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Simone Krüger: Muslime in der Sozialen Arbeit

Cover Simone Krüger: Muslime in der Sozialen Arbeit. Religiöse Quellen als Integrationshelfer? tredition GmbH (Hamburg) 2019. 208 Seiten. ISBN 978-3-7482-3587-3.
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Autorin

Simone Krüger hat nach eigenen Angaben eine grosse Erfahrung in der Durchführung von interkulturellen Workshops. Ebenso verfügt sie über eine lange Erfahrung in der Begleitung von gläubigen, muslimischen Familien, in erster Linie im Schulkontext.

Inhalt

Das vorliegende Buch versammelt einen reichen empirischen Erfahrungsschatz in der alltäglichen Arbeit mit muslimischen Familien im Kontext von Schule und Bildung in der deutschen Migrationsgesellschaft. Mitunter unterschiedlich angetroffene oder erwartete Vorstellungen von elterlicher Autorität oder jener von Lehrpersonen, Wertvorstellungen und religiös abgeleitete Verhaltensregeln nehmen einen grossen Raum ein. Ein Stück weit geht es auch um Identitätspolitik. Am Anfang schildert ein Lehrer für islamischen Unterricht aus Bayern, Amin Rochdi, die Verzweiflung und auch den Überdruss seiner Schülerinnen und Schüler, welche sich in der Nachfolge der Anschläge auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» in Paris 2015 mit Anfeindungen und auch Erklärungsforderungen konfrontiert sahen, die sie ebenso ratlos zurückliessen wie die zugrundeliegenden Anschläge. Dass sie als Menschen muslimischer Konfession einen spezifischen Bezug zu diesen Vorkommnissen haben sollten, leuchtete ihnen nicht ein. Doch statt diesem Dilemma, diesen Prozessen Raum zu geben, möchte Simone Krüger mit ihrem Buch die Chance nutzen, dem «anderen», dem «guten» Islam eine Plattform zu geben. Dies ist eine hehre Absicht und im zweiten Teil des Buches finden sich zu so unterschiedlichen Themen wie Sexualität, Eltern-Kind-Verhältnis oder Engel Zitate und Richtlinien aus dem Koran. So spannend diese zu lesen sind, so fehlt dem Buch doch eine wichtige Ebene: jene der kritischen Reflexion. Denn im Koran – wie auch in anderen religiösen Büchern oder als solche gelesenen – findet sich für jede Situation und jedes Problem der passende Spruch.

Diskussion

Ein Buch, welches sich als Handlungsanleitung in der pluralen Gesellschaft, als Integrationshilfe versteht, jedoch bei den Gegenüberstellungen Individualismus (Westen) versus Kollektivismus (Muslime), bei schwacher versus starker Unsicherheitsvermeidung und anderen statischen, essentialistischen Begrifflichkeiten Geert Hofstedes verharrt, findet im heutigen Diskurs keinen Anschluss. «Unsicherheit wird als normale tägliche Erscheinung hingenommen.» wird beispielsweise die in Deutschland vorherrschende Werthaltung beschrieben. Das gibt angesichts der aktuellen Wahlresultate in den neuen Bundesländern – und allgemein in Betrachtung der Situation in Westeuropa, doch zu denken. Mit Ingrid Gogolin zur Mehrsprachigkeit, Georg Auernheimer zu interkulturellen Pädagogik, Paul Mecheril zur Migrationspädagogik und Stefan Gaitanides zu (vermeintlich) interkulturellen Konflikten gibt es schon im Bildungskontext im engeren Sinn eine ganze Reihe vorwärtsgerichtete, qualitativ hochstehender und reflektierter Beiträgen zum Thema. Alle diese Namen kommen in Simone Krügers Ausführungen nicht vor. So vergibt sie sich die grundsätzlich interessante und innovative Perspektive mit dem Fokus auf gläubige Muslime und bleibt in einem anti-dynamischen, hölzernen Kulturkonzept stecken, welches keine Entwicklung beinhaltet. Zwar sind Simone Krügers Aufrufe zum „Sowohl-als-auch“ statt „Entweder-Oder“ durchaus tauglich. Es bleibt jedoch die hoch problematische Vorstellung fester, grundsätzlich unveränderlicher Kulturen.

Fazit

Das Buch «Muslime in der Sozialen Arbeit» wird angepriesen als ein «Must have» für «pädagogische Fachkräfte in sozialen Einrichtungen, Lehrkräfte an Schulen und ehrenamtlich Tätige» (Umschlagseite). Ich denke, die Genannten und darüber hinaus weitere Personen, welche sich mit Integrationsfragen befassen, können von dem Buch profitieren. Interessant ist die Fokussierung auf praktizierte Religion als eine Integrationsressource. Allerdings muss die in der Diskussion angesprochene Limitation des Buches klar vor Augen gehalten werden. Wer auf der Suche nach Interpretationen und positiven, integrationsfreundlichen Botschaften aus dem Koran ist, wird im zweiten Teil des Buches fündig. Für den Anschluss an einen Inklusionsdiskurs ist eine essentialistische, «Kultur», «Religion» und «Identität» als unverrückbare Grössen perzipierende Haltung nicht förderlich.


Rezension von
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 24.02.2020 zu: Simone Krüger: Muslime in der Sozialen Arbeit. Religiöse Quellen als Integrationshelfer? tredition GmbH (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-7482-3587-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25872.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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