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Johanna Neuhauser, Johanna Sittel u.a.: Arbeit und Geschlecht im Wandel

Cover Johanna Neuhauser, Johanna Sittel, Nico Weinmann, Anais López, Alma Espino u.a.: Arbeit und Geschlecht im Wandel. Impulse aus Lateinamerika. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. 240 Seiten. ISBN 978-3-593-51022-4. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Alma Espino, Brigida Garcia, Rocio Guadarrama, Elizabeth Jelin, Anaís López, Renata Macedo, Johanna Neuhauser, Heleieth Saffioti, Lucia Saldaña, Johanna Sittel, Elisabeth Souza-Lobo, Nico Weinmann.
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Thema

In ihrer Einleitung gehen die Herausgeber_innen Johanna Neuhauser, Johanna Sittel und Nico Weinmann davon aus, dass sich „ungleiche Arbeits- und Geschlechterverhältnisse … wechselseitig bedingen“ (S. 9). Sie beschreiben eine Zunahme von „atypischer“ Beschäftigung und damit einhergehender besonderer Benachteiligung von Frauen in den Ländern des „Globalen Nordens“. In aktuellen sozialwissenschaftlichen Debatten um den Strukturwandel der Arbeitswelt „wird weitgehend außer Acht gelassen, dass es sich bei heterogenen Arbeitsmärkten mit einem hohen Anteil marginalisierter, prekärer oder informeller Beschäftigung oder auch bei dem Arm-trotz-Arbeit-Phänomen um Strukturmerkmale handelt, die in Arbeitswelten des Globalen Südens seit langem den Normalfall darstellen“ (S. 9). Hier wollen die Herausgeber_innen mit dem Sammelband und ihren Analysen anknüpfen, indem sie „aus den Befunden lateinamerikanischer Wissenschaftlerinnen zum Verhältnis von Arbeits- und Geschlechterverhältnissen auf dem Subkontinent auch Erkenntnisse für hiesige Debatten … generieren“ (S. 10).

Herausgeber_innen

Johanna Neuhauser ist Soziologin und arbeitet als Post-Doc am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. Johanna Sittel ist Soziologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Nico Weinmann ist Politikwissenschaftler und Germanist, er arbeitet als Lehrer am Goethegymnasium in Kassel.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Sammelbandes ist gemäß den drei historischen Epochen, wie sie von den Herausgeber_innen in der Einleitung kurz erläutert werden, strukturiert:

  1. „Krise der Importsubstituierenden Industrialisierung“
  2. „Neoliberalismus und Flexibilisierung der Arbeitsmärkte“
  3. „Schaffensperiode und Erbe der (Mitte-)Links-Regierungen“ (S. 5 f.).

Jeder Abschnitt beginnt mit einem Beitrag der Herausgeber_innen, dem jeweils drei Beiträge lateinamerikanischer Wissenschaftlerinnen folgen. Zunächst geben die Herausgeber_innen einen kurzen Überblick über arbeitssoziologische Theorien sowie soziale und politische Entwicklungen in lateinamerikanischen Ländern der jeweiligen Epoche, um vorab die Anliegen der drei folgenden historischen Beiträge der lateinamerikanischen Autorinnen vorzustellen und in die historischen und aktuellen Debatten einzuordnen.

