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Alf Scheidgen: Entscheiden als Aspekt professioneller Kompetenz

Cover Alf Scheidgen: Entscheiden als Aspekt professioneller Kompetenz angehender Fachkräfte der Sozialen Arbeit. Modellierung und empirische Überprüfung eines Konstrukts. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 149 Seiten. ISBN 978-3-86388-814-5.
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Autor

Alf Scheidgen, Dr. phil., leitet unter anderem das Servicebüro Studium & Lehre der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Köln, früher FH Köln, auf dem Campus Südstadt.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um die Dissertation des Autors, die von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln im Oktober 2018 angenommen wurde. Sein Interesse rührt aus seiner langjährigen Beschäftigung mit der Studiengangentwicklung im Bereich der Sozialen Arbeit her. Hierbei sei er immer wieder mit der Frage konfrontiert worden, welche Kompetenzen im Fach Soziale Arbeit von zentraler Bedeutung sind, wie diese sich strukturieren lassen, didaktisch vermittelt werden können und letztlich zur Entwicklung professionaler Handlungsfähigkeit führen. Die »alltagsnahe Kompetenzmessung« erweist sich nach Ansicht des Autors als nicht hinreichend valide und reliabel.

Aufbau

Das Buch besteht aus 13 Kapiteln, wobei das erste nichtssagend als »Einleitung « bezeichnet wird und das 13. Kapitel die Verzeichnisse (Literatur-, Abbildungs-, Tabellen- und Abkürzungsverzeichnis) beinhaltet. Die inhaltlichen Kapitel gliedert sich in drei Teile: Die Kapitel 2 bis 4 bilden den theoretischen Teil, die Kapitel 5 bis 11 den empirischen Teil und Kapitel 12 ist die »Diskussion«. Auf S. 149 findet sich dann noch versteckt ein Anhang, wobei hier der Verweis auf eine Internetadresse enthalten ist, bei der der gesamte Anhang online abgerufen werden kann. Insgesamt ist das Layout solide und ohne didaktische Elemente.

Inhalt

Kapitel 1 »Einleitung«. Hier verweist der Auto zunächst auf die Bedeutung seines Themas, indem er es in den Kontext des Bologna-Prozesses mit der Diskussion um die Kompetenzorientierung stellt. Ziel ist es, einen empirisch fundierten Beitrag zur Kompetenzforschung zu leisten, indem die fachlichen Kompetenzen in der Sozialen Arbeit untersucht werden. Hierzu werden insbesondere Kompetenzstrukturmodelle und Testinstrumente der Lehrerbildung herangezogen. Der Autor kapriziert sich hierbei auf den Aspekt des Entscheidens, den er als Teilbereich professioneller Kompetenz sieht.

Theoretischer Teil

Kapitel 2 »Kompetenzen in den Bildungswissenschaften« Es geht es zunächst einmal darum, den Kompetenzbegriff abzugrenzen, zu präzisieren und letztlich für eine Operationalisierung zu definieren. Hierzu werden Kompetenzbegriffe unterschiedlicher Disziplinen auch im historischen Kontext analysiert. Zum Beispiel McClellands vier zentrale Cluster oder Roths Dreiteilung. Aus den historischen Bezügen leitet der Autor ein Grundverständnis ab, das er in sechs Leitsätzen formuliert. In der Folge geht er dann auf die Kompetenzforschung im Hochschulsektor sowie in der Lehrerbildung ein.

Kapitel 3 »Kompetenzen in der Sozialen Arbeit« beginnt mit der Annahme, dass die genannten Kompetenzkonzepte von der Sozialen Arbeit weitgehend entkoppelt sind und eher mit Begriffen wie »sozialpädagogisches Können« und »professionelles soziales Handeln« umschrieben werden. Diesen Überlegungen fügt der Autor zunächst zwei Kompetenzmodelle an: curriculare und handlungstheoretische. Es folgen ein Unterkapitel über die empirische Kompetenzforschung und eines über die Perspektiven sozialpädagogischer Kompetenzforschung.

Kapitel 4 »Entscheiden als Aspekt professioneller sozialpädagogischer Kompetenz« Hier konzentriert sich der Autor auf sein eigentliches Thema, wobei er eng an der Sozialen Arbeit verbleibt: Professionelles Handeln und Entscheiden in der Sozialen Arbeit sowie Sozialpädagogische Entscheidungsmodelle lauten die beiden ersten Unterkapitel. Entscheidungsfähigkeit wird als Facette professioneller Kompetenz verstanden, die zwischen kognitiven Dispositionen und Leistung vermittelt. Im Unterkapitel »Entscheidungsforschung in der Sozialen Arbeit« begründet der Autor dann sein vignettenbasiertes Testinstrument, das aus vier Fallszenarien besteht, die von Studierenden unterschiedlicher Fachsemester an der TH Köln in Freitextform bearbeitet werden. Die jeweilige Vignette berücksichtigt verschiedene entscheidungsrelevante Faktoren wie Alter, Geschlecht, Alkoholkonsum, Substanzabhängigkeit etc. Es handelt sich als um ein qualitatives empirisches Verfahren zur Analyse von Beobachtungsprotokollen.

