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Stefan Hochstadt (Hrsg.): Stadtentwicklung mit Stadtmanagement?

Cover Stefan Hochstadt (Hrsg.): Stadtentwicklung mit Stadtmanagement? VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 205 Seiten. ISBN 978-3-531-14471-9. 19,90 EUR.
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Thema

In der städtischen Praxis entwickelte sich in den letzten Jahren ein Tätigkeitsfeld, das mit Stadt-, City-, Quartiersmanagement oder auch Stadtmarketing bezeichnet wird. Die unterschiedlichen Bezeichnungen zeigen bereits die Heterogenität des Tätigkeitsspektrums. In vielen Kommunen gibt es inzwischen Stadtmanager, doch gibt es bisher kein einheitliches Aufgabengebiet noch eine klare Vorstellung der benötigten Qualifikationen.

Herausgeber

Dr. rer. pol. Stefan Hochstadt hat eine Vertretungsprofessur für Stadt- und Regionalsoziologie / sozio-ökonomische Grundlagen der Planung am Fachbereich Architektur der FH Dortmund inne.

Entstehungshintergrund

Das Forschungsprojekt "Stadtmanagement - Berufsbild zwischen ökonomischer Pflicht und sozialer Kür" an der FH Dortmund, Fachbereich Architektur, möchte Stadtmanagement und die Zukunft der Stadt auf neue, der städtischen (und also gesellschaftlichen) Realität adäquate Weise diskutieren. Kern des Projektes ist die Skizzierung des Tätigkeitsfeldes und insbesondere der dafür qualifizierenden und noch zu entwickelnden Ausbildung.

Nach Auffassung der Projektbeteiligten muss eine solche angestrebte Ausbildung insbesondere solche Menschen ansprechen, die über eine bereits erworbene Qualifikation schon über einen professionellen Zugang zu Stadt verfügen (Architekten, Raum- und Stadtplaner, Soziologen und Geografen). Die im vorliegend Sammelband enthaltenen Beiträge sind ein Beitrag zur Debatte dieser Position. Die Projektbeteiligten hatten in dem Projekt mit zahlreichen Experten zusammengearbeitet, die sie aufriefen, sich mit einem Beitrag an der Debatte zu beteiligen. Die vorliegenden Beiträge sind eine Auswahl daraus.

Das Buch gliedert sich in drei Teile.

1 Allgemeine Auseinandersetzung mit dem Komplex Stadt

Der erste Teil besteht aus drei Aufsätzen, die sich allgemein und auf eher theoretischer Basis mit dem Komplex Stadt auseinandersetzen.

  1. Den Anfang macht Sebastian Herkommer mit seinem Beitrag  "Bremsversuche in der Abwärtsspirale. Soziale Stadtentwicklung unter Bedingungen der Krise". Die wachsende soziale Ungleichheit in der Folge des tief greifenden Strukturwandels der kapitalistischen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht hier im Mittelpunkt der Diskussion. Dagegen setzt Herkommer die Aufgaben und Lösungsansätze der sozialen Stadtentwicklung, die vor allem den Prozess der Entmischung zu stoppen habe.
  2. Walter Siebel schließt mit der Frage "Hat die europäische Urbanität eine Zukunft?" an. Zunächst skizziert er die europäische Urbanität und die Bedingungen und Charakteristika europäischer Kultur als Stadtkultur. Er stellt die Rationalität und die Emanzipation als zwei wesentliche Elemente heraus, die unmittelbar verknüpft sind mit dem Kapitalismus selbst und dessen sozialstaatlicher Regulierung. Ausführlich diskutiert Siebel die Zukunftsfähigkeit der europäischen Stadt anhand der Veränderungen ihrer traditionellen Gestalt und anhand von Urbanität als einer positiven Utopie. Er kommt zu der Auffassung, dass neben bloßen Beharrungskräften durchaus auch ökonomische, soziale und politische Argumente existieren, wonach Stadt auch in Zukunft notwendig sein könnte.
  3. Den ersten Abschnitt beendet Joachim Brech mit einer impliziten Behauptung "Stadtteilwandel durch Wandel der Lebensstile". Er beschreibt die Auswirkungen von Lebensstilen - als Ausdruck eines Wertewandels - auf die Anforderungen an und die Entwicklungen von Städten und Wohngebieten. Brech ist der Auffassung, dass sich zwar statistische Normalverläufe nicht leugnen lassen, dass aber die Vielfalt der Optionen und der resultierenden Lebenswirklichkeiten aus dem engen Korsett der verordneten Normierung zwingen. Die Buntheit möglicher Lebensentwürfe allerdings führt auch zu verstärkten Tendenzen, Homogenität im konkreten Lebens- und vor allem Wohnumfeld zu suchen. Der Verlust der Gewissheit führt zur Orientierung an Bekanntem mit der Folge weiterer stadträumlicher Fragmentarisierung und Differenzierung.

