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Markus Herrmann, Heike Ohlbrecht u.a. (Hrsg.): Hausärztemangel auf dem Land

Cover Markus Herrmann, Heike Ohlbrecht, Astrid Seltrecht (Hrsg.): Hausärztemangel auf dem Land. Einblicke in die ländliche Primärversorgung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2019. 141 Seiten. ISBN 978-3-86321-398-5. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,60 sFr.
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Entstehungshintergrund und Autor*innen

Das zu besprechende Werk „Hausärztemangel auf dem Land“ von Herrmann/​Ohlbrecht/​Seltrecht (Hrsg.) stellt die Ergebnisse eines an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg von Markus Herrmann, Institut für Allgemeinmedizin, Heike Ohlbrecht, Institut für Gesellschaftswissenschaften, und Astrid Seltrecht, Institut für Bildung, Beruf und Medien unter Beteiligung von Studierenden der Medizin, der Sozialwissenschaften und Studierenden des Lehramtes an berufsbildenden Schulen der beruflichen Fachrichtung Gesundheit und Pflege sowie im Bereich der Sicherstellung der ärztlichen Versorgung tätigen Praktikern insbesondere der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt und eines im ländlichen Raum Sachsen-Anhalts tätigen Hausarztes dar.

Beleuchtet werden – aus verschiedenen Blickrichtungen – die sich aus dem demographischen Wandel, aus Veränderungen im Krankheitsspektrum, aus Modifikationen im hausärztlichen Professionsverständnis sowie angesichts neuerer ökonomischer Steuerungsmodelle ergebenden Auswirkungen auf die hausärztliche Versorgung im ländlichen Raum Sachsen-Anhalts am Beispiel der Versorgungssituation in Wolmirstedt, einer 11.000 Einwohner zählenden Stadt im Norden von Magdeburg.

Inhalt

Das Werk beginnt mit dem Beitrag des Herausgebers Herrmann „Hausärztemangel auf dem Land – Was tun?“, in dem die Entwicklung eines Konzeptes zur Einrichtung eines interdisziplinären Gesundheitszentrums in Wolmirstedt dargestellt wird. Konzeptionell soll das einzurichtende Gesundheitszentrum der in der Stadt Wolmirstedt bevorstehenden Mangelsituation in der hausärztlichen Versorgung sowie der Versorgung in den Fachgebieten der Neurologie und Psychiatrie, der Suchtmedizin, der Palliativmedizin und der geriatrischen ambulanten Versorgung Rechnung tragen und insoweit beispielgebend für eine zukünftig zu erwartende Mangelsituation in der ärztlichen Versorgung in ländlichen Räumen dienen.

Anknüpfend hieran stellen Lange und Ohlbrecht in dem Beitrag „Neue Herausforderungen der hausärztlichen Versorgung im ländlichen Raum“ die in vielen ländlich strukturierten Teilen Deutschlands zu erwartende Unterversorgung der hausärztlichen Primärversorgung dar. Sie weisen in diesem Zusammenhang auf die Versorgungsbedarfe einer älter werdenden Gesellschaft mit immer differenzierteren Krankheitsbildern, dem parallel hierzu festzustellenden Nachwuchsmangel im Bereich der Allgemeinmedizin und eine erkennbare Veränderung ärztlichen Selbstverständnisses hin. Ebenfalls in den Blick genommen wird die Entstehung neuer professioneller Handlungsfelder wie VersorgungsassistentInnen, operationstechnische AssistentInnen und anästhesietechnische AssistentInnen sowie die Ökonomisierung der gesundheitlichen Versorgung. Die Autoren stellen statistische Daten über den zu erwartenden Fehlbestand an Hausärzten im Bundesland Sachsen-Anhalt zur Verfügung, um die Problematik zu illustrieren.

Zum besseren Verständnis der Arbeit ist zu empfehlen, im Anschluss an diese beiden Berichte, zunächst den Beitrag von Seltrecht „Gesundheit und Alter(n) in suburbanen Räumen“ zu lesen. In diesem Beitrag wird die wissenschaftliche Vorgehensweise bei Durchführung des universitären Seminars dargestellt und berichtet, wie die in dem Werk enthaltenen Beiträge entstanden sind. Unter Beteiligung der Institute für Allgemeinmedizin, Gesellschaftswissenschaften und Bildung, Beruf und Medien der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg haben fünf interdisziplinär zusammengesetzte Studierendengruppen jeweils ein studentisches Forschungsprojekt im Zusammenhang mit der Thematik „Hausärztemangel auf dem Land“ bearbeitet. Auf diese Weise sind fünf Werkstattberichte entstanden, die die drohende bzw. zum Teil schon bestehende Mangelsituation in der hausärztlichen Versorgung in Sachsen-Anhalt aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten.

