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Michael Löhr, Bernd Meißnest u.a. (Hrsg.): Menschen mit Demenz im Allgemein­krankenhaus

Cover Michael Löhr, Bernd Meißnest, Benjamin Volmar (Hrsg.): Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus. Innovative Konzepte für eine multiprofessionelle Betreuung und Versorgung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 190 Seiten. ISBN 978-3-17-033018-4. 35,00 EUR.
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Thema 

Infolge der gestiegenen Lebenserwartung soll in Deutschland bis 2050 die Zahl der Demenzerkrankten von derzeit 1,9 Mio auf 3,4 Mio ansteigen. Viele von ihnen werden während der Erkrankungsphase auch die stationäre Behandlung in einem Allgemeinkrankenhaus benötigen. Die Versorgung, Pflege und Betreuung verwirrter, verunsicherter und mitunter sehr herausfordernd agierender Patientinnen und Patienten stellt Kliniken in Zeiten des Pflegenotstandes jedoch in allen Fachabteilungen vor große Aufgaben. Von Aufnahme, Anamnese- und Aufklärungsgesprächen, über diagnostische Maßnahmen und die prä- und postoperative Versorgung, die Gabe von Medikamenten, Infusionen und dem täglichen Verbandswechsel bis hin zur Unterstützung und Begleitung bei der Nahrungsaufnahme und der Körperpflege sind dies alles Tätigkeiten, die bei neurodegenerativen Erkrankungen nicht nur äußerst zeitintensiv, sondern sich auch körperlich und emotional absolut herausfordernd für das Klinikpersonal gestalten können. Hinzu kommt, dass der direkte Patientenkontakt nur einen Bruchteil der gesamten Liegedauer ausmacht – den Großteil des Tages (und der Nacht) müssen PatientInnen und Patienten ohne direkte Begleitung auskommen, eine Situation, die oft nicht ohne den Einsatz von Bettgittern und medikamentöser Sedierung bewältigt wird.

Enstehungshintergrund

Eine Zusammenstellung innovativer Konzepte, die Lösungen aus diesem Pflege-Dilemma suchen, ist in ihrer Aktualität kaum zu übertreffen. Doch welche räumlich-visuellen und pflegerisch-situativen Maßnahmen unterstützen kognitiv beeinträchtigte Personen während des Aufenthalts besonders, nehmen ihnen ihre Ängste und tragen zu einer sicheren Orientierung im Krankenhaus bei? Die Herausgeber haben hier elf Best-Practice-Modelle aus Akutkrankenhäusern zusammengetragen, die sowohl den theoretischen Hintergrund als auch die praktische Implementierung in den Klinikalltag darstellen.

Herausgeber

Dass der Fokus der Beiträge konsequent auf der Verbesserung der Pflegeabläufe liegt, ist sicherlich auch dem Umstand zu verdanken, dass neben Bernd Meißnest als Chefarzt der Gerontopsychiatrie des LWL Klinikums Gütersloh vor allem Michael Löhr und Benjamin Volmar (beide ebenfalls LWL Klinikum Gütersloh) als Pflegewissenschaftler auf ihre langjährigen Tätigkeiten als Krankenpfleger verweisen können.

Aufbau und Inhalt

Paula Schneider: Erfahrung einer Angehörigen. Den Sammelbeiträgen vorangestellt ist die Erfahrung einer Tochter mit ihrem dementen Vater, der manisch-depressiv und suizidal in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert wird. Die Autorin erstellt hier rückblickend Listen über Do's und Don'ts in der Versorgung aus der Perspektive der Begleitperson, die sie in dieser Akutsituation als hilfreich oder belastend erlebt hat und ist mit ihren Schilderungen damit nah am Empfinden der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

Benjamin Volmar, Michael Löhr, Bernd Meißnest: Einführung in die Thematik von Menschen mit Demenz im Krankenhaus. Die Herausgeber führen auf knapp drei Seiten in die Rahmenbedingungen der Arbeit auf den Stationen ein: 40 % der zu versorgenden Patientinnen und Patienten über 65 Jahre weisen kognitive Defizite auf, 11–25 % haben bereits bei Aufnahme ein Delir. Delirante Zustände (hyperaktiv, hypoaktiv und gemischt) würden sich zusätzlich bei rund 30 % der älteren Menschen im Laufe des Aufenthalts entwickeln, wobei Demenz und Delir zu unterschätzten, aber sehr häufigen Komplikationen und mit mitunter elementaren Folgen für die Betroffenen führen. Psychomotorische Unruhe, Halluzinationen, Angstzustände, ein veränderter Tag-Nacht-Rhythmus, Desorientierung, enthemmte Zustände und Sprachstörungen zögen Fehleinschätzungen akuter Situationen nach sich, der Versorgungsaufwand sei enorm, die Mortalitätsrate bei Delir läge in den beiden Folgejahren bei 38 %. Ziel sei es demnach, die Aufenthaltsdauer möglichst kurz zu halten bei optimaler Delirprophylaxe.

