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Anette Dowideit: Die Angezählten

Cover Anette Dowideit: Die Angezählten. Wenn wir von unserer Arbeit nicht mehr leben können. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. 224 Seiten. ISBN 978-3-593-51081-1. D: 18,95 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 26,80 sFr.
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Arbeit ist Menschenrecht

In der „globalen Ethik“, der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, heißt es in Artikel 22 in vier Absätzen: (1) Jedermann hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosigkeit; (2) „Alle Menschen haben ohne Diskriminierung das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit“; (3) „Jedermann, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und günstige Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert und die, wenn nötig, durch andere soziale Schutzmaßnahmen zu ergänzen ist“; (4) „Jedermann hat das Recht, zum Schutze seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten“.

Die Fragen nach sozialer Gerechtigkeit bestimmen den lokalen und globalen Diskurs um menschenwürdige und faire Bedingungen bei den verschiedenen Arbeitsprozessen (vgl. dazu auch: Andrea Komlosy, Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17372.php). Entlohnung, Gleichberechtigung, Beteiligung, Mitbestimmung und Anerkennung, das sind die Jahrhunderte alten Themen, die individuell und kollektiv immer wieder diskutiert werden, in einigen Regionen und Bereichen zu Erfolgen in der Arbeitsgesetzgebung geführt haben, jedoch in der aktuellen Situation weltweit mehr Kapitalismus und Ausbeutung bewirken als soziale Reformen. Die Reichen werden, lokal und global, immer reicher, die Armen immer ärmer! Dieser Skandal verstärkt sich auch dadurch, dass in der sich immer interdependenter, entgrenzender und global entwickelnden Welt die herrschenden Produktionsbedingungen von Gütern immer weniger menschen- und immer mehr maschinengemacht und profitorientiert hergestellt werden. 

Den Menschen geht die Arbeit aus! Die Auswirkungen dieser Prozesse gefährden das Bewusstsein von Arbeit als Identitätsmerkmal und bewirken Existenznöte. Obwohl seit Jahrzehnten immer wieder darauf hingewiesen wird, dass die (ökonomischen) Grenzen des Wachstums erreicht seien und die Warnung ausgesprochen wird, dass die Menschen nicht alles machen dürfen, was sie meinen, machen zu können, kann die Menschheitsentwicklung nicht zurückgefahren werden: Die Menschen wollen, sollen nicht mehr auf die Bäume zurück! Der Mensch als homo creator ist aufgefordert, sich human weiter zu entwickeln (siehe dazu: Hans Lenk, Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, Frankfurt/M., 2000).

Entstehungshintergrund und Autorin

Die Kritik am überbordenden, ausbeuterischen und ungebremsten Arbeitsmarkt, bei dem die menschliche Arbeitskraft zu teuer, zu unflexibel, zu wenig steuer- und einsetzbar erscheint und durch Maschinenkraft ersetzt wird, setzt nicht an der Zählung und Bilanzierung von Arbeitsplätzen an, sondern viel tiefer und grundsätzlicher: „Eine vernünftige, gerechte und zukunftsorientierte Gestaltung der Arbeitswelt (ist) das Fundament und auch die Lösung für fast alle anderen Herausforderungen. Wer gute, fair bezahlte, sichere Arbeit hat, der wird auch die Kraft haben, sich für Klimaschutz, Biodiversität, Tierwohl, arme Menschen, Geflüchtete und Bildung einzusetzen“; nicht zuletzt natürlich auch für Demokratie eintreten und damit den populistischen Parolen widerstehen können.

Die Frankfurter Investigativ-Journalistin und Autorin Anette Dowideit will mit dem Buch „Die Angezählten“ eine neue Debatte über den Arbeits- und Konsummarkt anstoßen. Sie setzt sich insbesondere für die Berufsbilder ein, die bisher als Gutverdiener und Angehörige der Mittelschicht gelten, und die durch den kapitalistischen, neoliberalen Arbeitsmarkt in prekäre Lebensbedingungen abzurutschen drohen. Die Autorin, die sich in ihren Beiträgen als Vertreterin und Befürworterin des Systems der sozialen Marktwirtschaft outet, stellt fest, dass die Prinzipien der „freien Marktwirtschaft“ durch unkontrollierte, ausbeuterische und menschenverachtende Praktiken ausgehöhlt werden. Es sind drei grundlegende Herausforderungen, die gesellschaftspolitisch zu lösen sind: Angemessene, gerechte Bezahlung und menschenwürdige Gestaltung der Arbeitsverhältnisse – Entwicklung von sozial verträglichen, nachhaltigen Alternativen für die durch Digitalisierung wegrationalisierten Arbeitsplätze – die neue Arbeitswelt der Gig- oder Share-Economy an die Grundsätze der sozialen Marktwirtschaft anpassen. Diese Zielsetzungen erscheinen erst einmal nicht als „revolutionärer Wurf“. Weil die Autorin aber in ihrem Buch „Ross und Reiter“ nennt, sich mit konkreten Lebensbedingungen, Befürchtungen, Ängste und Sorgen von Berufstätigen auseinandersetzt, die in ihren Tätigkeiten abzurutschen drohen, sich minderwertig oder gar ausgestoßen fühlen, ist ihre Studie revolutionär, also notwendig.

