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Frank Como-Zipfel, Iris Kohlfürst u.a.: Welche Bedeutung hat Ethik für die Soziale Arbeit?

Cover Frank Como-Zipfel, Iris Kohlfürst, Dieter Kulke: Welche Bedeutung hat Ethik für die Soziale Arbeit? Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. 64 Seiten. ISBN 978-3-7841-3169-6. D: 7,50 EUR, A: 7,80 EUR.
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Thema

In den letzten Jahren sind zahlreiche Bücher und Aufsätze zu einer Professionsethik Sozialer Arbeit erschienen. Im Allgemeinen geht es hierbei um normative Fragestellungen. Como-Zipfel, Iris Kohlfürst und Dieter Kulke untersuchen die Professionsethik dagegen mit empirischen Methoden. Dabei geht es nicht um eine Bewertung ethischer Prinzipien, sondern um die Frage, wie Mitglieder der Profession Soziale Arbeit mit den ethischen Normierungen umgehen und welche Methoden geeignet sind, die ethische Expertise in der Praxis weitergehend zu qualifizieren.

Autor*innen

Frank Como-Zipfel lehrt Sozialpädagogische Methoden an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt.

Iris Kohlfürst lehrt Ethik an der Fachhochschule Oberösterreich, Campus Linz, und Dieter Kulke vertritt die Soziologie an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. 

Aufbau

Das Buch besteht aus sechs Kapiteln. In den ersten vier Kapiteln wird in die Fragestellung eingeführt. Das fünfte -deutlich umfangreichere – Kapitel bildet den Hauptteil des Buches und präsentiert die empirischen Befunde der Untersuchung. Das sechste Kapitel fasst die zentralen Inhalte der Untersuchung zusammen.

Inhalt

Das erste Kapitel beginnt damit, die Bedeutung der Berufsethik bzw. Professionsethik deutlich zu machen. Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) erklärt, dass die Berufsethik das Herzstück der Profession sei und es außerhalb der Berufsethik keine Soziale Arbeit gibt. Damit ist die Relevanz der Berufsethik hervorgehoben. Sie ist kein Nebenaspekt, der zu einer fachlichen Arbeit ergänzend hinzukommt. Im Fortgang des Kapitels werden Praxisbeispiele dargelegt, die die Relevanz der Berufsethik schlaglichtartig verdeutlichen. Es geht dabei nicht vorrangig um strafrechtlich relevante Fälle wie körperliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch. Die Relevanz der Ethik wird eher deutlich in Bezug auf Fälle, die nicht strafrechtlich erfasst sind wie beispielsweise der Fall, bei dem ein Sozialarbeiter dem Klienten privat eine Jacke verkauft.

Das zweite Kapitel nennt relevante Veränderungen, die die Berufsethik in ihrer Rolle zunehmend hervortreten lassen. Dies sind der Bologna-Prozess, mit der Verankerung der Ethik in den Curricula eines Studiums der Sozialen Arbeit, weiter die Etablierung berufsethischer Kodizes, die Zahl der Ethik-Weiterbildungen, die zunehmende Zahl von Publikationen wie die Etablierung von Ethikkomitees oder ethischen Fallbesprechungen.

Im dritten Kapitel wird knapp auf Berufsethische Richtlinien sowie auf fallorientierte Reflexionen eingegangen. Dabei zeigt sich, dass der Wunsch nach möglichst detaillierter Festlegung des Handels in Leitlinien nicht mit der Forderung der Autonomie der Fachkräfte übereinkommt. Eine zu detaillierte Festlegung kann die Eigenständigkeit der Profession einschränken.

Im vierten Kapitel stellen die Autoren systematisch dar, welche grundlegenden Faktoren ethisches bzw. unethisches Handeln in der Praxis bestimmen. Dabei wird differenziert zwischen dem

  • individuellen Moralsystem einer Fachkraft,
  • der Professionsethik der Sozialen Arbeit,
  • dem Moralsystem der jeweiligen Organisation und
  • den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen und den als Recht kodifizierten Gesetzen.

Diese theorieorientierte Systematik bildet die Grundlage für die empirische Untersuchung.

Das fünfte Kapitel bildet das Kernstück der Veröffentlichung. Einleitend werden methodische Aspekte wie die zentralen Dimensionen der Befragung, der Typ der Befragung sowie die Zusammensetzung der Stichprobe dargelegt und kurz diskutiert. Insgesamt lagen der Untersuchung 1.314 ausgefüllte Fragebögen aus Österreich und Deutschland zugrunde. Dabei ist die Stichprobe nicht repräsentativ in Bezug auf die Gesamtheit bundesdeutscher und österreichischer Fachkräfte.