Tom Motzek, Kathrin Büter, Karin Ellinger, Michael Junge, Gesine Marquardt: Auf dem Weg zum demenzsensiblen Krankenhaus: Patientenbezogene Abläufe, Qualifizierung, Architektur und Angehörigenedukation. Die Autorengruppe ist Initiatorin eines dreijährigen Projekts aus dem Diakonissenkrankenhaus Dresden, das für mehr Demenzsensibilität in dem 220-Betten-Haus sorgen sollte. Besondere Akzente wurden hier auf architektonische Veränderungen (Gestaltung von Aufenthaltsräumen, Verbesserung der räumlichen Orientierung durch visuelle Leitsysteme, Farb- und Symbolunterstützung, wobei die gezeigten Schwarzweiß-Fotografien hier wenig Aussagekraft besitzen und das „demenzsensible Musterzimmers“ keine Veränderungen gegenüber Standard Patientenzimmer erkennen lässt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Neugestaltung der Patientenabläufe. Aber auch hier hätte die Beschreibung neuer und innovativer Änderungen aus präziser ausfallen können. So drängen sich eher oberflächliche Strukturen (wie die raumgreifende Abbildung zur Zusammensetzung der Projektgruppe) in den Vordergrund anstatt inhaltliche Beschreibung dessen, wie die Abläufe verändert wurden (z.B. Anpassung des Tagesablaufs, dass Menschen mit Demenz keine „Wartezeiten“ haben, wie?) oder der Verweis auf die personenzentrierte Pflege nach Kitwood (2013), die eine Haltungsänderung einleiten soll (wie?). Dagegen sind anwendungsbezogene Tipps, die PraktikerInnen und Praktiker suchen, wie die Zusammenarbeit mit der Krankenhauscafeteria, die auch „demenzsensibles spontanes Essen à la carte“ oder das Verlangen nach kleinen Zwischenmahlzeiten möglich macht, absolut wertvoll, andere sind kritischer zu sehen, wie der Vorschlag, vor allem Pflegeschüler*innen („mit mehr Zeit“) in der Versorgung der Demenzpatienten einzusetzen – ausgerechnet das Personal mit der wenigsten Pflegerfahrung.

Stefan Sniatecki, Dirk Dudek: Segregative Versorgung von kognitiv eingeschränkten Menschen in der Orthopädie/Unfallchirurgie des Florence-Nightingale-Krankenhauses in Düsseldorf. Das 600-Betten-Haus ohne geriatrische oder gerontopsychiatrische Abteilung hat versucht, ohne hausinterne Möglichkeiten zur Abklärung von Demenz-Syndromen ein Patientenmanagement zu finden, das Menschen mit besonderen Bedarfen identifiziert und in einer eigenen, segregativen Einheit versorgt. Vor dem Hintergrund, für die Betroffenen belastenden Stationswechsel zu vermeiden und durch Abschirmung Reizüberflutung verhindern, werden Patientinnen und Patienten mit Demenz in einer eigenen Versorgungseinheit betreut und gepflegt. Auch hier hätten die Chancen und Nachteile dieser segregierenden Unterbringung, die unter Aspekten einer inklusiven Medizin durchaus kritisch zu sehen ist, inhaltlich noch stärker diskutiert werden können. Das eher strukturelle Aufzeigen von Zeiträumen, Projektphasen und Meilensteinen ist zwar für Verfahren der Projektantragsstellung interessant, aber der Output konkreter Ergebnisse hätte hier noch intensiviert werden können.

