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Beate Kriechel: Für immer traumatisiert?

Cover Beate Kriechel: Für immer traumatisiert? Leben nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2019. 144 Seiten. ISBN 978-3-86321-427-2. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema

Das Buch widmet sich verschiedenen Lebensverläufen von Betroffenen, die in der Kindheit sexuelle Gewalt erfahren mussten.

Autorin

Die Verfasserin des Buches ist selbst betroffen von sexueller Gewalt und jetzt als Autorin in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig.

Aufbau

Neben einer Einleitung und einem Schlusswort, die für die Thematik wichtig sind, enthält das Buch insgesamt acht verschriftliche Interviews (im eigentlich Sinn Selbstberichte), die sich an vorher vereinbarten Themen und Fragestellungen orientieren.

Inhalt

Die verfassten acht Selbstberichte (sieben Frauen, ein Mann) beziehen sich auf die Umstände des erlebten Missbrauchs, schwerpunktmäßig fokussieren sie auf die Lebensgeschichte danach. Dabei interessieren

  • welche Folgen der Missbrauch hatte,
  • wie die Sicht auf das eigene Selbst ist,
  • mit wem und wann darüber gesprochen werden konnte (oder eben nicht),
  • was bei der Verarbeitung geholfen hat,
  • was aktuell oder auch früher überhaupt als hilfreich erlebt wurde,
  • welche Gefühle möglicherweise heute noch präsent sind.

Insgesamt konnten alle Befragten individuelle Themen zusätzlich einbringen. In der Einleitung wird die Lebensgeschichte der Autorin beschrieben und die Schwierigkeiten und Motive dieses Buch zu verfassen, dabei wird die Grundhaltung bei dieser Thematik im letzten Satz deutlich: „Wir sind nicht der Missbrauch. Wir sind Vieles“. Das engagierte Schlusswort widmet sich dem wichtigen Aspekt der Sprache und der bei diesem Thema verwendeten Begrifflichkeiten.

Diskussion

Das Buch beeindruckt aus vielen Gründen. Es wird zum einen die Verschiedenheit der Umstände bei erlebter, sexueller Gewalt deutlich und es ermöglicht uns einen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt kindlichen Erlebens. Besonders deutlich wird dabei, dass Schweigen und nicht darüber reden eine in der Regel logische Folge (auch der Täterstrategie) ist und dass selbst wenn Versuche unternommen werden als Kind (oder auch später) sich zu öffnen, diese Versuche meist an der Umwelt scheitern. Das Buch verdeutlicht auch die Verschiedenartigkeit der weiteren Lebensverläufe, die Verschiedenartigkeit von Bewältigungsversuchen und die unterschiedlichen Entwicklungen. Dabei beeindruckt der Mut, den die Verfasserin und die acht befragten Menschen aufgebracht haben, um sich dem Thema sexueller Gewalt zu stellen und auch die eigenen Lebenswege zu reflektieren. Eine Kernbotschaft wurde bereits angedeutet: die Erfahrung sexueller Gewalt macht nicht allein die Identität von Betroffenen aus.

Fazit

Das Buch versteht sich (zu Recht) nicht als Selbsthilfebuch oder Selbsthilferatgeber. Es soll vielmehr anderen Betroffenen Mut machen, sich mit der eigenen Geschichte und der Erfahrung sexueller Gewalt auseinanderzusetzen. Dieses Buch kann auch sehr gut in der Ausbildung oder dem Studium für Studierende der Sozialen Arbeit, Psychologie oder Pädagogik verwendet werden, weil sehr intensiv und verständlich das kindliche Erleben nachvollziehbar wird und wir dadurch weitere Gedanken für präventive Strategien schöpfen können. Auch für (erfahrene) BeraterInnen oder TherapeutInnen ist das Buch empfehlenswert, da es bei allen Lebensgeschichten verdeutlicht, was bei der späteren Weiterentwicklung im Erwachsenenalter hilfreich und förderlich sein kann.


Rezensent
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 06.09.2019 zu: Beate Kriechel: Für immer traumatisiert? Leben nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2019. ISBN 978-3-86321-427-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25865.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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