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Kötting Michaela, Röh Dieter: 19Soziale Arbeit in der Demokratie

Cover Kötting Michaela, Röh Dieter: Soziale Arbeit in der Demokratie - Demokratieförderung in der Sozialen Arbeit. Theoretische Analysen, gesellschaftliche Herausforderungen und Reflexionen zur Demokratieförderung und Partizipation. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 322 Seiten. ISBN 978-3-8474-2297-6.

Buchreihe Theorie, Forschung und Praxis der sozialen Arbeit - Band 18.
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Thema

Die vorliegende Publikation ist aus der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit, die am 27. und 28.04.2019 in Hamburg stattfand, hervorgegangen und möchte durch Partizipation ein solidarisches Miteinander erreichen, um die Anliegen marginalisierter Bevölkerungsgruppen sichtbar werden zu lassen sowie Ausgrenzung und Entmenschlichung aufzeigen.

Herausgeber*innen

Die Herausgeber*innen des Fachbuches sind Michaela Köttig, Professorin für Gesprächsführung, Kommunikation und Konfliktbearbeitung an der Universität Frankfurt und Dieter Röh, Professor für Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einem Vorwort zur Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit und einem Kapitel der Herausgeber in sechs Teile gegliedert und vereint darunter Kapitel unterschiedlicher Länge von verschiedenen Autoren.

Im „Vorwort“ wird auf das Anliegen der Schriftenreihe verwiesen, die dazu dienen soll, fundiert und aktiv fach-und gesellschaftspolitische Debatten in der Sozialen Arbeit aufzuzeigen und mitzugestalten. Sie wendet sich an Lehrende, Forschende, Praktiker und Studierende der Sozialen Arbeit sowie benachbarter Disziplinen.

Im ersten Kapitel „Demokratie und Soziale Arbeit – ein herausforderndes Wechselverhältnis“ arbeiten die Herausgeber die genannte Problematik heraus und geben einen Überblick über die einzelnen Kapitel des Fachbuches.

Ein erster Teil „Gesellschaftstheoretische Rahmung und historische Entwicklung“ wird mit einem Beitrag von Sabine Hark zum Thema „Solidarität subaltern. Demokratische Zerreißproben in neoreaktionären Zeiten“ eingeleitet. Soziale Probleme würden als individuelle Bewältigungsleistungen konstruiert und ihre strukturellen Ursachen verdeckt, sodass nur denjenigen geholfen werden kann, die sich selbst helfen können und die zu jeglicher Art der Anpassung bereit seien sowie jeder Form der Demütigung willens sind, zu ertragen. Aus Bürgern mit verbrieften Rechten würden Subalterne von niederem Rang – eine fundamentale Achsenverschiebung im Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft (S. 29).

Ein weiteres Kapitel wurde von Barbara Thiessen verfasst „Soziale Arbeit in neoreaktionären Zeiten – oder: Demokratie braucht Soziale Arbeit, braucht Demokratie. Ein Replik zum Beitrag von Sabine Hark“. Neoliberale Globalisierungsprozesse, das Ausufern des Finanzmarktes und der gleichzeitige Rückbau von staatlichen Sicherungssystemen würden zurecht Menschen beunruhigen, insbesondere jene mit geringem Einkommen. Grundlage Sozialer Arbeit seien soziale Probleme und gefährdete Lebensführung, die sich im Spannungsverhältnis von sozialen Strukturen und gelegentlich destruktivem Handeln abspiele (S. 43 ff).

Silvia Staub-Bernasconi setzt sich mit „Jane Adams integrale Demokratietheorie oder: Was soll eine 1902 entstandene Theorie der Demokratie Neues beizutragen haben?“ auseinander. Jane Adams gehe von einer kritischen Analyse des Versagens des demokratischen Versprechens von Gleichheit, Freiheit, Partizipation und sozialer Gerechtigkeit aus, was noch immer ein aktuelles Problem (S. 55) sei.

Ein zweiter Teil ist mit dem Titel „Demokratietheoretische Überlegungen“ überschrieben und wird mit einem Beitrag von Anna Kasten „Wie wollen wir leben? Margalits Konzept einer anständigen Gesellschaft und dessen Bedeutung für die Theoriebildung in der Sozialen Arbeit“ eingeleitet. Sozialarbeitswissenschaft solle ihre empirischen Analysen dazu nutzen, die Institutionen zu reformieren und Mechanismen zu implementieren, die institutionelle Demütigung von vornherein unterbindet und sie sollte ebenso auf der Makroebene einwirken, um sie in Richtung einer stärker partizipatorischen Gesellschaft zu verändern (S. 65).