I. Krise der Importsubstituierenden Industrialisierung

Die Herausgeber_innen gehen in ihrem Beitrag: „Frühes Plädoyer für eine relationale Analyse von Arbeit und Geschlecht“ davon aus, dass sich in den 1960er und -70er Jahren die entwicklungstheoretischen Debatten im „Globalen Süden“ an den Entwicklungen im „Globalen Norden“ orientiert haben. Demnach sei den Ländern des „Globalen Südens“ eine zunehmende „Verallgemeinerung industrieller Lohnarbeit“ prognostiziert worden (S. 21). Ferner hätte die Importsubstituierende Industrialisierung (ISI) nicht nur zu einer Ausweitung der Lohnarbeit geführt sondern auch der, der „Überlebensökonomie“ sowie zu einer geschlechtsspezifischen Ausdifferenzierung des Arbeitsmarktes, worin Frauen überwiegend in Bereichen mit niedriger Entlohnung tätig wurden (vgl. S. 22). In diesem Kontext richtete die arbeitssoziologische Geschlechterforschung in Lateinamerika einen Fokus auf das wachsende Ausmaß und die soziale Lage bezahlter Hausarbeiterinnen in Haushalten der oberen und mittleren Schichten (vgl. S. 23).

Die Herausgeber_innen stellen den Beitrag der argentinischen Soziologin Elizabeth Jelin „Frauen auf dem urbanen Arbeitsmarkt“ (von 1978) als einen „Grundlagentext“ vor, der „sowohl die Benachteiligung von Frauen im Reproduktionszusammenhang als auch im Arbeitsmarktgeschehen des städtischen Zusammenlebens in Lateinamerika der 1970er Jahre aufzeigt“ (S. 25). Jelin fordert darin aufgrund einer differenzierten Analyse der besonderen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen in Entwicklungsländern (aber auch global) eine umfangreiche quantitative und qualitative Erhebung zu allen für die Gesellschaft wichtigen Tätigkeiten (vgl. S. 37 f.), um so u.a. die besonderen Lagen von Frauen im Kontext der sich verändernden Bedingungen sowohl in privaten Haushalten als auch in den Produktionssphären sichtbar machen zu können. Wichtig ist ihr in diesem Kontext auch eine „Rekonzeptionalisierung der Kategorien >Arbeit< und >Nicht-Arbeit<“ (S. 49).

Bei dem Beitrag der brasilianischen Soziologin Heleieth Saffioti:„Bezahlte Haushaltsarbeit im Kapitalismus“ handelt es sich um Auszüge aus ihrem Buch: „Haushaltsarbeit und Kapitalismus“ von 1979, in dem sich (so die Herausgeber_innen) die Autorin auf „das marxistische Konzept der >industriellen Reservearmee<“ stützt. Saffioti verdeutlichte bereits vor über 40 Jahren, dass das Phänomen der bezahlten Hausarbeit – was im deutschsprachigen Raum zur Jahrtausendwende unter dem Stichwort „Rückkehr der Dienstmädchen“ diskutiert wurde (S. 26) – der kapitalistischen Entwicklung immanent ist und wie sie zur Reproduktion von Geschlechterverhältnissen beiträgt. „Es ist richtig, dass im peripheren Kapitalismus die Befreiung eines bestimmten Kontingents von Frauen von der Hausarbeit stattfindet, allerdings auf Kosten anderer Frauen, nämlich den Hausangestellten“ (S. 67).

Der brasilianischen Soziologin Elisabeth Souza-Lobo geht es in ihrem Beitrag (einer Auswahl aus ihrem Buch von 1991): „Die zwei Geschlechter der Arbeit“ darum, „aus einer feministischen Perspektive zu rekonstruieren wie sich das Verhältnis zwischen Frauen und dem Arbeitsmarkt, dem Kapital, den Aufgaben, Löhnen und Qualifikationen darstellt“ (S. 71). Aufgrund einer Analyse (vor allem auch empirischer) lateinamerikanischer Studien kommt sie zu dem Schluss, dass Produktions- und Reproduktionsverhältnisse „vergeschlechtlicht und asymmetrisch“ sind (S. 85). Es reiche nicht aus nur die ökonomischen Strukturen zu analysieren, sondern auch historische Traditionen und „symbolische Repräsentationen“ müssten berücksichtigt werden (vgl. S. 86). Während Frauen in der industriellen Produktion oftmals gar nicht in Fabriken sondern in Heimarbeit tätig sind, wobei sie Privathaushalt und Erwerbstätigkeit vereinbaren könnten, aber von möglichen gewerkschaftlichen Zusammenschlüssen relativ ausgeschlossen sind, zeigte sich in mehreren lateinamerikanischen Ländern, dass auch Hausfrauen über Möglichkeiten der Mobilisierung in der Nachbarschaft verfügen, um „Machtverhältnisse in der Familie“ umzustrukturieren (S. 86).

