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Julia Ganterer: Körper­modifikationen und leibliche Erfahrungen

Cover Julia Ganterer: Körpermodifikationen und leibliche Erfahrungen in der Adoleszenz. Eine feministisch-phänomenologisch orientierte Studie zu Inter-Subjektivierungsprozessen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 346 Seiten. ISBN 978-3-8474-2165-8. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.

Schriftenreihe der ÖFEB-Sektion Sozialpädagogik - Band 3.
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Thema

In der vorliegenden Dissertation beleuchtet Julia Ganterer die Thematik Leib und Inter-Subjektivität junger Heranwachsender unter sozialpädagogischen, leibphänomenologischen und geschlechterkritischen Aspekten. Dabei untersucht sie anhand von Interviews, in welchem Zusammenhang die Körpergestaltungen, Geschlechterkonstruktionen und Inter- Subjektivierungsprozesse von Heranwachsenden stehen und zeichnet nach, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse in Körperpraktiken einschreiben.

Autorin

Dr. Julia Ganterer ist Lektorin an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in Österreich.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einer Einführung in sechs Oberkapitel mit weiteren Unterkapiteln differenzierter Länge gegliedert.

In der „Einführung“ wird betont, dass die Autorin den Zusammenhang zwischen leiblichen Erfahrungen und gestalteten Körpern von Heranwachsenden untersuchen möchte, um herausarbeiten zu können, wie diese auf Inter- Subjektivierungsprozesse wirken. Der Leib drücke sich durch modifizierte Körper aus und damit werde das eigene Sein so verändert, dass es zu Fremdheit kommen könne.

Abschnitt II „Theoretischer Bezugsrahmen“ beginnt mit einem ersten Kapitel „Leib – Körper – Diskurs“ und ist der Begriffsbestimmung vorbehalten. So sei der Körper ein Werkzeug des Leibes, um sich zeigen und mit der Welt kommunizieren zu können. Dennoch gehe die Betrachtung vom Leib aus, weil wir durch ihn Welt-Dinge erführen. Körpermodifikationen würden durch die Körperfläche, an der eine Modifikation stattfinde, für andere gesehen und gleichzeitig durch die Blicke der Anderen sichtbar.

Kapitel zwei widmet sich „Körpermodifikationen und Körperpraktiken“. Unter einer Körpermodifikation versteht Ganterer eine dauerhafte oder semipermanente Veränderung am menschlichen Körper, die freiwillig durchgeführt werde und nicht gesundheitlich notwendig sei. Modifizierte Körper artikulierten ihr Verhältnis zur Welt, indem sie ihr eigenes Körperbild zum Ausdruck(sfeld) brächten.

Mit „Ein-Blick: Schönheit und Ästhetik der Erfahrung“ ist das folgende Kapitel überschrieben. Schönheit sei gestaltbar und doch sei dieser Begriff nicht etwas klar Definierbares, sondern er sei von gesellschaftlichen Bildern und Epochen beeinflusst.

Im Kapitel vier wendet sich die Autorin dem „Feministisch-phänomenologischer Geschlechterdiskurs“ zu. Es sei der Leib, an dem Geschlecht und Schönheit empfunden und gefühlt werde, so wie der Körper Geschlecht und Schönheit habe (S. 100).

Teil III „Forschungsdesign“ wird mit „Methodologische Vorüberlegungen“ eingeleitet. Es folgen die Erhebungs- und Auswertungsmethode, die Auswahl des Samples und Ausführungen zu der angewandten Methode der episodischen Interviews.

Im Teil IV „Darstellung der Ergebnisse“ folgt ein Fallverzeichnis von 14 interviewten Heranwachsenden, die im Durchschnitt 19 bis 23 Jahre alt sind, deren Lebensweg und Körpermodifikationen kurz vorgestellt werden.

„Klangmuster des Leibes“ werden im Teil V behandelt. Es wird zunächst untersucht, wie Bindungsbeziehungen für Heranwachsende mit der Gestaltung des eigenen Körpers im Zusammenhang stehen. In den folgenden Ausführungen werden je zwei Personen, die den Fallvignetten zuzuordnen sind, spezifisch betrachtet. Beispielsweise kann Kleidung und Mode als zweite Haut Schutz beim Übergang in das Erwachsensein bieten (S. 167). Oder durch Schminke, Tattoos, Piercings etc. erfahre ich meinen Leib, der ich bin und erlebe meinen Körper, den ich habe. Ein anderes Beispiel sind die Haarfärbung oder Haarlänge, die von jungen Heranwachsenden als Strategie der Bewältigung ihrer Krisen und Brüche genutzt würden.

Im Teil VI „Klangvariationen auf der Ebene fallübergreifender Ergebnisse“ werden verschiedene Klangvariationen herausgearbeitet, wobei hier zur Verallgemeinerung auf alle 14 interviewten Adoleszente zurückgegriffen wird. Das erste Muster sind Bindungserfahrungen, die durch Körperpraktiken zum Ausdruck gebracht werden (S. 291 ff). Der sichtbare Körper gewinnt erst durch die Blicke der Anderen an Gewicht und wird als zweites Klangmuster identifiziert. Im dritten fungiert die Körpergestaltung als Antwort auf das Spiegelbild. Als weiteres Klangmuster werden die Haare genannt, die den Erfahrungen junger Menschen eine Stimme geben würden und die Inter- Subjektivierung symbolisierten. Das vorletzte Muster wird beschrieben, indem die Körpermodifikation eine Form der Geschlechtlichkeit bzw. deren Dichotomie dokumentiere. Und schließlich das letzte Klangmuster wird von Ganterer als Form der Konfliktbearbeitung und Bewältigungsstrategie beschrieben.

Fazit

Eine Dissertationsschrift zu veröffentlichen impliziert in der Regel eine Sprache und eine wissenschaftliche Tiefgründigkeit, die von anderen Publikationen abweicht und keine breite Leserschaft anspricht. Das ist auch hier der Fall, wobei das Thema dennoch viele Leser interessieren dürfte, denn die Andersartigkeit, die durch Körpermodifikationen durch junge Heranwachsende hervorgerufen wird, wird mit unverständlichen Blicken bewertet bzw. als anormal beurteilt. Insofern lohnt sich ein Blick in diese Lektüre durchaus. Etwas störend wirkt der oftmals falsche Gebrauch von „das“ oder „dass“.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 14.10.2019 zu: Julia Ganterer: Körpermodifikationen und leibliche Erfahrungen in der Adoleszenz. Eine feministisch-phänomenologisch orientierte Studie zu Inter-Subjektivierungsprozessen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-8474-2165-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25898.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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