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Frithjof Nungesser: Die Sozialität des Handelns

Cover Frithjof Nungesser: Die Sozialität des Handelns. Eine Aktualisierung der pragmatistischen Sozialtheorie. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. 600 Seiten. ISBN 978-3-593-51128-3. D: 45,00 EUR, A: 46,60 EUR, CH: 57,90 sFr.

Reihe: Theorie und Gesellschaft - 83.
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Der Sozialstaat – Ziel und Perspektive

Der anthrôpos, das mit Vernunft begabte, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigte und zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähige Lebewesen, kann nur existieren, wenn es sozialkompetent ist. Der Mensch ist ein soziales Individuum. Im philosophischen, anthropologischen, ethischen Diskurs wird deshalb postuliert, dass der Mensch grundsätzlich danach strebt, für sich und die Menschheit die Bedingungen für gutes, gelingendes Leben zu schaffen. Asoziales Denken und Handeln hingegen wird bestimmt von Egoismus, Absonderung und Isolation. Es ist die Aufforderung, mit den Fragen – „Wer bin ich?“, und „Wie bin ich geworden, was ich bin?“ – den Sinn des eigenen und insgesamt menschlichen Lebens auf der Erde zu erkunden (Michael Tomasello: Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27385.php). In der systematischen, praktischen Philosophie und Politik kommt der Sozialisation, als früh beginnender und lebenslang andauernder Bildungs-, Aufklärungs- und Erziehungsprozess eine hohe Bedeutung zu. Es ist die Theorie des Pragmatismus, die sich in vielfältiger Weise ausdifferenziert (siehe z.B.: Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, 2011,www.socialnet.de/rezensionen/12425.php; sowie: Julian Nida-Rümelin, Philosophie einer humanen Bildung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14556.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Weil „menschliches Handeln auf Sozialität hin ausgerichtet ist, in Sozialität Selbstreflexivität erlangt, durch Sozialität Struktur gewinnt und von Sozialität abhängig bleibt“, bedarf es eines eingehenden, differenzierten Nachdenkens und Analysierens über die Konstitutionen und Wirkungen des (klassischen) pragmatischen Denkens und Handelns. Es wird nämlich deutlich, dass „die Sozialität des Handelns und die durch sie entstehenden Verhaltenskompetenzen ( ) ‚Segen und Fluch‘ zugleich (sind)“. Die sich daraus entwickelnde Auffassung, „dass alles mit allem zusammenhängt“ bedarf der theoretischen und praktischen Analyse, dass pragmatisches Bewusstsein „Evolution, Handeln und kulturelle Entwicklung in nicht-reduktionistischer, innovativer und empirisch haltbarer Weise (miteinander, JS) verknüpft“. Der soziologischen, interdisziplinären Herausforderung stellt sich der an der Universität in Graz lehrende Soziologe Frithjof Nungesser mit der (Habilitations-?) Schrift „Die Sozialität des Handelns“. Ziel der Studie ist, eine Aktualisierung der pragmatischen Sozialtheorie vorzunehmen. Der Autor entwickelt dazu ein „relationales und prozessuales Modell“, mit dem die beiden wesentlichen, sozialwissenschaftlichen Diskussionsanlässe und Theorien – Individualismus und Pragmatismus – bedacht, zusammengebracht und weiterentwickelt werden können.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der Nungesser die Extra- und Isoliersituationen des „Findel“ -/„Wolfs-Kindes“ als Beispiele für radikale Asozialität oder Desozialisation diskutiert, die Grundlagen für Innovation und Anpassung im sozialen Miteinander thematisiert, die verschiedenen volatilen Entwicklungsverläufe im theoretischen und praktischen, kognitionswissenschaftlichen und interdisziplinären, globalen Diskurs reflektiert, und auf die Bedeutung und Inwertsetzung der Empirie verweist, gliedert der Autor seine Studie in drei Kapitel. Im ersten geht es um „Kontextualisierung“. Es werden lebensweltliche und kulturelle Bedeutungszusammenhänge hergestellt, mit Reflexionen über die naturgeschichtlichen und evolutionären, und die politischen und (inter-)kulturellen Entwicklungen.