II. Neoliberalismus und Flexibilisierung der Arbeitsmärkte

In: „Pionierstudien zur Feminisierung von Arbeit und Prekariat“ fassen die Herausgeber_innen die Entwicklungen in vielen lateinamerikanischen Ländern seit den 1980er Jahren dahingehend zusammen, dass es aufgrund von „Staatsverschuldung“, „Hyperinflation“ und zunehmender „Arbeitslosigkeit“ zu einem „Bruch mit dem Modell der Importsubstituierenden Industrialisierung“ gekommen sei. Der Druck vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank habe zu „neoliberalen Umstrukturierungen“ geführt, wobei u.a. die „Möglichkeiten von Subsistenzarbeit“ abnahmen und niedrig qualifizierte Erwerbsarbeitsplätze, (z.B. in den maquiladoras in Mexiko, wo importierte Halbfertigprodukte für den Export zusammengesetzt werden) für Frauen entstanden seien (vgl. S. 94). Die folgenden „drei Beiträge beleuchten die Widersprüche und Fallstricke der Feminisierung des Arbeitsmarktes während des Neoliberalismus und veranschaulichen diese anhand empirischer Daten“ (S. 95).

So analysiert die mexikanische Soziologin Brigida Carcia in ihrem Beitrag: „Neoliberale Restrukturierung und die Feminisierung des Arbeitsmarktes in Mexiko“ (aus dem Jahr 2000) u.a. wie durch die wirtschaftlichen Umstrukturierungen flexible, billige Arbeitskräfte – insbesondere Frauen – nachgefragt wurden bei gleichzeitiger Verschiebung ehemals staatlicher Daseinsfürsorge in die Privathaushalte. Dies ging aufgrund der bestehenden geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in Mexiko zusätzlich zu Lasten von Frauen, wobei sich zudem die allgemeine Senkung des Lebensstandards für Frauen verschärfend ausgewirkt habe, was einen größeren Aufwand im Haushalt nach sich zog. Carcia kommt zu dem Schluss, dass es aufgrund der höheren Erwerbsbeteiligung für Frauen mit höherem Bildungsgrad zu verstärkten Autonomiebestrebungen gegenüber ihren Ehemännern gekommen sei, während es für Frauen, die in prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig waren, kaum Verbesserungen gegeben hätte (vgl. S. 125 f.).

Die mexikanische Soziologin Rocio Guadarrama legt in ihrem Beitrag: „Narrative prekäre Arbeiter_innen: Die Kleidungsproduktion in Costa Rica“ den Fokus auf weibliche Beschäftigte in der maquila-Textilindustrie im zentralen Hochland von Costa Rica. In den Jahren 2001 bis 2002 (als bereits viele maquila-Werke der Textilindustrie dabei waren abzuwandern) führte sie 13 qualitative (biografische) Interviews mit Arbeiterinnen durch, die in „Anbetracht der fast gänzlichen Inexistenz von Gewerkschaften“ sozialen Netzwerken und Organisationen angehörten (S. 132 f.). Zudem ist den befragten Frauen gemeinsam, dass sie aus von Armut geprägten Familien kommen, eine niedrige Schulbildung aufweisen und aus rein ökonomischen Gründen ihre Erwerbstätigkeit aufgenommen haben. Zwar habe sich rückblickend die soziale und finanzielle Situation der Frauen (gegenüber ihren Herkunftsfamilien) durch die Erwerbstätigkeit verbessert und sie hätten aufgrund der Teilnahme an verschiedenen politischen (wenn auch in den Auswirkungen begrenzten sporadischen) Aktionen in den Fabriken an Selbstbewusstsein gewonnen, dennoch hätten sich die Geschlechterverhältnisse in den Familien kaum verändert. Zudem seien die befragten Frauen angesichts der Krise des Textilsektors wenig optimistisch in Bezug auf ihre Zukunft (vgl. S. 147 f.).