Bernd Meißnest: Interdisziplinäres Zentrum für Altersmedizin am LWL-Klinikum Gütersloh und seine Auswirkungen in das ambulante gerontopsychiatrische Versorgungsnetz. Das LWL-Klinikum verfügt mit seiner historisch gewachsenen psychiatrischen Dominanz gegenüber Akutkrankenhäusern ohne entsprechende Fachhabteilungen über völlig andere Voraussetzungen in der Versorgung kognitiv beeinträchtigter und seelisch erkrankter Menschen. Trotzdem lässt sich manche Neurordnung struktureller Abläufe durchaus auf Akutkrankenhäuser übertragen: Gemeinsame Diagnostik und Therapie aller beteiligten Fachdisziplinen, die sich von der Aufnahme bis zum Entlassmanagement erstreckt inklusive einer möglichen Palliativbehandlung; Einrichtung eines gerontopsychiatrischen Konsiliardienstes, Schaffung der Stelle zur Demenzkoordination, Einbezug aller Mitarbeitenden (auch Verwaltungs- und Reinigungskräfte), Öffnung eines „Nachtcafes“ zur Betreuung von 18:00 – 22 Uhr. Auch hier wäre an manchen Stellen eine stärkere inhaltliche Diskussion wünschenswert gewesen. Die Schilderung der Geschichte des Hauses und auch hier der zahlreichen Unterabschnitte zu Projektteam, Projektlaufzeit, Projektfinanzierung usw. geht auch hier bedauerlicherweise zu Lasten konkreter aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die Projektphase aus den Jahren 2005 bis 2008 liegt zudem bereits 15 Jahre zurück.

Hedda Opitz, Tania Zieschang: Die geriatrisch-Internistische Station für Akuterkrankte Demenzpatienten (GISAD). Selbst für bereits spezialisierte Zentren, wie das Geriatrisches Zentrum am Klinikum der Universität Heidelberg, betonen die Autorinnen das hohe Risiko einen komplikationsreichen Verlauf für Patientinnen und Patienten mit Demenz und eine zu hohe Bindung von Personalressourcen, wenn nicht ein eigenständiges Konzept für diese besondere Zielgruppe geschaffen wird. Bereits umgesetzte Maßnahmen wie übersichtliche barrierefreie Flure und ein farbliches Orientierungskonzept reichten in der Vergangenheit nicht aus, um die z.T. schweren Verhaltensauffälligkeiten zu reduzieren. Vielmehr stellte die integrative Versorgung unruhige Patientinnen und Patienten eine erhebliche Belastung für den Genesungsprozess der nicht verhaltensauffälligen Mitpatienten dar. Eine medikamentöse Ruhigstellung führte aber häufig zu den klassischen unerwünschten Nebenwirkungen wie Stürzen und Immobilisation. Die Konzentration sollte daher vorrangig auf der Interaktion zwischen Personal und Patientinnen und Patienten liegen und in einem geschützten Demenzbereich stattfinden. Die Autorinnen beziehen hier neben patientenbezogenen, personalbezogenen und strukturellen Zielen auch die Angehörigen gezielt in die sicherheitsgebende Versorgung der Demenzerkrankten ein. Die Unterbringung findet durch eine Code-geschützte Tür geschlossen statt, was jedoch einen entsprechenden gerichtlichen Beschluss erfordert!), dafür ist der Demenzbereich mit Wohnzimmerschrank, einem großen Esstisch für gemeinsame Mahlzeiteneinnahme und sogar einem Klavier äußerst wohnlich und angsthemmend gestaltet. Viele Materialien zur Beschäftigung und Aktivierung stehen griffbereit zur Verfügung und werden nicht nur während der (kurzen) Therapiezeiten angeboten. Neben den üblichen ergo-, physio- und logopädischen Behandlungen ergänzen ein musiktherapeutisches und ein tiergestütztes Angebot die Tagesstrukturierung. Zusätzlich wird nichtmedizinisches Personal wie die Hauswirtschaftshilfe auch darin geschult, als wichtige Kontaktpersonen für die Patientinnen und Patienten zu fungieren. Eine Verlaufsstudie mit n=270 konnte eine signifikante Reduktion der belastenden Trias aus Weglaufen, Aggression und Agitation bei den Betroffenen dokumentieren.