Empirischer Teil

Kapitel 5 »Ziele der Untersuchung und Forschungsfragen« Insgesamt werden fünf Fragestellungen entwickelt, an denen sich die Forschung orientiert.

Kapitel 6 »Konzeptualisierung von Entscheidungsfähigkeit« beschreibt zunächst, wie die Entscheidungsprobleme konstruiert und modelliert werden. Sodann werden kognitive Facetten der Entscheidungsfähigkeit dargestellt.

Kapitel 7 »Anlage der Untersuchung« orientiert sich an den beruflichen Möglichkeiten des Autors an der TH Köln und erlaubt die Einbeziehung von Kohorten unterschiedlicher Semester.

Kapitel 8 »Testentwicklung« Das Erhebungsinstrument besteht aus handlungsorientierten Fallvignetten. Hierbei geht es um die Auswahl entsprechender Handlungssituationen sowie die Standardisierung des Instrumentariums. Was dann folgt, ist die Darstellung einer klassischen empirischen Studie: Entwicklung der Vignetten für die Pilotierung, Durchführung der Pilotierungsstudie, Entwicklung des Testlets für die Hauptstudie und Entwicklung des Kodierleitfadens.

Kapitel 9 »Datenerhebung und Beschreibung der Stichprobe«

Kapitel 10 »Auswertung« Hier werden nun die verschiedenen Ansätze referiert sowie die statistischen Messzahlen begründet. Es geht darum, die Güte des Tests sowie die innere Struktur der Entscheidungsfähigkeit zu analysieren.

Kapitel 11 »Ergebnisse« Wie üblich wurde mit SPSS gerechnet. Nach der Item-Analyse folgen der Modellvergleich und die Testlet-Effekt-Analyse. Hieran schließt sich die klassische Analyse an.

Diskussionsteil

Leider werden die Ergebnisse und möglichen Erkenntnisse nur sehr kurz referiert. Hier nutzt es wenig, wenn sehr beliebig argumentiert wird und auf das weite Spektrum entscheidungstheoretischer Positionen verwiesen wird. Selbst wenn die Studie aufgrund der kleinen Stichprobe allein schon limitiert ist, so hätten doch Tendenzen oder zumindest Annahmen abgeleitet werden können. Der abschließende »Ausblick« zeigt dann auch, dass viele Fragen noch offen geblieben sind.

Diskussion

Dies ist eine »klassische Dissertation« in jeglicher Hinsicht und daher vor allem für Forscher*innen geeignet, die sich mit dieser oder einer verwandten Thematik beschäftigen. Nicht alle Überschriften sind sinnhaft, teilweise werden Statthalter verwendet und einige Kapitel wären sicherlich besser zusammengefasst worden. Viele empirische Kapitel schildern den Forschungsprozess, was ergebnisorientierte Leser*innen kaum interessieren dürfte. Aber in einer Rezension geht es ja nicht um ein Gutachten, sondern um den Nutzen für potenzielle Leser*innen. Für Forscher*innen, die sich mit dem empirischen Instrument der Vignette auseinandersetzen wollen, ist das Buch sicherlich lohnenswert. Auch für diejenigen, die sich in unterschiedlichen Funktionen mit der Sozialen Arbeit und ihrer Weiterentwicklung beschäftigen wollen oder müssen, ist das Lesen sinnvoll. Denn dass das Treffen von Entscheidungen eine wichtige Kompetenz ist, ist unbestritten; Beschäftigte in der Sozialen Arbeit müssen immer wieder, und oft auch schwerwiegende, Entscheidungen treffen.

Fazit

Trägt das Buch zum Erkenntnisgewinn bei? Eine Dissertation soll neue Erkenntnisse erbringen und dieses ist hier sicherlich der Fall. Allerdings ist die Darstellung der empirischen Ergebnisse sehr kurz gehalten, ganz im Gegensatz zum langwierig dargestellten Forschungsprozess. Und für einen wirklichen Erkenntnisgewinn wäre es notwendig gewesen, die empirischen Befunde ausführlich mit den bestehenden Modellen der Entscheidungsfähigkeit in der Sozialen Arbeit und benachbarten Disziplinen abzugleichen und zu diskutieren.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 04.10.2019 zu: Alf Scheidgen: Entscheiden als Aspekt professioneller Kompetenz angehender Fachkräfte der Sozialen Arbeit. Modellierung und empirische Überprüfung eines Konstrukts. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-86388-814-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25856.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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