschaften des Bewusstseins.“ (S. 294; vgl. S. 293) Singer weicht an dieser Stelle von seinem eingangs angedeuteten primitiven Materialismus ab und Ricard ergänzt diese Sichtweise wiederum um die Perspektive der „kontemplativen Wissenschaften“, die „einen permanenten Austausch“ zwischen „Umwelt und anderen empfingsfähigen Lebewesen“ postulierten (S. 295).

An Passagen wie diesen zeigt sich die Offenheit und Flexibilität des Denkens beider Gesprächspartner, die die Lektüre so anregend macht. Die anti-dogmatische aber durchaus kritische Haltung Ricards und Singers eignet sich dazu, beim Lesen das eigene (Mit-)Denken zu fördern. Es wird stellenweise gemeinsam eine Perspektive entwickelt, ohne aber das Spezifische des je eigenen Zugangs aus den Augen zu verlieren. Dies gelingt deshalb so gut, weil sowohl Ricard wie Singer die meta-theoretischen Annahmen und methodologischen Implikationen ihrer Positionen parallel stets mit(zu)reflektieren (bereit sind).

Im letzten Teilbereich des Gesprächs (S. 320 ff.) wagen sich die beiden Forscher schließlich in die Bereiche paranormaler Forschung, z.B. Erfahrungen von Todesnähe, Fälle von Präkognition oder die Reinkarnationforschung. Ricard und Singer wissen dazu beide Anekdoten aus ihrem Leben zu berichten und versuchen sie mit den bisherigen Arbeiten auf diesem Gebiet abzugleichen ohne diese individuellen Erfahrungen jedoch in ihrer Bedeutung für das Gesamtphänomen zu überhöhen.

Fazit und Diskussion

Insgesamt lebt dieses Buch vom ernsthaftes Fragen und (Mit-)Denken. Beim Lesen entsteht der authentische Eindruck, dass Ricard wie Singer das Denken und die Perspektive jeweils anderen verstehen wollen und dabei immer wieder auch Zugeständnisse an dessen Position machen. Getragen wird diese dialogische Wertschätzung sicherlich durch eine langjährige Freundschaft der beiden Autoren (vgl. S. 7 f.). Nicht nur der Grad der Anerkennung, sondern auch das intellektuelle Niveau auf dem miteinander gesprochen wird, ist sehr hoch, das Wissen der beiden Gesprächspartner in ihren jeweiligen Bereichen sehr fundiert.

Nur an wenigen Stellen scheinen Ricard und Singer mit dieser Grundhaltung zu brechen. So etwa dort, wo Singer seine Meditationserfahrungen in einem zweiwöchigen Zen-Retreat und die dabei erlebten Bewusstseinszustände in die Nähe dessen rückt, was Ricard als 'reines Gewahrsein' beschreibt (S. 318). Hier überschätzt der Naturwissenschaftler offenbar seine Primärerfahrung bzw. meint durch diese offensichtlich vorschnell seine Forschungsperspektive bestätigt zu wissen. Ähnlich bei Ricard dort, wo dieser die Praxis der Psychoanalyse dafür kritisiert, sie befördere „gerade das »Wiederkäuen«“, was aus buddhistisch-psychologischer Perspektive zu mehr Verwirrung und Selbstbezogenheit statt zu Klarheit und Einsicht führe (S. 15, 202 f.). Anders als an anderen Stellen des Dialogs beruft sich Ricard hier nicht auf seine Primärerfahrung oder auf empirisch-wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auf die Berichte „gute[r] Bekannte[r]“ (S. 202). Es scheint als nutze Ricard hier – möglicherweise wider besseren Wissens (vgl. Zwiebel/Weischede 2015) – die Psychoanalyse rhetorisch primär um seine eigene Position zu schärfen.

Abgesehen von solchen seltenen Ausnahmen, gelingt es dieser Publikation nicht nur das Interesse für aktuelle Fragen und Schnittstellen im Bereich der Bewusstseinsforschung zu wecken. „Jenseits des Selbst“ fordert auch zum Mitdenken an gegenwärtigen philosophisch-epistemologischen Fragen und Problemstellungen auf. Das Buch zeigt auf, welche Bandbreite an Zugangs- und Forschungsmöglichkeiten es im Bereich der Bewusstseinswissenschaften jenseits rein naturwissenschaftlich-materialistischer Forschungsdesigns (Dritte-Person-Perspektiven) existieren und wie diese sich jeweils ergänzen können. Meditation/Introspektion stellen dabei nur eine Möglichkeit dar. Ergiebig hätte es in diesem Zusammenhang noch sein können, die phänomenologische Tradition, die sich im 20. Jahrhundert jenseits der Buddhismus-Rezeption in Europa herausgebildet hat, stärker in den Dialog miteinzubeziehen, statt sie nur punktuell zu erwähnen.

Literatur

Ricard, Matthieu/Singer, Wolf (2008): Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog. Frankfurt a. M. Suhrkamp.

Vogd, Werner (2014): Welten ohne Grund. Buddhismus, Sinn und Konstruktion. Heidelberg: Carl Auer Verlag.

Zwiebel, Ralf u. Weischede, Gerald (2015): Buddha und Freud – Präsenz und Einsicht. Über buddhistisches und psychoanalytisches Denken. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.


Rezensent
Alan Schink
MA, Universität Salzburg, Abteilung für Soziologie und Kulturwissenschaft
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Zitiervorschlag
Alan Schink. Rezension vom 28.10.2019 zu: Wolf Singer, Matthieu Ricard: Jenseits des Selbst. Dialoge zwischen einem Hirnforscher und einem buddhistischen Mönch. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-518-46885-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25843.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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