Andreas Schneider: Mit Systematik und Stolz zur Entwicklung der Pflegequalität. Wie ein Krankenhaus seine Magnetwirkung auch in der Demenzsensibilität ausbaut. Das Klinikum Bamberg versucht über Ausbau und systematische Verstärkung des Magnet-Modells der internationalen Pflegefachgesellschaft ANCC im Pflegeprozess die vereinbarten Patienten- und Angehörigenanforderungen in den Mittelpunkt zu stellen und dabei ein bestmögliches Arbeitsumfeld für Pflegende zu schaffen. In einer zweijährigen Begleitstudie wurden auch hier die drei Säulen „räumliches Umfeld“, „Beziehungsqualität“ und „medizinisch-pflegerische Fachkompetenz“ evaluiert, wobei besondere Akzente auf dem Einbezug der Angehörigen/​Zugehörigen-Perspektive lag und Wissen- und Handlungskompetenz bei Demenz bei allen Mitarbeitenden erweitert werden sollte, die oftmals nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprach. Ein demenzsensibles Stufenmodell, das auf die gemeinsame Versorgung alterstraumatologischer Patientinnen und Patienten aller Fachdisziplinen in einer geschützten Station setzt, die Patientinnen und Patienten möglichst stressarm und auch gemeinsam mit ihren An- und Zugehörigen versorgt und dem Personal aktuelles Demenzwissen und spezifische Skills vermittelt, sollen maßgeblich zu einem positiven Pflegealltag und -bewusstsein und einem gewissen „Pflegestolz“ beitragen.

Julia Bringemeier, Michael Guhra, Stefan Kreisel: Delirprävention am Evangelischen Klinikum Bethel: „help+ – Ein Plus für ältere Patienten“. Auch hier wird wieder die Vorbeugung deliranter Zustände als zentrales Präventionsziel zum Erhalt wichtiger kognitiver Fähigkeiten und Vermeidung von Folgeerkrankungen ausgerufen. Das Evangelischen Klinikum Bethel mit 1500 Betten als Krankenhaus der Maximalversorgung hat deshalb das „Hospital Elder Life Program“ (HELP) adaptiert und unter dem Label „help+“ modifiziert für das eigene Haus umgesetzt. Ein multiprofessionelles Team aus Gerontologie, Sozialarbeit, psychogeriatrischer Pflege, ärztlichem Dienst und geschulten Freiwilligen setzt verschiedene Maßnahmen auf den Stationen des Akutkrankenhauses um. Über ein Screening-Verfahren werden Patientinnen und Patienten mit Delir-Risiko identifiziert. Die psychogeriatrischen Fachkräfte erstellen für die Betroffenen einen individuellen Interventionsplan. Die wesentlichen Interventionen sollen hier von Freiwilligen übernommen werden, die von 08:00 – 20:00 Uhr Aktivitäten wie Orientierungsförderung oder die Mahlzeitenbegleitung umsetzen. Eine zusätzliche Gerontologin übernimmt die Leitung des „help+“-Teams und schafft die nötigen Vernetzungen inner- und außerhalb des Klinikums. Das multimodale Behandlungskonzept wird überblicksartig und mit präzisen Informationen zu Durchführung von Fremdanamnesen, des verwendeten Screening-Verfahrens, den verschiedenen Formen der Begleitunterstützung durch Freiwillige sowie einer Verlaufsstudie der Delir-Inzidenz seit Umsetzung des „help+“-Programms greifbar gemacht.

Karin Schroeder-Hartwiug, Kristin Binczyk, Marion Kummerfeld, Sarah Eschmann, Beatrice Frederich: „Starke Angehörige – starke Patienten“ – Ein Sorgekonzept als Vorbild des Albertinen-Krankenhaus Hamburg. Noch starker als in Kapitel 7 wird hier die These der Autorinnen vertreten, dass Demenzpatientinnen und Patienten vor allem über ihre An- und Zugehörigen profitieren. Das Albertinen-Krankenhaus hat in einem dreijährigen über die Robert-Bosch-Stiftung geförderten Projekt versucht, neben der Delir-Prävention sowie der Ernährungs- und Bewegungsförderung vorrangig die Beziehungsgestaltung, Kommunikation und Wahrnehmung der Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen zu fokussieren. Im Gegensatz zu den anderen Projekten standen hier die Bedürfnisse der Angehörigen als Mitbetroffene, die Zusammenstellung angepasster Entlastungsangebote und die Stärkung der Angehörigen in ihrer Expertenrolle im Mittelpunkt. Auch die Kommunikation mit den Betroffenen wurden durch spezifische Maßnahmen verändert, wie beispielsweise durch die Möglichkeit, mit dem Konzept „Kinästhetics“ auch nichtsprachlich zu einem „Sinn“vollen Kontaktaufbau zwischen Pflegenden und Menschen mit Demenz zu kommen. Demenzsensibilität wird hier als kontinuierlicher Prozess verstanden, bei dem die Kompetenzentwicklung der Mitarbeitenden im Mittelpunkt steht, sodass zukünftig eine Basiskompetenz im ganzen Haus vorgehalten wird. Eine „Demenzexpertin“ aus der Pflege, die konsiliarisch von allen Teams hinzugerufen werden kann, steht bereits jetzt allen Mitarbeitenden in herausfordernden Situationen zur Seite. Hier wäre es noch mal spannende gewesen, analog des Titels weitere und konkretere Inhalte zur Stärkung der Angehörigen zu formulieren, die leider im Verlauf des Beitrags etwas aus dem Blick geraten.