Der Beitrag: „Arbeitsbedingungen, Arbeitsverhältnisse und Geschlechterungleichheiten im neoliberalen Chile: Der Fall des Agrarexportsektors“ der chilenischen Soziologin Lucia Saldaña basiert auf Ergebnissen ihrer ethnographischen Studie im Rahmen ihrer Doktorarbeit von 2009. Mit einer Liberalisierung der Landwirtschaft „und einer politisch forcierten Expansion der Exportorientierung“ (S. 155) entstanden insbesondere im Obstanbau saisonale Arbeitsplätze im Rahmen unterschiedlicher Arbeitsbedingungen in Bezug auf Vertragsdauer, Arbeitszeiten, „Bezahlsystem und wechselnden Arbeitgeber_innen“ (S. 169). Kinderbetreuung und andere Hausarbeit obliege besonders im ländlichen Raum von Chile den Frauen. Da Arbeitgeber_innen in der Regel den gesetzlichen Vorgaben eine Kinderbetreuung bereitzustellen nicht nachkämen, wie Saldaña im Rahmen ihrer teilnehmenden Beobachtung als Saisonarbeiterin feststellen konnte (vgl. S. 164), die schwere körperliche Arbeit zusätzlich zur Hausarbeit geleistet werden muss und es auf den Obstplantagen immer wieder zu starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen vor allem durch die Gefahr von Massenvergiftungen durch Pestizide und durch „unsachgemäße Verwendung von Agrarchemikalien“ käme, sind Frauen bei insgesamt prekären Arbeitsbedingungen und zudem unzureichender sozialer Sicherung (S. 162) besonders hart betroffen (vgl. S. 165). Eine fehlende „Arbeitsgesetzgebung, die Arbeiter_innenrechte schützen“ (S. 154) tragen zudem dazu bei, dass sich Frauen aus Angst um ihren Arbeitsplatz nicht gegen gesetzwidrige Arbeitsbedingungen wehren.

III. Schaffensperiode und Erbe der (Mitte-)Links-Regierungen

Die Herausgeber_innen fassen in: „Geschlechterpolitische Ambivalenzen der (Mitte-)Links-Regierungen“ die allgemeine politische Lage in Lateinamerika seit 1998 dahingehend zusammen, dass Regierungen gewählt wurden, die sich zum Ziel gesetzt hätten, Armut, soziale Ungleichheiten und Ausgrenzungen zu verringern (vgl. S. 175). „Im Zuge der Linksverschiebung erfuhr auch die Geschlechterfrage eine deutliche Politisierung“ (S. 175). Zudem wurden mit Cristina Kirchner in Argentinien, Dilma Rouseff in Brasilien und Michelle Bachelet in Chile Frauen zu Präsidentinnen gewählt (vgl. S. 175 f.). Die Herausgeber_ innen verweisen auf einige allgemeine Erfolge der politischen Regierungen. So fiel die relative Armutsrate in Lateinamerika von 43 % in 2002 auf ca. 30 % in 2016. Obwohl die Erwerbsbeteiligung von Frauen in „den letzten 15 Jahren“ deutlich gestiegen sei und die Lohndifferenz zwischen erwerbstätigen Männer und Frauen von 20,5 % in 2005 auf 14,5 % in 2015 gesunken ist, läge nicht nur die Erwerbsquote von Männern über der der Frauen, sondern der Anteil der „Männer mit einem Einkommen unterhalb Armutsgrenze“ sank um ein Drittel, der der Frauen nur um ein Fünftel (S. 178). Ferner wenden Frauen immer noch erheblich mehr Zeit für unbezahlte Arbeit auf als Männer (vgl. S. 177). Lateinamerikanische Feministinnen kritisierten in diesem Zusammenhang die Conditional Cash Transfers (CCTs), die Alma Espinos „eine Spielart der bedarfsgeprüften Sozialhilfe“ nennt (S. 191), die sich vor allem auf „Bildung von Kindern, der Bereitstellung medizinischer Grundversorgung oder der Schließung von Ernährungsengpässen“ zielten, da diese nicht zur Veränderung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung beitrügen, im Gegenteil, diese zusätzlich reproduzierten (S. 178).

