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Wolfgang Benz: Alltagsrassismus

Cover Wolfgang Benz: Alltagsrassismus. Feindschaft gegen "Fremde" und "Andere". Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2019. 224 Seiten. ISBN 978-3-7344-0794-9. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.

Reihe: Politisches Fachbuch.
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Menschenfeindlichkeit

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“. Mit dieser Prämisse hat die Menschheit die globale Ethik der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 festgelegt. Die Auseinandersetzungen über die Erkenntnis-, Deutungsmacht, Nichtrelativierbarkeit und Allgemeingültigkeit der Menschenrechte allerdings machen deutlich, dass die Idealvorstellung von Menschlichkeit in Frage gestellt wird. Die Vereinten Nationen haben am 7. März 1966 das „Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung“ beschlossen. Dort wird definiert: „Rassendiskriminierung (ist) jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch sich gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird“.

Im interkulturellen und interdisziplinären Diskurs herrscht die Vorstellung vor, dass die Menschheit nicht aus differenzierten „Rassen“ besteht, sondern als Einheit in der Vielfalt zu begreifen ist. Die Einteilung der Menschen in „Rassen“ wird bestimmt von der Wortgewalt, die zu Rassismus wird (Susan Arndt, Rassismus Die 101 wichtigsten Fragen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14286.php). Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International ruft mit der Kampagne „Wir nehmen Rassismus persönlich“ auf, „Betroffenen zuhören – Rassismus erkennen“, und zwar sowohl im persönlichen Umgang, als auch im öffentlichen Leben. Sie will damit zum Ausdruck bringen, dass Rassismus nicht vom Himmel fällt oder in den Genen der Menschen liegt, sondern menschengemacht ist, im Alltag, bewusst, unbewusst und ideologisch eingeführt. Die Konsequenz daraus: „Rassistische Motive nicht zu erkennen, ist auch rassistisch“ (Tina Dürr / Reiner Becker, Hrsg., Leerstelle Rassismus? Analysen und Handlungsmöglichkeiten nach dem NSU, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25423.php).

Autor

Der Berliner Historiker, Rassismus- und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz legt ein Handbuch vor, in dem die verschiedenen Varianten und Entgleisungen hin zur Menschenfeindlichkeit erkannt, benannt und über sie aufgeklärt werden. Es geht um Alltagsrassismen, denen nicht mit simplen Rezepten und Geboten – „Du sollst…“, „Du darfst nicht…“ – beizukommen ist; vielmehr geht es darum, sich der historischen Wurzeln und der je aktuellen Erscheinungsformen bewusst zu werden. Der Autor versteht das Buch „als Kompendium, das Fakten und Begriffserklärungen bietet, Zusammenhänge erläutert, politische und soziale Dimensionen von Ressentiments auslotet, und anhand von Ereignissen den Blick für rassistische Vorurteile und Feindbilder sowie deren Wirkungen schärft, damit alltäglichem Hass und daraus entstehender Gewalt begegnet werden kann“.

Aufbau und Inhalt

Das lexikalisch aufgebaute Buch gliedert der Autor in acht Kapitel.

  • Im ersten setzt er sich mit „Ressentiments und Methoden der Ausgrenzung auseinander“;
  • im zweiten thematisiert er „Historische Dimensionen des Rassismus“;
  • im dritten benennt er „Rassismus als Ideologie“;
  • im vierten stellt er Begriffe und Postulate der „Theorie und Praxis des Rassismus“ vor;
  • im fünften identifiziert er „Rassistische Propaganda, Parolen und Phrasen“;
  • im sechsten werden „Gruppen und deren Abwertung“ aufgeführt;
  • im siebten werden „Akteure und Aktionsfelder des Rassismus“ genannt; und
  • im achten Kapitel geht es um „Strukturen und Formen rassistischer Gewalt“.

Immer dann und überall dort, wo ego-, ethnozentristisches und populistisches Denken von Ideologien und Menschenfeinden geschürt und propagiert wird, knipsen Individuen und Kollektive eigenes Denken aus und überlassen das Denken Demagogen. Deshalb ist es auch so wichtig und unabdingbar, Bildung und Aufklärung zu fördern (siehe z.B. auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen, in: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff). Es sind die „Rassenlehren“, wie sie im Kolonialismus, Faschismus und Nationalsozialismus erfunden und praktiziert wurden; und es sind die aktuellen Tendenzen von Höherwertigkeitsvorstellungen auf der einen, und Fremdenfeindlichkeit gegen Minderheiten auf der anderen Seite, die Parolen wie „Deutschland den Deutschen“, „Das Boot ist voll“ und „Ausländer raus“ salonfähig werden lassen. Dass in Deutschland, in Europa und in der Welt rechtsradikale, rassistische Organisationen entstehen und Zulauf finden, muss jeden demokratisch und freiheitlich denkenden Menschen unruhig und besorgniserregend machen. Es sind die ungebremsten und unkontrollierten Hasstiraden von „Wutbürgern“, von Pegida- und AfD-Followern, und nicht zuletzt die Anonymi in den sozialen Netzwerken, die Unmenschlichkeit propagieren und hinausbrüllen (Ingrid Brodnig, Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23719.php).

Die Menschenfeindlichkeit und Gefährlichkeit von Rassismus macht besonders deutlich, dass das verquere Denken sich als Ideologie festigt, die erfahrungsgemäß allein durch Gegenargumente nicht korrigiert werden kann. Rassismus ist Ausgrenzung von Minderheiten. Wagenburgmentalitäten bilden sich immer dort, wo selbstständiges, kritisches Bewusstsein ausgeschaltet werden soll. Populistische Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Antizionismus und Antiziganismus ist immer Menschenfeindlichkeit. Die Instrumente dafür wachsen auf den Boden von Existenz- und Verlustängsten: Der Fremde will mir etwas wegnehmen! Sie gedeihen dort, wo das Selbstbewusstsein an Ideologien und Mächte abgegeben und von diesen aufoktroyiert wird. Etwa, wenn der populäre Begriff „Heimat“ missbraucht wird; wenn Begriffe wie „Leitkultur“ als Alleinstellungsmerkmale benutzt werden; wenn der Nationenbegriff antidemokratisch und völkisch ausgelegt wird

Fazit

Es sind keine neue Gedanken und Fundstellen über individuellen, lokalen und globalen (Alltags-) Rassismus, die Wolfgang Benz in seinem Kompendium zusammenträgt. Das ist auch nicht notwendig, denn gegen Rassismus gibt es eindeutige Argumente und Einsichten. Sie bündeln sich in der globalen Ethik, in der die nicht relativierbare, allgemeingültige Anerkennung der Würde eines jeden Menschen postuliert wird. Rassismen, wie sie in den bösen Bildern und Programmen auftreten – als Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Antizionismus, Antiziganismus, Homophobie, Islamophobie und Kulturrassismus – können nur mit politischer Bildung und Aufklärung Paroli geboten werden!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.08.2019 zu: Wolfgang Benz: Alltagsrassismus. Feindschaft gegen "Fremde" und "Andere". Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2019. ISBN 978-3-7344-0794-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25864.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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