Benjamin Volmar, Katja Plock, Bernd Meißnest, Jens Alberti: Die Situation von Menschen mit Demenz im Klinikum Gütersloh. Auch hier geht es nochmals um die Versorgung Betroffener im Klinikum Gütersloh. Viele Hintergrundinformationen wurden bereits in den beiden anderen Beiträgen des Klinikums (Kap. 2 und 5) formuliert und auch die Maßnahmen zur Etablierung eines Demenzkoordinators, die Schulung von Mitarbeitenden, die Einrichtung eines „Nachtcafes“ u.a. wurden bereits genannt. Neu hinzugekommen ist hier die Betonung des stärkerem Einbezugs von ehrenamtlichen Patienten-Begleiterinnen, deren Einsatz mit Hilfe des Programms „Lern von mir“ geschult und evaluiert wurde.

Torsten Kratz, Albert Diefenbacher: Evangelisches Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge, Berlin. Auch dieser Beitrag konzentriert sich vorrangig auf die Delir-Prävention und dem Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten und will verhindern, dass Menschen mit Demenz als „Störfaktor“ im Betriebsalltag der Kliniken wahrgenommen werden. Es wird dafür plädiert, an den Besonderheiten der Versorgung demenzerkrankter Personen entlang die Bedürfnisse auch in den rein somatischen Stationen wahrzunehmen und in die alltägliche Praxis umzusetzen, um dem Verlust an Selbstständigkeit und der Verschlechterung des kognitiven Status bis hin zum Delir entgegenzuwirken. Demenz dürfe keine „Nebendiagnose“ sein, sondern sollte zum Anlass genommen werden, einen verstehenden, personenzentrierten und ganzheitlichen Ansatz in der stationären Versorgung umzusetzen. Auch hier wird noch mal auf die hohe Prävalenzrate deliranter Zustände verwiesen und ebenfalls hier war das Hospital Elder Life Program (HELP) wie im Beitrag von Bringemeier et al. (Kap. 8) initialzündend. Die Schulungen sollen dem Personal helfen, einen „Blickwechsel“ zu vollziehen und „in den Schuhen des Demenzkranken zustehen“. Vor allem die emotionalen Bedürfnisse der Erkrankten sollen gesehen werden und eine ethische Grundhaltung in Bezug auf den Umgang mit Demenzpatientinnen und -patienten eingeübt werden. Eine zweite Säule der Stabilisierung der Erkrankten bezieht sich auf die Einführung einer demenzsensiblen Kost, um Mangelernährung zu kompensieren und die Anlage einer PEG zu verhindern. In der Delir-Prävention wird sehr klassisch mit der Validation nach Feil und der Selbsterhaltungstherapie (SET) nach Romero gearbeitet, weitere Umsetzungsschritte bestehen in bestimmten Darreichungsformen der Mahlzeiten (hier Tipps, was Pürierungsgrade und Würzung des Essens angeht) oder die Entwicklung einer Delir-Pocket-Card für die „Kitteltasche“. Aber auch hier stellt der enge und zeitnahe Kontakt zu pflegenden Angehörigen, das Nutzen ihrer konkreten Erfahrungen und Kenntnisse und der konsequente Einbezug in das stationäre Setting einen wichtigen Stützfeiler dar, um „Verhaltensweisen, Vorlieben, Riten und Besonderheiten“ präventiv nutzen zu können. Die „Welt und die spezifische Situation aus eines Allgemeinkrankenhaus aus der Sichtweise eines Demenzkranken zu verstehen“ soll am KEH als Leitlinie fungieren.