Die Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin Alma Espinos aus Uruguay fragt in: „Geschlechterpolitiken in der Arbeitswelt: Ein Überblick über die Reformen der (Mitte-)Links-Regierungen“ nach Erfolgen der Regierungspolitiken in Bezug auf die sozialen Fragen und nach Strategien zur Überwindung von Geschlechterungleichheiten (S. 184). Espinos gibt einen Überblick über verschiedene Projekte in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Obwohl sie eine verstärkte Sensibilität der Regierungspolitiken im Bezug auf Geschlechterfragen konstatiert, hätte es nur selten Verbesserungen, wie z.B. bei der bezahlten Haushaltsarbeit in Form von rechtlichen Absicherungen, die sich an formeller Beschäftigung orientieren, gegeben. Ein Manko sieht Espinos in der oftmals fehlenden Evaluierung der Programme und in einer fehlenden Politik, was den Bereich der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im Privathaushalt angeht und somit die Erwerbsbeteiligung von Frauen behindere (vgl. S. 201).

Die brasilianische Anthropologin Renata Macedo zeigt in ihrem Beitrag: „Sozialer Aufstieg durch bezahlte Haushaltsarbeit in Brasilien? Ein Sektor im Wandel“ historische Veränderungen in Bezug auf Ansehen und Arbeitsbedingungen von Haushaltsarbeiterinnen in Brasilien seit der portugiesischen Kolonialisierung auf. Haushaltsarbeit hat in Brasilien eine lange Tradition und stelle auch heute noch eine wichtige Möglichkeit für Frauen dar, den Lebensunterhalt zu verdienen. 2016 sind „17,7 Prozent der schwarzen Frauen auf dem Arbeitsmarkt Hausangestellte, während nur 10 Prozent der weißen Frauen in diesem Sektor tätig sind“ (S. 217). Macedo zeigt ambivalente Haltungen in den Medien und Sozialwissenschaften zu Möglichkeiten und Grenzen der in Privathaushalten arbeitenden Frauen. Einerseits habe es einige Arbeitsrechtliche Verbesserungen gegeben, die sich an anderen Berufszweigen orientieren, wie z.B. eine Begrenzung der wöchentlichen Arbeitszeit (vgl. S. 207) und insbesondere einen Mindestlohn, der es den Haushaltsarbeiterinnen ermöglicht Konsumgüter zu erwerben. „Auf der anderen Seite machten sich starke strukturelle Beschränkungen bemerkbar, die die tiefe soziale Ungleichheit in Brasilien reproduzieren“ (S. 217). Macedo führt dies an Hand der Ergebnisse einer qualitativen Studie, in der sie im Zeitraum von 2010 bis 2012 28 Haushaltsarbeiterinnen befragte, vor.

