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Heiko Kleve, Tobias Köllner (Hrsg.): Soziologie der Unternehmerfamilie

Cover Heiko Kleve, Tobias Köllner (Hrsg.): Soziologie der Unternehmerfamilie. Grundlagen, Entwicklungslinien, Perspektiven. Springer VS (Wiesbaden) 2019. 300 Seiten. ISBN 978-3-658-22387-8. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Die Soziologie ist bekanntlich die Wissenschaft vom Sozialen, von den Beziehungen zwischen Menschen und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, also den sozialen Strukturen, die diese Beziehungen prägen. Die Unternehmerfamilie ist für Kleve und Köllner soziologisch interessant, weil sie ein Sozialsystem ist, das familiär-private, beruflich-unternehmerische und eigentumsrechtliche Strukturen miteinander verbindet, die in der modernen Gesellschaft gemeinhin voneinander getrennt sind.

Herausgeber

  • Prof. Dr. Heiko Kleve, Soziologe und Sozialpädagoge, Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien am WIFU – Wittener Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten/​Herdecke.
  • PD Dr. Tobias Köllner ist Ethnologe/​Soziologe und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Stiftungslehrstuhl für Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien des WIFU – Wittener Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten/​Herdecke.

Entstehungshintergrund

Die Unternehmerfamilie ist bisher kaum ein Thema der Familiensoziologie. Gerade weil mehr als Zweidrittel aller Unternehmen familiengeführt sind, erstaunt es die Herausgeber, dass die Soziologie die Unternehmerfamilie bisher nicht als Forschungsfeld entdeckt hat.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband ist aufgeteilt in vier Abschnitte:

  • Grundlagen, Entwicklungslinien und Perspektiven einer Soziologie der Unternehmerfamilie – eine Einführung;
  • Teil 1 „Grundlagen“,
  • Teil 2 „Entwicklungslinien“ und
  • Teil 3 „Perspektiven“.

Das Buch beginnt mit vier Beiträgen, die historisch, konzeptionell und empirisch den gesellschaftlichen Kontext markieren, in den Unternehmerfamilien eingebettet sind: Hans Bertram thematisiert in „Der Hunger nach Humankapital. Industriegesellschaft und familiäre Entwicklung“ seine Überlegungen zur Entstehung der modernen Familie und ihrer Verortung in der Gegenwart. Désirée Waterstradt blickt in „Historische Grundlagen westlicher (Unternehmens-)Familienmodelle“ auf den Zusammenhang von Familien- und Unternehmensentwicklung. Stefan Kühl bietet in „Familien und Organisationen. Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Verschachtelungen“ eine organisationssoziologische Perspektive. Isabell Stamm, Fabian Bernhard und Nicole Hameister betrachten „Empirische Befunde zu Unternehmerfamilien in Deutschland“ und geben einen Überblick zur aktuellen Dateninfrastruktur in diesem Feld.

Sodann folgen vier Beiträge zu konzeptionellen, theoretischen und empirischen Entwicklungslinien in der Beschäftigung mit Unternehmerfamilien auf. Rudolf Wimmer und Fritz B. Simon, leiten diesen Teil ein mit „Vom Familienunternehmen zur Unternehmerfamilie. Zur Erweiterung einer sozialwissenschaftlichen und systemtheoretischen Perspektive“. Gabriela Leiß erarbeitet mit „Gesellschaftliche Pluralität und familiäre Identität. Zur Evolution der Unternehmerfamilie am Beispiel der Nachfolge in Familienunternehmen“ eine modernisierungssoziologische Betrachtung und fragt nach den Auswirkungen der gesellschaftlichen Transformationsprozesse des 21. Jahrhunderts auf Unternehmerfamilien. Die Nachfolge, speziell von Töchtern, ist das Thema des Beitrags „Unternehmerfamilie als Familie eigener Art im Prozess gesellschaftlicher Veränderungen“ von Daniela Jäkel-Wurzer. Elke Schröder befasst sich in ihrem Text „Sozialisations- und Erziehungsprozesse in Unternehmerfamilien“ mit der Frage, wie sich das erzieherische Verhältnis von Eltern und ihren Kindern in dieser Familienform gestaltet. Daraufhin veranschaulichen Tom A. Rüsen, Arist von Schlippe und Heiko Kleve mit „Die dynastische Großfamilie. Skizze eines spezifischen Typus von Unternehmerfamilien“ ihre Überlegungen zu familiären Gesellschafterkreisen, die mehr als 50 Mitglieder umfassen. Der Beitrag „Die,verdreifachte‘ Familie. Große Unternehmerfamilien als Familien, Organisationen und Netzwerke“ von Heiko Kleve, Arist von Schlippe und Tom A. Rüsen fokussiert sich ebenfalls auf solche großen Unternehmerfamilien, die die Logiken der Familie, der Organisation und des Netzwerks miteinander verbinden. Arist von Schlippe und Torsten Groth bieten in „Unternehmen, Familie, Unternehmerfamilie. Systemtheoretische Perspektiven zur Erweiterung des Drei-Kreis-Denkens“ eine kritische Auseinandersetzung mit diesem klassischen Modell und skizzieren ein soziologisches Alternativmodell. Abschließend präsentiert Heiko Kleve in „Die Unternehmerfamilie der Gesellschaft. Funktion, Code und Medium eines ungewöhnlichen Sozialsystems“ einen experimentellen systemtheoretischen Beitrag, in dem die Frage gestellt wird, wie und was wir sehen, wenn wir nach der gesellschaftlichen Funktion von Unternehmerfamilien fragen.

