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Maria Groinig, Wolfgang Hagleitner u.a. (Hrsg.): Bildung als Perspektive für Care Leaver?

Cover Maria Groinig, Wolfgang Hagleitner, Thomas Maran, Stephan Sting (Hrsg.): Bildung als Perspektive für Care Leaver? Bildungschancen und Bildungswege junger Erwachsener mit Kinder- und Jugendhilfeerfahrung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 227 Seiten. ISBN 978-3-8474-2230-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Schriftenreihe der ÖFEB-Sektion Sozialpädagogik - 4.
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Thema

Care Leaver werden im wissenschaftlichen Forschungsansatz Jugendliche bezeichnet, die in Heimen oder Pflegefamilien aufwachsen und als Volljährige aufgefordert sind, ein eigenes Leben zu gestalten. Beim Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim haben Forscherinnen und Forscher nachgeschaut, wie sich die Situation der Betroffenen in Deutschland darstellt. Sie stellen fest, dass es – trotz der im Kinder- und Jugendhilfegesetz grundsätzlich geregelten Bestimmungen – erhebliche Probleme gibt, den Übergang von den stationären Betreuungen hin zum eigenen, selbstständigen Leben zu vollziehen. Es sind z.B. Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, ein eigenes finanzielles und ökonomisches Auskommen zu schaffen, einen Beruf zu erlernen oder zu studieren. Es gilt, bei den institutionell und gesetzlich Beteiligten, wie auch bei den direkt betroffenen Jugendlichen ein Problembewusstsein zu schaffen und Netzwerke zu entwickeln (siehe dazu auch: www.careleaver-online.de).

Es ist der vom indischen Ökonomen Amartya Sen und von der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum entwickelte „Befähigungsansatz“, der für die theoretischen Reflexionen und Forschungen und für die praktische Umsetzung bedeutsam ist (Benjamin Strahl, Heimerziehung als Chance? Erfolgreiche Schulverläufe im Kontext von stationären Erziehungshilfen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25177.php); und es sind die Forschungsnachweise und -ergebnisse aus der Arbeit der SOS-Kinderdörfer, die diesen bisher eher vernachlässigten Feld eine neue Aufmerksamkeit zukommen lassen (Renate Höfer/Kristin Teuber/Ylva Sievi/Florian Straus, Verwirklichungschance SOS-Kinderdorf. Handlungsbefähigung und Wege in die Selbstständigkeit, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​22314.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Die Aufmerksamkeit zeigt sich mittlerweile in mehreren internationalen Studien über Care Leaver. Die Österreichische Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen (ÖFEB) widmet sich seit Jahren diesem sozialpädagogischen Forschungs- und Praxisbereich. Die Studie „Bildungschancen und Einfluss sozialer Kontextbedingungen auf Bildungsbiographien von Care Leavers“ wurde vom Arbeitsbereich für Sozialpädagogik und Inklusionsforschung an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt unter der Leitung des Sozial- und Integrationswissenschaftlers Stephan Sting durchgeführt. Er, der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Hagleitner, die wissenschaftliche Mitarbeiterin Maria Groinig und der Organisationsentwickler Thomas Maran von der Universität Liechtenstein in Vaduz, legen die Ergebnisse der Studie vor. Sie zeigen damit die Bildungssituationen und Entwicklungen von österreichischen Care Leavern auf.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der sie auf die gesetzlichen Bestimmungen verweisen, die Lücken und Defizite in den institutionellen Sozial- und Bildungssystem aufzeigen und auf die biografischen und gesellschaftlichen Situationen von Care Leavern hinweisen, werden der Verlauf und die Ergebnisse der Studie in fünf weiteren Kapiteln dargestellt: „Veränderungen im Verselbstständigungsprozess junger Erwachsener: Konsequenzen für die Lebens- und Bildungssituation von Care Leavern“ – „Empirische Annäherungen an die Bildungssituation von Care Leavern“ – „Studie und Forschungsdesign“ – „Design und Ergebnisse der quantitativen Teilstudie“ – „Design der biographisch orientierten qualitativen Teilstudie“. Im letzten Kapitel werden „Konsequenzen für bildungsbezogene Unterstützungsformen in und nach der Jugendhilfe“ vorgeschlagen.