Die Soziologin Anaís López aus Venezuela zeigt in ihrem Beitrag „Arbeits- und Geschlechterverhältnisse in Venezuela: Eine Bilanz des bolivarischen Umbruchs“, inwieweit es der derzeitigen Regierung in der Krise, trotz verfassungsrechtlicher Fortschritte, seit 1999 (unter Hugo Chavez) gelingt, staatliche Förderprogramme in der Praxis so zu gestalten, dass geschlechtsspezifische Ungleichheiten reproduziert werden. López zitiert z.B. Artikel 88 der venezolanischen Verfassung, wonach Hausarbeit als Mehrwert schaffend gesehen und Hausfrauen ein „Recht auf Sozialversicherung“ zugestanden wird (S. 226). Um dieses Recht in die Praxis umzusetzen, wurden Programme aufgelegt, die zwar finanzielle Transferleistungen beinhalteten, die aber so gering bemessen waren, dass sie „an der sozialen Lage der Hausfrauen“ kaum etwas verändert hätten (S. 227). Zwar seien ab 2006 „Initiativen zur Steigerung der Mitbestimmung“ in Form von kommunalen Räten, vorangetrieben worden, die sich aber auf Problembewältigungen in Bezug auf Hygiene, Freizeit u.ä. beschränkten und überwiegend von Frauen durchgeführt worden seien (S. 235). López gelangt u.a. zu dem Fazit: „Die politisch forcierte Stilisierung der Frau zur Mutter oder zur gemeindienlichen Betreiberin staatlicher Politik stellt eine wirksame Form dar, Frauen in Abhängigkeit zu halten, da sich diese für sie häufig weniger als externer Zwang darstellt, sondern eher als die >natürliche Berufung< einer jeden Frau“ (S. 237).

Die Herausgeber_innen ziehen im Wesentlichen drei Lehren aus den lateinamerikanischen Beiträgen:

  1. So böten die „>post-neoliberalen< Politiken in Lateinamerika“ Anregungen für alternative politische Ansätze zur Lösung sozialer Problem in neoliberal organisierten Gesellschaften des „Globalen Nordens“.
  2. Eine differenzierte Analyse der lateinamerikanischen Reformen, z.B. der CCTs, die bereits in anderen Ländern zum Tragen kämen, könnte dazu beitragen, Fehler zu verhindern.
  3. „Drittens zeigen die … feministisch inspirierten Beiträge auf, dass trotz der Erfolge in der Armutsreduzierung und der partiellen Minimierung von Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen in der Arbeitswelt, Bemühungen zur Steigerung der Geschlechtergerechtigkeit so lange nur oberflächliche Effekte haben werden, wie keine tiefgreifenden Maßnahmen zur Überwindung struktureller Ungleichheiten am Arbeitsmarkt, insbesondere mit Blick auf Verschränkung von Klassen- und Geschlechterungleichheit, ergriffen werden“ (S. 181).

Diskussion

Besonders hervorzuheben ist, dass die Herausgeber_innen mit dem vorliegenden Sammelband die genannten aktuellen und historischen Beiträge aus Lateinamerika, die z.T. von den HerausgeberInnen, z.T. von anderen aus dem Englischen, Portugiesischen und Spanischen übersetzt worden sind, deutschsprachigen Leser_innen zur Verfügung gestellt haben. Deutlich wird dabei, dass es sich immer lohnt, wissenschaftliche und politische Debatten weltweit zu berücksichtigen, wenn z.B. die Brasilianerin Souza-Lobo die Möglichkeiten und Gefahren herausarbeitet, die Heimarbeit für Frauen mit sich bringt, die so besser Familien- und Erwerbsarbeit vereinen können, aber darin zugleich die Gefahr der Reproduktion der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung liegt (vgl. S. 86). Ferner geht sie auf einen wichtigen Aspekt ein, der in der aktuellen Debatte z.B. um Home-Office in Deutschland vernachlässigt wird, die Frage nach den Möglichkeiten der gewerkschaftlichen Organisation.