Aufbau und Inhalt

Ihre Einleitung in ihrem „Zwischenruf“ klingt wie ein Abzählreim: „Drei, zwei, eins – arm“. In den folgenden Kapiteln diskutiert sie im Sinne einer aktuellen, zukunftsweisenden Bestandsaufnahme die drohenden oder bereits eingetretenen Situationen auf dem Arbeitsmarkt: „Arbeit prekär – jetzt auch in der Mittelschicht“. Sie zeigt an Fallbeispielen auf, „welche Mittelschichtbranchen abstürzen“. Mit dem Schlagwort „Menschen mieten“ lässt Anette Dowideit einen freien Autor zu Wort kommen, der mehr schlecht als recht davon lebt, seine schreibende Arbeitskraft an Internetportale zu verkaufen,; und sie informiert über Praktiken, wie in der Gig Economy Selbstausbeutung funktioniert. Der Blick auf „das untere Ende des Arbeitsmarktes“, mit Lohndruck, Lohndumping, Mindestlohn, Doppeljob und Schwarzarbeit, lüftet Situationen über die „Daumenschrauben“ des Arbeitsmarktes. Im nächsten Kapitel geht es darum „was die Entwertung der Arbeit mit uns macht“, an Resignation, Burn-out, Depression. Mit dem Aufruf „Hallo Politik, bist du da?“ setzt sie sich mit verschiedenen arbeits- und marktpolitischen Konzepten auseinander, wie sie von den Parteien und Interessenverbänden vertreten werden; um schließlich im Schlusskapitel ihren Vorschlag „Soziales Sicherungssystem 4.0“ vorzustellen.

Ist der Strukturwandel ein „normaler“ Vorgang, wie er sich bei gesellschaftlichen Veränderungsprozessen immer vollzieht und Gewinner und Verlierer produziert, jedoch beim Ausbalancieren eine Weiterentwicklung und ein Wohl für die Mehrheit einer Gesellschaft schafft? Oder vollziehen sich die Entwicklungen hin zu Unsicherheiten, Frustrationen und Ohnmachten für viele Menschen auf der einen, und zu Vorteilen für wenige auf der anderen Seite? Die Autorin stimmt letzterem zu und belegt dies mit zahlreichen Beispielen aus ehemals angesehenen und anerkannten Branchen, wie dem Einzelhandel und den dort beschäftigten FachverkäuferInnen; oder den Ryanair-Piloten und Fachpersonal bei den (Billig-)Fluggesellschaften; ja sogar bei Lehrerinnen und Lehrern mit unsicheren, befristeten Beschäftigungsverhältnissen; bei der Polizei, Justiz, Bus- und Bahnpersonal, im Kranken- und Pflegedienst…

Es sind die neuen Dienste und Serviceleistungen, die von der Autorin als „Clickworker“ bezeichnet werden, wie etwa die (Pizza-)Fahrradkuriere, die Neben- und Gelegenheitsjobber, die ohne Vertrag angeheuerten Brief- und Paketausträger, die stundenweise mit Billiglohn, ohne Sozialversicherung beschäftigten (ukrainischen…) Bauarbeiter…, die neue Leibeigenschaften erzeugen. Wer und wie kontrolliert diese Auswüchse? Welche Alternativen gibt es? Da wäre etwa die Einführung des „bedingungslosen Grundeinkommens“, wie dies in verschiedenen Foren diskutiert und als mögliche Form einer gerechteren Verteilung des Volkseinkommens propagiert wird. Doch dies passt nicht in das Konzept der eher liberalpolitischen Positionen der Autorin. Sie nähert sich jedoch sozialdemokratischen Programmen an, wie sie sich mit der Tarifbindung und den gewerkschaftlich bezogenen Arbeitnehmerrechten darstellen.

Fazit

„Die Arbeit muss teurer werden!“ – damit sie als (Lebens-)Wert und nicht nur als Job anerkannt wird. Mit dem „Sozialen Sicherungssystem 4.0“ werden bei wirtschaftlichen und Konsumausgaben „Konsumsozialabgaben“ fällig, die den prekär gefährdeten Arbeitnehmern als Lohnaufstockung und Sozialversicherungsleistungen zu Gute kommen könnten. Freilich können diese „Gaben“, als Steuern ausgewiesen, nicht das Grundproblem lösen, dass unsere lokal und global wirkende soziale Ungerechtigkeit auf kapitalistischen Strukturen beruht und erzeugt wird. Die Veränderungen hin zu einem sozial- und demokratisch gerechten Arbeits- und Wirtschaftssystem aber wäre tatsächlich eine Revolution!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.08.2019 zu: Anette Dowideit: Die Angezählten. Wenn wir von unserer Arbeit nicht mehr leben können. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-593-51081-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25894.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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