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Mathias Binswanger: Der Wachstumszwang

Cover Mathias Binswanger: Der Wachstumszwang. Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben. Wiley-VCH Verlag (Weinheim) 2019. 309 Seiten. ISBN 978-3-527-50975-1. 24,99 EUR.
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Thema

Die sich anbahnende Klimakrise hat neben der drohenden Ressourcenknappheit die Diskussion über die Grenzen des Wachstums neu entfacht. Die dabei erhobene Forderung nach einem Ende des Wirtschaftswachstums hält der Autor für abwegig, weil es keine kapitalistische Wirtschaft ohne Wachstum geben könne. Dennoch betont er, sein Buch sei „sowohl wachstumsfreundlich als auch wachstumskritisch“ (16).

Autor

Mathias Binswanger, nicht zu verwechseln mit dem Wirtschaftswissenschaftler Hans Ch. Binswanger, seinem Vater, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der FH der Nordwestschweiz und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er hatte Gastprofessuren an Hochschulen in China und Vietnam.

Inhalt und Aufbau

In einem ersten Teil begründet der Autor, warum dieses Wirtschaftssystem Wachstum braucht. Im zweiten Teil werden Strategien der Wachstumsförderung, aber auch zu mehr Umwelt- und Sozialverträglichkeit behandelt.

In der Einleitung formuliert Binswanger seine These: „Geld, Wettbewerb und technischer Fortschritt sind systemnotwendige Bestandteile einer kapitalistischen Wirtschaft, die in ihrem Zusammenspiel Wachstum ermöglichen und gleichzeitig den Wachstumszwang verursachen“ (12).

Binswanger beginnt in Teil I mit einer Rückblende auf „Zweihundert Jahre Wirtschaftswachstum: Vom Heilsversprechen zur Zwangshandlung“, wobei er den Impuls dazu in dem ersten Akt der Geldschöpfung in England sieht (Kap. 1). Die Unverzichtbarkeit der Geldschöpfung unter Verweis auf Keynes und Schumpeter ist Thema von Kap. 2. Dann versucht der Autor in vereinfachten Modellen aufzuzeigen, warum Investitionen nötig werden und Wachstum bedingen. Dabei erweitert er das Modell einer zunächst geschlossenen Kreislaufwirtschaft im zweiten Schritt um den Staat, die Finanzmärkte und die globale Perspektive (3). „Ein fiktives Beispiel: Wie eine Insel mit traditioneller Fischereiwirtschaft in den Wachstumszwang gerät“ (4), soll den Übergang von einer stationären zur kapitalistischen Wirtschaft illustrieren. Dass Degrowth zwingend in eine Abwärtsspirale hineinführt, soll am Beispiel der Griechenlandkrise aufgezeigt werden (5). Am Schluss des ersten Teils prüft Binswanger Argumente gegen seine These, wobei er die von Wachstumskritikern beanstandeten „Wachstumstreiber“ einzeln unter die Lupe nimmt. Ergebnis: alle nicht eliminierbar. Auch die Bewertung angeblich wachstumsneutraler Unternehmen fällt negativ aus (6).

In Teil II sind zwei Fragen leitend: Ist ein sozial- und auch umweltverträgliches Wachstum möglich? Und wie lässt sich bei Sättigung der Märkte Wachstum garantieren? So fragt Binswanger in Kap.7, wie sich bei der Entwicklung zur Smart Factory und zum Smart Office die Einsparung an Arbeitskräften kompensieren lässt. Seine Antwort: durch Zunahme der Dienstleistungen. Wirtschaftliche Stagnation wird stets durch die Weckung neuer Bedürfnisse oder die „psychologische Schrottreife“ von Gütern überwunden. Gesteigerte Effektivität verspricht für den Autor die individualisierte Werbung im Internet (8). „Falsche Prophezeiungen über das Ende des Wachstums gestern und heute“ von Marx bis zum Club of Rome werden in Kap.9 abgehandelt. Mit dem Club of Rome hat das Wachstum allerdings nach Binswanger „seine ökologische Unschuld“ verloren (224). Abschließend sieht er sich nach Möglichkeiten um, das Wachstum durch Zähmung des Share-Holder-Value-Kapitalismus „besser“ oder verträglicher zu gestalten (10).

Im Anhang findet man Modellrechnungen zum Wachstumszwang in einer einfachen Kreislaufwirtschaft.

Diskussion

Im Hinblick auf illusionäre Vorstellungen von einem „grünen Kapitalismus“ mag es verdienstvoll sein, dass der Autor nochmals plausibel macht, dass dieses System ohne Wachstum nicht denkbar ist. Damit trägt er zur politischen Ernüchterung bei. Ob es dazu des argumentativen Aufwands samt der wenig überzeugenden Modellrechnungen bedarf, sei dahingestellt. Jedoch erliegt der Autor selbst Illusionen, wenn er auf die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcen- und Energieverbrauch setzt. Seine Aussagen dazu sind widersprüchlich (224, dagegen 240 f.). Widersprüchlich sind übrigens auch seine Aussagen zur Sozialverträglichkeit. Dass er den Sozialstaat trotz der umfangreichen Literatur über die Folgen der neoliberalen Globalisierung noch für voll funktionsfähig hält (230), verwundert. An manchen Stellen fragt man sich ohnehin, wo der Autor lebt, wenn er von steigenden Löhnen, steigendem Wohlstand (219) und Vollbeschäftigung (227) erzählt. Ausbeutung hält er für ein Übel des Frühkapitalismus, was zumindest eine eurozentrische Sichtweise verlangt – nach Gastdozenturen in China und Vietnam recht erstaunlich.

Fazit

Abgesehen von den Modellrechnungen ist das Buch auch für Nicht-Ökonomen leicht verständlich. Wer sich mit dem vom Autor angestrebten Nachweis begnügt, für den mag sich die Lektüre lohnen. Wer einen unverstellten Blick auf die problematischen Folgen des Wachstumszwangs hat, der diesem System inhärent ist, den wird das Buch enttäuschen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 02.10.2019 zu: Mathias Binswanger: Der Wachstumszwang. Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben. Wiley-VCH Verlag (Weinheim) 2019. ISBN 978-3-527-50975-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25862.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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