Auch inhaltlich kann ich den Herausgeber_innen uneingeschränkt zustimmen, wenn sie tiefgreifende „Maßnahmen zur Überwindung struktureller Ungleichheiten am Arbeitsmarkt, insbesondere mit Blick auf Verschränkung von Klassen- und Geschlechterungleichheit“ (S. 181) fordern. Unklar bleibt jedoch, wo diese Maßnahmen ansetzen sollen. Geht es darum, so legen die Analysen der lateinamerikanischen Forscherinnen nahe, Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen abzubauen, geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen in Erwerbsarbeit und Hausarbeit aufzuheben, existenzsichernde Mindestlöhne für alle einzuführen oder Projekte zur Überwindung der geschlechtsspezifischen Sozialisation in Schule und Elternhaus zu entwickeln? Wenn ja, auf welchen Wegen könnten diese Ziele erreicht werden? Ferner müsste es um globale Umsetzung der Ziele gehen, wenn z.B. Frauen aus anderen Ländern Haushalts- und Pflegearbeit in Deutschland übernehmen oder wenn sie als Saisonarbeiterinnen zur Obst- und Gemüseernte kommen, weil die Löhne so niedrig und die Arbeitsbedingungen so schlecht sind, dass in Deutschland nicht genug Beschäftigte dafür gefunden werden.

Einige Erfahrungen, die die Lateinamerikanerinnen insbesondere im dritten Abschnitt des Sammelbandes beschreiben, zeigen deutlich, wie wichtig es ist auch bei der Einführung von fortschrittlichen Gesetzen und Bestimmungen zur Erreichung von mehr Gendergerechtigkeit mit zu analysieren, wie diese so in die Praxis umgesetzt werden können, dass sie nicht zur weiteren Reproduktion von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung beitragen.

Die Herausgeber_innen gehen davon aus, dass die feministischen Analysen aus Lateinamerika im „Globalen Norden“ zu wenig Beachtung gefunden haben. Leider übersehen sie dabei solche international angelegten feministischen Projekte, wie z.B. die Reihe „Frauenbewegungen in der Welt. Band 2. >Dritte Welt<“ (herausgegeben von der Autonomen Frauenredaktion. Argument-Verlag Hamburg), worin Feministinnen u.a. aus Argentinien, Brasilien, Chile, Mexiko und Uruguay bereits 1989 (an Hand von ins Deutsche übersetzten Beiträgen) nach den Lehren aus den Frauenbewegungen gefragt wurden.

Dennoch regt der vorliegende Sammelband zur Weiterarbeit an weltweiten feministischen Lösungsstrategien an.

Fazit

Die drei Herausgeber_innen fragen nach den Wechselwirkungen zwischen ungleichen Arbeits- und Geschlechterverhältnissen. An Hand von neun (für den Sammelband übersetzten) Beiträgen lateinamerikanischer feministischer Sozialwissenschaftlerinnen und den einleitenden Kommentaren der Herausgeber_innen wird deutlich, dass viele soziale Probleme, die aktuell im „Globalen Norden“ diskutiert werden, wie z.B. die Feminisierung der Erwerbsarbeit, die Rückkehr der Dienstmädchenfrage, die Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen, die mit den neoliberalen Politiken einhergehende Reproduktion geschlechtsspezifischer Arbeitsteilungen, bereits seit Jahrzehnten in Ländern Lateinamerikas diskutiert werden. Wissenschaftliche Analysen und Debatten, die im „Globalen Norden“ wenig Beachtung fanden. Sie verdeutlichen (die Perspektive auf Rasse, Klasse und Geschlecht sowie den Ansatz der Intersektionalität vorwegnehmend), dass Strategien zur Ablösung des Neoliberalismus selbst dann noch Risiken der Reproduktion ungleicher Geschlechterverhältnisse bergen, wenn sie für einzelne Gruppen leichte Verbesserungen bringen, wie z.B. eine Minimierung von materieller Armut.


Rezension von
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbaraketelhut@aol.com
Homepage www.hs-hannover.de
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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 03.06.2020 zu: Johanna Neuhauser, Johanna Sittel, Nico Weinmann, Anais López, Alma Espino u.a.: Arbeit und Geschlecht im Wandel. Impulse aus Lateinamerika. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-593-51022-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25902.php, Datum des Zugriffs 01.10.2020.


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