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Hans Wocken: Die AUCH-Inklusion

Cover Hans Wocken: Die AUCH-Inklusion. Die Idee der Inklusion und die Macht des Systems. Feldhaus Verlag GmbH & Co. KG (Hamburg) 2019. 1. Auflage. 248 Seiten. ISBN 978-3-925408-54-0. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.

Reihe: Lebenswelten und Behinderung - 22.
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Thema

Kritisch setzt sich die Publikation mit der schulischen Inklusion in der Bundesrepublik Deutschland auseinander.

Autor

Der 1943 geborene Autor Hans Wocken war von 1980 bis 2008 Professor für Lernbehinderten- und Integrationspädagogik an der Universität Hamburg.

Aufbau

  1. Das Scheitern der Pseudo-Inklusion. Beklagte Missstände, unangenehme Wahrheiten und dringliche Umsteuerungen
  2. „German Statement“ Inklusion. Wie die Inklusionsopposition einen Coup landen konnte
  3. „Radikale“ und „moderate“ Inklusion. Rekonstruktion inklusionspädagogischer Konzepte und Positionen
  4. Eine „ungewollte“ Schwangerschaft. Fragmentarische Notizen zur schwierigen Koexistenz von Inklusion und Separation
  5. Inklusion und das Gymnasium. Juristische Anfragen und erste Antworten
  6. Über Wunschtäter, Wohltäter und Wirkungstäter. Essay über dreierlei Ideologie in der Inklusionsdebatte
  7. Reinhard Stähling und Barbara Wenders: Ein Tag an der PRIMUS-Schule Berg Fidel/Geist. Einblicke in eine Stammgruppe einer Versuchsschule

Inhalt

Kritik an der Inklusion ist in Mode gekommen. Die schulische Inklusion wird schlecht geredet. Inklusionskritiker drosseln das Tempo, mit dem die Inklusion voranschreitet. Am besten ist die Inklusion aber abzuschaffen.

Wocken nimmt Bezug auf den Gymnasiallehrer Michael Felten, nach dessen Ansicht die Inklusion das Bildungssystem ruinieren würde.

In dem Kapitel, welches sich mit dem Scheitern der Pseudo-Inklusion befasst, betrachtet Wocken:

  • die Unterfinanzierung, anhand derer festgestellt wird, dass eine kostenneutrale Inklusion scheitern muss;
  • die Überforderung v.a. der Regelschullehrer, die sich in der Diagnose Burnout zeigt;
  • den Separationsstillstand, wonach es ohne einer Minimierung der Separation keine Inklusion gibt;
  • der Etikettierungsschwemme, denn „die neuen Förderschüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ stammen fast ausschließlich aus den Regelschulen.

Die Pseudo-Inklusion, mit der Wocken diesen Beitrag überschrieben hat, „ist definiert durch die Gleichzeitigkeit von Separationsstillstand (im Sonderschulsystem) und Etikettierungsschwemme (im Regelschulsystem)“ (S. 13).

In seinem zweiten Beitrag betrachtet der Autor das „German Statement“ Inklusion. Konkret dreht es sich um Artikel 24 CRPD. Deutschland ist nicht bereit, „sich in sehr wesentlichen Punkten der Auffassung des UN-Fachausschusses anzuschließen“ (S. 17), obwohl die Weichen hierzu durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahre 2009 gestellt sind.

Mit der Rekonstruktion inklusionspädagogischer Konzepte und Positionen wird das Fehlen eines einheitlichen Inklusionsbegriffs aufgegriffen. Begründet ist diese Uneinheitlichkeit durch das recht unterschiedliche Verständnis von Inklusion in der scientific comunity. Aus diesem Umstand resultieren in der Inklusionsdebatte unterschiedliche Lager, als da wären Inklusionsbefürworter vs. Inklusionsgegner und Proponenten vs. Opponenten. Hieraus bilden sich die Standpunkze einer moderaten und einer radikalen Inklusion.

Die radikale Inklusion fordert, mit Blick auf die UN-Behindertenrechtskonvention, ein inklusives Schulsystem. Derzeit ist, nach radikalem Verständnis, dieses, aufgrund des gegliederten Schulsystems, in Deutschland nicht gegeben. Bei der moderaten Inklusion ist das gegliederte Schulsystem verboten. „Die angesonnene political correctness legt es nahe, von einer ‚Vielfalt der Lernorte‘ und einem ‚differenzierten Schulsystem‘ zu sprechen“ (S. 32), wie es im Kaskaden-Modell – und hierbei handelt es sich um ein Wasserspiel, bei dem das Wasser in mehreren gestuften Becken nach unten – fallend fließt – gegeben ist.

In der „ungewollten“ Schwangerschaft wird die Verschiedenheit der Köpfe betrachtet, die sich in einem Klassenzimmer befinden. Diese Verschiedenheit der Köpfe lässt die Beschäftigung mit der Separation und der Inklusion folgen.

„Der theoretische Kern der Separation ist die ‚Homodoxie‘ […], der Glaube daran, dass homogene Lerngruppen eine hohe Lernwirksamkeit haben und besser händelbar sind“ (S. 85).

Inklusion ist gekennzeichnet durch Heterogenität, wie z.B. beim Modelllernen, beim tutoriellen Lernen mit Peers und dem Lernen durch Lehren.

Funktioniert die Inklusion am Gymnasium? Konkret nimmt der Verfasser einen Fall zur Inklusion auf ein Gymnasium in Bremen ins Visier. Im April 2018 verklagte die Leiterin eines Gymnasiums den Senat wegen der Inklusion. Im Juni 2018 hat das Verwaltungsgericht der Freien Hansestadt Bremen geurteilt und die Klage abgewiesen.

In seinem letzten Aufsatz befasst sich Hans Wocken mit der Ideologiekeule. Hier werden drei Ideologien behandelt:

  1. die Ideologie der Wunschtäter – und das ist die Schöne-Welt-Ideologie;
  2. die Ideologie der Wohltäter – und das ist die Schonraum-Ideologie;
  3. die Ideologie der Wirkungstäter – und das ist die Evidenzideologie.

Einen Schultag in eine Stammgruppe der Grundschule Berg Fidel gewähren am Ende dieses Bandes die Autoren Reinhard Stähling und Barbara Wenders.

Fazit

In sechs Essays führt Hans Wocken seine Sicht zur schulischen Inklusion vor. Hierbei konzentriert er sich vor allem auf die, 2009 von Deutschland, ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention, die eine Schule für alle fordert, aber von Deutschland scheinbar nicht beachtet wird. Wenn sie beachtet wird, so ist die Inklusion im Bildungsbereich, v.a. im schulischen Kontext – und hierfür sprechen auch eigene Behinderungserfahrungen des Rezensenten – noch lange nicht eingelöst.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 25.09.2019 zu: Hans Wocken: Die AUCH-Inklusion. Die Idee der Inklusion und die Macht des Systems. Feldhaus Verlag GmbH & Co. KG (Hamburg) 2019. 1. Auflage. ISBN 978-3-925408-54-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25868.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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