Diskussion

Der Sammelband schließt eine Lücke im Bereich der Soziologie der Unternehmerfamilie. Die Identifizierung von besonderen Spannungsfeldern und Differenzen zwischen Familien und Organisationen führt folgerichtig zu einer Reihe von theoretischen und empirischen Fragestellungen, auf die der Sammelband mit passender Expertise reagiert. Wie die Herausgeber selbst betonen, können jedoch nicht alle Aspekte der Soziologie der Unternehmerfamilie erschöpfend und vollständig diskutiert werden. Die kulturellen Kontexte kommen etwas zu kurz und insgesamt überwiegt wie mir scheint eine systemtheoretische Argumentationslinie. In dieser Hinsicht ist der Sammelband allerdings ein wertvoller Beitrag zur Soziologie von Familie, Familienentwicklung und den Spannungsfeldern bzw. Verschachtelungen von Organisationen und Familien. Für mich stellt sich die Frage, ob der Sammelband nicht aktuelle gesellschaftliche Fragen durchaus auch in kritischer Perspektive hätte aufgreifen sollen. Da es sich hier um ein Grundlagenwerk handelt, bleibt dies weiteren Publikationen des Instituts oder der Herausgeber vorbehalten.

Fazit

Das lesenswerte Buch versammelt spannende und interessante soziologische und sozialpsychologische Beiträge in einem (vielleicht zu) weiten Spektrum von Haushalt, Humankapital und empirischen Befunden zu Unternehmerfamilien, Sozialisations- und Erziehungsprozessen sowie systemtheoretische Perspektiven etc. Damit liegt nach Ansicht des Rezensenten ein Schlüsselwerk zum Verständnis von Familien und Unternehmen einerseits und in ihren z.T. tiefliegenden Ambivalenzen der Entwicklung und Perspektiven andererseits vor. Zu wünschen ist indes auch der Sozialen Arbeit eine intensivere Beschäftigung mit Unternehmerfamilien, weil Familien nicht nur Unterstützungsnetzwerke sind, sondern auch als wie auch immer zu organisierende Produktionsnetzwerke (Haushalte) und vor allem als Lebensführungszusammenhänge (Sinn-Arrangements) thematisiert werden sollten.


Rezension von
Prof. Dr. Jan V. Wirth
Studiendekan „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit" (M.A.) an der DIPLOMA Hochschule, Praxisberater / Supervisor (SYSTEAMS.ORG), Dipl.-Sozialpädagoge/-arbeiter (FH), Homepage www.systemisch-arbeiten.info
Homepage www.systemisch-arbeiten.info
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Zitiervorschlag
Jan V. Wirth. Rezension vom 13.01.2020 zu: Heiko Kleve, Tobias Köllner (Hrsg.): Soziologie der Unternehmerfamilie. Grundlagen, Entwicklungslinien, Perspektiven. Springer VS (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-22387-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25847.php, Datum des Zugriffs 28.01.2020.


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