Auch in Österreich, wie in vielen anderen industrialisierten Ländern, haben sich Wandlungs- und Veränderungsprozesse im Bereich der Jugendphase ergeben: „Die Phase des gesetzlichen Jugendalters von 14 bis 18 Jahren wird heute überwiegend von Vollzeit-Schul- und Ausbildungen geprägt“. Die folgenden Jahre werden meist als „Zwischenzeit“ und „Postadoleszenz“ bezeichnet (vgl. dazu auch: Susanne Hauser, u.a., Hrsg., Übergangsraum Adoleszenz. Entwicklung, Dynamik und Behandlungstechnik Jugendlicher und junger Erwachsener, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9762.php). In den bisher vorliegenden Untersuchungen (in Deutschland) wird deutlich, dass Jugendliche, die in Heimen oder Pflege-Einrichtungen aufwachsen, in hohem Maße begonnene Bildungs- und Fördermaßnahmen abbrechen und damit auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind. Weil darüber in Österreich keine Informationen vorliegen, stellen die Ergebnisse der Studie einen Fingerzeig für die Situation von Care Leavern beim Wechsel von der Fremdunterbringung hin zur Selbstständigkeit dar. Es ist deshalb verdienstvoll und weiterführend, dass in der österreichischen Studie der Blick über den nationalen Gartenzaun getan wird und die international vorliegenden Forschungsergebnisse vorgestellt und analysiert werden.

In Fragebogenaktionen wurden soziodemographische, ressourcenrelevante, sozioökonomische und bildungsmotivatorische Daten ermittelt. Aus den Anfragen von rund 50 in der stationären Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen in Österreich tätigen Organisationen wurden rund 700 Care Leavers befragt. Die Ergebnisse werden in zahlreichen Tabellen aufgewiesen. In sechs exemplarisch ausgewählten Fallporträts (Chantal, 24 Jahre alt; Jasmine, 28; Manuela, 24; Mike, 20; Pascal, 21; Franz-Joseph, 27). Daraus filtern die Forscher*innen fallübergreifende, zentrale Orientierungsrahmen bei den Befindlichkeiten von Care Leavern: Ringen um Normalität, Streben nach sozio-emotionaler Zuwendung, Streben nach Eigenverantwortung, Autonomie und Selbstbestimmung und das Sich-Einrichten im beschränkten sozialen Raum. In der Analyse werden die gelingenden und misslingenden Entwicklungen verdeutlicht.

Fazit

„Formale Bildung ist in der gegenwärtigen Gesellschaft ein zentraler Faktor für soziale Teilhabe“. Besonders junge Menschen mit Jugendhilfeerfahrung sind dabei, z.B. durch „soziale Vererbung“, in besonderer Weise benachteiligt, was andererseits eben auch Chancen beim betreuten Leben in Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen bedeuten kann. Besonders bedeutsam ist die Schaffung von sozialen, anerkennenden Kontakten. In der Studie wird besonders betont, „dass Peers in Form von Freundschaften, Partnerschaften und Jugendcliquen Bildungsverläufe in einem hohen Ausmaß mitbestimmen“; da dies in positiven, persönlichkeitsbildenden, als auch negativen, abträglichen Entwicklungen stattfinden kann, kommt den pädagogischen und sozialen Kompetenzen und Professionen von Lehr- und Bildungspersonen eine besondere Bedeutung zu. Diese Herausforderung verweist auf den habituellen, professionellen Aspekt, den es intensiver und institutionalisierter bei Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen für Care Leaver zu beachten gilt (siehe dazu auch: Ralf Lutz, Sinnvergessenheit in der Professionalisierung? Ein empirischer Vergleich zweier Theoriekonzepte, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26075.php).

Die ÖFEB reagiert darauf beim Sektionstag Herbst 2020 mit dem Tagungsthema: „Einstiege, Umstiege, Aufstiege. Was wissen wir über Professionalisierungsprozesse von Lehrpersonen und pädagogischen Fachkräften?“.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.04.2020 zu: Maria Groinig, Wolfgang Hagleitner, Thomas Maran, Stephan Sting (Hrsg.): Bildung als Perspektive für Care Leaver? Bildungschancen und Bildungswege junger Erwachsener mit Kinder- und Jugendhilfeerfahrung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-8474-2230-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25867.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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