Das nächste Kapitel von Thomas Wagner beschäftigt sich mit der „(Post) Demokratisierung von Gesellschaft? Soziale Arbeit im Spannungsverhältnis von Ver- und Entbürgerlichung“. Flüchtlinge würden im Sinne europäischer Migrationsregimes in einem Zustand weitgehender Entrechtung gehalten, reduziert auf ihr nacktes Leben. Es sei der Versuch, die zentrale Dynamik von Demokratie stillzulegen. Demokratie könne stets in einen Zustand der Postdemokratie umschlagen, in dem Kämpfe institutionell stillgelegt würden, wobei die Politik dann zur Polizei werde (S. 69).

Mit „Bedürfnis nach Eindeutigkeit – Zur Attraktivität des Totalitären in Zeiten des Neoliberalen“ hat Carsta Langner ihren Beitrag überschrieben. Neoliberalismus bringe, so die Autorin, neue Formen der Sozialisation hervor – ein absolut flexibles Ich, spezifische Anpassungsleistungen, Fügung in sich ständig ändernden gesellschaftlichen Ansprüchen, keine Trennung zwischen privat und beruflich.

Carla Wesselmann ist die Autorin des folgenden Beitrages „Teilhabe und/oder Partizipation – eine Auseinandersetzung mit Schlüsselbegriffen einer demokratieorientierten Sozialen Arbeit“. Hier wird vom Feld der Eingliederungshilfe gefragt, ob die Begriffe Partizipation und Teilhabe im Fachdiskurs der Sozialen Arbeit das Gleiche bedeuten oder ob sie sich unterscheiden. Sie kommt zum Schluss, dass Partizipation beinhalte umfangreichere Facetten und Wirkungen als das Konzept der Sozialen Teilhabe.

Der dritte Teil trägt die Überschrift „Handlungsfeldanalytische Perspektiven auf Demokratieförderung“. Er beginnt mit einem Artikel von Michael Brandmayer und Sepideh Heydapur zu den „Herausforderungen für die politische Bildung in der ‚Krise der Demokratie‘ am Beispiel politischer Bildungsarbeit in Tirol“ (S. 114). Die Figur des Andreas Hofer sei ein identitärer Bezugspunkt mit spezifischen Werten wie Freiheit, Unabhängigkeit und Heimat.

Die „Stärkung der Teilhabechancen Jugendlicher durch Soziale Arbeit am Rande der Stadt. Herausforderungen, Ambivalenzen und Handlungsfelder in deutsch-französischer Perspektive“ beschreibt Sonja Preissing. Sie setzt sich mit Partizipationsprozessen marginalisierter Jugendlicher auseinander, um diese zu unterstützen und zu stärken.

Ein ähnliches Anliegen verfolgen Monika Alisch, Martina Ritter, Yvonne Rubin und Barbara Solf-Leipold mit ihrem Beitrag zur „Demokratischen Partizipation im Alltag: Potenziale und Grenzen der Selbstorganisation am Beispiel von Bürgerhilfevereinen“. Sie betonen, dass Demokratisierung im Alltag möglich sei, wenn die Akteure ihre formal demokratischen Strukturen auf ihre konkreten Aktivitäten bezögen, um ihre eigene Praxis durch Reflektionen zu reformulieren (S. 139).

Daniela Molnar beschäftigt sich mit dem Thema „Teilhabe ermöglichen unter ausgrenzenden Bedingungen? Einschränkungen der Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit am Bespiel der niedrigschwelligen Drogenhilfe“. Sie sieht in der Drogenhilfe große Diskrepanzen zwischen Zielen und fachlichen Verortungen einerseits und diverser Akteure andererseits infolge repressiver Drogenpolitik.

Der folgende Beitrag von den Autoren Ute Fischer, Katja Heidmeier und Lothar Stock ist der „Community Organizing – Partizipation und Demokratie im Alltag gewidmet“. Es wird an zwei Praxisbeispielen gezeigt wie unterschiedliche Personengruppen und Kulturen auf Grundlage ihrer eigenen Interessen Verbesserungsvorschläge für das Zusammenleben im Wohnquartier umsetzen können (S. 161).

„Förderliche Rahmenbedingungen für die Partizipation von Genesungsbegleiter-innen in der sozialpsychiatrischen Regelversorgung“ werden von Jelena Hoghe und Christoph Walther in den Blick genommen. Es werden Ergebnisse aus Erfahrungsberichten und empirischen Studien in Deutschland vorgestellt.

„Neue Perspektiven der Kooperation mit der Zivilgesellschaft im Handlungsfeld von Flucht und Asyl? Eine Rekonstruktion der Handlungsorientierungen von Fachkräften Sozialer Arbeit“ werden von Sonja Kubisch aufgegriffen. Es zeige sich, dass verschiedene Handlungsorientierungen diverse Potenziale und Begrenzungen bei der Förderung von Partizipation in sich trügen.

Im nächsten Kapitel von Shahin Mohammed, Harun Muhammed, Ingmar Zalewski und Stefan Thomas geht es um die „Partizipation von geflüchteten Jugendlichen im Peer-Forschungsprojekt ‚Neu in Deutschland‘: Ein Multilog zwischen Berufs- und Co-Forschenden“. Es wird von einer Evaluationsstudie in Rückgriff auf das partizipatorische Forschen mit sieben Jugendlichen berichtet.

