socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jens Elberfeld: Anleitung zur Selbstregulation

Cover Jens Elberfeld: Anleitung zur Selbstregulation. Eine Wissensgeschichte der Therapeutisierung im 20. Jahrhundert. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. 600 Seiten. ISBN 978-3-593-51098-9. D: 58,00 EUR, A: 59,70 EUR, CH: 74,70 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Im Rahmen der wahrlich vielschichtigen Entwicklung des modernen ‚Selbst‘, der zunehmenden Individualisierung und des individuellen Selbst-Verständnisses, untersucht der Autor in seiner an der Bielefelder Universität, Fakultät für Geschichtswissenschaften, Philosophie und Theologie 2018 abgeschlossenen Dissertation inwieweit die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entfaltende Therapeutisierung hierzu beigetragen hat: „Damit gemeint ist die Ausbreitung, Diffusion und zunehmende Verwendung von im weitesten Sinn psychotherapeutischen Wissen und Praktiken in unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft, in Gestalt von Psychotherapie ebenso wie in Form von Beratung und Coaching“ (S. 12 f.). Er konzentriert sich dabei auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt BRD und wählt als ‚historische Sonde‘ die Familientherapie.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit verfolgt nach einer ausführlichen Einleitung in drei großen Schritten zunächst historisch die ‚Entwicklung der Psy-Disziplin im 19.und 20. Jahrhundert‘ (Teil I), und sodann die ‚Ausbildung des therapeutischen Feldes in den langen 1970er Jahren‘ (Teil II) in jeweils vier Kapiteln mit je 150 Seiten. Um im III. Teil in 5 Kapiteln (mit 230 Seiten) die ‚Familientherapie und die Therapeutisierung der Familie‘ in der BRD der 1960er bis 1990er darzustellen. Ein Fazit ‚Arbeit am Selbst in der Kontrollgesellschaft‘ (15. Kapitel, 30 Seiten) fasst das Ergebnis zusammen.

Unter den Schlagworten ‚Soma-Psyche-Soziales‘ analysiert er drei aufeinander folgende ‚Krankheitsmodelle der Psy-Disziplinen‘, die zunächst naturwissenschaftlich psychiatrisch-biologisch, dann psychoanalytisch orientiert sind, um zuletzt auf dem Boden der Systemtheorie die interaktiven Sozialbeziehungen als therapeutischen Bezugspunkt zu wählen. Damit verschiebt sich die ursprünglich krankhaft-pathologische Perspektive zu einem normal-alltäglichen Verständnis, in dem sich die dichotome Aufteilung ‚Krankheit-versus-Gesundheit‘ zu Gunsten eines graduellen Kontinuums auflöst, in dem die Familientherapie zuletzt, pragmatisch arbeitend, auch Aufgaben der Supervision, der Organisationsberatung und des Coachings der Gesunden übernehmen kann.

In diesem Sinne beginnt der I. Hauptteil mit einem kurzen Abriss der im 19. Jahrhundert einsetzenden Psychiatriegeschichte: Griesingers ‚Geisteskrankheit als Gehirnkrankheit‘ und Kraepelins auf Beobachtung basierendes Klassifikations-System, das bis heute in seinen Grundzügen die internationalen DSM- und ICD-Klassifikationen bestimmt. Das zweite, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierende freudianische Denkmodell kann auf der Basis einer auf das Individuum ausgerichteten Psycho-Therapie diese starren medizinischen Grenzen zwischen Krankheit und Gesundheit auflösen. Um nun in der dritten Phase, anfangs noch immer auf das Schizophrenie-Modell ausgerichtet die sozialen Bezüge in der kommunikativen Familien-Dynamik einzubringen: Fromm-Reichmanns ‚schizophrenogene Mutter‘ (1948) und Batesons mit der Palo-Alto-Gruppe entwickelte ‚Double-Bind‘-Konzept (1956). In einem ‚Exkurs‘ wird das diese Entwicklung inspirierende Kybernetik-Modell in seinen mechanistischen und vitalistischen Varianten dargestellt: Zirkuläre Kausalität im negativen und positiven Feed-back, sich selbst erhaltendes System, Selbst-Regulation, Homöostase und Autopoiesis. Verstärkt wird diese ‚Entpathologisierung‘ durch die auch bei uns in den 60er, 70ger Jahren an Bedeutung gewinnende Anerkennung der praktisch auf das Hier und Jetzt ausgerichteten Verhaltens-Therapie (DGVT 1976) und durch einen, eher vorübergehenden, Boom der auf Gesundheit statt Krankheit zielenden Humanistischen Gesprächstherapie (Rogers, Tausch).