Anita Bohn, Sandra Blome: Das Projekt „Doppelt hilft besser bei Demenz“: Aus der Region, mit der Region und für die Region. Die mit Demenz verbundenen typischen Komplikationen bei gleichzeitiger Verkürzung der Behandlungsdauer ist Resultat einer standardmäßigen Rooming-In-Unterbringungen der Betroffenen und ihren Angehörigen, die Hauptbestandteil des Projekts war und die Angehörige auch in die Untersuchungssituationen einbanden und für sie extra Angehörigenvisiten bereithielten. Drei weitere Bausteine konzentrierten sich um die gezielte Aufnahmesteuerung der Patientinnen und Patienten, auch unter Notfallbedingungen, um Schulungen der Pflegefachkräfte nach Archibald (Menschen mit Demenz im Krankenhaus) und Hospitationen auf Modellstationen andere Krankenhäuser sowie die Entwicklung eines Beobachtungsbogens für die ersten 24 Stunden nach Aufnahme. Die Erfolge dieser Neuausrichtung hätten dazu geführt, dass auf Sedierung und Fixierungen seit Projektbeginn nahezu komplett verzichtet werden konnte und auch die Überleitung in die ambulante Nachsorge Dank Anbindung in das regionale DemenzNetz und die Erstellung eines Patientenpasses „LOGBUCH Demenz“ wiederholte Aufnahmen erleichtert hat.

Cathleen Koch, Sarah Weller, Miriam Sabo, Christine Thomas: Das Projekt „Handeln im Hier und Jetzt! Bereit zum Demenz- und Alterssensiblen Krankenhaus“ (HuBerTDA). Auch im Klinikum Stuttgart stellen ältere Menschen die am schnellsten wachsende Patientengruppe dar. Die beschriebenen Probleme einer erhöhten Umtriebigkeit und nächtlichen Unruhe sowie fremd- und selbstgefährdendes Verhalten seien trotz bereits vorhandener Angebote auch auf den altersspezifischen Stationen ein Problem. Fünf Projektbausteine sollen die Identifizierung von betroffenen Personen und ihren besonderen Bedarfen erleichtern: 1. Ein kognitives Kurzscreening im Aufnahmeprozess der Zentralen Notaufnahme, 2. Multiprofessionelle Individualdiagnostik, auch unter Einbezug von „Angehörigen als Experten“, 3. Abstimmung von demenz- und alterssensiblen Behandlungsschritten, 4. Vertiefte Schulung aller Beteiligten, 5. Umsetzung evidenzbasierter demenz- und altersspezifischer Interventionen auf der neu eingerichteten Pilotstation. Hier wurde das help+ Programm mit dem „AKTIVER“-Programm verbunden, um das Delir- und Komplikationsrisiko noch weiter zu reduzieren. Hinzu kommt, dass auch der Bereich der prä- und postopertiven Versorgung über „OP-Lotsen“ begleitet wird und die Schmerzskala BESD lückenlos Anwendung findet.

Fazit

Auch wenn dieses Buch vor allem Projektbeschreibungen sammelt und damit viele Seiten für die Deskription der einzelnen Projektanträge verloren gehen, die sich in der Verschriftlichung sehr ähneln, so trägt dieses Buch doch sehr vielfältige Informationen zum aktuellen Stand tragender Versorgungskonzepte für Demenzerkrankte in Akutkrankenhäusern zusammen. Manche Maßnahmen wiederholen sich, was einerseits daran liegen mag, dass sich bestimmte Konzepte bereits gut bewährt haben, andererseits sind in dieser Veröffentlichung vor allem Vertreterinnen und Vertreter westdeutsche Kliniken versammelt, die teilweise ohnehin im Austausch stehen. Die 13 Beiträge halten trotzdem ein großes und spannendes Kompendium bewährter Maßnahmen bereit, die in den verschiedenen Häusern zur Anwendung kommen. Es müssen jedoch alle Beiträge einzeln „durchforstet“ werden, da jedes Haus eigene Schwerpunkte akzentuiert und auch in unterschiedlichem Maße Details und Anwendungsbezogenheit offeriert. Listenartige „Best-Practice-Maßnahmen“, wie sie eingangs im Beitrag der Angehörigen formuliert wurden, sucht man im Buch vergeblich. Hier ist es ratsam, aus dem Querschnitt der Beiträge selbst eine Synapse hilfreicher Ansätze und Methoden zu erstellen.


Rezension von
Prof. Dr. Sabine Michalek
Prof. Dr. Sabine Michalek - Heilpädagogik - Katholische Hochschule für Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Sabine Michalek. Rezension vom 09.04.2020 zu: Michael Löhr, Bernd Meißnest, Benjamin Volmar (Hrsg.): Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus. Innovative Konzepte für eine multiprofessionelle Betreuung und Versorgung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-033018-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25892.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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