Peter Hermanns und Daniela Keeß befassen sich mit der Thematik „Orte der Unterbringung von Geflüchteten im Zentrum gelingender Integration“. Es wird betont, dass gelingende Integration nur im Miteinander der Neuankömmlinge mit der dort lebenden Bevölkerung und gesellschaftlichen Akteuren gelingen könne.

Es folgt ein vierter Teil „Herausforderung: Rechtsextremismus“. Esther Lehnert und Marion Mayer setzen sich mit „Rechte Frauen als Herausforderung für die Soziale Arbeit“ auseinander (S. 206 ff). Rechtspopulismus sei für die Autorinnen ein spezifischer Politikstil, der autoritäre, menschenfeindliche, rassistische und antisemitische Positionen vertrete und sich durch einen unverhohlenen Sexismus auszeichne.

Der nächste Beitrag, von Heike Radvan und Barbara Schäuble verfasst, knüpft an eine weitere Gruppe an und zwar an „Rechtsextrem orientierte und organisierte Studierende – Umgangsweisen in Hochschulen Sozialer Arbeit“. Es bedürfe eines erheblichen Forschungsbedarfs, um die Herausforderungen der Verschiebungen nach rechts an Hochschulen Sozialer Arbeit zu begegnen.

Mit dem Titel „Zum Demokratiedefizit in der Sozialen Arbeit mit ehemals organisierten Rechtsextremen“ ist das Kapitel von Johanna Sigl überschrieben. Wichtig sei eine umfassende biografische Reflexion, um sich von extremen Rechten zu distanzieren.

Patrick Oehler betrachtet in seinem Beitrag die „Demokratische Professionalität: Neun Handlungsrichtlinien für eine demokratische professionelle Praxis in der Sozialen Arbeit“. Er beleuchtet zunächst historische und theoriegeschichtliche Zusammenhänge und zeigt danach neun Handlungslinien, wie sich Demokratie und Soziale Arbeit vereinbaren und realisieren lassen.

Kathrin Aghamiri, Anja Reinecke und Rebekka Streck fragen sich „Wo beginnt Demokratie? Wahrnehmen, zulassen und ermöglichen von Öffentlichkeit“. Sozialarbeiter könnten beginnen, Konflikte als demokratische Normalität zu sehen und sie demokratietheoretisch zu deuten.

Es folgt ein Beitrag von Jürgen Beushausen, Kirsten Rusert und Martin Stummbaum über „Hilfe zur Selbsthilfe“. Diese oft zitierte Handlungsmaxime laufe Gefahr, zu einer Erwartung und einen Auftrag an Klienten zu mutieren, wodurch sich dieser Grundsatz verengen könne (S. 271).

Das Kapitel von Constantin Wagner ist der „Kategorisierung und (mangelnde) Empathie für Klient-innen: Zur Bedeutung von Ethnizität“ gewidmet. Ethnizität beeinflusse die Beurteilung der Legitimität von Unterstützungs- und Transferleistungen der Klienten und deren Zukunftsaussichten.

Der vorletzte Beitrag von Annika Gaßmöller befasst sich mit dem Thema „Volle Punktzahl für gutes Benehmen?! Verstärkersystem in stationären Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe“. Die Akzeptanz der Durchsetzungsmacht der Betreuer wäre von der Tragfähigkeit zwischen ihnen und der zu betreuenden Kinder abhängig.

Die Publikation wird von den Autoren Dieter Kulke und Johanna Schmidt zum „Politischen Auftrag Sozialer Arbeit in der Praxis – Empirische Ergebnisse“ beendet. Sozialarbeiter seien stark politisch interessiert und deutlich politisch linker orientiert als die Bevölkerung, was sich vor allem durch das konkrete Handlungsfeld oder das Organisationsleitbild erklären lasse (S. 311).

Fazit

Das Fachbuch hält das Versprechen, fundiert, aktiv, fachgesellschaftliche Debatten mitzugestalten und sich mit der Lösung der für die Soziale Arbeit relevanten sozialen Probleme auseinanderzusetzen. Es ist theoretisch tiefgehend und greift aktuelle gesellschaftliche Probleme auf, die als Herausforderungen für die Profession der Sozialen Arbeit zu verstehen sind. Die Überschriften der Kapitel sind teilweise zu lang und weitschweifig formuliert und auch die Beiträge selbst sind sehr stark zergliedert. Es lohnt sich aber für alle, dieses Fachbuch zu lesen, um den vielfältigen Problemlagen der Sozialen Arbeit besser begegnen zu können.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 20.03.2020 zu: Kötting Michaela, Röh Dieter: Soziale Arbeit in der Demokratie - Demokratieförderung in der Sozialen Arbeit. Theoretische Analysen, gesellschaftliche Herausforderungen und Reflexionen zur Demokratieförderung und Partizipation. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-8474-2297-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25858.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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