Der zweite Hauptteil schildert, BRD bezogen, die Entwicklung und die Konflikte im ‚Therapeutischen Feld‘. Beginnend mit der Psychiatrie-Enquête in den 70ern, die eine lange verzögerte Öffnung hin zu einem ‚vielgestaltigen Versorgungssystem‘ einleitete, vorangetrieben von der Sozialpsychiatrie (Dörner, DGSP) und Antipsychiatrie (Laing, Basaglia) und beflügelt durch eine ‚Psychologen-Schwemme‘, die in heftiger Auseinandersetzung mit den medizinischen Vertretern (Delegations-Prinzip) 1967 einen ersten Zugang zur Krankenkassen-Finanzierung erreichte, die seit 2018 auch die Systemische Therapie, nicht jedoch die Gesprächs-Therapie umfasst. Sie übernehmen im Zuge des Ausbaus des ‚Sozialstaats‘ Aufgaben der Beratung – Telephonberatung, Ehe-, Sexual-, Erziehungs- und Familien-Beratung bis hin zu Richters Bemühungen um eine ‚Unterschicht‘-Beratung (Eulenkopf-Projekt), und prägen/verdrängen die wachsende Gruppe der Sozialarbeit (Professionalisierung und Fachhochschul-Ausbildung). Um in den 80ern unter Mithilfe feministischer Bestrebungen sowie eines neuartigen ‚Alternativen Milieus‘ mit ihren Selbst-Hilfe und Selbst-Erfahrungsgruppen als ‚Geburtshelfer eines grauen Marktes‘ die auf ‚Normale‘ zielenden therapeutischen Techniken mitsamt ihrem Psycho-Wissen endgültig gesellschaftlich zu etablieren.

Der dritte Hauptteil befasst sich mit dem eigentlichen Thema des Buches, mit der Entwicklung und Ausgestaltung der Familien-Therapie, ‚die an der Herausbildung des sozialen Modells federführend beteiligt‘ war (S. 116), wobei der Autor diese in den bisher dargelegten Rahmen einordnet. Von den frühen US-amerikanischen Wurzeln der 20ger Jahre – Mental Health, Child-guidance-Kliniken – bis zu deren Rezeption in den 60er,70er Jahren, die mit dem ‚Mailänder Modell‘ (Palazzoli, Wazlawick) seit 1971 aktiv wurde. Anfänge, die, durch diverse Institutionalisierungen geprägt, in heftigen (Deutungs-)Richtungs-Kämpfen den stärker psychoanalytisch ausgerichteten Gießener Ansatz (Richter) letztendlich durch die kybernetisch eingefärbte Heidelberger Schule (Stierlin) verdrängen können. In dieser Auseinandersetzung ging es sowohl um die ‚Wissenschaftlichkeit‘ wie um die Eroberung neuer Praxisfelder. In einer folgenden ‚konstruktivistischen Wende‘ unterstrich man nunmehr die familiäre Kommunikations-Störung als „rational erklärbare Reaktion auf eine paradoxe Beziehungskonstellation, die sich nur graduell von dem vermeintlich Normalen unterschied und prinzipiell >heilbar< war.“ (S. 479). Bei ihr betone der Therapeut die vorhandenen Ressourcen statt der Defizite sowie die Fähigkeiten der Beteiligten. Eine Basis für die Ausweitung des Therapie-Feldes im allgemeinen Beratungs-Wesen.