Das zweite Kapitel wird mit „Rekonstruktion“ getitelt: „Der Pragmatismus begreift Sozialität als sozial vermittelt“. Hier kommen die Väter des Pragmatismus ins Spiel: John Dewey, George Herbert Mead. Bildlich gesprochen wird aus dem Reflexionsbogen von Reiz-Reaktions-Schemata der „organic circuit“, der Kreis des „aktiven, situativen Handlungsprozesses“. Der soziale Mensch ist eingebunden in die natürliche und humane Umwelt. Es ist das „Habit“-Konzept, das ihm „das rhythmische Wechselspiel von Reflexion und Gewohnheit ermöglicht“; und zwar möglichst als aktives Denken und Tun und den Fähigkeiten zum Perspektivenwechsel. Damit dies möglich, versteh- und handhabbar wird, helfen die Reflexionen und Rückgriffe auf die Deweyschen und Meadschen Konzepte und Beispiele.

Die Analysen der zu Rate gezogenen pragmatischen Konzepte und Theorien eröffnen gleichzeitig neue Fragen und Imponderabilien. Mit „Aktualisierung“ werden diese im dritten Kapitel thematisiert. Daraus entsteht eine „pragmatische Sozialtheorie im Lichte lebenswissenschaftlicher Befunde“. Es sind Überlegungen und Zuordnungen, mit denen eine Ausweitung und Stabilisierung des pragmatischen Denkens und Handelns interdisziplinär auf die lebensweltlichen Bereiche der Evolutionstheorie, Primatologie, Linguistik, Entwicklungs- und Kulturpsychologie vollzogen wird. Wir sind bei human-, ontogenetisch- und interkulturell-spezifischen Aneignungsprozessen, die sich aus dem wissenschaftlichen, klassischen, pragmatischen Diskurs ableiten, aber auch durch die erkennbaren und vorfindbaren Lücken und Ungereimtheiten verändern und weiterentwickeln lassen.

Diskussion

Im philosophischen, anthropologischen, lebensweltlichen Diskurs wird immer wieder die Kontroverse thematisiert, ob „pragma“, die Sache, der Gegenstand und der Sachverhalt (griechisch: πρᾶγμα, lateinisch: res) miteinander im Ein- oder Missklang stehen. Beim Nachdenken über die „Wahrheit“ hat bereits Aristoteles darauf hingewiesen, dass das, was ausgesprochen und behauptet wird, nicht immer der Sache angemessen ist (K. Corcilius, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 486f). Es ist die Praxis (πρᾶξις, R.Elm, a.a.o., S. 487ff), die Handlung und Tätigkeit, die erstrebte, gewollte wie schädliche Wirklichkeiten schafft. Diese pragmatischen Zugänge und Fundsachen aus dem historischen und aktuellen Diskurs bieten die Chance, weiter zu denken!

Fazit

Frithjof Nunesser legt eine interessante, umfassende Studie zur „Sozialität des Handelns“ vor. Die Feststellung – „Das menschliche Individuum kann nur dadurch ein (humanes, JS) Verhältnis zu sich selbst gewinnen, dass es (gleichberechtigter, JS) Teil eines Gruppenzusammenhangs ist, in dessen Rahmen es vor vielfältige Handlungsherausforderungen gestellt wird“ – kann als Paradigma pragmatischen Denkens und Tuns verstanden werden. Sie verbindet sich mit dem Bewusstsein, dass sich Menschsein in der Balance von Beständigkeit und Wandel vollzieht!

Die Studie bietet Diskussionsstoff für das wissenschaftliche, fachspezifische und interdisziplinäre Studium.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.08.2021 zu: Frithjof Nungesser: Die Sozialität des Handelns. Eine Aktualisierung der pragmatistischen Sozialtheorie. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-593-51128-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25904.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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