2 Aktuelle Stadtentwicklungsprozesse

Der mittlere zweite Teil besteht aus drei Aufsätzen, die konkretere und eher umsetzungsorientierte Aussagen zu aktuellen Stadtentwicklungsprozessen machen.

  1. Michael Lindenberg stellt das an der Evangelischen Fachhochschule in Hamburg wenn schon nicht entwickelte so doch wesentlich vorangetriebene Konzept "Quartiersentwicklung durch Gemeinwesenökonomie" und diskutiert dieses kritisch. Lindenberg spricht sich vor allem gegen die Reduzierung menschlicher Lebensäußerungen auf ein rational-ökonomisches Modell aus, das keinen Platz lässt für Interaktionen jenseits der Rechenbarkeit. Wenn Menschen gegen die bzw. ungeachtet der Logik des Äquivalententauschs kommunizieren und interagieren, dann lässt sich Vernunft als Leitgröße nicht abschließend anwenden. In diesem Sinne wendet er sich auch kritisch gegen die Gegenüberstellung von "ökonomischer Pflicht" und "sozialer Kür" im Titel des diesem Buch zugrunde liegenden Projekts. Das Soziale, die Bedeutung des Gemeinwesens ist demnach zurück zu gewinnen und als ein wichtiger Aspekt künftiger Stadtentwicklung zu behandeln.
  2. Gesa Witthöft führt in die Gender-Debatte ein und formuliert ihre Forderung zur systematischen methodischen Berücksichtigung des Gender-Aspektes als rhetorische Frage "Planning Gender?! Konzeptionen - Themen - Anwendungsfelder". Auch wendet sie sich gegen Verkürzungen und plädiert für das Recht auf Zwischentöne, die gerade auch für die Gender-Debatte von Bedeutung sind. Witthöfts Analyse führt darauf hinaus, Gender als integralen Aspekt von Planung zu etablieren; daher und daneben hält sie es für sinnvoll, Methoden und Methodologie des Gender Planning als Baustein bei der Entwicklung und Einbindung von Planungs- und Bauvorhaben zu erschließen und zu kultivieren. Abschließend stellt die Autorin Anforderungen für Lehre, Praxis und Politik zur Diskussion.
  3. Am Beispiel von Duisburg-Marxloh zeigen Ivonne Fischer-Krapohl und Viktoria Waltz mit "Migration als Chance der Städte - "Ethnische Ökonomie" neu gesehen", dass der in der aktuellen Debatte zur Entwicklung der Städte Programme zum Umgang mit den Auswirkungen eines hohen Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund zum einen rein politisch konzipiert sind (z.B. im NRW-Programm "Stadtteile mit besonderem Emeuerungsbedarf"). Die Gesellschaft wird nicht als fähig erachtet, Wieder-Verantwortung für ein Quartiers-Gemeinwesen zu übernehmen. Zum anderen sollten diese Programme sich nicht auf die negativen Aspekte beschränken. Die Autorinnen fordern, es als Tatsache, als Teil der städtischen Wirklichkeit anzusehen, dass sich soziale Gruppen räumlich organisieren, und weisen nach, dass dies durchaus positive Auswirkungen haben kann. Besonders kann dies ein Potenzial für die Erneuerung und Stabilisierung schrumpfender Regionen wie dem Ruhrgebiet sein. Mit vielen Primär- und Sekundärdaten zeigen die Autorinnen für Duisburg-Marxloh, dass die lokalökonomische Aktivität türkischstämmiger Menschen erstens beträchtlich ist und zweitens immer differenzierter und insofern immer normaler wird. Sie formulieren Anforderungen an Planer und Quartiersmanager sowie an eine umfassende Sozialraumanalyse und betonen die Notwendigkeit, Migranten die Möglichkeit zu bieten, selbst zu Wort zu kommen.