Gutknecht, Kleemann und Meller befassen sich in ihrem Beitrag „Die Auswirkungen des KVSA-Stipendiums auf Medizinstudierende. Eine Analyse über den Einfluss auf Niederlassungsregion und Facharztwahl“ mit einem von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt geschaffenen Stipendium für Medizinstudierende, die sich zu Beginn des Stipendiums verpflichten, für eine gewisse Zeit als Hausarzt bzw. Hausärztin im ländlichen Raum Sachsen-Anhalts tätig zu werden. Ziel des Stipendiums ist es, interessierte Studierende durch Gewährung finanzieller Anreize verstärkt für eine hausärztliche Tätigkeit in im Hinblick auf eine unzureichende Arztversorgung besonders gefährdeten ländlichen Regionen Sachsen-Anhalts zu motivieren. Der Beitrag lässt erkennen, dass derartige Stipendiummodelle der Gefahr der mangelnden Erkennbarkeit bei den potentiellen Ansprechpartnern begegnen müssen und im Wesentlichen Studierende erreichen, die von ihrer Sozialisation her sowieso eine selbstständige ärztliche Tätigkeit im ländlichen Raum anstreben, wobei es sich typischerweise jeweils um Landeskinder handelt.

Ehrmann, Marder und Wauschkuhn diskutieren in ihrem Beitrag „Entscheidungsprozesse für eine hausärztliche Niederlassung im ländlichen Raum vor dem Hintergrund der individuellen Professionalisierung“ die Gründe, die einen Medizinstudierenden veranlassen, eine Tätigkeit als Hausarzt im ländlichen Raum aufzunehmen. Auf der Grundlage einer im Rahmen des Forschungsprojektes erhobenen Biographie eines in Sachsen-Anhalt niedergelassenen Hausarztes wird erkannt, dass u.a. lebenspragmatische Ursachen die Entscheidung für den Niederlassungsort prägen und hierzu insbesondere die in der heimatlichen Lebenswelt vorhandenen Strukturen gehören.

Ackerhausen, Guenther, Urdahl und Voigt erläutern in ihrem Beitrag „Potenziale und Nebenwirkungen hausärztlicher Delegation an VersorgungsassistInnen in Hausarztpraxen“ die Erfahrungen aus der Delegation originär ärztlicher Aufgaben auf nichtärztliches Personal, insbesondere sog. VersorgungsassistentInnen. Auf der Grundlage von Interviews mit einem derartige Delegationen vornehmenden Hausarzt einerseits und einer Versorgungsassistentin andererseits gelangen die Verfasser zu der Erkenntnis, dass die Einschaltung von VersorgungsassistentInnen in die hausärztliche Versorgung von den Patienten und Patientinnen positiv bewertet wird und erfolgreich ist. Probleme werden insbesondere im Hinblick auf sog. „Mitnahmeeffekte“ beschrieben, weil Patienten bei einer Betreuung durch VersorgungsassistentInnen – anders als bei einem ärztlichen Hausbesuch – sehr häufig der Auffassung seien, neben der medizinischen Versorgung auch andere Dienstleistungen beanspruchen zu können.

Der vierte Werkstattbericht von Fricke, Hartwig, Ringleb und Schindler zu dem Thema „Medizinische Versorgung auf dem Land: Eine Betrachtung von Unterstützungsmöglichkeiten in der ärztlichen Versorgung durch das DRK“ untersucht, ob einem drohenden oder bestehenden Hausärztemangel durch verstärkte Kooperationsbeziehungen zu Wohlfahrtsverbänden, hier dem DRK als örtlichen Träger der Notfallversorgung und des Rettungsdienstes, und mit der Betreuung pflegebedürftiger Menschen betrauter Leistungserbringer, abgeholfen werden kann.

Abgeschlossen werden die Werkstattberichte schließlich durch den Beitrag von Fischer, Kirschner, Likus, Marx und von Kampen „Schlafmittelmissbrauch: Inwieweit bestehen Unterschiede im Erkennen von Abhängigkeiten? Ein Vergleich zwischen pharmazeutischer, allgemeinmedizinischer und neurologischer Sicht“. Dieser Beitrag, der in seiner Thematik im Zusammenhang mit dem Thema Hausärztemangel eher wesensfremd wirkt, schließt das Werk ab.

Diskussion

Es handelt sich bei dem zu besprechenden Werk um eine Zusammenfassung durchaus lesenswerter Beiträge aus interdisziplinären studentischen Forschungsvorhaben. Dem Ausbildungsstand der VerfasserInnen entsprechend kann natürlich nicht eine wissenschaftlich tiefgehende und umfassende Bearbeitung der jeweiligen Aspekte der Thematiken erwartet werden. Ungeachtet dessen handelt es sich bei den veröffentlichten Beiträgen durchgehend um solche, die gute Hinweise auf Einzelaspekte im Zusammenhang mit der Bewältigung des Hausärztemangels im ländlichen Raum benennen und Hinweise für entsprechende Aktivitäten in anderen ländlichen Regionen Deutschlands geben können.