Eine familientherapeutische Entwicklung, die sich zunächst in den Funktionswandel der Familie in der Nachkriegszeit von der patriarchalen Familie hin zur Partnerschaft einpasst und deren Funktion in der Sozialisation der Kinder aufnimmt, um schließlich in der Paar-Therapie und Ehe-Beratung ein Modell zu finden, das sich auch auf die neuen, lukrativeren Aufgaben der Supervision, Organisations-Beratung und des Coachings ‚Normaler‘ übertragen ließ.

Sein ‚Fazit: Arbeiten am Selbst in der Kontrollgesellschaft‘ fasst die bisherige Analyse mitsamt den offen gebliebenen Forschungsfragen zusammen, um sie abschließend kurz als Teil des allgemeinen Wandels von der Disziplinar- zur Kontroll-Gesellschaft à la Deleuze zu interpretieren.

Diskussion

Der Autor setzt in seiner ‚Wissensgeschichte der Therapeutisierung im 20. Jahrhundert‘ sowohl diachron, also historisch im Zeitablauf, wie synchron – Akteure, Konflikte und Institutionen – die richtigen Akzente, wobei er die drei ‚Krankheits‘-Modelle, deren Wandel von der Krankheits- zur Gesundheits-Perspektive und deren gesellschaftliche Veralltäglichung im Psy-Wissen wie in der therapeutischen Praxis überzeugend herausarbeitet. Er verknüpft seine Analyse, gelegentlich etwas kursorisch, gut mit der allgemeinen Entwicklung in der BRD – Wohlfahrtsstaat, Wandel der Familien-Funktion, Individualisierung – und streift immer wieder die Risiken einer allzu pragmatisch ausgerichteten Therapie-Praxis: grauer Markt und gouvernementale Kontroll-Gesellschaft. Seine etwas ausufernde Behandlung der Kybernetik ist wohl den Bemühungen um eine ‚wissenschaftliche‘ Begründung der ‚systemischen Therapie‘ geschuldet. Sie vernachlässigt damit den Einfluss anderer Einflüsse, wie etwa den der Gruppendynamik oder des symbolischen Interaktionismus. Wie sie überhaupt das sowohl theoretische wie praktische, synkretistische Fortwirken post-analytischer und humanistischer Therapie-Ansätze zumindest im engeren Rahmen der Familien-Therapie eher etwas stiefmütterlich behandelt.

Fazit

Der Autor zeigt, wie sich die lange Geschichte therapeutischer Ansätze allmählich von der Behandlung Kranker hin zur Beratung ‚Normaler‘ verschiebt, von der medizinischen Psychiatrie über die psychoanalytische Praxis bis hin zur systemischen Familientherapie und zum ‚selbst-regulatorischen‘, Coaching; wie sich diese Entwicklung in die gesellschaftliche Wirklichkeit der BRD in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einordnen lässt; und wie dieses therapeutischen Psi-Wissen nach und nach den Commonsense prägen kann. Am Beispiel der Familien-Therapie schildert er den Einfluss der Professionellen, insbesondere der Psychologen, deren institutionell verankerte Auseinandersetzungen und die Chance einer wissenschaftlich kybernetischen Begründung.

Ein insgesamt erfreulicher Wurf, der, gut gegliedert und leicht lesbar, freilich seines Umfanges (und fehlenden Indexes) wegen, den interessierten Leser gelegentlich überfordern mag, weshalb dieser auf sein gut zusammenfassendes ‚Fazit‘ bzw. auf einzelne, in sich relativ geschlossene Kapitel zurückgreifen kann.


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
E-Mail Mailformular


Alle 66 Rezensionen von Stephan Quensel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 23.02.2021 zu: Jens Elberfeld: Anleitung zur Selbstregulation. Eine Wissensgeschichte der Therapeutisierung im 20. Jahrhundert. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-593-51098-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25896.php, Datum des Zugriffs 06.03.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht