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Tom Braun: Perspektive Ganztag?!

Cover Tom Braun: Perspektive Ganztag?! Ganztägige Bildung mit Kultureller Bildung kinder- und jugendgerecht gestalten. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. 300 Seiten. ISBN 978-3-86736-465-2. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR.

Reihe: Kulturelle Bildung - 65.
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Thema

Der Band betrachtet die komplexe Lage der Kindheits- und Jugendphase insbesondere unter kinder- und jugendgerechtem Blickwinkel im Zusammenhang mit Kultureller Bildung. Fokusiert wird der Ganztag bzw. die Ganztagsbildung auch unter dem Hinweis, dass die notwendige Qualifizierung der Ganztagsangebote der Ergänzung bedarf und damit die schulische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit vermehrt auch auf Bedürfnisse, Freiräume und das Wohlbefinden junger Menschen ausgerichtet sein muss. Erörtert wird eine Ganztagsbildung, die soziale und kulturelle Möglichkeitsräume eröffnet und dafür bietet Kulturelle Bildung geeignete Handlungsfelder an.

Autor*innen

Autorinnen und Autoren der 18 Beiträge arbeiten und forschen an Hochschulen, sind in Organisationen der Kulturellen Bildung eingebunden oder auch mit politisch-administrativen Aufgaben betraut. Die Herausgeberin Kerstin Hübener und der Herausgeber Tom Braun üben in der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Leitungsaufgaben aus.

Aufbau

Nach einem Vorwort gliedert sich der Band in drei Teile:

  • Grundlagen für jugendgerechte ganztägige Bildung.
  • Zwischen Schule und Bildungslandschaft: Strukturmodelle und -bedingungen für Kulturelle Bildung im Ganztag.
  • Der Beitrag Kultureller Bildung für eine neue Konzeption ganztägiger Bildung.

Zu den Beiträgen gehören zwei Exkurse zur Einschätzung der Ganztagsschule aus Sicht von Jugendlichen-Vertreter*innen sowie Eltern-Vertreter*innen. Den Abschluss bilden zahlreiche Profile von Trägern Kultureller Bildung im Ganztag wie z.B. Bundesarbeitsgemeinschaft Zirkuspädagogik e.V. oder Verband deutscher Musikschulen (e.V.). Im Folgenden wird auf einige Beiträge in den genannten Teilen näher eingegangen.

Inhalt

Im Mittelpunkt des Vorwortes von Tom Braun und Kerstin Hübnener stehen die Grundsätze für gute Ganztagsbildung aus der Sicht der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. So lautet dort der 2. Grundsatz: „Ganztagsschulbildung ist mehr als Ganztagsschule und Ganztagsbetreuung“ (S. 12).

Teil 1

Der Beitrag „Der jugendpolitische Bildungsauftrag der Kinder- und Jugendhilfe und seine Bedeutung im Rahmen ganztägiger Bildung“ von Karin Böllert beschreibt die Notwendigkeit, Bildungsprozesse seitens der Kinder- und Jugendhilfe nachhaltig zu unterstützen. Denn Bildung vermittelt Kompetenzen zur Lebensbewältigung, setzt sich ein für die Vielfalt von Bildungsorten und folgt so dem Leitgedanken „Bildung ist mehr als Schule“. Realisiert wird dies durch einen erweiterten Bildungsbegriff, der non-formale und informelle Bildungsaneignung einschließt. Eingegangen wird auf schul- und bildungskritische Positionen in der Jugendhilfe hinsichtlich vorhandener Befürchtungen eines angenommenen Bedeutungsverlustes der Jugendhilfe durch die ganztägige Beschulung und die damit verbundene Scholarisierung der Kindheits- und Jugendphase. Demgegenüber bringt aber Böllert eine Kernaufgabe der Ganztagsschule ins Spiel, die u.a. darin besteht, Bildungsungleichheiten entgegen zu wirken. Dazu sind allerdings Veränderungen im Ganztagsschulsystem notwendig z.B. durch multiprofessionelle Zusammenarbeit wie auch verbesserte Beteiligungs- und Mitspracherechte der Schüler*innen. Nur so kann die Gestaltung gerechter Rahmenbedingungen für das Aufwachsen der Kinder und Jugendlichen gelingen.

Der Aufsatz „Kinderrechtsbasierte Arbeit an Ganztagsschulen“ von Holger Hofmann verdeutlicht, dass eine dringliche Perspektive darin besteht, Kinder und Jugendliche nicht nur als Wissensempfänger*innen wahrzunehmen, sondern ebenso als Inhaber*innen von Rechten. Dies legt im Rückblick bereits die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (1992) fest. Gerade hier hat aber die Bundesrepublik Deutschland starken Nachholbedarf. Nur 16 Prozent der Kinder und Jugendlichen wissen um ihre Rechte. Deshalb ist die Entwicklung einer entsprechenden Beteiligungskultur das Gebot der Stunde. Dazu reichen die formalen Vertretungen (z.B. Wahl der Klassensprecher*innen) nicht aus. Vielmehr muss die gesamte Schulkultur auf Partizipation umgestellt werden (z.B. Mitsprache bei der Raum- und Unterrichtsgestaltung). „Durch die derzeitige Praxis wird der umfassende Anspruch auf Partizipation in der Schulgesetzgebung völkerrechtswidrig verkürzt“ (S. 62). Hofmann skizziert sodann einen umfassenden Handlungsrahmen. Dieser umfasst Wertschätzung, Recht auf gewaltfreies Aufwachsen sowie auf Ruhe, Freizeit und Erholung. Dies betrifft auch die Teilhabe am kulturellen und künstlerischen Leben und der dort möglichen individuellen Ausdrucksfindung. Eine diese Aspekt berücksichtigende Schulentwicklung ist auch für Lehrer*innen zufriedenstellender, weil diese nicht als Garanten einer einseitigen unterrichtszentrierten Lernwelt agieren müssen.

Teil 2

In der Darstellung von Markus N. Sauerwein und Ute Belz „Jugendgerechte Ganztagsschule“ wird zunächst auf die vielfältigen Erscheinungsformen der Ganztagsschule eingegangen. So ist z.B. die Trennungslinie zwischen Halbtags- und Ganztagsschule sehr verwischt. In den Zielen der Ganztagsschule ist auffällig, dass Kinder und Jugendliche als Akteur*innen kaum vorkommen und in einem Objektstatus verharren über den sich dann auch bildungspolitisch gut verhandeln lässt. Auf Seiten der Kinder- und Jugendhilfe führt diese Situation zu kritischen Einwänden, da Jugendliche gerade das „Nicht-Unterrichtliche“ an Ganztagsschulen schätzen. Wird dem, insbesondere bei älteren Schüler*innen, nicht Rechnung getragen sinkt die Teilnahmequote ganz erheblich. Partizipation ist, so Sauerwein und Belz, ein „blinder Fleck“ in den Ganztagsschulen.

Auf diesem Hintergrund werden sechs Thesen zu einer jugendgerechten Ganztagsschule vorgestellt:

  • Kompensation von Bildungsungleichheiten.
  • Über die Teilnahme am Ganztag entscheiden die Jugendlichen selbst.
  • Dann führt die Ganztagsschule nicht zu einer Scholarisierung der Jugend.
  • Freiwilligkeit bedeutet nicht, nur auf diesen Aspekt zusetzen. Bedeutsam ist, die Ganztagsschule gemeinsam mit und in der Schule zu entwickeln.
  • Eine solche Schule ermöglicht umfassende Partizipationsmöglichkeiten.
  • Eine jugendgerechte Ganztagsschule arbeitet mit unterschiedlichen Angeboten.

Als Fazit wird festgestellt, dass Ganztagsangebote an den Strukturprinzipien der Jugendarbeit auszurichten sind.

Ivo Züchner untersucht in seinem Beitrag „Ganztagsschule und kulturelle Jugendbildung“ empirisch diesen Zusammenhang. Zunächst macht er darauf aufmerksam, dass u.a. Schulchor, Schulorchester und Schultheater und dazugehörender Arbeitsgemeinschaften ein kulturelles Profil der Schule darstellen. Dazu kommen zahlreiche außerunterrichtliche Angebote, die anhand einer Befragung an 411 Ganztagsschulen dargestellt werden. Von diesen Schulen bieten knapp 50 Prozent drei und mehr Angebote zum Thema Musik. Weitere Daten zeigen eine breite Einbeziehung von Kunst- und Musikschulen in die Ganztagsschulen. Aktiv sind 39 Prozent der Schulen im Grundschulbereich, 24 Prozent in der Sekundarstufe I ohne Gymnasium und 28 Prozent im gymnasialen Bereich. Damit werden auch Schüler*innen aus eher kulturabstinenten Elternhäuser eingebunden. Gestützt wird diese Aussage auch durch folgenden Befund: Außerunterrichtliche Aktivitäten in der Bildenden Kunst liegen in der Halbtagsschule bei Schüler*innen bei denen kein Elternteil akademisch ausgebildet ist bei 2 Prozent. Bei ganztägiger Beschulung steigt dieser Anteil auf 17 Prozent.

Bei der Beantwortung der Frage, ob Kulturelle Jugendbildung zu einer jugendgerechteren Schule führt äußert sich Züchner mit einem sehr, sehr vorsichtigen „Ja“ – unter bestimmten Rahmenbedingungen. Allerdings sei in der Kulturellen Jugendbildung ein Potenzial vorhanden, entsprechende Angebote jugendgerechter zu gestalten.

Teil 3

Der Beitrag von Elke Josties und Stefanie Kiwi Menrath Plädoyer für kulturelle Jugendbildung in Offenen Settings“ geht von einer Verengung selbstbestimmter Räume aus. Dazu tragen sowohl stressauslösende Qualifizierungserfordernisse als aber auch eher entlastende Angebote bei, z.B. im Ganztagsbereich, die in ihrer Wirkung begrenzt sind. Es müssen aber Freiräume gefunden werden, die Distanzierung von Familie, Schule und Ausbildung ermöglichen. Auch künstlerisch-ästhetische Arbeitsformen der Kulturellen Jugendbildung unterliegen einer strukturell bedingten Engführung, die Teilhabe und selbstbestimmtes Experiment mit und in Kunst und Kultur reduzieren oder gar nicht erst ermöglichen. Die Autorinnen plädieren auf diesem Hintergrund für professionelle Zurückhaltung. Dies geschieht aber nicht in der Kulturellen Jugendbildung, vielmehr ist auch dort ein Druck zur Selbstoptimierung und zum Selbstmanagement festzustellen. Ein Weg aus diesen Restriktionen können Offene Settings sein „wie informelle Jugendtreffpunkte in urbanen und ländlichen Regionen, mediale Räume, öffentliche Einrichtungen der Soziokultur […]“ (S. 214). In diesen Kontexten geht es um Entgrenzung von Lern- und Bildungsformen zu selbstverantworteten Formen des Lernens. Dies ereignet z.B. in Peer-Gruppen aber auch im partizipativ und auf Aushandlung ausgerichteten Schnittfeld von Kunst-, Sozial- und Kulturarbeit. Selbstermächtigung von Jugendlichen soll dort ermöglicht und gefördert werden.

Diskussion

Der Band stellt umfassend und differenziert den Zusammenhang von Ganztagsschule und Kultureller Bildung dar. Zwar steht die Erörterung von kinder- und jugendgerechter Bildung im Vordergrund aber weitere wichtige Themen wie lokale Bildungslandschaft, Kooperation, Vernetzung und vor allem Partizipation werden verhandelt. Dargestellt und analysiert wird auch der quantitative Umfang der Kulturellen Bildung in der Ganztagsschule im außerunterrichtlichen Bereich. Hervorgehoben wird ebenso, dass die Kinder- und Jugendhilfe die Ganztagsschule kritisch sieht und es finden sich Vorschläge, die eine stärkere Positionierung im Ganztagsbereich anmahnen. Die Kulturelle Bildung könnte einen Baustein in diesem Vorhaben darstellen. Dazu wäre wünschenswert gewesen, wenn der Band sich stärker der aktuellen Praxis angenähert hätte und an ein oder zwei Ganztagsschulportraits Verbindungen und Möglichkeiten des Zusammenhangs von Ganztagsschule, Kinder- und Jugendhilfe sowie kinder- und jugendgerechter Kultureller Bildung aufgezeigt hätte. Diese Vorgehensweise hätte die auf Praxis zielenden Konzeptionsvorschläge und die wenigen Praxishinweise in dem Band sehr gestützt. Darüber hinaus ist die vorliegende Veröffentlichung zweifelsohne eine innovative Bereicherung im nicht einfachen Kooperationsfeld von Ganztagsschule, Kinder- und Jugendhilfe und Angeboten der Kulturellen Bildung für Kinder und Jugendliche.

Fazit

Auf dem Hintergrund einer kinder- und jugendgerechten Kulturellen Bildung und dazugehörender jugendpolitischer Implikationen werden weitere wichtige Themenbereiche angesprochen: Partizipation und ästhetischer Eigensinn von Schüler*innen, Bildungslandschaften, Vernetzung und Kooperation. Die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung stellt Grundsätze guter Ganztagsbildung vor. Insgesamt stellt der Band eine innovative Bereicherung des genannten Themenspektrums dar.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 14.01.2020 zu: Tom Braun: Perspektive Ganztag?! Ganztägige Bildung mit Kultureller Bildung kinder- und jugendgerecht gestalten. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. ISBN 978-3-86736-465-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25881.php, Datum des Zugriffs 30.05.2020.


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