Dies gilt insbesondere für die Arbeit zu den von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt gewährten Stipendien an Medizinstudierende, die sich verpflichten wollen, zukünftig im ländlichen Raum Sachsen-Anhalts als Hausarzt tätig zu werden. Der Beitrag weist nach, dass derartige Stipendien durchaus sinnvoll sein können, aber mit einer „Bekanntmachungskampagne“ verbunden sein müssen, die die Stipendien in der angestrebten Zielgruppe, Medizinstudierende, die ein Interesse an einer hausärztlichen Tätigkeit in ländlichen Räumen entwickeln könnten, ausreichend bewirbt.

Darüber hinaus wird bei der Initiierung derartiger Programme kritisch zu prüfen sein, ob und inwieweit die Anzahl niederlassungswilliger Studierender, die als Hausärzte oder Hausärztinnen in der jeweiligen ländlichen Region tätig werden wollen, durch die Stipendien tatsächlich erhöht werden kann oder ob lediglich „Mitnahmeeffekte“ eintreten. Hierauf deuten die Erkenntnisse des Beitrages hin, dass KVSA-Stipendien insbesondere von Personen in Anspruch genommen worden sind, die aufgrund ihrer Sozialisation sowieso eine Nähe zum ländlichen Raum in Sachsen-Anhalt aufweisen.

Wertvolle Hinweise liefert auch der Beitrag zur Möglichkeit der Delegation ärztlicher Leistungen auf VersorgungsassistentInnen, der erkennen lässt, dass eine solche Delegation nicht nur tatsächlich möglich ist, sondern von den Patientinnen und Patienten auch überwiegend positiv bewertet wird.

Neben den inhaltlichen Ausführungen ist besonders positiv der wissenschaftliche Ansatz eines interdisziplinären Herangehens an die Thematik „Hausärztemangel auf dem Land“ zu bewerten. Die interdisziplinäre Bearbeitung der jeweiligen Themen und die damit verbundenen unterschiedlichen Blickwinkel öffnen einen wissenschaftlichen Zugang zu der Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven und damit eine sehr viel umfangreichere thematische Bearbeitung. Ebenso beeindruckend ist die bei derartigen akademischen Lehrveranstaltungen nur selten festzustellende Einbindung von Praktikern (Hausärzte, Versorgungsassistenten, Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt und des vom DRK getragenen Rettungsdienstes). Diese Vorgehensweise sorgt dafür, dass anstelle von theoretisierenden Abhandlungen eine am praktischen Leben orientierte Bearbeitung erfolgen konnte. Es ist davon auszugehen, dass dies sich nicht nur in den veröffentlichten Beiträgen niedergeschlagen hat, sondern auch zu einem zusätzlichen Erkenntnisgewinn für die an der Lehrveranstaltung teilnehmenden Studierenden der verschiedenen Fachrichtungen geführt hat. Es ist sicherlich zu empfehlen, derartige Formen akademischer Lehre und Forschung auch zukünftig fortzusetzen bzw. neu auszuprobieren.

Fazit

Insgesamt liefert das Werk einen durchaus instruktiven Zugang zu der deutschlandweit bestehenden Problematik des „Hausärztemangels auf dem Land“. Selbstverständlich kann das Werk, in dem im Wesentlichen Arbeiten von Studierenden publiziert worden sind, nicht den Anspruch umfassender wissenschaftlicher Durchdringung erheben. Den VerfasserInnen der einzelnen Beiträge ist es aber gelungen, die Thematik des Hausärztemangels auf dem Land aus den verschiedensten Blickwinkeln zu beleuchten und jeweils interessante Aspekte herauszuarbeiten, die für vergleichbare Modelle in anderen Regionen Deutschlands durchaus Vorbild sein können. Zumindest der Unterzeichner hat das zu besprechende Werk durchaus mit einem nicht unerheblichen Erkenntnisgewinn lesen dürfen.


Rezension von
Prof. Dr. Mathias Nebendahl
Rechtsanwalt und Notar, Fachanwalt für Medizinrecht, Fachanwalt für Arbeitsrecht, Fachanwalt für Verwaltungsrecht, Brock Müller Ziegenbein Rechtsanwälte Partnerschaft mbB Notare Kiel
Homepage www.bmz-recht.de
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Zitiervorschlag
Mathias Nebendahl. Rezension vom 21.04.2020 zu: Markus Herrmann, Heike Ohlbrecht, Astrid Seltrecht (Hrsg.): Hausärztemangel auf dem Land. Einblicke in die ländliche Primärversorgung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2019. ISBN 978-3-86321-398-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25866.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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