Im Folgenden werden einzelne der im vierten Kapitel dargelegten Dimensionen vorgestellt:

In Bezug auf die Professionsethik stimmten 90 Prozent der Befragten damit überein, dass Soziale Arbeit als Menschrechtsprofession zu begreifen ist, sie einen politischen Auftrag hat, sie für soziale Gerechtigkeit und Solidarität eintritt und sich kritisch mit sozialen Missständen auseinandersetzen soll. Neben der Frage der Zustimmung oder Ablehnung der Befragten zu einzelnen Items untersuchten die Autoren auch die Zusammenhänge zwischen Merkmalen der Befragten und ihrem Antwortverhalten. Zu diesem Zweck wurde eine Faktorenanalyse (statistisches Verfahren zur Rückführung einzelner Variablen auf übergeordnete Dimensionen) durchgeführt, die fünf Dimensionen (z.B. Menschenrechtsprofession, Wissenschaftlichkeit oder Religiosität als latente Dimension, die mit einzelnen Fragen stark korrelieren) hervorbrachte. Darüber hinausgehend führten die Autoren eine Clusteranalyse durch, um unterschiedliche Typen von Professionsangehörigen zu generieren, die ähnliche Einstellungen in den oben genannten Dimensionen haben.

Es ergaben sich interessante und vielschichtige Ergebnisse: So gaben z.B. 87,2 Prozent der Befragten an, mit dem Trippelmandat konfrontiert zu werden. 42,5 Prozent geben an, einmal pro Woche einer ethischen Fragestellung oder einem Dilemma gegenüberzustehen. Auch die Verbreitung ethischer Reflexion wurde in der Studie abgefragt. Dabei zeigte sich, dass z.B. 42,5 Prozent der Befragten verneinten, dass regelmäßige ethische Fallbesprechungen in der Organisation, in der tätig sind, vorkommen. Die Existenz eines Ethikbeauftragten in den Einrichtungen wird sogar von 65,9 Prozent der Befragten verneint. Die Berufsethik des DBSH – in der alten und neunen Fassung (2014) – wurde von 40 Prozent der deutschen Befragten nicht gekannt. Der vergleichbare österreichische Kodex war dagegen nur 18,6 Prozent der Befragten nicht bekannt.

Die Autoren untersuchten weiter die Folgen ethischer Reflexion in der Praxis und den Umgang mit Dilemmata. Dabei stand im Zentrum die Frage, was hilft. Es zeigte sich, dass ethische Fallbesprechungen den größten Effekt haben. Eine Auseinandersetzung mit den Ethik-Kodizes (ohne Fallbesprechungen) führt meist zu einer Verschärfung von Konflikten, sodass die Fachkräfte zwar wissen, was sie tun sollten, jedoch aufgrund der Rahmenbedingungen dies nicht in die Praxis umsetzen können. Bei Fallbesprechungen wird jedoch ein Setting geboten, dass es ermöglicht, Anspruch und Realität anzunähern und somit eine Professionalisierung sozialarbeiterischen Handelns zu ermöglichen.

Das sechste Kapitel fasst die Ergebnisse in Form einer Conclusio zusammen. Dabei wird noch einmal die Bedeutung der ethischen Reflexion herausgestellt, wobei eine externe Beratung als die geeignetste Form angesehen wird. Betriebsblindheit wird somit am besten umgangen. Gleichzeitig kann das eigene Wertesystem erfasst werden, ohne dass es unreflektiert in Entscheidungen einfließt. Abschließend heben die Autoren die Bedeutung der Zivilcourage hervor und plädieren zugleich für die Selbstverantwortung des Einzelnen vor dem eigenen Gewissen, dem gesellschaftlichen Auftrag und dem Wohl der Klienten.

Diskussion

Das Buch füllt eine Lücke, da es bisher keine vergleichbare Untersuchung zum Stellenwert der Berufsethik in der Sozialen Arbeit gibt. Die Autoren bearbeiten das Thema auf unterschiedlichen Ebenen und nutzen auch komplexe Verfahren wie die Faktoren- und Clusteranalyse, um diverse Zusammenhänge zu erfassen, über die bisher nur Vermutungen existierten. Besonders deutlich wird die Rolle, die die institutionelle Verankerung von Fallbesprechungen hat. Auch hier handelt es sich um einen Aspekt, über den sich bisher spekulieren ließ, der durch die Untersuchung der Autor*innen jedoch empirisch aufgeklärt wurde. Selbst die Differenzen in Bezug auf das Erleben der Dilemmasituationen wurde durch einen Dilemma-Index erfasst, was es erlaubt, die Wirkung bloßer Kenntnis der Berufsethik im Verhältnis zu institutionalisieren Fallbesprechungen quantitativ auszudrücken. So kann der Effekt empirisch nachgewiesen werden, was in Zeiten einer Sozialen Arbeit, die ihre Wirkung belegen muss, sicher der einzige Weg ist, um weitergehend Strukturen in Organisationen zu etablieren, die ethische Aspekte institutionalisiert bearbeiten.

Fazit

Ein sehr lesenswertes Buch! Es bringt ein erstes – und auch schon sehr weit strahlendes – Licht in ein bisher wenig ausgeleuchtetes Gebiet. Jenseits der Fragen der Begründung von Berufsethik und ihrer Anwendung liefert das Buch umfangreiche Einblicke in die Fragen, inwieweit Praktiker ethische Forderungen kennen und wie sie auf dieser Basis mit diesen umgehen.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 11.09.2019 zu: Frank Como-Zipfel, Iris Kohlfürst, Dieter Kulke: Welche Bedeutung hat Ethik für die Soziale Arbeit? Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-7841-3169-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25859.php, Datum des Zugriffs 05.12.2019.


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