3 Anwendungsbezogene Maßnahmen und Strategien

Der abschließende dritte Teil besteht aus drei Aufsätzen, die ganz konkret und beispielhaft anwendungsbezogene Maßnahmen oder Strategien skizzieren.

  1. Mit dem in Österreich inzwischen schon recht geläufigen Konzept "Stadt- und Regionalmanagement" eröffnet Martin Heintel den letzten Abschnitt. Er versteht Stadt- und Regionalmanagement als intermediäre Institution, die als Mittler zwischen regionalen Akteuren und Verwaltung mit projektbezogenen, kommunikativen und kooperativen Zielsetzungen tätig ist. Es operiert zwischen Expertenlogiken, politischen Logiken und andministrativen Logiken und übernimmt Aufgaben zum Teil auch dort, wo staatliche Steuerung, marktwirtschaftliche Mechanismen oder regionale Selbststeuerung bisher versagt haben. Abschließend bilanziert der Autor die vergangenen 10 Jahre Stadt- und Regionalmanagement und gibt einen Ausblick auf Rahmenbedingungen, Inhalte und Maßnahmen zukünftigen Stadt- und Regionalmanagements.
  2. Ursula Funke stellt ihr in den neunziger Jahren entwickeltes und seitdem ständig erweitertes und verbessertes Modell "Stadtkonzeption, Stadtmarketing und City Management" vor, das in der Praxis bereits erfolgreich umgesetzt wurde. Etliche Städte haben sich von ihr gemäß in diesem Modell entwickelten Leitlinien beraten lassen. Sie geht unter anderem auf Aufgaben, Vorgehen und Erfolgsvoraussetzungen ein.
  3. Zum Schluss präsentieren lndra Mertens und Katja Usunov die wichtigsten Ergebnisse des dem Buch zugrundeliegenden Projektes "Stadtmanagement - ein neues Berufsbild zwischen ökonomischer Pflicht und sozialer Kür": den Bedarf an Stadtmanagement, mögliche Aufgabenfelder, die Organisation von Stadtmanagement und die notwendigen Qualifikationen von Stadtmanagern. Ergänzend skizzieren sie den entwickelten Vorschlag eines Aufbaustudiengangs "Europäisches Stadtmanagement".

Ergänzend dazu gibt Tim Bönninger einen ausführlichen Überblick über die "Qualifizierungsangebote deutschsprachiger Einrichtungen".

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Stadt- und Raumplaner, Soziologen, Architekten und Sozialarbeiter.

Fazit

Durch den dreiteiligen Aufbau gibt das Buch einen recht umfassenden Überblick und eine gute Einführung in das Themengebiet. Der erste Teil setzt sich allgemein und auf eher theoretischer Basis mit dem Komplex Stadt auseinander. Der mittlere zweite Teil enthält konkretere und eher umsetzungsorientierte Aussagen zu aktuellen Stadtentwicklungsprozessen. Der abschließende dritte Teil skizziert anwendungsbezogene Maßnahmen oder Strategien und geht auf Ergebnisse des dem Buch zugrundeliegenden Projekts "Stadtmanagement - ein neues Berufsbild zwischen ökonomischer Pflicht und sozialer Kür" ein. Im Gegensatz zu vielen rein ökonomischen Herangehensweisen zeigt das Buch die Komplexität des Themengebietes.

Das Buch hat eine eher theoretische, kritische Herangehensweise an das Thema, es wird z. B. nur sehr wenig auf konkrete Beispiele zur Stadtentwicklung mit Stadtmanagement eingegangen, wie man durch den Titel vermuten könnte. Vielmehr zeigt das Buch den Bedarf von Stadtmanagement als Zukunftsaufgabe. Die Frage des Titels führt somit weniger zu einer Antwort im Sinne einer Analyse des aktuellen Stands des Stadtmanagements, sondern mündet mehr in der Formulierung eines Anforderungsprofils an Stadtmanager. Zudem gibt das Buch einen Überblick über die möglichen Ausbildungsmöglichkeiten - und ist somit auch für zukünftige Stadtmanager eine geeignete Lektüre.


Rezension von
Monika Briese
M. A. der Soziologie, der Stadt- und Verkehrsplanung und der Statistik;
freiberuflich tätig
Homepage www.presentare.de
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Zitiervorschlag
Monika Briese. Rezension vom 04.04.2006 zu: Stefan Hochstadt (Hrsg.): Stadtentwicklung mit Stadtmanagement? VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14471-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2588.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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